Alarmierende Zahlen: 58 Wolfsrudel in Brandenburg

Die steigende Zahl von Wolfsrudeln in Brandenburg sorgt zunehmend für Spannungen zwischen Landwirten, Schäfern, Jägern und Naturschützern. Derzeit leben laut offiziellen Zahlen 58 Wolfsrudel im Land, Tendenz weiter steigend. Für Tierhalter wie Schäfer Jens Kahrt ist die Situation längst eine existenzielle Bedrohung. Am sogenannten „Wolfshering“, einer Diskussionsveranstaltung mit Experten und Betroffenen, machte er seinem Ärger Luft: „Dieses Thema muss viel öffentlicher und breiter diskutiert werden. Wir müssen die Menschen mitnehmen – nicht nur die direkt Betroffenen, sondern alle.“ Für Kahrt ist klar, dass die aktuelle Entwicklung für viele Landwirte und Schäfer nicht mehr tragbar ist.

Die Diskussion in Prenzlau zeigte, dass Kahrt mit dieser Meinung nicht allein dasteht. Landwirte und Tierhalter, die täglich mit den Folgen der steigenden Wolfspopulation konfrontiert sind, fordern konkrete und vor allem schnelle Maßnahmen. Denn fast täglich kommt es in Brandenburg zu Angriffen auf Nutztiere. Besonders in Regionen wie der Uckermark, wo traditionell Schafhaltung zum Landschafts- und Deichschutz eine wichtige Rolle spielt, spitzt sich die Lage zu. „Viele Schäfer denken darüber nach, aufzuhören“, erklärte ein Teilnehmer und wies darauf hin, dass dies fatale Konsequenzen für die Landschaftspflege und den Naturschutz hätte.

Die Zahlen sprechen für sich: Nach wie vor befindet sich die Wolfspopulation im Aufwind, und ein sogenannter Kipppunkt – eine natürliche Begrenzung der Bestandszahlen – scheint noch nicht erreicht zu sein. Experten rechnen daher mit einem weiteren Anstieg. Der Dialog in Prenzlau, bei dem sich Schäfer, Landwirte, Jäger und Umweltschützer an einen Tisch setzten, sollte Lösungsvorschläge erarbeiten, die der neuen Landesregierung präsentiert werden sollen. Das Ergebnis ist ein 15-Punkte-Plan, der Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und zum Umgang mit problematischen Wölfen beinhaltet.

Zu den zentralen Vorschlägen gehört die Beschleunigung der Entschädigungszahlungen an Tierhalter, die durch Wolfsübergriffe geschädigt wurden. Bisher sind diese Prozesse oft langwierig und bürokratisch belastet. Der Plan sieht zudem eine Einmalzahlung von 500 Euro pro gerissenem Tier vor. Besonders kontrovers ist der Vorschlag, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Dies würde unter anderem den Abschuss einzelner Wölfe erleichtern, die wiederholt Nutztiere reißen. Eine weitere Maßnahme sieht die Einrichtung einer Arbeitsgruppe „Abschuss“ vor, die gezielt über problematische Fälle entscheiden soll.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) lehnt allerdings eine generelle Bejagung des Wolfs strikt ab. „Es hilft nicht wirklich, wenn man die Wölfe generell bejagt“, erklärte ein Sprecher des BUND. Stattdessen sei es sinnvoller, gezielt jene Wölfe zu verfolgen und zu entfernen, die wiederholt Probleme verursachen. Diese differenzierte Sichtweise spiegelt die Spannungsfelder zwischen Naturschutz und Landwirtschaft wider, die auch in der öffentlichen Diskussion oft aufeinandertreffen.

Für Jens Kahrt war der Abend dennoch ein Schritt in die richtige Richtung. Er zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf der Diskussion: „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man merkt, dass unsere Sorgen und Nöte bekannt sind und ernst genommen werden. Wir fühlen uns nicht allein gelassen.“ Besonders wichtig sei es gewesen, dass Landwirte, Jäger und Umweltschützer gemeinsam nach Lösungen suchten. Denn die Probleme rund um den Wolf betreffen nicht nur einzelne Gruppen, sondern die gesamte Gesellschaft.

Die neue Brandenburger Landesregierung hat signalisiert, das Thema Wolf mit höchster Priorität anzugehen. Geplant ist die Einrichtung einer Stabsstelle für Wildtiermanagement, die sich nicht nur mit dem Wolf, sondern auch mit anderen Wildtieren befassen soll. Der neue Staatssekretär im Brandenburger Landwirtschaftsministerium betonte, dass das Thema zur „Chefsache“ werde. Ziel sei es, eine langfristige Strategie zu entwickeln, wie Mensch und Wolf in Zukunft konfliktärmer zusammenleben können.

Die Diskussion um den Wolf bleibt jedoch schwierig. Während Naturschutzorganisationen die positiven Aspekte der Rückkehr des Wolfs betonen, stehen Landwirte und Tierhalter den Herausforderungen skeptisch gegenüber. Die Frage, wie der Schutz von Nutz- und Wildtieren mit den Belangen des Naturschutzes in Einklang gebracht werden kann, wird Brandenburg auch in den kommenden Jahren beschäftigen. Der 15-Punkte-Plan, der demnächst dem Landwirtschaftsministerium vorgelegt wird, ist ein erster Schritt in Richtung eines umfassenden und fairen Umgangs mit der Wolfsthematik.

Doch ob diese Vorschläge ausreichen, um die Ungeduld und Frustration der Schäfer zu besänftigen, bleibt abzuwarten. Für viele Landwirte, die bereits über das Ende ihrer Schafhaltung nachdenken, könnte es schon zu spät sein. Die Lösung des Konflikts zwischen Wolf und Mensch erfordert nicht nur pragmatische Maßnahmen, sondern auch eine breite gesellschaftliche Akzeptanz.

Die Biermann-Ausbürgerung und der Beginn des offenen Widerstands in Jena

1. Teaser Profil Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Es war jener graue Novemberabend, an dem die Tagesschau in Schwarz-Weiß flimmerte und eine Nachricht in die Wohnzimmer trug, die wie ein physischer Schlag wirkte. In einer Jenaer Privatwohnung saßen zwei Dutzend junge Menschen, umgeben von Zigarettenrauch und klirrenden Teegläsern, und starrten ungläubig auf den Bildschirm. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war nicht nur ein Verwaltungsakt gegen einen Liedermacher; sie war für diese Generation in der DDR das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Die Reaktion ließ in der Universitätsstadt nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, im „Klub der Intelligenz“, suchten viele nach Antworten. Der Saal war überfüllt mit jungen Gesichtern, die eigentlich wegen einer Lesung von Jurek Becker gekommen waren. Als dieser die Protestnote der Berliner Künstler verlas, brach sich das Unausgesprochene Bahn. Ein Raunen schwoll zu einer offenen Debatte an, die den Rahmen des Erlaubten sprengte. Doch der Geist war aus der Flasche. In der Evangelischen Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte gärte es weiter. Hier wurde nicht nur diskutiert, hier wurde gehandelt. Man schrieb den Offenen Brief der Künstler ab und sammelte Unterschriften. Die Antwort des Repressionsapparates folgte prompt und brutal in der Nacht zum 19. November. Doch statt Rückzug erzeugte die staatliche Härte eine Solidarisierungswelle, die quer durch die sozialen Schichten Jenas ging. 2. Teaser Seite Arne Petrich Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war für viele junge Menschen in Jena das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Im „Klub der Intelligenz“ eskalierte die Situation, als Jurek Becker statt nur aus seinen Büchern zu lesen, die politische Realität thematisierte. Die daraufhin einsetzende Repression der Stasi, verraten durch Spitzel in den eigenen Reihen, führte zu Verhaftungen in der Jungen Gemeinde. Doch das Kalkül der Macht ging nicht auf: Statt Angst herrschte plötzlich eine neue, praktische Solidarität. Matthias Domaschk und andere organisierten Hilfe, sammelten Geld und vernetzten sich über soziale Grenzen hinweg. Es entstand ein Riss zwischen Staat und Jugend, der sich bis 1989 nicht mehr schließen sollte. 3. Teaser Jenapolis Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich. Die Nachricht von der Ausbürgerung Wolf Biermanns löste in Jena eine Kettenreaktion aus, die vom „Klub der Intelligenz“ bis in die Junge Gemeinde reichte. Wo der Staat mit Härte und Verhaftungen reagierte, entstand unerwartet eine breite Solidaritätsbewegung. Historisch betrachtet markiert dieser November den Moment, in dem sich ein Riss auftat, der das Ende der DDR einläutete – der Beginn eines offenen Widerstands, der sich nicht mehr einschüchtern ließ.