Fahrgastverband PRO BAHN Thüringen zum Brombeer-Koalitionsvertrag

Der Fahrgastverband PRO BAHN Thüringen hat sich zum am 22. November vorgestellten Koalitionsvertrag des geplanten Dreierbündnisses von CDU, BSW und SPD geäußert. Die Bilanz des Verbandes fällt überwiegend positiv aus, insbesondere in Bezug auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im Land.

„Der Koalitionsvertrag enthält einige vielversprechende Ansätze für die Weiterentwicklung des Nahverkehrs. Ein besonders begrüßenswerter Punkt ist die geplante Prüfung der Einrichtung einer eigenständigen Nahverkehrsgesellschaft“, erklärte PRO BAHN Thüringen. Diese Maßnahme wird als notwendig erachtet, um den Nahverkehr auf der Schiene besser zu organisieren und effizienter zu gestalten. Die positiven Erfahrungen mit ähnlichen Institutionen in Sachsen-Anhalt und Bayern geben Anlass zur Hoffnung.

Die Weiterentwicklung von Bus und Bahn ist jedoch vor allem mit einer Verbesserung der Infrastruktur verbunden. „Die Koalition hat erkannt, wie wichtig es ist, die Fördermittel des Bundes für den Ausbau von Nahverkehrsinfrastruktur stärker zu nutzen“, so der Fahrgastverband. Insbesondere das „GVFG-Bundesprogramm“ für den Ausbau und Neubau von Schieneninfrastruktur stellt eine wichtige Finanzquelle dar, die nun verstärkt in Anspruch genommen werden soll. PRO BAHN erwartet, dass die neue Landesregierung zeitnah entsprechende Projekte auswählt, zur Förderung anmeldet und mit dem Bau beginnt.

Auch in Bezug auf den Fernverkehr wurden im Koalitionsvertrag positive Signale gesetzt. Das Bekenntnis zum Erhalt aller InterCity-Linien wird als Reaktion auf die mögliche Abkopplung Thüringer Städte vom Fernverkehrsnetz verstanden. „Die drohenden Kürzungen im Fernverkehr müssen entschlossen abgewendet werden“, fordert PRO BAHN. Die Landesregierung müsse auf Bundesebene und gegenüber der Deutschen Bahn (DB) entschieden für den Erhalt des InterCity-Netzes eintreten und nachhaltige Lösungen finden.

Ein weiteres zentrales Thema des Koalitionsvertrages ist der Ausbau der Mitte-Deutschland-Verbindung (MDV). Die Koalitionspartner bekennen sich zu einer Fertigstellung bis 2030. „Damit dies gelingt, muss bis Ende 2025 die Finanzierungsvereinbarung zwischen Bund und DB abgeschlossen werden“, so PRO BAHN. Das Projekt konkurriert jedoch mit anderen internationalen Vorhaben, die bereits in der Umsetzung sind, weshalb der Verband eine rasche Einigung auf politischer Ebene fordert.

Auch der Ausbau landesbedeutsamer Buslinien und die Verbesserung der Infrastruktur in ländlichen Regionen, wie der Ausbau von Bahnhöfen und Haltestellen, wurden im Koalitionsvertrag thematisiert. Diese Maßnahmen sollen die Erreichbarkeit des ländlichen Raums verbessern und konkrete Vorteile für die Fahrgäste bringen. PRO BAHN erwartet, dass die neue Landesregierung in diesem Bereich schnell aktiv wird.

Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Der Koalitionsvertrag enthält keine Verpflichtung, die vom Bund bereitgestellten Regionalisierungsmittel für den Nahverkehr auf der Schiene stärker mit Landesmitteln zu ergänzen. Thüringen schneidet hier im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders schlecht ab. „Es ist zwar richtig, sich auf Bundesebene für eine Erhöhung der Regionalisierungsmittel einzusetzen, aber einen besseren Nahverkehr wird es nur geben, wenn auch das Land mehr Mittel bereitstellt“, betont PRO BAHN.

Insgesamt zeigt sich der Fahrgastverband optimistisch, dass der Koalitionsvertrag einen positiven Einfluss auf die Weiterentwicklung des öffentlichen Nahverkehrs in Thüringen haben könnte. PRO BAHN wird die Umsetzung der Maßnahmen kritisch und konstruktiv begleiten und sich weiterhin für eine Verbesserung des Verkehrsangebots im Land einsetzen.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl