Als Margot Feist Ende 1949 den aus Moskau zurückkehrenden FDJ-Sekretär Erich Honecker traf, war sie 15 Jahre jünger, ehrgeizig, gewandt und voller Energie. Aus dieser Begegnung wurde rasch eine Verbindung, die weit über das Private hinausging – sie verband zwei Menschen, die Macht nicht nur wollten, sondern sie verstanden.
Zu diesem Zeitpunkt war Honecker noch mit der klugen, kämpferischen Edith Baumann verheiratet. Baumann erkannte früh die Gefahr, die von der charmanten jungen Funktionärin ausging, und wandte sich in einem letzten Versuch an Walter Ulbricht, Honeckers Mentor. Ihr Brief – ein kluger Schachzug, Margot Feist aus der FDJ-Arbeit entfernen zu lassen – wurde abgewiesen. Jahre später fand er sich in Mielkes berüchtigtem „Rotem Koffer“ wieder – ein Stück intimer Machtgeschichte.
Margot Feist hatte gewonnen. Bald hieß sie Margot Honecker – und wurde zur wohl einflussreichsten Frau der DDR. Seit 1963 Ministerin für Volksbildung, regierte sie den Schulalltag mit eiserner Hand. Doch ihr Einfluss reichte weiter: sie war Erich Honeckers engste Vertraute – und seine größte Herausforderung.
In der Wandlitzer Siedlung lebte sie abgeschirmt vom Alltag der DDR-Bevölkerung, in einer Welt, in der Südfrüchte selbstverständlich waren und Brötchen aus Wandlitz in den Urlaub geflogen wurden. Ihr Fahrer berichtete, sie habe nie eine Kaufhalle betreten. Wenn sie Schlangen vor Fleischereien sah, schimpfte sie nicht auf das System, sondern auf den Handel.
Doch hinter der Fassade des Politbüros war ihre Ehe längst brüchig. Der BND wusste 1981, was die Stasi längst registriert hatte: Margot führte ein Doppelleben. Mit Perücke und zivilem Wagen traf sie sich mit „Freunden“. Honecker wusste es, nahm es hin – vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht aus alter Liebe.
Die beiden schrieben sich Briefe, die wie kleine politische Duelle klangen: „Werter Staatsratsvorsitzender“, begann Margot, um dann trocken hinzuzufügen: „…wie ich Ihnen schon wiederholt mitgeteilt habe, aber Sie offensichtlich nicht begriffen haben.“ Es war eine Ehe zwischen zwei Staatswesen, nicht zwischen zwei Menschen.
Und doch: Als Erich Honecker 1989 stürzte und krank in Lobetal Zuflucht fand, war Margot an seiner Seite. In dieser Stunde der Ohnmacht fanden sie noch einmal zueinander. 1993 folgte sie ihm nach Chile, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte – trotzig, unverändert überzeugt.
Vielleicht war das die letzte Konstante ihres Lebens: die Loyalität zum Mann, den sie einst verführte – und mit dem sie ein Land prägte.