Die zweite Schlacht um die Geschichte: Egon Krenz in der Offensive

Der Applaus brandet auf, als der Mann das Podium betritt, den sie hier, beim IV. Nationalen Denkfest, allen Ernstes den „Friedenspräsidenten“ nennen. Es ist eine Szenerie, die auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen wirkt, doch die Stimmung im Saal ist politisch hoch aufgeladen. Egon Krenz steht am Rednerpult, und schon die ersten Sätze machen unmissverständlich klar, dass dies keine nostalgische Geschichtsstunde wird, sondern eine politische Kampfansage an die heutige Deutungshoheit der Bundesrepublik.

Das Publikum, eine heterogene Mischung aus überzeugten DDR-Sympathisanten und scharfen Kritikern der aktuellen Berliner Politik, sucht an diesem Nachmittag nach Bestätigung, und Krenz liefert sie routiniert. Er spricht eindringlich von der sozialen Kälte des Westens, skizziert das Bild einer egoistischen Ellbogengesellschaft und stellt ihr die idealisierte menschliche Wärme der DDR gegenüber. Er bedient virtuos das Gefühl vieler Anwesender, deren ostdeutsche Biografien sich durch westdeutsche Eliten entwertet und verzwergt anfühlen.

Doch Krenz bleibt nicht bei der Sozialromantik stehen, sondern schlägt eine kühne Brücke zur aktuellen Geopolitik. Den Begriff des „Unrechtsstaates“ wehrt er als Delegitimierung ab und nutzt den Mythos vom „Friedensstaat DDR“, dessen Soldaten nie im Ausland kämpften, als Rampe für massive NATO-Kritik. Unter Berufung auf Egon Bahr und Gorbatschow zeichnet er das Bild eines wortbrüchigen Westens, der durch seine Osterweiterung die alleinige Schuld am Ukraine-Krieg trage, während Russland lediglich reagiere.

Besonders heikel wird es, als der ehemalige Generalsekretär zur Umdeutung des Herbstes 1989 ansetzt. Den friedlichen Verlauf der Revolution reklamiert er nicht für die Bürgerbewegung auf der Straße, sondern schreibt ihn der Besonnenheit der SED-Führung und den Sicherheitsorganen zu. Der Mauerfall erscheint in seiner Erzählung weniger als Sieg der Freiheit, sondern als bürokratischer Unfall Schabowskis oder geordnete Grenzöffnung, während das Ende der DDR als Verrat Gorbatschows dargestellt wird, der den Staat als Ballast abgeworfen habe.

Am Ende seiner Rede, die er mit einem Ausblick auf eine künftige sozialistische Gesellschaft im Stile der Pariser Kommune schließt, wirkt Krenz keineswegs wie ein geschlagener Mann. Er sieht das Scheitern der DDR als temporär an, als eine verlorene Schlacht, aber nicht als das Ende der Geschichte. Für seine Zuhörer bietet er an diesem Tag eine geschlossene Weltanschauung an, in der sie nicht die Verlierer der Geschichte sind, sondern die Bewahrer einer besseren, wenn auch gescheiterten Alternative.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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