Ton im Thüringer Landtag ist rauer geworden

146 Gesetze im Thüringer Landtag verabschiedet
Pommer: „Diese Wahlperiode hat Thüringen und dem Parlament viel abverlangt.“

Erfurt. Am Freitag (14. Juni) ist das Plenum zur letzten regulären Sitzung der 7. Wahlperiode zusammengekommen. In den vergangenen fünf Jahren konnten viele Entscheidungen für Thüringen getroffen werden, teils unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie.

Landtagspräsidentin Birgit Pommer: „Die vergangenen fünf Jahre haben Thüringen und auch dem Parlament viel abverlangt. Immer hat der Landtag versucht, in diesen schwierigen Zeiten Entscheidungen zu treffen. 141 Plenarsitzungen, vier Untersuchungsausschüsse, 10.241 Drucksachen, davon 271 Gesetzentwürfe, von denen 146 verabschiedet wurden, sprechen für eine arbeitsame Wahlperiode. Sie begann mit zwei Ministerpräsidentenwahlen und einer Pandemie. Sie endet in unsicheren Zeiten, die geprägt sind von Krieg, Terror und zunehmender Gewalt, auch in Deutschland. Mit der Wahl haben wir die Chance eine Entscheidung für ein friedliches Miteinander zu treffen.“

„Der Ton im Parlament ist rauer geworden“, so die Landtagspräsidentin weiter. „Immer aber habe ich auf das friedliche Miteinander, den Austausch und den Respekt untereinander gesetzt. Nur so ließ sich Politik im Landtag und für Thüringen gestalten.“

„Ich schaue auch auf viele schöne Momente zurück: immer dann, wenn wir im Landtag Menschen zu Besuch hatten, die das Gespräch und den Austausch gesucht haben. Ob bei Kunstausstellungen, diplomatischen Empfängen, Gedenkveranstaltungen oder Führungen im Haus – der Landtag war und bleibt ein Haus der Begegnungen mit zuletzt über 24.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich.“

In der 7. Wahlperiode haben zwölf Fachausschüsse, zwei Unterausschüsse und vier Untersuchungsausschüsse ihre Arbeit aufgenommen.

Der Landtag als Ort der Begegnung

· Der Landtag veranstaltete 82 Protokollveranstaltungen (darunter Gedenkakte, 30-jähriges Verfassungsjubiläum 2023, Tag der Deutschen Einheit 2022)

· Mit 65 Ausstellungen (darunter 9 Mal „Forum Hobbykunst“) wurde der Thüringer Landtag auch zu einem Haus der Kunst und Kultur.

· 21 Botschafterinnen und Botschafter besuchten den Landtag.

· Circa 55.000 Besucherinnen und Besucher (hauptsächlich ab 2022 mit der Hausöffnung nach der Pandemie) lernten den Landtag bei Führungen kennen.

· 2023 erreichte der Landtag seinen Besucherrekord mit circa 24.000 Gästen.

Der 7. Thüringer Landtag kam am 26. November 2019 zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Aufgrund je eines Überhang- und eines Ausgleichsmandats hatte der Landtag 90 statt regulär 88 Mitglieder in zunächst sechs Fraktionen. Mit der Abgeordneten Birgit Pommer (ehem. Keller) wurde erstmals ein Mitglied der Fraktion DIE LINKE zur Landtagspräsidentin gewählt.

Am 5. Februar 2020 wurde der Abgeordnete Thomas Kemmerich (FDP) im dritten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt. Zwei Tage später reichte er seinen Rücktritt ein, woraufhin am 4. März 2020 der Abgeordnete Bodo Ramelow (DIE LINKE) im dritten Wahlgang zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.

Fast gleichzeitig wurde in Thüringen der erste bestätigte Covid19-Fall gemeldet. Der Thüringer Landtag verlegt seine Sitzungen ab Mai in die Arena des Steigerwald-Stadions. Dort hält er 32 Plenarsitzungen ab. Das Parlament war trotz Pandemie zu jeder Zeit arbeitsfähig.

Am 24. Februar 2022 beginnt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Auch in Deutschland und Thüringen erfahren Tausende geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer Unterstützung. Aus Solidarität mit der Ukraine weht die Landesflagge vor dem Landtag. Im Juni 2022 laufen die letzten Einschränkungen im öffentlichen Leben durch die Pandemie aus. Auch der Landtag öffnet wieder für Besucherinnen und Besucher und verstärkt die Öffentlichkeitsarbeit. Das Land Thüringen ist 2022 Ausrichter der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Zu Gast im Landtag sind auch die Landtagspräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer.

Unter dem Eindruck des Terroranschlages der Hamas auf Jüdinnen und Juden in Israel am 7. Oktober 2023 hisst der Thüringer Landtag die israelische Flagge aus Solidarität mit Jüdinnen und Juden. Der Landtag feiert 2023 mit einer Reisenden Verfassung, einer Sonderausgabe und einem Festakt am 25. Oktober auf der Wartburg das 30. Verfassungsjubiläum.

2024 machte die Tour de Demokratie Station im Landtag. Das Grundgesetz erstrahlte zum 75. Jubiläum seiner Verabschiedung an der Fassade des Hochhauses und Tausende Menschen besuchten bis zu den Parlamentsferien den Landtag zu Veranstaltungen oder Führungen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl