Warum die ostdeutsche Direktheit kein Makel, sondern eine Superkraft ist

Von der Kunst, sich die Floskeln zu sparen. Eine Kolumne über Sprachbarrieren, die eigentlich gar keine sind.

Es gibt diese Momente in gesamtdeutschen Konferenzräumen, die man fast körperlich spüren kann. Ein Kollege aus dem Westen holt gerade zur großen rhetorischen Schleife aus. Er „würde gerne mal anregen“, man könne doch „eventuell perspektivisch darüber nachdenken“, ob das Projekt nicht „Optimierungspotenzial“ habe. Alle nicken höflich.

Dann meldet sich die Kollegin aus Sachsen. Sie schaut kurz auf den Tisch, dann in die Runde und sagt: „Das wird so nüscht. Das ist Murks.“

Betretenes Schweigen. War das jetzt nötig? Musste das so hart sein?
Ja, musste es. Und wer glaubt, das sei unhöflich, hat nichts verstanden.

Die zwei Sprachen der Vergangenheit

Um diese Szene zu verstehen, muss man zurückblicken in ein Land, das es nicht mehr gibt, das aber in den Köpfen weiterlebt. Die DDR war ein Staat der zwei Sprachen. Es gab das „Neues Deutschland“-Deutsch: diese hölzerne, glattgeschliffene, phrasenhafte Sprache der Macht, in der alles „planmäßig“ lief, auch wenn es im Regal nichts gab. Wer diese Sprache benutzte, wollte sich schützen oder aufsteigen. Aber er wollte keine Nähe.

Und dann gab es die andere Sprache. Die private. In der Laube, am FKK-Strand, in der Werkstatt. Dort, wo die Stasi hoffentlich nicht mithörte, fiel die Maske. Hier war Höflichkeit keine Tugend, sondern Zeitverschwendung – oder schlimmer: ein Zeichen von Distanz. Wer einem vertraute, der schenkte einem die Wahrheit, und zwar ungezuckert. Direktheit war die Währung der Freundschaft.

Als 1989 die Mauer fiel, prallten nicht nur Wirtschaftssysteme aufeinander, sondern auch Kommunikationskulturen. Der Westen brachte das Marketing, das „Framing“, die Kunst, auch schlechte Nachrichten wie ein Geschenk zu verpacken. Für viele Ostdeutsche klang (und klingt) das verdächtig. Wer zu schön redet, der hat etwas zu verbergen. Das ist kein angeborener Pessimismus, sondern empirisch gelerntes Misstrauen.

Diese ostdeutsche „Schnauze“ ist im Grunde ein hochsensibler Bullshit-Detektor. Wenn Sätze zu glatt klingen, wenn Politiker oder Chefs zu viele Worte machen, ohne etwas zu sagen, schlägt dieser Sensor aus. „Sag doch einfach, was Sache ist“, denkt der Ostdeutsche, während sein Gegenüber noch nach dem politisch korrektesten Synonym für „Problem“ sucht.

In einer Zeit, in der wir in Euphemismen ertrinken und soziale Medien uns eine weichgezeichnete Welt vorgaukeln, ist diese Ruppigkeit eigentlich ein Segen. Sie ist ein Anker in der Realität.

Die ostdeutsche Direktheit ist nicht charmant im klassischen Sinne. Sie streichelt einem nicht das Ego. Aber sie ist ehrlich. Ein „Mach dich nicht so wichtig“ ist kein Angriff, sondern eine demokratische Erinnerung daran, dass wir am Ende alle gleich sind – egal, was für ein Auto vor der Tür steht.

Vielleicht sollten wir aufhören, diese Art als „typisch ostdeutsches Jammern“ oder „mangelnde Kinderstube“ abzutun. Vielleicht ist es genau das, was wir gerade brauchen: Weniger Verpackung, mehr Inhalt. Weniger „Man könnte eventuell“, mehr „So machen wir das jetzt“.

Wenn Sie also das nächste Mal von einem Ostdeutschen scheinbar grundlos angeblafft werden, nehmen Sie es nicht persönlich. Nehmen Sie es als Kompliment. Er hält Sie für stabil genug, die Wahrheit zu vertragen. Und das ist, wenn man genau darüber nachdenkt, die höchste Form der Höflichkeit.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl