Dreißig Jahre nach dem Ende der DDR ist die Frage nach der ostdeutschen Erinnerungskultur nicht beantwortet, sondern verhärtet. Noch immer stehen sich zwei Deutungen gegenüber, die selten miteinander sprechen: das Diktaturgedächtnis und das Arrangement- oder Alltagsgedächtnis. Beide beanspruchen Wahrheit – und beide fühlen sich durch das jeweils andere infrage gestellt.
Das Diktaturgedächtnis betont Repression, Überwachung, politische Unfreiheit, den Machtapparat der SED. Es ist historisch korrekt, juristisch aufgearbeitet und institutionell verankert. Gleichzeitig wird es häufig moralisch exklusiv formuliert: Wer den repressiven Charakter der DDR betont, setzt implizit voraus, dass ein normales oder sogar sinnvolles Leben innerhalb dieses Systems kaum möglich gewesen sei.
Demgegenüber steht das Arrangementgedächtnis. Es erzählt von Arbeit, Familienleben, Freundschaften, von Alltag, Sicherheit, sozialen Netzen und biografischer Kontinuität. Auch dieses Gedächtnis ist real – biografisch wahr –, wird jedoch oft politisch delegitimiert, als Verharmlosung oder Relativierung verstanden.
Der eigentliche Konflikt liegt nicht in den Fakten, sondern in der moralischen Asymmetrie der Deutung. Solange gilt: Wer sein Leben als gelungen beschreibt, relativiert angeblich die Diktatur. Und wer die Diktatur klar benennt, spricht anderen ihr Leben ab. Diese Logik erzeugt Abwehr, Schweigen oder Trotz – aber keinen Frieden.
Häufig wird argumentiert, das Problem werde sich biologisch lösen, mit dem Wegsterben der Erlebnisgeneration. Doch Erinnerung ist nicht nur individuell, sie ist sozial. Deutungsmuster, Verletzungen und Abwehrhaltungen werden weitergegeben – in Familien, Milieus, Medien. Die nachfolgenden Generationen übernehmen nicht die DDR, aber die emotionalen Spannungen, die sie umgeben.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Ostdeutsche den Systemwechsel nicht als Selbstermächtigung erlebt haben, sondern als Entwertung. Die Deutung der eigenen Vergangenheit erfolgte nach 1990 überwiegend von außen, selten dialogisch. Das verstärkte den Eindruck, Objekt der Geschichte zu sein – nicht ihr Mitautor.
Heilung kann deshalb nicht Versöhnung im Sinne von Einigkeit bedeuten. Sie kann nur bedeuten, widersprüchliche Erinnerungen nebeneinander stehen zu lassen, ohne sie moralisch zu bekämpfen. Voraussetzung dafür ist eine klare Trennung zwischen Systemurteil und Lebensurteil: Die DDR war eine Diktatur – und Millionen Menschen haben dennoch gelebt, geliebt, gearbeitet und Sinn erfahren.
Ein ostdeutscher Erinnerungsfrieden entsteht nicht durch Vergessen und nicht durch Generationenwechsel. Er entsteht durch eine Kultur der Ambivalenz, durch Erzählen statt Aburteilen und durch die Anerkennung, dass biografische Wahrheit und politische Bewertung keine Gegensätze sein müssen.