Offener Brief von Hans-Eckardt Wenzel an die Mitarbeiter des Werk 2 in Leipzig

Im Werk 2 in Leipzig fand im Januar 2024 ein ausverkauftes Konzert von Wenzel und seiner Band statt. Nach dem Auftritt erhielten die Musiker jedoch eine schriftliche Mitteilung von den Veranstaltern, dass sie zukünftig nicht mehr dort auftreten dürfen. In Reaktion darauf verfasste der Künstler Hans-Eckardt Wenzel einen offenen Brief an die Mitarbeiter des Werk 2 in Leipzig, der nachfolgend im original Wortlaut nachgelesen werden kann: 

Nach meinem letzten Konzert bei Euch habt Ihr beschlossen, einen weiteren Auftritt von mir zu untersagen. Im Klartext: ein Auftrittsverbot, weil (ich zitiere aus Eurem Schreiben) »die getroffenen Aussagen und vermeintlichen Scherze unserem (also Eurem) Selbstverständnis als Haus und soziokulturellen Zentrum konträr entgegenstehen und für uns (also für Euch) trotz allem Verständnis von Kunstfreiheit nicht akzeptabel sind«. Und da haben wir es auch schon: Eure Absage wäre keine Zensur, noch widerspreche sie der Kunstfreiheit. Mit diesen Taschenspielertricks konnte ich schon in der DDR meine Erfahrungen sammeln. Auch dort gab es keine offizielle Zensur, aber besorgte Bürger, die meine Auftritte zu verhindern wussten. Die Gründe, die Ihr für ein Verbot anführt, will ich kurz zitieren, in der von Euch gebrauchten Sprache.

1. »verfälschende Glorifizierung der DDR-Vergangenheit« (Was wisst Ihr über die DDR? Eigene Erfahrung? Oder das Spezialwissen der Zugereisten?)

2. »positiver relativierender Bezug zu Putin« (diese Sprachkonstruktion ist mir besonders ans Herz gewachsen, sie zeugt von intellektueller Schärfe! – Dass es diesen Präsidenten auf der real existierenden Erde gibt und dass man auch mit ihm reden muss, soll der Krieg beendet werden – ist das schon ein Vergehen?)

3. »über sensiblen Sprachgebrauch amüsiert« – also über das Gendern, Ihr fordert mich auf, »die Verwendung von rassistischen Wörtern und Sprachmustern zu überdenken« … (Der – offensichtlich auch rassistische – deutsche Rat für Rechtschreibung lehnt das Gendern ab. Aber ich verweise auch gerne auf meine Essays und Interviews, in denen Ihr andere Argumente finden könntet. Lesen bildet! Eine Sprache, die nicht mehr für die Poesie gebraucht werden kann, ist eine ideologische, eine bürokratische Sprache. So sehr Ihr dennoch daran hängen mögt, ist das schon ein Grund für ein Auftrittsverbot?)

4. »Eine Besucherin hat sogar unter Tränen die Halle verlassen.« Hatte sie vielleicht Liebeskummer? Vielleicht eine Depression? Vielleicht ist ihr jemand auf den Fuß getreten? Diese Dame wird zu Eurem Maßstab und nicht die 461 anderen Zuhörer. Sprecht Ihr für die, die zu Euch kommen? Sind die in Euren Augen dümmer als die eine Frau, die gegangen ist – und niemand weiß, warum? Müsst ihr die 461 schützen vor mir? Euch sei es »wichtig (…), dass sich ALLE Besucher:innen bei uns wohlfühlen. Die Vielzahl verstörender Äußerungen seitens Wenzel hat jedoch zum Gegenteil geführt«. Stellt Ihr Euch die Frage, warum die anderen 461 Zuschauer nicht gegangen sind und warum sie mehrere Zugaben verlangten? Und habt ihr vergessen, dass ich Ihnen am Ende dafür gedankt habe, dass sie es – im Unterschied zu Euch – ertragen konnten, Gedanken zu hören, die vielleicht nicht die Ihren sind, und dass wir eine Demokratie nur am Leben halten können, wenn wir diese Kunst des unideologischen Zuhörens wieder erlernen. Das habt Ihr nicht gehört, weil sich Eure Wahrnehmung auf Reizworte konzentriert. Und so fühltet Ihr Euch als moralische Avantgarde; zusammengekauert nach dem Konzert, aus Furcht, irgendwie mit uns in Verbindung gebracht zu werden, war nicht mal mehr ein »auf Wiedersehen« möglich. Nein, das hat Euch getroffen, nicht das Publikum, und auch, diesen Punkt Eurer Anklage will ich nicht verschweigen, dass ich Witze gemacht habe. Das Komische macht sich über falsche Gewissheiten und hohle Macht lustig. Wer sich nicht anzweifeln kann, versteht es nicht. Für den gibt es Comedians. Schließlich habe ich Witze gemacht:

5. »über die Gefahren der Coronapandemie und über nonbinäre Personen …«

Eure Gründe für mein Auftrittsverbot auflistend, kommt es mir vor, als würde ich das Inhaltsverzeichnis des »Handbuchs der Verschwörungstheorien« kopieren. Ich bin erschrocken, wie gut Ihr das schon gelernt habt, ohne genau hinzugucken, verbarrikadiert in Echokammern, die nun aus dem Netz in die Wirklichkeit übergehen, dass Ihr nur noch hören und denken könnt, was Reizworte in Euch auslösen, wie Algorithmen von Suchmaschinen oder Geheimdiensten, die nicht auf Zusammenhänge achten, auf Gestus oder Duktus, sondern nur auf das verteufelte Wort, das doch noch in der Kunst eindeutig zu sein habe, wie die Zahlen. Was bleibt übrig mit so einer Weltsicht, frage ich. Moralisch überheblich sucht Ihr in der Realität nach den Ausnahmen, die Eure Haltung so bestätigen, wie Ihr selbst es für richtig haltet. Könnt Ihr nur Euch selbst ertragen?

Ich schreibe Euch nicht deshalb so ausführlich, weil ich Hoffnung hätte, Eure Meinung zu ändern oder um mich über Euch zu erheben, ich schreibe deshalb so ausführlich, weil es mir die Gelegenheit gibt, über das tieferliegende Problem nachzudenken, es kenntlich zu machen für die anderen Fälle, die es schon gibt und die noch kommen werden – vor allem aber, weil ich diese Art von Banausentum nicht unwidersprochen hinnehmen will. Die Existenz und vor allem die gnoseologische Funktion der Künste stehen auf dem Spiel, und diese Gesellschaft ist gerade dabei, diesen kulturellen Schatz zu verspielen. Ihr spielt da mit! Ich schreibe es, weil ich Eure Haltung und meine Entgegnung genau deswegen öffentlich machen muss. Im Klartext natürlich, weil es nicht mehr anders geht: Diese um sich greifende selbstgefällige Arroganz ist moralisch offerierter Gesinnungsstalinismus. Mit einem einzigen Augenschlag, ohne tiefgreifende Analyse werden auf diese Weise Gedanken oder Kunstwerke kriminalisiert oder mit einem gesellschaftlichen Bann versehen. Habt ihr nie davon gehört, dass die Suche nach Wahrheit ein schmerzhafter Prozess ist? Nicht vergleichbar mit einem woken Wellnessprogramm? Wahrheit lebt von Provokation und Widerspruch, lebt vom Dialogischen, Fehler oder Irrwege eingeschlossen, Experimente jeglicher Art, denn die Dummheit erkennt man daran, dass der und die Dumme glauben, alles schon zu wissen. Ich möchte Euch warnen, weil es sein könnte, dass Ihr mit Eurem selbstgerechten Hochmut nicht für das einsteht, für das Ihr glaubt einzustehen: eine gerechtere Gesellschaft. Das, was Ihr befördert und herausfordert, ist der Dogmatismus eines geschlossenen Systems. Derweil stirbt die Erde vor unseren Augen und will uns nicht mehr ertragen, unser ökologisches Desaster; derweil krepieren Männer, Frauen, Söhne, Kinder und Soldaten in den Kriegen, die sich immer mehr vermehren, aber großen Gewinn bringen den Konzernen und Großmächten. Derweil erodiert die politische Kultur unseres Landes, geraten wir in Notstände, wenn wir nicht unsere Widersprüche friedlich lösen können. In meinem Konzert waren dies die Hauptthemen, nicht die Eurer Liste. Es geht darum, Kräfte zu entfesseln, dass wir zu unseren Erfahrungen stehen können, dem Liebeskummer und dem Weltschmerz, dass wir nicht verlernen, über die Dummheit zu lachen. Vielleicht kann ich Euch anregen, darüber nachzudenken und in anderen Fällen eine weisere Position einzunehmen.

Wenzel, Berlin im April 2024

hier geht es zum Originalbeitrag auf der Webseite des Künstlers: KLICK

Staatliche Repression und die Punkszene in der DDR der achtziger Jahre

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn der eigene Lebenslauf zur staatlichen Zielscheibe wird, hinterlässt das Spuren, die weit über das Ende eines politischen Systems hinausreichen und tief in die privaten Biografien einschneiden. Teaser: Es begann oft mit einem Geräusch, das nicht in die Welt des real existierenden Sozialismus passte, und einem Bild, das die graue Uniformität der DDR-Städte störte. Wer in den frühen achtziger Jahren durch Berlin-Mitte oder Leipzig lief, konnte sie sehen: Jugendliche, die sich mit Kernseife die Haare zu Stacheln formten und Sicherheitsnadeln durch ihre Kleidung stachen. Für die meisten Passanten war es nur eine bizarre Modeerscheinung, ein kurzes Aufbäumen pubertärer Rebellion. Doch für diejenigen, die diese Jacken trugen, wurde es schnell zu einer existenziellen Entscheidung, die ihr gesamtes Leben verändern sollte. Die Punks in der DDR gerieten in eine Maschinerie, die darauf ausgelegt war, Abweichungen nicht zu tolerieren, sondern zu vernichten. Was als Spiel mit Symbolen begann, endete für viele in den Verhörräumen der Volkspolizei oder den Zellen der Staatssicherheit. Der Staat nutzte Gesetze wie den Paragraphen 249, um einen ganzen Lebensentwurf zu kriminalisieren. Wer anders aussah, bekam keine Arbeit. Wer keine Arbeit hatte, galt als asozial und wurde bestraft. Es war ein geschlossener Kreislauf, aus dem es kaum ein Entrinnen gab, außer durch Anpassung oder Flucht in den Westen, oft freigekauft durch die Bundesrepublik. Doch die tiefsten Wunden schlug oft nicht der Gummiknüppel der Polizei, sondern der Verrat im eigenen Umfeld. Die Strategie der „Zersetzung“ zielte darauf ab, das Vertrauen innerhalb der Gruppen zu zerstören. Freunde wurden gegen Freunde ausgespielt, Gerüchte gestreut, Biografien im Stillen manipuliert. Wenn man heute, Jahrzehnte später, auf diese Zeit blickt, sieht man nicht nur die politische Dimension des Widerstands, sondern vor allem die menschliche Tragödie dahinter. Viele, die damals in der ersten Reihe standen, haben den Preis dafür ihr Leben lang bezahlt – mit gebrochenen Karrieren, zerstörten Beziehungen und dem Wissen, dass die Überwachung bis in das eigene Schlafzimmer reichte. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die staatliche Reaktion auf Jugendkulturen in der DDR zeigt exemplarisch, wie ein politisches System an seine Grenzen gerät, wenn es Individualität als Sicherheitsrisiko begreift. Teaser: Der Umgang der DDR-Führung mit der Punkszene in den achtziger Jahren war weit mehr als ein gewöhnlicher Generationskonflikt; er war der Ausdruck eines tiefsitzenden Systemfehlers. Ein Staat, der den Anspruch erhob, die Zukunft der Jugend perfekt geplant zu haben, konnte auf die Botschaft „No Future“ nur mit Repression reagieren. Die Analyse der historischen Abläufe zeigt eine Eskalationsspirale, die vom Ignorieren über das Kriminalisieren bis hin zur psychologischen Kriegsführung reichte. Dabei nutzte der Apparat alle ihm zur Verfügung stehenden juristischen und operativen Mittel. Der Paragraph 249 StGB wurde zum universellen Werkzeug, um Lebensstile zu bestrafen, die nicht der sozialistischen Norm entsprachen. Parallel dazu perfektionierte das MfS die Methoden der Zersetzung, um Gruppenstrukturen lautlos zu atomisieren. Interessant ist hierbei die Rolle der evangelischen Kirche, die als einziger Akteur in der Lage war, diesen Jugendlichen einen physischen Schutzraum zu bieten. Diese Allianz zwischen Altar und Irokesenschnitt ist historisch bemerkenswert und war ein entscheidender Katalysator für die Politisierung der Szene. Wer die Dynamik des Jahres 1989 verstehen will, muss auch auf diese Nischen schauen, in denen der Widerstand lange vor den Massendemonstrationen eingeübt wurde. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Das perfideste Mittel der Repression war nicht das Gefängnis, sondern der staatlich gesäte Zweifel an der Freundschaft. Teaser: Das Ministerium für Staatssicherheit entwickelte mit der Richtlinie 1/76 ein Instrumentarium, das nicht auf physische Vernichtung, sondern auf die psychische Lähmung von „feindlich-negativen Kräften“ abzielte. Zersetzung bedeutete in der Praxis, das soziale Umfeld einer Person so zu manipulieren, dass sie orientierungslos und handlungsunfähig wurde. Besonders in der eng vernetzten Punkszene, die auf absolutem Vertrauen basierte, wirkte dieses Gift verheerend. Wenn der Verdacht im Raum steht, dass der beste Freund am Nebentisch berichtet, zerfällt der Zusammenhalt. Die Öffnung der Akten nach 1990 brachte für viele die schmerzhafte Gewissheit, dass das System tatsächlich bis in die intimsten Beziehungen vorgedrungen war. Diese Zerstörung des sozialen Gefüges ist eine der bittersten und langlebigsten Hinterlassenschaften der SED-Diktatur, die oft schwerer wiegt als die Erinnerung an polizeiliche Willkür.