Es gibt diese Tage, da scrollt man durch seinen Facebook-Feed und bleibt an einem Bild hängen, das so warm und weich leuchtet wie ein gut geheizter Kachelofen. Lachende Kinder, bunte Holzklötze, eine Erzieherin mit Engelsgeduld. Darunter der Text: „Erinnert ihr euch noch? In der DDR war der Kindergartenplatz kein Lottogewinn, sondern eine Selbstverständlichkeit.“
Die Seite nennt sich programmatisch „DDR 2.0“. Sie spielt mit einer verführerischen Alternativwelt und der unterschwelligen Frage: „Was wäre, wenn wir geblieben wären?“ Der Beitrag trifft damit einen Nerv. Tausende Likes, hunderte Kommentare voller Wehmut. „Damals war alles menschlicher“, schreibt einer. „Wir waren eine Gemeinschaft“, eine andere. Es ist der virtuelle Seufzer einer Generation, die sich im heutigen Dschungel aus Kita-Gutscheinen, Personalmangel und Schließtagen verloren fühlt.
Und wer könnte es ihnen verdenken?
Der Vergleich ist so unfair wie effektiv. Auf der einen Seite die Bundesrepublik im Jahr 2024: Eltern, die ihre Kinder schon vor der Zeugung auf Wartelisten setzen, Erzieherinnen am Rande des Burnouts und Gebühren, für die mancherorts ein Kleinwagen drin wäre. Auf der anderen Seite die Erinnerung an die DDR: Der Platz war sicher, das Essen kostete Pfennige, und die Struktur gab Halt.
Doch genau hier beginnt das Problem mit der selektiven Wahrnehmung – oder wie der Beitrag es nennt: dem „nostalgischen Augenzwinkern“.
Denn die DDR-Kita war eben nicht nur Pusteblumen und Sandkuchen. Sie war auch der Ort, an dem der Staat Zugriff auf die Kinderseelen nahm, lange bevor sie „Mama“ und „Papa“ buchstabieren konnten. Der „Bildungs- und Erziehungsplan“ sah vor, sozialistische Persönlichkeiten zu formen. Das kollektive Topfsitzen im Takt war keine drollige Anekdote, sondern Erziehung zur Konformität. Das „Einer für alle“ hieß oft auch: Keiner für sich selbst. Individualität störte den Betriebsablauf.
Dass die Mütter ihre Kinder früh abgaben, war zwar emanzipatorisch fortschrittlich, aber oft ökonomischer Zwang: Die werktätige Frau wurde in der Produktion gebraucht. Die „Geborgenheit“, die der Facebook-Post beschwört, war also immer auch Mittel zum Zweck.
Das Interessante an diesem spezifischen Facebook-Beitrag ist jedoch eine winzige Zeile am Ende: „Diese Bilder sind fast ausschließlich KI-generiert.“
Ich habe das spaßeshalber selbst einmal ausprobiert und mir schnell ein solches KI-Bild generieren lassen. Ein paar Klicks, und zack: Eine Welt, wie gemalt. Ob es damals wirklich genau so aussah oder ob die Tapete im Hintergrund historisch nicht ganz korrekt ist? Das werden wahrscheinlich wieder eifrige Kommentatoren für mich entscheiden und leidenschaftlich diskutieren. Aber ehrlich gesagt: Darum geht es gar nicht. Es geht um etwas ganz anderes.
Es geht um den Moment, in dem die Ostalgie in eine neue Phase eintritt: die synthetische Erinnerung. Wir erinnern uns nicht mehr nur an das, was war. Wir lassen uns von Computern Bilder errechnen, wie es hätte sein sollen. Unter dem Label „DDR 2.0“ wird die Geschichte neu gerendert. Die KI entfernt den grauen Putz von den Wänden, sie retuschiert die ideologische Strenge aus den Gesichtern der Erzieherinnen und taucht die Vergangenheit in ein goldenes Licht, das es so nie gab.
Diese „Hyper-Realität“ ist gefährlich verführerisch. Sie bietet einen emotionalen Schutzraum vor der Kälte der Gegenwart. Wenn wir heute vor den Trümmern einer gescheiterten Bildungspolitik stehen, flüchten wir uns lieber in eine Welt, in der die Welt noch in Ordnung schien – selbst wenn diese Ordnung von einer Diktatur garantiert wurde.
Ist das verwerflich? Nein, es ist menschlich. Die Sehnsucht nach Sicherheit und Gemeinschaft ist legitim. Aber wir sollten aufpassen, dass wir vor lauter Frust über die heutige Kita-Krise nicht anfangen, die Unfreiheit von gestern zu romantisieren.
Der Erfolg solcher Posts ist kein Beweis dafür, dass die DDR das bessere System hatte. Er ist ein Warnsignal an die Politik von heute: Wenn ihr den Menschen die grundlegende Sicherheit nehmt – wie die Gewissheit, dass ihr Kind gut betreut ist –, dann fangen sie an, sich die Sicherheit dort zu suchen, wo sie sie zuletzt gefühlt haben. Und sei es in der retuschierten Vergangenheit einer KI-generierten Diktatur.
Vielleicht sollten wir uns weniger wünschen, dass die DDR zurückkommt, und mehr dafür kämpfen, dass das „Soziale“ im Wort „Soziale Marktwirtschaft“ wieder mehr wiegt als ein leeres Versprechen. Dann bräuchten wir auch keine KI und keine Fragen nach dem „Was wäre wenn“, um uns wohlzufühlen.