Feldheim: Das Dorf, das die Energiewende lebt und die Welt inspiriert

Feldheim, ein scheinbar gewöhnliches Dorf in Brandenburg, ist weit mehr als das – es ist ein Leuchtturmprojekt der Energiewende, das schon vor über zehn Jahren realisiert wurde und bis heute funktioniert. Was hier geschah, ist keine ferne Utopie mehr, sondern gelebte Realität, in der sich Bürger, Kommune und lokale Unternehmen zusammengeschlossen haben, um ihre eigene Energieversorgung aufzubauen.

Die Anfänge: Windkraft als Keimzelle einer Vision Die Geschichte begann im Herbst 1993, kurz nach der Wende, als der damals noch fast studentische Michael Raschemann von Energiequelle in einer Gemeindevertretersitzung seine Idee vorstellte: Windenergieanlagen in Feldheim zu bauen. Die Stimmung im Dorf war frustrierend, es fehlten die Mittel, um den Ort zu verbessern. Doch die Feldheimer erkannten eine Chance. Trotz anfänglicher Skepsis und der Diskussion über Vor- und Nachteile gab man Raschemann die Möglichkeit, die ersten Windräder aufzustellen, auch weil sie über 1000 Meter vom Ort entfernt lagen. Dies war der Beginn einer über 20-jährigen Zusammenarbeit, die auf Zeit und Vertrauen basierte. Man schlug politisch und wirtschaftlich den richtigen Weg ein, ohne es damals richtig zu wissen.

Vom Wind zur Vollversorgung: Ein intelligentes Netz entsteht Der Startschuss fiel mit der Windkraft. Doch die Vision reichte weiter. Als die lokale Landwirtschaft vor Schwierigkeiten stand, entstand die Idee, in Biogas zu investieren. Ursprünglich sollte damit eine Sauenanlage mit Wärme versorgt werden, da die Ölkosten zu hoch waren. In enger Abstimmung mit der Agrargenossenschaft wurde eine Biogasanlage gebaut. Bald darauf fragten Anwohner nach einem Wärmeanschluss, was dazu führte, dass ein umfassendes Wärmenetz für das gesamte Dorf realisiert wurde – gleichzeitig mit der Verlegung von Stromleitungen.

Heute verfügt Feldheim über ein eigenes Strom- und Wärmenetz. Die Energieversorgung ist intelligent und robust aufgestellt:

• Windkraft ist die primäre Quelle.

• Solaranlagen ergänzen das Portfolio.

• Die Biogasanlage speist bei Windstille oder Wartungsarbeiten im Windpark Strom ins Netz ein, ist aber aufgrund höherer Kosten nur dann aktiv. Sie dient auch als Hauptenergiequelle für die Wärmeversorgung.

• Ein Stromspeicher (seit 2015) sorgt für zusätzliche Versorgungssicherheit bei unzureichendem Wind oder kann Feldheim bei einem Netzausfall für eine gewisse Zeit versorgen.

• Für die Wärmeversorgung ergänzen eine Hackschnitzelheizung und ein Power-to-Heat-System (Booster) die Biogasanlage. Dies sichert die Versorgung auch bei dauerhafter Kälte oder Ausfall der Biogasanlage und ermöglicht die Umwandlung von Windstrom in Wärme.

Dieses Zusammenspiel verschiedener Energiequellen gewährleistet eine hohe Versorgungssicherheit. Seit 2009 hatte Feldheim keinen einzigen Tag ohne Wärmeversorgung. Das Dorf kann sich weitgehend selbst versorgen, ohne fossile Energien nutzen zu müssen.

Bürgerbeteiligung als Erfolgsmodell Ein zentraler Pfeiler des Erfolgs ist die intensive Bürgerbeteiligung und das geschaffene Vertrauen. Die Feldheimer wurden von Anfang an mitgenommen. Die „Feldheim Energie“ ist eine Gesellschaft, die wie ein Gemeindewerk funktioniert. Die Bewohner sind sowohl Kunden als auch Miteigentümer und können die Entscheidungen beeinflussen. Dieses Modell ermöglicht es den Bürgern, direkt von den niedrigen Preisen und der Versorgungssicherheit zu profitieren.

Die Windmühlen um Feldheim produzieren jährlich etwa 200 Millionen Kilowattstunden, wovon das Dorf nur 0,5 Prozent benötigt. Die Wärmekilowattstunde wurde mit 7,5 Cent kalkuliert, während der Strompreis über 10 Cent günstiger angeboten und für 10 Jahre festgeschrieben werden konnte. Dies sichert nicht nur die Zukunft, sondern macht das Leben bezahlbar.

Nachhaltige Entwicklung und internationale Aufmerksamkeit Die Vorteile der Energiewende in Feldheim gehen weit über die Energieversorgung hinaus. Im Jahr 2016 wurde eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, um Gelder aus den Energieprojekten legal und nachhaltig der Gemeinde zukommen zu lassen, insbesondere den Vereinen und Strukturen, die das gesellschaftliche Leben prägen. Dadurch wurden Infrastrukturprojekte wie neue Straßenbeleuchtung, Gehwegbau, Unterstützung für Vereine, eine Umgehungsstraße, Fenster im Dorfgemeinschaftshaus und ein beleuchteter Fußballplatz realisiert. Dies hat dazu geführt, dass junge Leute wieder ins Dorf ziehen und das Dorfleben aufblüht.

Feldheim ist zu einem internationalen Vorbild geworden. Das Interesse ist ungebrochen; vor Corona besuchten bis zu 3.000 Menschen jährlich aus aller Welt das Dorf, darunter Präsidenten und Regierungsvertreter. Selbst die Frau des ehemaligen japanischen Premierministers Abe besuchte Feldheim, um die Energiewende kennenzulernen, und ein japanischer Schauspieler turnte in der Maissilage, um die Ungefährlichkeit erneuerbarer Energien zu demonstrieren.

Eine Botschaft für Deutschland und die Welt Feldheim zeigt, dass die Energiewende machbar ist, wenn man das Machbare als Ziel setzt und gemeinsam mit den Menschen vor Ort arbeitet, anstatt mit der Brechstange vorzugehen. Es ist ein Beweis dafür, dass Akzeptanz für große Energieprojekte entsteht, wenn die lokale Bevölkerung über unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten am Erfolg teilhaben kann.

Die hier produzierten großen Energiemengen werden in Ballungsräumen, Gewerbe und Industrie benötigt. Deutschland, einst Exportweltmeister bei Automobilen, hat die Chance, das Thema Energie zu einem neuen Exportschlager zu machen. Feldheim gibt Politikern Rückenwind, sich den schwierigen Diskussionen zu stellen und zu zeigen: „Lasst uns doch mal Feldheim besuchen.“

Feldheim ist stolz auf das Erreichte und blickt optimistisch in die Zukunft. Es ist der Beweis, dass man die Herausforderungen der Energiewende meistern und die Technologien erfolgreich umsetzen kann, indem man informiert, aufklärt und die Bevölkerung einbezieht, anstatt über deren Köpfe hinweg zu bauen. Für die Bewohner von Feldheim ist es die eigene Zukunft.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl