Der Aufbau des Ministeriums für Staatssicherheit war untrennbar mit der Biografie eines Mannes verbunden, der Sicherheit als totale Kontrolle definierte und Misstrauen zur Staatsräson erhob.
Wer in den späten Jahren der DDR an das Ministerium für Staatssicherheit dachte, hatte oft nicht nur eine bürokratische Institution vor Augen, sondern ein Gesicht. Erich Mielke verkörperte über Jahrzehnte hinweg den Sicherheitsapparat des Arbeiter- und Bauernstaates. Seine Amtszeit, die sich von den späten fünfziger Jahren bis zum Zusammenbruch 1989 erstreckte, prägte die innere Verfasstheit der DDR maßgeblich. Dabei war Mielke nicht nur Verwalter eines Geheimdienstes, sondern der Architekt eines Systems, das den Anspruch erhob, alles zu wissen, um alles zu verhindern. Die Zentrale in der Berliner Normannenstraße wurde zum Nervenzentrum einer Organisation, die ihre Effizienz nicht an der Kriminalitätsbekämpfung maß, sondern an der Durchdringung der Gesellschaft.
Der Weg dorthin begann weit vor der Staatsgründung der DDR. Mielke, geprägt vom proletarischen Milieu des Berliner Wedding und den gewalttätigen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik, verinnerlichte früh ein Freund-Feind-Schema, das keinen Raum für Graustufen ließ. Die Ermordung zweier Polizisten am Bülowplatz 1931, an der er beteiligt war, und die anschließende Flucht in die Sowjetunion markierten Zäsuren. In Moskau durchlief er die Schule des sowjetischen Geheimdienstes. Diese Jahre im Exil formten sein Verständnis von Loyalität und Disziplin. Die dort erlernte Paranoia, die ständige Wachsamkeit gegen innere und äußere Feinde, sollte später zur DNA des MfS werden.
Nach rk 1945 ging es nicht nur um den Aufbau einer Polizei, sondern um die Sicherung der noch jungen politischen Ordnung. Das MfS, das 1950 gegründet wurde, entwickelte sich unter Mielkes Einfluss stetig weiter. Es verstand sich als „Schild und Schwert der Partei“. Diese militärische Terminologie war kein Zufall, sondern Programm. Sicherheit wurde militärisch gedacht, Gesellschaft als ein Schlachtfeld, auf dem der Klassengegner ständig präsent war – sei es durch westliche Spionage oder durch ideologische Diversion im Inneren. Mielkes Doktrin lautete, dass man Gefahren erkennen müsse, bevor sie entstünden.
Dies führte zu einer präventiven Überwachungsstrategie, die in den siebziger und achtziger Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Das Netz der Inoffiziellen Mitarbeiter wurde so engmaschig geknüpft, dass es tief in das private Leben der Bürger hineinreichte. Vertrauen wurde zu einer knappen Ressource. Die Strategie der „Zersetzung“ zielte darauf ab, oppositionelle Gruppen oder kritische Einzelpersonen psychologisch zu destabilisieren, ohne sie notwendigerweise strafrechtlich zu belangen. Es war eine leise Form der Repression, die oft unsichtbar blieb, aber nachhaltige Schäden in den Biografien der Betroffenen hinterließ. Die Angst, die dieses System erzeugte, war kein Nebenprodukt, sondern ein kalkuliertes Herrschaftsinstrument.
Doch die Obsession mit der totalen Kontrolle trug den Keim des Scheiterns in sich. Je mehr Daten gesammelt, je mehr Berichte geschrieben wurden, desto weniger schien die Führung über den tatsächlichen Zustand des Landes zu wissen. Die Berichte, die auf Mielkes Schreibtisch landeten, spiegelten oft die Erwartungshaltung der Führung wider, nicht die Realität in den Betrieben und Wohnzimmern. Als im Herbst 1989 die Menschen auf die Straße gingen, versagte der gigantische Apparat. Die Angst, die das System stabilisiert hatte, wich einer kollektiven Entschlossenheit. Mielkes Unverständnis über diese Entwicklung, das sich in seinen letzten Auftritten vor der Volkskammer zeigte, war symptomatisch für eine Führung, die den Kontakt zur Bevölkerung längst verloren hatte.
Die juristische Aufarbeitung nach 1990 nahm eine historische Wendung. Dass Erich Mielke schließlich nicht für seine Taten als Minister für Staatssicherheit, sondern für die Polizistenmorde von 1931 verurteilt wurde, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Es schloss den Kreis zu den Anfängen seiner politischen Biografie. Sein Schweigen vor Gericht und die fehlende Reue in den Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2000 zeigten einen Mann, der sein Handeln bis zuletzt als historische Notwendigkeit begriff. Er sah sich als Verteidiger einer Ordnung, deren Legitimität er nie infrage stellte.
Was bleibt, ist die Geschichte einer Institution, die zeigte, wie weit ein Staat gehen kann, um sich selbst zu schützen, und wie er dabei genau das zerstört, was er zu bewahren vorgibt: den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Aufarbeitung der Akten und die Rekonstruktion der Schicksale sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil der ostdeutschen Identitätsfindung. Das Erbe des MfS ist nicht nur in den Archiven zu finden, sondern auch in der anhaltenden Sensibilität gegenüber staatlicher Überwachung und der Frage, wie viel Sicherheit eine Freiheit verträgt.