Die süße Lüge vom gestohlenen Paradies: Warum wir uns die DDR heute schönfärben


Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Netzwerke offenbart ein bizarres Geschichtsbild: Dort war die DDR ein blühendes Wirtschaftswunderland, das vom bankrotten Westen aus reiner Gier „feindlich übernommen“ wurde. Wer so argumentiert, sucht Trost für gekränkte Seelen – und blendet die Realität dabei gezielt aus.

Wenn man durch die digitalen Stammtische scrollt, vorbei an Sharepics mit vergilbten Trabi-Fotos und emotionaler Musik, stößt man auf einen Satz, der sich wie ein Mantra durch die Tausenden von Kommentaren zieht: „Besser kann man es nicht formulieren!“

Was genau kann man nicht besser formulieren? Es ist eine Erzählung, die sich über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung verfestigt hat wie Beton. Sie lautet in etwa so: Wir im Osten waren wer. Wir hatten eine starke Industrie, wir hatten soziale Wärme, wir hatten Bildung. Und dann kam der Westen – selbst kurz vor der Pleite, abgewirtschaftet und gierig – und hat sich an unserem „Volkseigentum“ gesundgestoßen. Die Treuhand als Raubzug, die Einheit als Annexion.

Es ist eine faszinierende, aber auch gefährliche Legende. Denn sie funktioniert im Internet prächtig. Beiträge, die diese These stützen, sind das perfekte Clickbait für eine Generation, deren Biografie Risse bekommen hat. Sie funktionieren wie eine warme Decke gegen die kalte Zugluft der Geschichte. Es tut gut zu lesen, dass man nicht gescheitert ist, sondern betrogen wurde.

Man muss eines vorausschicken: Der Schmerz ist echt. Die Treuhand hat tiefe Wunden geschlagen, oft rücksichtslos, oft ohne Gespür für die Menschen, deren Lebensleistung mit einem Federstrich entwertet wurde. Dass Ingenieure plötzlich als Hilfskräfte arbeiteten und stolze Betriebe zu Industriebrachen verfielen, ist eine traumatische Erfahrung, die der Westen in dieser Härte nie machen musste. Die Arroganz mancher „Besserwessis“ war real.

Doch aus diesem legitimen Schmerz wird im Netz heute eine historische Lüge gezimmert. Wer behauptet, der Westen habe sich am Osten „saniert“, stellt die ökonomische Realität von 1989 auf den Kopf. Um das Narrativ vom „gestohlenen Paradies“ aufrechtzuerhalten, muss man eine gewaltige mentale Leistung vollbringen: Man muss vergessen. Gezielt und selektiv.

Ausgeblendet wird der marode Zustand der DDR-Wirtschaft, deren Produktivität am Ende nicht einmal mehr ein Drittel des Westniveaus erreichte. Vergessen werden die Innenstädte von Leipzig oder Görlitz, die 1989 aussahen, als wäre der Krieg erst gestern vorbei gewesen – grau, verfallen, einsturzgefährdet.

Ausgeblendet wird die ökologische Katastrophe. Wer heute von der „starken Industrie“ schwärmt, vergisst den beißenden Chemiegestank von Bitterfeld, die radioaktiven Halden der Wismut, die toten Flüsse. Die DDR lebte auf Verschleiß, sie fraß ihre eigene Substanz auf. Ohne die Milliardenkredite aus dem Westen wäre das Licht im Osten schon Jahre früher ausgegangen.

Und vor allem wird eines ausgeblendet: Der Wille der Menschen von damals.
Liest man die heutigen Kommentare, könnte man glauben, Helmut Kohl sei 1990 mit Panzern einmarschiert und habe die Wiedervereinigung gegen den Willen eines stolzen Volkes erzwungen. Die historische Wahrheit ist unbequemer: Die Ostdeutschen haben die D-Mark und die schnelle Einheit gewollt – und zwar mit überwältigender Mehrheit an der Wahlurne.

Der Slogan hieß: „Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr.“ Die Menschen stimmten 1990 nicht für einen „Dritten Weg“ oder eine reformierte DDR-Romantik. Sie wählten den Wohlstand, die Reisefreiheit und ja, auch die Bananen, über die man sich heute so gerne lustig macht.

Dass die damalige Entscheidung heute von einigen als Fehler betrachtet wird, ist menschlich. Aber so zu tun, als sei man damals unmündiges Opfer einer Verschwörung gewesen, ist eine Flucht vor der eigenen Verantwortung.

Warum verfangen diese Mythen heute so stark? Weil sie eine einfache Antwort auf komplexe Gefühle liefern. Es ist leichter, wütend auf „die da oben“ oder „den Westen“ zu sein, als sich einzugestehen, dass das System, in dem man aufgewachsen ist, am Ende war.

Diese Facebook-Posts sind emotionale Echokammern. Sie bestätigen das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Sie verwandeln die komplexe Transformationsgeschichte in ein simples Märchen von Gut (Ost) gegen Böse (West). Fakten stören da nur. Wer auf die marode Substanz oder die Milliarden-Transfers des Solidarpakts hinweist, gilt als Nestbeschmutzer oder ahnungsloser Wessi.

Wir müssen über die Fehler der Einheit reden. Über die Ungerechtigkeiten bei Löhnen und Renten, über den Ausverkauf durch die Treuhand. Aber wir sollten aufhören, uns die DDR schönzutrinken. Die Wiedervereinigung war kein Raubzug. Sie war die Rettung eines bankrotten Staates, dessen Bürger die Freiheit wählten – mit allen harten Konsequenzen, die Freiheit eben mit sich bringt. Alles andere ist Geschichtsklitterung für Likes.

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