Der Stasi-Klub BFC DYNAMO – Zwischen Erfolg und Vereinnahmung

Wir werfen mit unseren Gästen einen Blick auf den Fußball in der DDR, das System der Dynamo-Vereine und die Sonderstellung des BFC Dynamo und sprechen über die Fankultur des Vereins in den 1980er Jahren.

Gespräch mit:

Jutta Braun, Historikerin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
René Lau, BFC-Fan der frühen Stunde und inzwischen auch Rechtsanwalt des BFC Dynamo
Moderation: Dagrun Hintze, Fußballkolumnistin und Theaterautorin

Der Berliner Fußballclub Dynamo (BFC Dynamo), gegründet 1966, war der Vorzeigeklub der DDR und galt als das Symbol der engen Verflechtung von Sport und Politik im sozialistischen Staat. Unter dem Schutz und der Förderung des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi), insbesondere durch den damaligen Stasi-Chef Erich Mielke, wurde der BFC Dynamo in den 1970er und 1980er Jahren zum erfolgreichsten Fußballverein der DDR. Mielke, ein glühender Fußballfan, sah in dem Verein ein Instrument der politischen Propaganda und der Kontrolle.

Der BFC Dynamo dominierte die DDR-Oberliga, die höchste Spielklasse im DDR-Fußball, von 1979 bis 1988 und gewann zehn Mal in Folge die Meisterschaft. Dieser Erfolg war nicht nur das Ergebnis sportlicher Leistung, sondern auch eines Systems, das dem Verein erhebliche Vorteile verschaffte. Dazu gehörten gezielte Spielermanipulationen, bei denen talentierte Spieler aus anderen Vereinen zum BFC transferiert wurden, oft gegen ihren Willen. Der Verein konnte zudem auf erstklassige Trainingsbedingungen und die besten Talente des Landes zurückgreifen.

Dieser unfaire Vorteil führte dazu, dass der BFC Dynamo bei vielen Fußballfans in der DDR äußerst unbeliebt war. Der Klub wurde häufig als „Stasi-Klub“ oder „Schiebermeister“ bezeichnet, und Spiele des BFC wurden von heftigen Anfeindungen und Beschimpfungen begleitet. Der Klub galt als Inbegriff des ungerechten Systems, das die DDR durchzog, und viele sahen in ihm eine Verkörperung der staatlichen Unterdrückung und Manipulation.

Auch Schiedsrichterentscheidungen zugunsten des BFC Dynamo sorgten immer wieder für Kontroversen. Es gibt zahlreiche Berichte und Anekdoten über manipulierte Spiele, bei denen Schiedsrichter offenbar unter Druck gesetzt wurden, Entscheidungen zugunsten des BFC zu fällen. Diese Vorgänge trugen weiter zur negativen Wahrnehmung des Vereins bei und festigten seinen Ruf als „Stasi-Klub“.

Nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 verlor der BFC Dynamo seine privilegierte Stellung und geriet schnell in sportliche und finanzielle Schwierigkeiten. Ohne die Unterstützung durch die Stasi und den Staat konnte der Verein nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. Der BFC stieg in den Amateurbereich ab und kämpft seitdem um seinen Platz im deutschen Fußball.

Heute ist der BFC Dynamo vor allem ein Stück deutscher Fußballgeschichte und ein Mahnmal für die Verstrickung von Sport und Politik in der DDR. Die Geschichte des Klubs verdeutlicht, wie Sport im Ostblock für politische Zwecke instrumentalisiert wurde und welche Schattenseiten der Erfolg unter einem solchen System mit sich brachte.

33.000 Freigekaufte: Die Bilanz des deutsch-deutschen Häftlingshandels

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn sich die Tore des Gefängnisses auf dem Kaßberg öffneten, wussten die Insassen im Bus oft nicht, ob sie verlegt oder verkauft wurden. Teaser: Über Jahrzehnte hinweg war dieser Moment der Ungewissheit für tausende politische Häftlinge in der DDR der erste Schritt in ein neues Leben. Der Weg führte von Chemnitz über den Grenzübergang Herleshausen in den Westen. Doch die Ankunft in der Bundesrepublik war selten der unbeschwerte Triumph, den man sich vorstellen mag. Wer aus dem Bus stieg, trug nicht nur die physischen Narben der Haft in Bautzen oder Hoheneck, sondern oft auch eine unsichtbare Last. Das Wissen, dass die eigene Freiheit einen exakten Preis hatte, wog schwer. Rund 96.000 D-Mark „kostete“ ein Mensch in den späteren Jahren, verrechnet in Warenlieferungen wie Kaffee, Obst oder Erdöl. Man war zur Handelsware geworden, verschoben zwischen zwei ideologischen Blöcken. Für viele kam hinzu, dass Familien zerrissen wurden; Kinder blieben oft als Pfand im Osten zurück, während die Eltern im Westen neu beginnen mussten. Die psychische Architektur dieses Handels war darauf ausgelegt, maximale Devisen zu generieren und gleichzeitig Kontrolle auszuüben. Es ist eine Geschichte von 33.755 Menschenleben. Hinter jeder Zahl in den Bilanzen der Kommerziellen Koordinierung stand ein Schicksal, eine unterbrochene Biografie. Der Häftlingsfreikauf war für die Bundesrepublik ein humanitärer Akt der Notwendigkeit, für die DDR eine ökonomische Überlebensstrategie. Die Busse fuhren jahrelang, Woche für Woche, und transportierten Menschen, deren Wert in Listen festgehalten wurde. In den Archiven liegen heute die Quittungen einer Ära, in der ein Staat seine Kritiker nicht nur einsperrte, sondern sie am Ende als Rohstoff nutzte. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Es begann als humanitäre Geste der Kirchen und endete als fester Posten im Devisenhaushalt der DDR. Teaser: Der Häftlingsfreikauf zwischen den beiden deutschen Staaten ist ein historisches Phänomen, das in seiner Dimension oft unterschätzt wird. Zwischen 1963 und 1989 flossen rund 3,4 Milliarden D-Mark von Bonn nach Ost-Berlin, um die Freilassung von 33.755 politischen Gefangenen zu erwirken. Was als „Besondere Bemühungen“ getarnt war, folgte einer präzisen ökonomischen Mechanik. Die Preise waren dabei keineswegs willkürlich, sondern das Ergebnis kühler Kalkulationen, die oft Ausbildungskosten und den „Volkswirtschaftlichen Schaden“ durch den Weggang der Person einpreisten. Bezahlt wurde selten in bar, sondern meist in Waren, die in der DDR Mangelware waren. So stabilisierte der Westen durch den Freikauf paradoxerweise genau jenes System, das die Häftlinge erst produziert hatte. Die Abhängigkeit der DDR von diesen Einnahmen wuchs parallel zu ihrem wirtschaftlichen Niedergang. Die moralische Ambivalenz dieses Tauschgeschäfts beschäftigt Historiker bis heute. War es legitim, eine Diktatur zu finanzieren, um Menschenleben zu retten? Die Antwort der damaligen Bundesregierungen war ein klares Ja zur Humanität. Auf der anderen Seite der Mauer wurde der Mensch zur Ressource, deren Freiheitsdrang sich monetarisieren ließ. Die Aktenberge über diese Transaktionen sind heute zugänglich und zeigen das bürokratische Gesicht eines unmenschlichen Handels. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Darf ein Staat Menschenleben kaufen, um sie zu retten, wenn er damit deren Unterdrücker finanziert? Teaser: Der Häftlingsfreikauf war vielleicht das größte moralische Dilemma der deutsch-deutschen Geschichte. Auf der einen Seite standen über 30.000 Menschen, die in DDR-Gefängnissen litten und deren einzige Hoffnung der Westen war. Auf der anderen Seite stand ein Regime, das lernte, dass sich mit politischen Gefangenen stabile Deviseneinnahmen generieren ließen. Je mehr der Westen zahlte, desto lukrativer wurde das Geschäft für den Osten. Es entstand ein Markt für Freiheit, auf dem Preise steigen und Waren fließen konnten. Die Bundesrepublik entschied sich für das Leben der Einzelnen und nahm die politische Pikanterie in Kauf. Für die Betroffenen blieb oft das Gefühl, eine Ware gewesen zu sein – eingetauscht gegen Orangen oder Industriegüter. Die Frage nach der Moral verhallt in den leeren Gängen der ehemaligen Haftanstalten.