Der Zugriff des Staates auf die Biografie begann im Kleinkindalter und endete erst mit dem Eintritt ins Berufsleben, wodurch eine spezifische Erfahrung von Gemeinschaft und Kontrolle entstand.
In der Rückschau auf die Deutsche Demokratische Republik nimmt das Bildungssystem eine zentrale Rolle ein, da es wie kaum ein anderer Bereich die Durchdringung des privaten Lebens durch staatliche Strukturen verdeutlicht. Es war ein System, das vom ersten Lebensjahr bis zum Eintritt in das Berufsleben eine lückenlose Betreuung organisierte. Diese Infrastruktur, die von Krippen über Kindergärten bis zur Polytechnischen Oberschule reichte, folgte einer doppelten Logik. Einerseits war sie ökonomisch motiviert, um dem chronischen Arbeitskräftemangel zu begegnen und Frauen die volle Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Andererseits bot sie den ideologischen Rahmen, um das Heranwachsen der nächsten Generation nicht dem Zufall oder der bürgerlichen Kleinfamilie zu überlassen.
Der Alltag in den Einrichtungen war durch eine hohe Standardisierung geprägt. Bereits in den Krippen, die Ende der achtziger Jahre von über achtzig Prozent der Kleinkinder besucht wurden, herrschte ein strenger Tagesablauf. Ein oft zitiertes Beispiel für diese frühe Kollektivierung ist die Sauberkeitserziehung. Das gemeinsame Sitzen auf der Topfbank war nicht nur eine hygienische Maßnahme, die Zeit und Windeln sparte, sondern auch eine erste Einübung in den Rhythmus der Gruppe. Individuelle Bedürfnisse hatten sich dem Takt des Kollektivs unterzuordnen. Diese Synchronisation funktionierte technisch effizient, hinterließ jedoch Fragen nach den Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung und das Verständnis von Individualität.
Mit dem Eintritt in die Schule verschärfte sich der politische Anspruch. Die Polytechnische Oberschule, die alle Kinder gemeinsam bis zur zehnten Klasse besuchten, garantierte zwar eine hohe Durchlässigkeit und verhinderte frühe soziale Segregation, war aber gleichzeitig ein Instrument der Uniformierung. Lehrpläne waren zentralisiert, Abweichungen unerwünscht. Der Fahnenappell am Montagmorgen diente als wöchentliches Ritual der Unterwerfung, bei dem Lob und Tadel öffentlich ausgesprochen wurden. Das Individuum erfuhr seinen Wert primär als Teil der Gemeinschaft. Wer sich einfügte, erlebte Sicherheit und Bestätigung; wer aus der Reihe tanzte, spürte den Druck des Kollektivs und der Institution.
Eine Zäsur stellte für viele Jugendliche die Einführung des Wehrunterrichts im Jahr 1978 dar. Der Staat, der sich selbst als Friedensmacht inszenierte, verlangte von den Schülern nun den Umgang mit Waffen und militärischem Gerät. Die Widersprüchlichkeit zwischen den im Musikunterricht gesungenen Friedensliedern und dem Exerzieren auf dem Schulhof erzeugte bei vielen Heranwachsenden eine zynische Distanz. Man lernte, die geforderten Phrasen zu reproduzieren, ohne sie innerlich anzunehmen. Diese Doppelbödigkeit prägte den Alltag: Während zu Hause oft offen gesprochen wurde, herrschte in der Schule eine angepasste Sprache. Diese frühe Schulung in geistiger Flexibilität wurde zu einer Überlebensstrategie in der Diktatur.
Der weitere Lebensweg wurde ebenfalls staatlich gelenkt. Der Zugang zum Abitur und zur Erweiterten Oberschule war streng reglementiert und hing nicht allein von der Leistung, sondern auch von der sozialen Herkunft und der politischen Loyalität der Eltern ab. Die Berufsberatung orientierte sich weniger an persönlichen Neigungen als an den Erfordernissen der Volkswirtschaft. Wer studieren wollte, musste sich oft zu längeren Diensten bei der Armee verpflichten. Diese Planbarkeit des Lebens bot einerseits eine enorme soziale Sicherheit und nahm die Existenzangst, andererseits erzeugte sie ein Gefühl der Enge und Alternativlosigkeit.
Die Generation, die dieses System durchlaufen hat, trägt diese Erfahrungen bis heute in sich. Es entstand zwar nicht der idealisierte sozialistische Mensch, wohl aber ein Sozialtypus, der durch Pragmatismus und eine gewisse Skepsis gegenüber großen Ideologien und staatlichen Versprechungen gekennzeichnet ist. Die Ambivalenz dieser Erziehungserfahrung, die Wärme und Zwang gleichermaßen beinhaltete, erschwert bis heute eine einfache Bewertung. Es bleibt die Erkenntnis, dass Erziehung zwar Verhalten formen, aber innere Überzeugungen nicht dauerhaft erzwingen kann. Die Biografien der Ostdeutschen erzählen von dieser Spannung zwischen äußerer Anpassung und innerem Eigensinn.