Die vergessene Bahnstrecke über die Karniner Brücke

Świnoujśće / Karnin. Ursprünglich war Usedom über die den Peenestrom querende Karniner Brücke erreichbar. Diese wurde 1945 von der SS gesprengt. Übrig blieb die Hubbrücke, die bis heute als stählernes Mahnmal im Fluss steht. Ein Wiederaufbau wurde durch die neue politische Nachkriegsordnung verhindert, denn Swinemünde wurde polnisch und die alten Verkehrsachsen zerschnitten. Wir waren auf der Strecke Ducherow–Świnoujście–Heringsdorf auf Spurensuche.

Bau und Aufstieg einer Regionalbahn
Die Ursprünge der Usedom-Bahn liegen im Knotenpunkt Ducherow an der Berlin–Stralsunder Eisenbahn. Schon früh wuchs der Bedarf an sommerlichen Strandgästen und Gütertransporten. Ab 1908 wurde die einst eingleisige Strecke zweigleisig ausgebaut und erreichte bald ihren Höhepunkt: Die 67 Kilometer führten über Rosenhagen und Karnin nach Usedom, Dargen, Ahlbeck und Heringsdorf. Ein technisches Kernstück war der Übergang über den Peenestrom bei Karnin, der bis 1933 mit einer drehbaren Konstruktion meisterhaft bewältigt wurde.

Technisches Meisterwerk: Die Hubbrücke von 1933
Im April 1933 ersetzte eine 360 Meter lange zweigleisige Hubbrücke die alte Drehbrücke. Mit zwei gigantischen Hubtürmen, die in wenigen Minuten Platz für durchfahrende Schiffe schufen, zählte die Karniner Hubbrücke zu den modernsten Bahnbrücken Europas. Für die Züge war sie eine Ader, die Usedom am Festland pulsieren ließ – wirtschaftlich, touristisch und kulturell.

Zerstörung und Brückenmahnmal
Im April 1945, kurz vor Kriegsende, sprengte die SS die festen Brückenteile der Hubbrücke, nachdem die Wehrmacht die beweglichen Segmente bereits hochgesetzt hatte, um Marineeinheiten die Flucht zur Ostsee zu ermöglichen. Seitdem thront das tonnenschwere Brückengestell als stählernes Mahnmal im Penestrom. Es erinnert an den Verlust ganzer Infrastrukturen und an den Einschnitt, den die deutsche Teilung an deutschen Verkehrsadern hinterließ.

Nachkriegsjahre: Verfall, Teilung und Rettung
Mit der neuen Grenze 1945 endete der Zugverkehr in Swinemünde, dem heutigen Świnoujście. Gleise, die einst bunte Urlauberzüge und Ostsee-Dampfbahnen getragen hatten, verwitterten. Bahnhofsgebäude zerfielen, bis 1990 ein engagierter Bürgerverein den Abriss der Karniner Brücke verhinderte. Seitdem steht sie unter Denkmalschutz und ist als Industriedenkmal Teil eines Wanderwegs geworden – ein stiller Zeuge an einer vergessenen Route.

Spurensuche heute: Bahnhöfe im Wandel

  • Karnin: Nur wenige Meter von der Hubbrücke thront das Empfangsgebäude in neuem Glanz. Freiwillige haben es denkmalgerecht saniert und kulturellen Veranstaltungen geöffnet.
  • Usedom: Das Bahnhofsareal präsentiert sich gepflegt, der Schriftzug am Dach spiegelt nostalgisches Flair. Heute dient das Gebäude als Touristeninformation und Fahrradverleih.
  • Dargen: Das ehemalige Stellwerk wurde zu einer Ferienwohnung umgebaut – wer hier logiert, schläft zwischen alten Signalhebeln.
  • Świnoujście: Das massive Backsteingebäude des einstigen Hauptbahnhofs dient heute als Lagerhalle. Die Gleisanlagen sind größtenteils zurückgebaut, nur wenige Schwellen deuten auf den einstigen Bahnverkehr hin.

Blick in die Zukunft: Reaktivierung in Sicht?
Inzwischen wird der Wiederaufbau der Verbindung über Ducherow–Świnoujście–Heringsdorf heftig diskutiert und immer wieder für machbar erklärt. Politik und Verkehrsbetriebe prüfen, ob eine moderne Fährverbindung über den Peenestrom mit integrierter Eisenbahntrasse realisierbar wäre – eine große Investition, die Usedom und Vorpommern eng vernetzen könnte. Eine Reaktivierung würde nicht nur touristische Potenziale heben, sondern auch historische Verkehrsachsen wiederbeleben.

Doch bis dahin bleibt die Karniner Hubbrücke ein stählernes Denkmal: Mahnung an Geschichte, Versprechen an künftige Generationen und Symbol für vergessene Verbindungen zwischen Ost und West.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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