Sobald über die DDR gesprochen wird, passiert fast immer dasselbe: Die einen warnen vor Verklärung. Die anderen fühlen sich herabgesetzt. Und beide sind überzeugt, etwas Wichtiges verteidigen zu müssen.
Wer heute auf nostalgische Bilder, wohlige Erzählungen und vereinfachte Rückblicke hinweist, meint meist nicht einzelne Lebensgeschichten. Gemeint sind öffentliche Muster: eine Erinnerung, die sich verdichtet, emotional auflädt und dabei politische Enge, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten ausblendet. Kritik daran richtet sich an Erzählungen – nicht an Menschen.
Gelesen wird sie dennoch oft anders. Als Vorwurf. Als würde jemand erklären wollen, man habe sein eigenes Leben falsch verstanden oder nicht begriffen, in welchem System man lebte. Die Reaktion darauf ist dann keine Verteidigung der DDR, sondern der eigenen Biografie. Von Jugend, Alltag, Familie. Von einem Leben, das mehr war als Politik – und das sich im Nachhinein nicht abwerten lassen will.
Genau hier liegt der Bruch. Es wird auf unterschiedlichen Ebenen gesprochen. Analyse trifft auf Erfahrung. Strukturkritik auf biografische Würde. Was sachlich gemeint ist, wirkt persönlich. Was persönlich erzählt wird, erscheint politisch. Die Diskussion kippt – nicht aus bösem Willen, sondern aus mangelnder Trennschärfe.
Erschwerend kommt hinzu, dass ostdeutsche Lebensläufe bis heute häufig erklärt, eingeordnet oder korrigiert werden. Wer das übersieht, unterschätzt die Schärfe der Reaktionen. Wer umgekehrt jede Kritik an vereinfachten DDR-Bildern als Angriff liest, verhindert die notwendige Einordnung von Geschichte.
Eine ernsthafte Erinnerungskultur müsste beides können: das politische System klar benennen und die Lebenswirklichkeit der Menschen respektieren, die darin gelebt haben. Sie müsste unterscheiden zwischen Kritik an einer Erzählung und dem Urteil über ein Leben.
Solange das nicht gelingt, wird weiter aneinander vorbeigeredet. Und dann geht es am Ende weniger um die DDR – als um die Frage, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, Vergangenheit auszuhalten, ohne sie entweder zu verklären oder zu verteidigen.
Das eigentliche Problem ist nicht die Erinnerung. Das Problem ist, dass wir zu oft vergessen, worüber wir gerade sprechen.