Die Anfänge des Rechtsextremismus in der DDR

Die Rechtsradikalisierung in Ostdeutschland ist ein tief verwurzeltes Phänomen, das durch eine Vielzahl von gesellschaftlichen und politischen Faktoren geprägt ist. Schon in der DDR, trotz ihrer offiziell antifaschistischen Ideologie, gab es unterschwelligen Rassismus und Antisemitismus. Besonders gegenüber den Vertragsarbeitern aus sozialistischen Ländern wie Vietnam, Algerien oder Mosambik herrschte eine ablehnende Haltung, die durch Gerüchte über Privilegien und sexuellen Missbrauch genährt wurde. Der Staat selbst verharmloste rassistische Gewalt und stellte diese oft als unpolitisch dar, was dazu beitrug, dass das Thema in der Gesellschaft nicht angemessen thematisiert wurde.

Mit der Wiedervereinigung reisten westdeutsche Neonazis in die neuen Bundesländer, um dort ihre Szene auszubauen. Diese hatten den Vorteil einer besseren Organisation und nutzten das politische Vakuum im Osten. Insbesondere Neonazis wie Michael Kühnen profitierten von der fehlenden politischen Identifikation im Osten und nahmen die DDR als ethnisch reines Land wahr. Dies führte zu einem Wiederaufleben der rechtsextremen Bewegungen, die sich nach der Wende rasant verbreiteten. Die rassistischen Übergriffe auf Vertragsarbeiter und die Verbreitung der Parole „Ausländer raus“ setzten ein deutliches Zeichen.

In den 1990er Jahren gelang es rechtsextremen Parteien wie der DVU und der NPD, sich in Ostdeutschland zu etablieren. Diese Parteien profitierten von der Wut und den Ängsten vieler Bürger, die sich durch die Veränderungen nach der Wiedervereinigung überfordert fühlten. Die NPD veranstaltete Demonstrationen und zog 2004 sogar in den Landtag von Sachsen ein. Dennoch wurde das rechte Potenzial im Osten lange Zeit unterschätzt oder geleugnet, sodass es ungehindert wachsen konnte.

Der wahre Wendepunkt kam jedoch mit dem Aufstieg der AfD, die 2012 als eurokritische Partei gegründet wurde. Sie schaffte es, sich zunehmend nach rechts zu verschieben und profitierte von der Flüchtlingskrise 2015, als sie mit islamkritischen und rassistischen Parolen besonders in Ostdeutschland Fuß fasste. Durch diese Positionen gelang es der AfD, sich als Stimme des Volkes darzustellen, und sie konnte große Teile der Bevölkerung mobilisieren. Der rechte Flügel der AfD, unter der Führung von Björn Höcke, verschob den Fokus zunehmend von einer Europakritik hin zu einer verstärkten Betonung der Migrationsfrage und eines völkischen Nationalismus.

Parallel dazu wuchs die Unterstützung für Organisationen wie PEGIDA, die auf den Straßen eine breite Allianz rechter Gruppen zusammenschloss, darunter Mitglieder der NPD, der AfD, Hooligans und andere Kameradschaften. Diese Strömungen bedienten sich nicht nur rassistischer Rhetorik, sondern auch Verschwörungstheorien und einer zunehmenden Verherrlichung des russischen Präsidenten Putin. Auf den Demonstrationen wehten russische Fahnen, und die Nähe der AfD zu prorussischer Propaganda wurde deutlich.

Der Rechtsextremismus hat sich in Ostdeutschland so tief verankert, dass er nun auch die Regionalpolitik und die Jugendarbeit beeinflusst. Rechtsextreme Gruppen verstehen es, sich in alltägliche Lebenswelten zu integrieren und Feindbilder zu schaffen, die sich gegen Ausländer und Migranten richten. Die AfD profitiert von dieser Stimmung und hat es geschafft, große Teile der Bevölkerung zu mobilisieren, auch wenn sie in anderen Teilen Deutschlands als eindeutig rechtsextrem gilt. In Ostdeutschland ist die Situation besonders brisant, da hier das rechtsextreme Potenzial lange nicht ausreichend benannt wurde und eine massive Mobilisierung westdeutscher Rechtsextremer erfolgte.

Die Reaktionen der Bevölkerung sind gemischt. Während eine wachsende Zahl von Menschen im Osten aktiv gegen den Rechtsruck protestiert und eine „Brandmauer“ gegen rechts bildet, ist dieser Widerstand oft mit erheblichen Risiken verbunden. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus in Ostdeutschland erfordert nicht nur Mut, sondern auch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den historischen und sozialen Ursachen dieses Phänomens. Nur durch ein besseres Verständnis der Mechanismen des Rechtsextremismus und einer verstärkten zivilgesellschaftlichen Mobilisierung kann diesem Problem nachhaltig begegnet werden.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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