Die Begegnung mit inhaftierten NS-Verbrechern im DDR-Gefängnis prägte den ideologischen Weg eines jungen Häftlings entscheidend.
Die Geschichte des DDR-Strafvollzugs ist eine Topografie des Schweigens und der Härte, die sich in den Biografien vieler Insassen tief eingeschrieben hat. Besonders die Haftanstalt Brandenburg-Görden nimmt hierbei eine Sonderstellung ein. Als eine der größten Einrichtungen des Landes, konzipiert für Häftlinge mit langen Strafmaßen, verdichtete sich hier die physische und psychische Belastung des Freiheitsentzugs auf eine Weise, die weit über das bloße Absitzen einer Strafe hinausging. Für junge politische Häftlinge, die oft mit verhältnismäßig geringen Strafmaßen in diesen Kosmos geworfen wurden, bedeutete die Konfrontation mit Schwerverbrechern und Langzeitinsassen eine Zäsur, die nicht selten in einer Radikalisierung mündete.
Der Alltag in Brandenburg war geprägt von der Architektur des 19. Jahrhunderts, einer Kälte, die sowohl von den Mauern als auch von der sozialen Struktur der Insassen ausging. Wer hier einsaß, hatte oft Strafen von zehn Jahren oder mehr zu verbüßen. Es war ein Ort für Mörder, Gewaltverbrecher und jene, die vom System als schwerste Bedrohung angesehen wurden. In diesem Umfeld galten politische Häftlinge mit Haftzeiten von zwei oder drei Jahren oft als Randerscheinung, die von der kriminellen Hierarchie kaum ernst genommen wurde. Doch gerade diese Vermischung verschiedener Häftlingskategorien schuf einen Nährboden für fatale Allianzen. In einer Umgebung, in der Isolation als Disziplinierungsmittel eingesetzt wurde und Kommunikation nur mühsam über Klopfzeichen oder durch entleerte Toilettenrohre möglich war, suchte der Geist nach Beschäftigung und Orientierung.
Eine spezifische Besonderheit des Brandenburger Gefängnisses in den späten 1980er Jahren war die Anwesenheit verurteilter NS-Kriegsverbrecher, deren Existenz in der breiten Öffentlichkeit der DDR oft nur gedämpft wahrgenommen wurde. Männer wie Heinz Barth, beteiligt am Massaker von Oradour, oder Henry Schmidt, verantwortlich für Deportationen in Dresden, saßen ihre lebenslangen Haftstrafen ab. Für junge Häftlinge, die sich bereits in Opposition zum sozialistischen Staat befanden, wurden diese Figuren paradoxerweise zu Anlaufstellen. Die ideologische Leere, die durch die Ablehnung des verordneten Antifaschismus entstand, füllte sich durch den Kontakt mit den historischen Tätern. Diese Begegnungen im Gefängnisalltag, fernab der staatlichen Kontrolle über das Geschichtsbild, fungierten als Katalysator für eine Rechtsradikalisierung, die sich in der geschlossenen Gesellschaft des Strafvollzugs ungestört entwickeln konnte.
Die Strategien, um die Haftzeit psychisch unbeschadet zu überstehen, waren vielfältig und zeugten von einem hohen Maß an Selbstdisziplin. Das Rezitieren von Gedichten, das stille Kopfrechnen oder der Versuch, den Wärtern Gespräche aufzuzwingen, dienten dazu, die geistige Regsamkeit zu bewahren. Wer sich aufgibt, so die harte Lektion des Gefängnisses, verliert die Kontrolle über die eigene Identität. Doch selbst nach Verbüßung der Strafe endete der Zugriff des Staates nicht abrupt. Die Entlassungspraxis im Herbst 1989 zeigt die Willkür der Behörden, die selbst im Niedergang des Systems an ihren Repressionsmechanismen festhielten.
Die Verweigerung eines regulären Personalausweises nach der Haftentlassung war eine bewusste Maßnahme, um die Reintegration zu verhindern und die ehemaligen Häftlinge in einem juristischen Schwebezustand zu halten. Der sogenannte Entlassungsschein, versehen mit einem Foto, markierte den Träger weiterhin als Ausgestoßenen. Diese Perspektivlosigkeit, gepaart mit der Androhung erneuter Inhaftierung, ließ oft nur den Weg in die Flucht offen. In den chaotischen Tagen des Oktobers 1989, als Züge über Prag in den Westen rollten, nutzten viele diese letzte Möglichkeit, dem Zugriff der Staatsmacht zu entkommen.
Die Ankunft im Westen, oft idealisiert als Moment des Triumphs, stellte sich für viele Haftentlassene jedoch anders dar. Es war keine reine Euphorie, sondern oft eine tiefe Überforderung. Der abrupte Wechsel von der totalen Reglementierung der Haftanstalt in eine Gesellschaft der unbegrenzten Möglichkeiten löste Desorientierung aus. Die Freiheit war kein konkretes Bild, sondern ein abstrakter Zustand, der erst mühsam erlernt werden musste. Die physische Ankunft im „Leberkäseland“ Bayern, wie es in Erinnerungen heißt, war nur der erste Schritt. Die innere Ankunft, die Verarbeitung der Haftzeit und der dort erlebten Prägungen, dauerte oft Jahre. Die Schatten von Brandenburg und die dort geschlossenen Allianzen wirkten lange nach, während der Zug längst im sicheren Bahnhof stand.