Berliner Siemensbahn kehrt nach fast einem Jahrhundert zurück

Nach fast einem Jahrhundert Stille kehrt die Siemensbahn zurück in den Berliner S-Bahn-Takt. Die historische Strecke, 1929 von Siemens errichtet, um Siemensstadt an den innerstädtischen Schienenverkehr anzubinden, erlebt derzeit eine umfassende Wiederbelebung – und zwar nicht nur kulturell, sondern auch technologisch wegweisend.

Aufbruch in die Zukunft mit Blick in die Vergangenheit
Auf einer Länge von 4,5 Kilometern schlängelt sich die alte Siemensbahn von Siemensstadt über Wernerwerk bis zum Endbahnhof Gartenfeld. An vier Stationen – darunter die denkmalgeschützten Haltepunkte Siemensstadt und Wernerwerk – und entlang eines imposanten Stahlviadukts haben Ingenieurinnen und Ingenieure in den vergangenen zwei Jahren akribisch gearbeitet. Ziel: Erhalt der historischen Bausubstanz und gleichzeitiger barrierefreier Ausbau für den modernen S-Bahn-Betrieb.

„Ein echtes Leuchtturmprojekt für Berlin – hier trifft Industriedenkmal auf Cutting‑Edge‑Technologie“, erklärt Projektleiterin Dr. Claudia Kramer von der Ingenieurgemeinschaft Krebs & Kiefer.

Digitale Präzision per BIM
Im Zentrum der Baumaßnahmen steht Building Information Modeling (BIM): eine digitale Planungsmethodik, die weit über klassische 3D‑Modelle hinausgeht, indem sie semantische Informationen in jedes Bauelement integriert. Um den historischen Bestand millimetergenau abzubilden, setzten die Vermessungsteams von GI Consult Laser­scan-Verfahren ein. Die erzeugten Punktwolken ergänzten sie durch Detailvermessungen mit Messschiebern – bis in feinste Ritzen und Fugen.

  • Level of Detail 300–400: Diese Detailtiefe erlaubte es Statik‑ und Denkmalpflegerteams, Entscheidungen auf einer belastbaren Datengrundlage zu treffen.
  • IFC‑Standard & BCF‑Schnittstelle: Durch die Nutzung offener Austauschformate wurde eine „Single Source of Truth“ geschaffen, die alle Projektbeteiligten – von Allplan- über Revit- bis Desite‑Nutzern – auf eine gemeinsame Datengrundlage bringt.

„BIM ist für uns keine Luxusoption, sondern essenziell, um frühzeitig Konflikte wie Kollisionen zwischen Gleisbett und Bahnsteigkante zu erkennen“, so BIM‑Koordinator Markus Hennecke von Sveco.

Praxisbeispiel Wernerwerk
An der denkmalgeschützten Bahnsteigkante des Wernerwerks zeigte sich der Mehrwert: Abweichungen in Länge, Abstand zum Gleis und Höhenlage wurden im digitalen Modell sichtbar, noch bevor der erste Spatenstich erfolgte. Die Folge: eine präzise Nachkorrektur der Pläne – mit deutlich geringerem Aufwand und Kosten.

„Solche Anpassungen wären ohne BIM erst beim realen Bau aufgefallen. Dann stünden wir vor echten Herausforderungen – und Mehrkosten in Millionenhöhe“, betont Hennecke.

Ein „Marathon“ für Beteiligte und Umwelt
Der offizielle Baustart datiert auf Herbst 2022; seitdem arbeiten Ingenieure, Denkmalpfleger und Ämter im Dauerlauf, um das Projekt rechtzeitig an den Start zu bringen. Dafür wurden lokale Nachunternehmer eingebunden, Planungsbüros kooperieren länderübergreifend, und die Berliner Senatsverwaltung steuert das Vorhaben als Teil des I 2030‑Programms zur Stärkung der Hauptstadtinfrastruktur.

Neben dem technischen Prestige winkt ein handfester Umweltnutzen: Die Reaktivierung nutzt vorhandene Schienenkapazitäten, verlagert Pendlerströme zurück auf die Schiene und verringert den Autoverkehr in Siemensstadt und Umgebung. Ein Beitrag zur Mobilitätswende, der auch an Klima- und Flächenverbrauchs­zielen anschließt. Für die Projektpartner ist die Siemensbahn mehr als eine Bauaufgabe – sie ist eine Blaupause für künftige Sanierungen denkmalgeschützter Bahnanlagen in Deutschland:

„Dieses Projekt ist unsere neue Best‑Practice‑Methode. Hier lernen unsere Teams, wie moderne Infrastrukturentwicklung funktioniert: digital, kollaborativ, ressourcenschonend“, resümiert Dr. Kramer.

Wenn im kommenden Jahr die ersten S‑Bahnzüge über das historische Viadukt rollen, wird Berlin nicht nur ein Stück Industriegeschichte wiederbeleben, sondern auch demonstrieren, wie digitale Spitzentechnologie und Denkmalschutz Hand in Hand gehen können. Die Siemensbahn erwacht neu – und weist zugleich den Weg in ein vernetztes, nachhaltiges Bahnzeitalter.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl