Wer sich am Neujahrsmorgen 2026 die politische Dröhnung gab und sowohl die Ansprache von Bundeskanzler Friedrich Merz als auch die Replik von Alice Weidel ansah, der dürfte mit einem rhetorischen Schleudertrauma in das neue Jahr gestartet sein. Selten klafften Regierungsrealität und oppositioneller Machtanspruch so weit und so bizarr auseinander wie an diesem ersten Januar.
Auf der einen Seite: Der Hausmeister. Friedrich Merz wirkt nach knapp einem Jahr im Kanzleramt nicht wie der strahlende Sieger der Wahl vom Februar 2025, sondern wie der CEO eines Sanierungsfalls, der der Belegschaft in der Kantine erklären muss, warum der kostenlose Kaffee gestrichen wurde. Seine Neujahrsansprache ist ein Dokument der Desillusionierung.
Merz verkauft uns keine Träume mehr, er verkauft uns Schweiß. „Erneuerung der Fundamente“ nennt er das. Das klingt nach Staub, Lärm und Kosten. Wenn ein Bundeskanzler in einer Neujahrsansprache – einem Format, das traditionell für warme Worte und Durchhalteparolen reserviert ist – explizit die Abschaffung des Bürgergeldes und Rentenreformen als Erfolg verkauft, dann weiß man: Die Schonzeit ist vorbei. Merz setzt alles auf eine Karte. Seine Botschaft: Wir sind umzingelt von Feinden (Russland, Wirtschaftskrise), also hört auf zu jammern und fangt an zu arbeiten. „Wir sind nicht Opfer“, ruft er uns zu. Das ist der Sound der alten Bundesrepublik, der Sound von „Wir schaffen das“, nur ohne das freundliche Lächeln, sondern mit hochgekrempelten Ärmeln und Sorgenfalten.
Und auf der anderen Seite? Alice Weidel. Während Merz den Mangel verwaltet, inszeniert sie den Überfluss – zumindest an Selbstbewusstsein. Ihre Ansprache ist bemerkenswert, weil sie die Niederungen der Innenpolitik fast schon arrogant links liegen lässt. Weidel spricht nicht mehr wie eine Oppositionspolitikerin, die Anträge stellt. Sie spricht wie eine Schattenaußenministerin, die nur darauf wartet, dass die Schlüsselübergabe im Auswärtigen Amt erfolgt.
Ihr „Jahr der AfD“ ist eine Flucht nach vorn in eine geopolitische Parallelrealität. Während Merz vor der Isolation warnt, brüstet sich Weidel mit ihren „besten Kontakten“ zu Donald Trump und Viktor Orbán. Das ist der eigentlich spannende Punkt dieser Rede: Sie simuliert Regierungshandeln. Sie suggeriert, dass die wahre Diplomatie längst nicht mehr über die Botschaften läuft, sondern über die informellen Kanäle ihrer Partei. Das ist gefährlich, aber strategisch klug. Sie bietet dem frustrierten Wähler, dem Merz gerade „Blut, Schweiß und Tränen“ (oder zumindest längere Lebensarbeitszeit) versprochen hat, einen vermeintlich einfachen Ausweg: Wählt uns, dann regelt mein Freund Donald das schon.
Das Jahr 2026 beginnt also mit einer klaren Kampfaufstellung. Hier der Kanzler, der dem Land eine bittere Medizin verschreibt und hofft, dass der Patient überlebt, bevor er den Arzt wechselt. Dort die Herausforderin, die behauptet, sie habe ein Wundermittel in der Tasche, das nach Freiheit schmeckt und nichts kostet, außer der Loyalität zum Westen.
Merz setzt auf die Vernunft der Notwendigkeit. Weidel setzt auf die Verlockung des Systemwechsels. Wenn die angekündigten Landtagswahlen in diesem Jahr tatsächlich zu den „Wendemarken“ werden, die Weidel prophezeit, dann könnte es sein, dass die Deutschen am Ende der Sanierung müde sind – und sich für die Illusion entscheiden. Der Kater 2026 hat gerade erst begonnen.