Schabowskis Wende-Protokoll

Hanns Joachim Friedrichs befragt Günter Schabowski im Jahr 1990, wie er das Ende des Politbüros und der DDR erlebte.

Günter Schabowski war einer der Mächtigen, ein langjähriges Mitglied des SED-Politbüros und das Gesicht der wohl berühmtesten Pressekonferenz der deutschen Geschichte. Schonungslos und beklemmend – so zeichnet Günther Schabowski, einst mächtiges SED-Politbüromitglied und Medienverantwortlicher, in seinen späteren Reflexionen das Bild einer DDR-Führung, die realitätsfern dem eigenen Untergang entgegentaumelte.

Die DDR im Herbst 1989: Ein Land im Umbruch, dessen Führung jedoch lange Zeit die Augen vor der Realität verschloss. Schabowskis Schilderungen zeichnen das Bild eines Politbüros, das in starren Ritualen gefangen war und den Kontakt zur Bevölkerung längst verloren hatte.

Das Politbüro: Ein Elfenbeinturm der Macht
Jeden Dienstag um 10 Uhr trat das Politbüro zusammen, an einem hufeisenförmigen Tisch, an dessen Stirnseite Erich Honecker thronte und die Beratungen kontrollierte. Eine feste Sitzordnung, eine ruhige, beherrschte Atmosphäre – Hitzigkeiten waren verpönt. Doch hinter der Fassade der Ordnung verbarg sich ein System der Vorabgenehmigungen. Alle Vorlagen, so Schabowski, waren bereits mit Honecker besprochen und von ihm abgesegnet. Lebhafte Debatten? Fehlanzeige. Jeder wusste, dass die Entscheidungen im Grunde schon gefallen waren.

Noch bemerkenswerter: Außerhalb dieser Sitzungen gab es kaum Kontakt zwischen den Mitgliedern. Keine familiären Treffen, keine privaten Besuche. Schabowski vermutet dahinter eine Mischung aus Altersunterschieden, unterschiedlichen Eintrittszeitpunkten und festen Zuständigkeiten. Aber auch die über Jahre geschaffenen „Pfründe“ und die Angst vor „Fraktionsbildung“ spielten eine Rolle. Die Ausrichtung galt allein dem „Mann an der Spitze“. Die Wochenenden verbrachten viele Politbüromitglieder abgeschottet auf weitläufigen Anwesen in Wandlitz – eine selbstgewählte Isolation, die sie noch weiter von der Lebenswirklichkeit der normalen Bürger entfernte.

Wahlbetrug und Realitätsverdrängung
Ein Schlüsselmoment, der die Kluft zwischen Führung und Volk offenbarte, waren die Kommunalwahlen im Mai 1989. Die Ergebnisse, offenkundig manipuliert, sorgten für „sehr viel böses Blut“. Im Politbüro hingegen herrschte laut Schabowski „Realitätsverdrängung“. Man feierte das „überwältigende Bekenntnis“ zum Sozialismus. Schabowski selbst bezeichnete die Manipulation später als „schauerliche Sache“ und war entsetzt über die „ganz primitiven“ Zahlenfälschungen. Doch die eigentliche Farce, so seine Analyse, lag im gesamten undemokratischen Wahlverfahren selbst.

Die Krise spitzt sich zu – Hilflosigkeit an der Spitze
Als ab August 1989 immer mehr DDR-Bürger über die Botschaften in Prag, Budapest und Ost-Berlin ihre Ausreise erzwangen, wurde die „Labilität der Verhältnisse“ für jeden sichtbar – außer vielleicht für die Führungsriege selbst. Schabowski beschreibt eine Art „Hilflosigkeit“ im Politbüro. Man wollte das schlechte internationale Ansehen vermeiden, konnte es aber nicht mehr. Die Brisanz der Entwicklung, so Schabowski, habe das Politbüro „gar nicht begriffen“. Die Illusion, es entstehe kein substanzieller Schaden für die DDR, sondern nur für ihr Ansehen, hielt sich hartnäckig. Niemand sei auf die Idee gekommen, dass die DDR „auseinanderbersten könnte“. Das Tempo der Veränderung überraschte sie vollkommen.

Der Anfang vom Ende: Honeckers Sturz
Erst am 5. September 1989 kam es zur ersten offenen Debatte, als Genosse Krolikowski aussprach, was viele dachten: „Kinder, wir können doch nicht mehr… wir müssen uns doch anders Volk wenden“. Schabowski selbst forderte konkrete Schritte: eine Auseinandersetzung mit dem Exodus, neue gesellschaftliche Möglichkeiten für die Bürger, Reisefreiheit und Wirtschaftsreformen. Doch die Debatte wurde vertagt – ein „weiterer gravierender Fehler“.

Der Plan zur Absetzung Honeckers reifte erst nach dem 8. Oktober. Egon Krenz, offenbar zutiefst getroffen von Honeckers menschenverachtenden Äußerungen über die Flüchtlinge, die er als ‚asozial‘ bezeichnet haben soll, entwarf daraufhin eine Erklärung, die einer unmissverständlichen Kampfansage gleichkam. Trotz Honeckers Widerstand wurde diese Erklärung, nach konspirativen Absprachen, durchgesetzt. Am 17. Oktober 1989 war es dann so weit: Willi Stoph stellte den Antrag zur Entbindung Honeckers sowie weiterer führender Köpfe von ihren Funktionen. Honecker nahm es mit „unbewegter Miene“ zur Kenntnis. Selbst engste Vertraute wie Günter Mittag stimmten zu – für Schabowski ein besonders „schämlicher“ Akt.

Der berühmte Zettel und die Grenzöffnung
Nach Honeckers Sturz stand die neue Führung unter Krenz unter massivem Druck. Die CSSR drohte, die Grenze zu schließen, und ein neuer Reisegesetzentwurf stieß auf massive Ablehnung in der Bevölkerung. Man entschied sich für einen „spektakulären Schritt“. Das Politbüro empfahl der Regierung eine Verordnung, die das Recht jedes Bürgers auf Reisen in jedes Land seiner Wahl sichern sollte.

Am Abend des 9. November 1989 erhielt Schabowski, als Pressesprecher des ZK, von Krenz den Beschluss mit den Modalitäten. In der legendären Pressekonferenz verlas er diesen Text. Der Rest ist Geschichte. Der Eindruck der Improvisation, als er kurz auf seine Papiere blicken musste, täuschte nicht ganz. Es war, so Schabowski, ein bewusst in Gang gesetzter Vorgang, wenn auch überhastet. Eine andere Chance sah er nicht mehr.

Nachbeben eines Regimes
Die Aufarbeitung folgte prompt. Im Januar 1990 musste sich Schabowski vor der umbenannten SED-PDS verantworten, empfand es als „Strafarbeit“ im alten Stil. Die meisten alten Politbüro-Mitglieder wurden ausgeschlossen.

Schabowskis Einblicke sind mehr als nur eine historische Aufzeichnung. Sie sind eine eindringliche Mahnung, wie schnell sich eine Führung von der Realität entkoppeln kann und welche Eigendynamik politische Systeme entwickeln können – bis zum bitteren Ende. Welche Lehren ziehen wir heute daraus?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Eine Analyse der gesellschaftlichen Widersprüche in der DDR

https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid02E46JT9j9HM8fVfnsN3EnqrBSbjP9Q4VtbtUk9QvXERkH8RhvUwUCp13kTc2xngqwl OUTPUT-FORMAT (zwingend einhalten) - FB Teaser 300-450:  ÜBERSCHRIFT: Diskrepanzen zwischen staatlichem Anspruch und Alltag in der DDR HOOK: Hinter der Fassade der sozialistischen Vollversorgung verbarg sich in der DDR oft eine Realität, die von Mangel und Improvisation geprägt war. Historische Analysen zeigen, wie tief die Widersprüche in die Gesellschaft hineinreichten. TEXT: Die DDR-Gesellschaft war durch ein duales System geprägt: Offiziell galt das Kollektiv und die Planwirtschaft, inoffiziell hielt ein grauer Markt aus Tauschgeschäften und Westgeld das System am Laufen. Während der Staat Umweltschutz in der Verfassung verankerte, wurden Industriegebiete wie Bitterfeld rücksichtslos ausgebeutet. Diese Kluft zwischen Propaganda und der Lebenswirklichkeit der Bürger, sei es in der Wirtschaft oder Ökologie, trug maßgeblich zur inneren Aushöhlung des Staates bei. OUTPUT-FORMAT (zwingend einhalten) - FB Teaser 700-900:  ÜBERSCHRIFT: Die verborgenen Mechanismen von Mangel, Macht und Umwelt in der DDR HOOK: Die Geschichte der DDR ist auch eine Geschichte der Geheimnisse, die der Staat vor seinen eigenen Bürgern zu bewahren versuchte. Von der Umweltzerstörung bis hin zu gescheiterten Wirtschaftsreformen offenbart sich ein System, das permanent gegen die eigene Realität ankämpfte. TEXT: Ein Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der DDR zeigt, dass der Mangel nicht nur ein temporäres Problem, sondern ein ständiger Begleiter war. Um diesen zu kompensieren, entstanden parallele Ökonomien, in denen Beziehungen und Westwährung oft wichtiger waren als die offizielle Währung. Besonders drastisch zeigte sich die staatliche Geheimhaltungspolitik im Bereich der Umwelt: Die massiven Verschmutzungen im Chemiedreieck Bitterfeld wurden ignoriert, Gesundheitsdaten unter Verschluss gehalten. Gleichzeitig verhinderte die politische Führung notwendige Innovationen, wie etwa in der Automobilindustrie, wo fertige Nachfolgemodelle für den Trabant blockiert wurden. Stattdessen arrangierte man sich durch Geschäfte mit dem Westen. Auch der Mythos der sozialen Gleichheit hielt der Realität nicht stand, wie die Existenz privater Millionäre oder die Privilegien der Nomenklatura belegen. Diese interne Doppelmoral untergrub langfristig die Loyalität der Bevölkerung.