Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist ohne den Blick auf das Ministerium für Staatssicherheit unvollständig. Die zugänglichen Akten gewähren heute Einblicke in die Binnenlogik eines Überwachungsstaates, der an seinem eigenen Perfektionsanspruch scheiterte.
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nimmt in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik eine zentrale Rolle ein. Gegründet im Februar 1950, nur wenige Monate nach der Staatsgründung, war es von Beginn an strukturell eng an das sowjetische Vorbild angelehnt. Die Bezeichnung „Schild und Schwert der Partei“ war dabei keine bloße Floskel, sondern beschrieb präzise den Auftrag: Die Sicherung der Macht der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gegen innere und äußere Bedrohungen. Über vier Jahrzehnte entwickelte sich diese Institution zu einem Apparat, dessen Dichte an Überwachung im modernen Europa beispiellos war.
Eine Zäsur in der Geschichte des MfS markiert der Amtsantritt von Erich Mielke im Jahr 1957. Mielke, ein überzeugter Kommunist der alten Schule, prägte den Dienst durch seinen paranoiden Sicherheitsbegriff. Für ihn war der Klassenkampf eine ständige Realität, und jede Abweichung von der Norm – sei es durch westliche Kleidung, Musik oder religiöses Engagement – wurde als potenzielle „politisch-ideologische Diversion“ gewertet. Unter seiner Führung expandierte das MfS massiv. Zum Zeitpunkt seines Endes 1989 beschäftigte das Ministerium rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Hinzu kamen etwa 189.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM), die als informelles Netz die Gesellschaft durchzogen.
Historisch besonders relevant ist der methodische Wandel, den das MfS vollzog. In den frühen Jahren der DDR, insbesondere vor dem Mauerbau 1961, setzte der Staat oft auf offene Härte, Schauprozesse und physischen Terror. Mit der internationalen Anerkennung der DDR in den 1970er Jahren und der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki wandelte sich die Strategie. Um das internationale Ansehen nicht zu gefährden, ging das MfS dazu über, politische Gegner lautlos zu bekämpfen. Der Begriff der „Zersetzung“ steht symptomatisch für diese Phase. Anstatt Oppositionelle sofort zu verhaften, wurden ausgeklügelte Pläne entwickelt, um deren berufliche Karrieren zu zerstören, ihren Ruf zu schädigen und ihre sozialen Beziehungen zu destabilisieren.
Die Aktenlage zeigt heute detailliert, wie tief diese Eingriffe in die Privatsphäre reichten. Wohnungen wurden verwanzt, Briefe systematisch geöffnet und kopiert, Gerücheproben von Verdächtigen archiviert. Besonders perfide war der Einsatz von IM im engsten Familien- und Freundeskreis. Das Ziel war die totale atomisierte Gesellschaft, in der niemand mehr dem anderen trauen konnte. Einzelschicksale, wie das von Tatjana Sterneberg oder Siegfried Reiprich, die in der historischen Aufarbeitung dokumentiert sind, verdeutlichen die Willkür. Ein Ausreiseantrag oder kritische Lieder reichten aus, um ins Visier des Apparates zu geraten und einer jahrelangen Bearbeitung unterzogen zu werden, die oft in Haft oder Zwangsausbürgerung endete.
Trotz dieses immensen Aufwands an Personal und Logistik konnte das MfS den Zusammenbruch der DDR nicht verhindern. Es existierten zwar Notfallpläne wie die „Direktive 1/67“, die im Krisenfall die sofortige Isolierung und Internierung von zehntausenden als gefährlich eingestuften Bürgern vorsah. Doch im Herbst 1989 versagten diese Mechanismen. Die schiere Masse der friedlich demonstrierenden Menschen in Leipzig, Berlin und anderen Städten überforderte die Sicherheitskräfte. Die Entscheidung der SED-Führung, keine gewaltsame „chinesische Lösung“ wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu suchen, ließ das MfS handlungsunfähig zurück.
Das Ende des Ministeriums im Jahr 1990 entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Behörde, die alles über jeden wissen wollte und jeden Schritt dokumentierte, hatte keinen Plan für ihre eigene Abwicklung. Als Bürgerrechtler im Januar 1990 die Zentrale in Berlin-Lichtenberg stürmten, fanden sie Mitarbeiter vor, die verzweifelt versuchten, Akten zu vernichten. Dass dies verhindert wurde, ist ein Glücksfall für die Geschichtswissenschaft und die gesellschaftliche Aufarbeitung. Die Rekonstruktion zerrissener Unterlagen dauert bis heute an.
Rückblickend erscheint das MfS als ein Riese auf tönernen Füßen. Es sammelte mehr Informationen über die eigene Bevölkerung als irgendein Staat zuvor, konnte diese Datenmengen jedoch kaum noch sinnvoll auswerten. Vor allem aber unterschätzte die Führungsebene um Mielke den Faktor Mensch. Die Annahme, man könne Loyalität durch Angst und Kontrolle dauerhaft erzwingen, erwies sich als Trugschluss. Die Geschichte des MfS ist somit auch ein Beleg dafür, dass Diktaturen zwar über lange Zeiträume stabile Strukturen schaffen können, aber an der fehlenden Legitimation durch die Bevölkerung letztlich erodieren. Die Öffnung der Archive bietet heute, über drei Jahrzehnte später, die notwendige Grundlage, um diese Mechanismen sachlich zu analysieren und die Erfahrungen der Ostdeutschen in den gesamtdeutschen Diskurs zu integrieren.