Ein Gigant erhebt sich: Die Disney Adventure verlässt Wismarer Werft

Nach Jahren des Stillstands wird eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt fertiggestellt – ein technisches und symbolisches Ereignis für die Region.

Wismar/MV. Noch steht sie verborgen in der riesigen Werfthalle – eingerüstet, abgeschottet, streng bewacht. Doch wenn alles nach Plan läuft, wird sich am 19. April 2025 die Hallentür der MV Werften in Wismar öffnen und ein Schiff von beeindruckenden Ausmaßen und bewegter Geschichte ans Tageslicht treten: die „Disney Adventure“.

Ein Kreuzfahrtschiff als Politikum
Ursprünglich von der Genting Group, einem südostasiatischen Tourismuskonzern, in Auftrag gegeben, sollte das Schiff einst das Flaggschiff einer neuen Serie von Luxuslinern werden – gefertigt an den Standorten Rostock, Stralsund und Wismar. 2019 wurde das Projekt mit Stolz der Öffentlichkeit präsentiert. Beim Tag der offenen Tür strömten Tausende Neugierige in die Werfthallen. Besonders eindrucksvoll: die Verschleppung des 219 Meter langen Mittelschiffs von Rostock nach Wismar – eine technische Meisterleistung, die weltweit Beachtung fand.

Doch dann kam die Pandemie – und mit ihr das wirtschaftliche Aus. Genting meldete Insolvenz an, das Schiff lag plötzlich brach. Zurück blieb ein fast fertiger Koloss aus Stahl, dessen Zukunft ungewiss war.

Disney übernimmt – und schließt die Hallen
In einem stillen Deal übernahm schließlich der Disney-Konzern das Projekt. Gerüchten zufolge zu einem Bruchteil der ursprünglichen Baukosten. Es war eine überraschende Wende – vom asiatischen Freizeitgiganten zum amerikanischen Familienunterhaltungskonzern. Doch Disney brachte nicht nur Geld, sondern auch einen rigorosen Kommunikationsstil mit. Bilder aus dem Inneren der Werft? Verboten. Interviews mit den Mitarbeitenden? Undenkbar. Seither wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit weitergebaut – von einem Spezialteam der Meyer Werft aus Papenburg.

Nur am Außenbereich der Werft ließ sich der Fortschritt erahnen: fertig montierte Rettungsboote, eingerüstete Schornsteine, Kranarbeiten am Kai.

Der große Moment
Jetzt steht die Ausbringung des Megaschiffs bevor. Offiziell bestätigt ist der Termin nicht – doch hinter vorgehaltener Hand gilt der 19. April 2025 als gesetzt. Dann soll der Kreuzfahrtriese millimetergenau aus der Halle manövriert und ans Ausrüstungskai verholt werden. Technisch aufwendig, logistisches Großprojekt – und nicht zuletzt ein hochemotionaler Moment für die Werftarbeiter und die Stadt.

Die Region ist in Aufruhr: Wismar TV, TV Schwerin und MV1 bereiten eine Live-Berichterstattung vor. Drohnenflüge, Interviews, Hintergrundgeschichten – der Auslauf der „Disney Adventure“ soll zu einem medialen Großereignis werden.

Ab Dezember auf Weltreise
Läuft alles wie geplant, wird die „Disney Adventure“ im Dezember 2025 ihren Heimathafen in Singapur anlaufen – von dort aus kreuzt sie durch Südostasien, mit Entertainment-Angeboten, Themenrestaurants und Showbühnen, die die Handschrift des Disney-Imperiums tragen.

Für die Menschen in Wismar, Rostock und Stralsund bleibt sie jedoch weit mehr als ein Kreuzfahrtschiff. Sie ist Symbol für einen Traum, der beinahe zerbrach – und für eine Region, die sich trotz Rückschlägen nicht unterkriegen lässt.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl