Ernte, Tradition und die Magie der Orte um den Spreewald

Ein leiser Windhauch streicht über das Wasser, das sich hier wie ein silberner Faden durch urwüchsige Auen schlängelt. Wer im Spreewald ankommt, lässt die Hektik der Stadt hinter sich: Das Gefälle von lediglich 15 Zentimetern pro Kilometer bremst nicht nur die Fließe, sondern schlägt auch dem Puls der Neuankömmlinge einen sanften Takt vor. Lautlos gleiten Holz­kähne vorbei, und über allem scheint die Zeit sich zu dehnen.

Wasser, das verbindet und nährt
Mit einer Gesamtlänge von über 1 500 Kilometern bildet das Netz aus Fließen und kleinen Kanälen das Rückgrat der Kulturlandschaft Spreewald. Hier leben nicht nur Einheimische, deren Wurzeln teils Jahrhunderte alt sind, sondern auch Menschen, die dem Wasser wegen hierherzogen – vom Stadtmenschen bis zum Kiwi, der auf stilles Gemüt umschult. Denn wer einmal erlebt hat, wie der Morgennebel wie ein zarter Schleier über der Oberfläche tanzt, versteht, dass jegliche Eile vergeblich ist.

Handwerk zwischen Tradition und Innovation
In Schlepzig reift der Roggen-Whisky „Stork Club“ heran: Die Spreewood Distillers setzen auf deutschen Roggen und verleihen ihren Fässern dadurch Aromen von Kokosnuss, Toffee und Kaffee. „Drei Jahre Geduld sind Pflicht“, sagt Mitbegründerin Jana Krause, „doch das entschleunigt uns mehr, als jeder Yoga-Kurs es könnte.“

Nur wenige Kilometer entfernt hält Franziska Ast in Raddusch eine andere Tradition lebendig: Ihre südamerikanischen Alpakas liefern Wolle, aus der sie ein eigenes Modelabel etablieren möchte. Die Tiere, seit jeher Begleiter durch karge Andenlandschaften, wecken hier das Bedürfnis nach Ursprünglichkeit. „Die Nähe zu den Alpakas lässt Menschen zur Ruhe kommen“, beobachtet Ast. Spaziergänge mit den Tieren haben sich bereits als therapeutisches Angebot für gestresste Großstädter bewährt.

Mühlenklang und Schleusengesang
In Sagritz mahlt die Kanow-Mühle seit dem 13. Jahrhundert – heute nicht mehr Getreide, sondern Öle aus Lein, Schwarzkümmel und Hanf. Leinöl, frisch gepresst, bleibt nur wenige Wochen haltbar. Ein Qualitätsmerkmal, das die Nachfrage hochhält.

An 53 historischen Schleusen, allen voran die Waldschlösschen-Schleuse in Burg, trifft man Alfred Gleich, den wohl einzigen Profi unter den Schleusen­singern. Mit seinem „Walzer vom Kahn“ und Geschichten von Teufelswerk im Spreewald – einer Legende, in der ein wütender Ochsen­karren das Auenlabyrinth formte – zieht er Besucher in seinen Bann.

Wandel und Bewahrung im UNESCO‑Biosphärenreservat
Seit 1991 zählt der Spreewald zum UNESCO‑Schutz. Doch Hochwasser, Versauerung und Verschlammung bedrohen das fragile Gleichgewicht. Forscher des Leibniz‑Instituts in Berlin messen regelmäßig Wasserqualität und Fischbestände: „Junge Fische deuten auf Erholung hin, aber die Sedimentation macht vielen Arten zu schaffen“, erklärt Gewässerökologin Dr. Martina Hofmann.

Gleichzeitig entstehen neue Naturoasen auf ehemaligen Bergbauflächen. Der Schlabendorfer See, seit Ende der 1990er Jahre eigentum der Heinz‑Sielmann‑Stiftung, ist ein Beispiel dafür, wie aktive Renaturierung Kohlewüsten in blühende Lebensräume verwandelt.

Von Mückenplagen und Monddämmerungen
Unter den Erlenwäldern, die Menschen vorzugsweise in Rabatten pflanzten, gehört Förster Lutz Balke zu den Hütern des Grüns. Seine größte Herausforderung sind nicht nur umgestürzte Bäume oder die Sorge um seltene Pilzarten, sondern auch die jährlichen Mückenplagen. „Die fressen einen förmlich auf“, scherzt er, während er die verschlungenen Wege freischneidet.

Wenn im Winter die Fließe zufrieren, erlebt der Spreewald eine fast gespenstische Stille. Dann gehören Eisangler, Schlittschuhläufer und Trachtenumzüge – wie der wendische Zapust – für kurze Zeit ganz den Dorfbewohnern.

Zwischen Tradition und Zukunft
Ob Trachtenumzug in Stradow oder die Ernte der Erlen­samen im Januar – im Spreewald schlägt das Herz einer lebendigen Kulturlandschaft, die ständig zwischen Bewahrung und Wandel oszilliert. Hier, zwischen Moos und Mühle, Fließ und Fastnacht, flüstert die Zeit ihre leisen Geschichten. Wer zuhört, versteht: Langsamkeit ist keine Rück­ständigkeit, sondern eine Kunst. Und der Spreewald ihr bedeutendster Lehrmeister.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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