Die Bewältigung der extremen Schneemassen im Winter 1978/79 stellte den staatlichen Apparat der DDR vor immense logistische Herausforderungen.
Der Jahreswechsel 1978/79 markiert in der kollektiven Erinnerung Ostdeutschlands eine meteorologische Zäsur, die die Leistungsfähigkeit der staatlichen Infrastruktur auf eine harte Probe stellte. Am 28. Dezember sanken die Temperaturen innerhalb kürzester Zeit um fast 30 Grad Celsius, begleitet von massiven Schneefällen, die weite Teile der nördlichen Bezirke der DDR unter einer geschlossenen Schneedecke begruben. Besonders die Insel Rügen war von der Außenwelt abgeschnitten, da sowohl der Straßen- als auch der Schienenverkehr vollständig zum Erliegen kamen. In dieser Situation zeigte sich die Abhängigkeit des Verkehrswesens von schwerer Räumtechnik, die in den folgenden Tagen und Wochen eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung der Versorgungssicherheit spielen sollte.
Das technische Rückgrat der Räumungsarbeiten bildete eine Maschine sowjetischer Bauart, die im Volksmund oft nur als „Sil-Fräse“ bezeichnet wurde. Basierend auf dem Lastkraftwagen ZIL-157, war dieses Gerät weniger für den filigranen Stadtverkehr als vielmehr für extreme Bedingungen konzipiert. Unter der Haube arbeitete ein Aggregat, das technisch eng mit Panzermotoren verwandt war und eine Leistung von 150 PS bereitstellte. Diese Motorisierung ermöglichte es der Fräse, bis zu 1000 Tonnen Schnee pro Stunde zu bewegen. Die Konstruktion galt als ausgesprochen robust und wartungsarm, was angesichts der Materialknappheit in anderen Bereichen der Volkswirtschaft einen entscheidenden taktischen Vorteil darstellte.
Die Koordination des Katastropheneinsatzes erfolgte zentralistisch. Auf Anweisung der übergeordneten Stellen in Karl-Marx-Stadt wurden Räumfahrzeuge und Personal aus den südlichen Bezirken, insbesondere dem Erzgebirge, in den Norden verlegt. Zu den entsandten Kräften gehörte Heinz Mittelbach, ein erfahrener Fräsenfahrer der Straßenmeisterei Stollberg. Seine Berichte von diesem Einsatz verdeutlichen die physischen Belastungen, denen die Arbeitskräfte ausgesetzt waren. Schichten von zwölf bis 14 Stunden waren keine Seltenheit, um die wichtigsten Verkehrsadern, insbesondere den Rügendamm, wieder befahrbar zu machen.
Die Arbeitsbedingungen in den Fahrerkabinen der sowjetischen Maschinen waren spartanisch und verlangten den Fahrern technisches Geschick ab. Angesichts von Schneewehen, die bis zu drei Meter Höhe erreichten, stieß auch die schwere Technik an ihre Grenzen. Mittelbach beschrieb Methoden wie das sogenannte „Wehen-Reiten“, bei dem die Fräse Schicht für Schicht von oben abtrug, um sich durch die massiven Verwehungen zu arbeiten. Diese improvisierten Techniken waren notwendig, da die Standardverfahren bei derartigen Schneemengen oft versagten. Die Orientierung im Gelände war dabei erschwert; in einem Fall führte die mangelnde Sicht dazu, dass versehentlich ein Wohnhaus teilweise mit Schnee bedeckt wurde.
Ein wesentlicher Unterschied zur heutigen Situation im Straßenwesen bestand in der rechtlichen Grundlage des Winterdienstes. Die damals geltende Winterordnung der DDR formulierte einen weitreichenden Anspruch der Bürger an die staatlichen Organe. Es bestand eine gesetzliche Vorgabe, die vorsah, dass Straßen innerhalb eines engen Zeitfensters von zwei Stunden nach Eintritt eines Ereignisses geräumt oder gestreut sein mussten. Dies entsprach einem Rechtsanspruch auf Mobilität, der den Staat in eine direkte Verantwortung nahm.
Im Vergleich dazu operieren heutige Straßenbaulastträger unter anderen juristischen Vorzeichen. Die aktuelle Gesetzeslage verpflichtet die zuständigen Stellen lediglich dazu, die Verkehrswege im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit und nach besten Kräften von Schnee und Eis freizuhalten. Der absolute Anspruch auf eine fast sofortige Räumung, wie er in der DDR-Gesetzgebung verankert war, existiert in dieser Form nicht mehr. Dies spiegelt auch ein verändertes Verhältnis zwischen Bürger und staatlicher Daseinsvorsorge wider, bei dem die Eigenverantwortung des Verkehrsteilnehmers stärker betont wird.
Der Einsatz im Winter 1978/79 gilt bis heute als ein Beispiel für die Mobilisierungsfähigkeit in Krisenzeiten innerhalb der DDR-Strukturen. Die physische Präsenz der schweren Technik, die oft wie ein militärischer Konvoi anmutete, suggerierte Handlungsfähigkeit. Dass es dennoch Tage dauerte, bis die Isolation bestimmter Orte aufgehoben werden konnte, zeigt die Grenzen der Machbarkeit im Kampf gegen Naturgewalten auf. Die ZIL-Fräsen blieben noch Jahrzehnte nach diesem Ereignis im Dienst.
Die Langlebigkeit dieser Maschinen ist bemerkenswert. Selbst weit nach der Wiedervereinigung, bis ins Jahr 2005 und darüber hinaus, waren Exemplare dieser Baureihe in den Gebirgsregionen Ostdeutschlands im Einsatz. Dies lag nicht nur an fehlenden Alternativen, sondern auch an der spezifischen Eignung der robusten sowjetischen Technik für extreme Schneelagen, bei denen moderne, elektronisch gesteuerte Geräte mitunter anfälliger reagieren. Der Winterdienst in der DDR war somit geprägt von einer Mischung aus Improvisation, zentraler Befehlsstruktur und einer Technik, die auf reine Kraft ausgelegt war.