Dr. Hans-Joachim Maaz über die Wurzeln unserer Wut

Wir leisten, wir funktionieren, wir passen uns an. Doch oft ist der Preis dafür unsere seelische Gesundheit. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz diagnostiziert einer ganzen Gesellschaft einen „Gefühlsstau“. Seine These: Wer nicht liebt, muss leisten – und wer sich selbst nicht spürt, macht andere krank.

Es ist eine unbequeme Wahrheit, die Dr. Hans-Joachim Maaz ausspricht. Während wir politische Debatten führen, Kriege analysieren und über gesellschaftliche Spaltungen klagen, sieht der erfahrene Psychiater und Bestsellerautor die Ursache oft ganz woanders: im Kinderzimmer. Genauer gesagt in dem, was uns dort gefehlt hat.

Mit über 80 Jahren blickt Maaz nicht nur auf ein bewegtes Leben zwischen DDR-Karriere und Nachwendezeit zurück, sondern auch tief in die Abgründe der deutschen Seele. Sein Befund ist alarmierend: Wir leben im „Gefühlsstau“.

Der Fluch des „Sonnenscheins“
Um zu verstehen, was Maaz meint, muss man bei ihm selbst anfangen. 1943 geboren, mitten im Krieg, nannte ihn seine Mutter ihren „Sonnenschein“. Was klingt wie eine liebevolle Kosebezeichnung, entpuppte sich für den späteren Therapeuten als schweres Erbe. „Sonnenschein sein heißt, ich soll für sie da sein, damit es ihr gut geht“, reflektiert Maaz heute.

Es ist das Ur-Dilemma vieler Biografien: Das Kind wird nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern für eine Funktion. Es soll trösten, stolz machen, funktionieren. Das „Selbst“ – jenes genetische und spirituelle „Gottesgeschenk“, das wir mitbringen – wird verschüttet. An seine Stelle tritt das „Ich“: eine Konstruktion, gebaut aus Anpassung und dem verzweifelten Wunsch nach Anerkennung.

Wenn Gefühle im Stau stehen
Was passiert mit einem Menschen, der nicht er selbst sein darf? Er wird wütend. Er trauert. Er empfindet Schmerz. Doch in einer Gesellschaft, die Sätze wie „Ein Junge weint nicht“ oder „Reiß dich zusammen“ kultiviert hat, haben diese Gefühle keinen Platz.

Sie verschwinden jedoch nicht. Sie stauen sich an. Maaz beschreibt diesen „Gefühlsstau“ als eine tickende Zeitbombe. Die unterdrückte Energie sucht sich Ventile. Mal frisst sie sich nach innen und erzeugt Depressionen oder den berühmten „seelischen Infarkt“. Mal explodiert sie nach außen: in Aggression, Hass im Netz oder der Suche nach Sündenböcken. „Du bist schuld“ wird zum Leitsatz einer Gesellschaft, die verlernt hat, bei sich selbst zu fühlen.

Die Masken des Narzissmus: Größenselbst und Größenklein
Besonders spannend ist Maaz‘ Analyse, wie wir versuchen, diesen Mangel an echter Liebe zu kompensieren. Er skizziert zwei Typen, die uns im Alltag – und in der Politik – ständig begegnen:

Das Größenselbst: „Ich zeige euch, dass ich wer bin.“ Diese Menschen kompensieren ihre innere Leere durch Leistung, Macht und Status. Sie werden Chefs, Politiker, Manager. Sie wirken stark, sind aber im Kern bedürftig nach Applaus, weil sie sich selbst nicht genügen.

Das Größenklein: „Ich kann das nicht, hilf mir.“ Diese Menschen sichern sich Zuwendung durch demonstrative Hilfsbedürftigkeit.

Das Tragische: Diese beiden Typen ziehen sich oft magisch an. Die Mächtigen brauchen Bewunderer, die Bedürftigen brauchen Führung. Eine „gesellschaftliche Kollusion“, die stabil wirkt, aber krank macht.

Normopathie: Wenn das Kranke als gesund gilt
Maaz weitet den Blick vom Individuum auf das Kollektiv. Er prägt den Begriff der „Normopathie“. Wenn die Mehrheit einer Gesellschaft „falsch lebt“ – also entfremdet von ihren wahren Bedürfnissen, getrieben von Kompensation und Leistungswahn – dann wird dieses Verhalten zur Norm. Das Kranke gilt als gesund, weil es alle tun.

Politik wird in dieser Lesart oft von Menschen gemacht, die ihre eigenen frühen Verletzungen auf der Weltbühne inszenieren. Kriege und Konflikte sind für Maaz oft die ultima ratio von Menschen, die unfähig sind, sich ihren eigenen inneren Abgründen zu stellen.

Die Krise als einzige Chance
Gibt es einen Ausweg aus dem falschen Leben? Maaz ist hier illusionslos optimistisch. Freiwillig, sagt er, kehrt kaum jemand um. Solange die Kompensation funktioniert – der Erfolg stimmt, die Ablenkung wirkt –, ändern wir nichts.

Erst die Krise – der Burnout, die Krankheit, der gesellschaftliche Zusammenbruch – öffnet das Fenster zur Wahrheit. Es ist der Moment, in dem das „Ich“ scheitert und das verschüttete „Selbst“ wieder hörbar wird. Es ist ein schmerzhafter Prozess, aber der einzige Weg zur Heilung.

Dr. Hans-Joachim Maaz hält uns den Spiegel vor. Was wir darin sehen, ist oft nicht der erfolgreiche, funktionierende Bürger, sondern das verletzte Kind, das immer noch wartet, gesehen zu werden. Wer Frieden in der Welt will, so die Botschaft, muss diesen Krieg im eigenen Inneren beenden.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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