Kerstin Kuzia: „Bloß nicht nach Torgau“

Es beginnt mit einer Fahrt ins Ungewisse. Kerstin Kuzia sitzt im Barkas B1000, isoliert von der Außenwelt. Der Gedanke, dass dies alles nur eine Inszenierung sei, hält sich hartnäckig. Eine bloße Abschreckung, glaubt sie, eine Runde um den Block, um dann wieder ins gewohnte Heim zurückzukehren. Die jugendliche Hoffnung klammert sich an die Vorstellung, dass es diesen Ort für sie real gar nicht geben kann.

Doch dann taucht das gelbe Ortsschild auf: Torgau. Ein unscheinbares Stück Blech an der Landstraße, das die Realität schlagartig verändert. In diesem Moment weicht die Hoffnung einer inneren Starre. Es ist nicht mehr nur eine Drohung, sondern physische Gegenwart. Bis heute löst dieser Name, dieses Schild, ein Gefühl der Beklemmung aus, das rationale Gedanken verdrängt und den Körper erstarren lässt.

Der Wagen passiert die Schleuse. Das metallische Quietschen der schweren Stahltore brennt sich tief in das akustische Gedächtnis ein. Es ist das Geräusch des endgültigen Einschlusses. Hohe Mauern, vergitterte Fenster, fernes Hundegebell. Drinnen herrscht eine andere Ordnung. Befehle ersetzen Gespräche. „Grundstellung“ heißt die erste Anweisung, eine Körperhaltung, die den Jugendlichen aus der Schule vertraut ist.

Über das Innere dieses Ortes wusste draußen kaum jemand etwas Konkretes. Wer entlassen wurde, schwieg. Eine unterschriebene Verpflichtung und die Angst vor der Rückholung versiegelten die Lippen der Jugendlichen bis zum 21. Lebensjahr. Torgau war ein Mythos der Angst, genährt durch das Verstummen derer, die zurückkehrten. Man sah die Veränderung in ihren Augen, doch Worte gab es dafür nicht.

Im Besucherraum stehend, fällt der Blick durch die Gitterstäbe nach draußen. Der Erzieher aus dem vorherigen Heim übergibt wortlos die Papiere und geht. Als der Transporter vom Hof rollt, verschwindet die letzte Verbindung zur vertrauten Welt. Es gibt keinen Abschied, keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Nur das Gefühl, dass die eigene Biographie an diesem Punkt bricht und etwas Neues, Dunkles beginnt.

Was bleibt, ist die Stille nach dem Motorengeräusch. Die Schultern sacken nach unten, äußerlich in strammer Haltung, innerlich resigniert. Es ist der Moment der totalen Verfügbarkeit für ein System, das auf Brechung ausgelegt ist. Die Erinnerung an diese Ankunft ist keine Geschichte von Rebellion, sondern eine leise Chronik des Ausgeliefertseins, die auch Jahrzehnte später noch in den Betroffenen nachhallt.

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