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Kaderschmiede der NVA: Ein Blick in die Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden

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Dresden, eine Stadt, die nach 1945 Ort der ersten antifaschistisch-demokratischen Landesregierung war, wurde 1959 zum Sitz der höchsten militärischen Lehreinrichtung der DDR – der Militärakademie „Friedrich Engels“. Diese Akademie leistet mit der Erziehung hochqualifizierter militärischer Kader ihren Beitrag zur Verteidigung der Revolution. Erfolge der Arbeit werden mit höchsten staatlichen und militärischen Auszeichnungen gewürdigt.

Offiziere im Hörsaal
Für mehrere Jahre tauschen in der Praxis bewährte Offiziere ihren Platz in Kasernen und Ausbildungsstätten mit dem Hörsaal, um sich auf höhere Aufgaben als Kommandeure, Politarbeiter und Stabsoffiziere vorzubereiten. Die Offiziershörer gehören während ihres Studiums zur Stadt und ihren Bewohnern.

Die Erwartungen an das Studium sind vielfältig:
• Aneignung eines wissenschaftlichen Arbeitsstils, um selbständig Probleme zu erfassen und zu erschließen und später schöpferisch in der Truppenpraxis anzuwenden.
• Erlangung nicht nur militärischen Wissens, sondern auch neuer, echter Freundschaften.
• Verbesserung militärfachlicher Kenntnisse sowie Kenntnisse auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften.

Die Herkunft der Offiziershörer ist unterschiedlich; sie kommen unter anderem aus Schützentruppenteilen, Aufklärungstruppen oder Grenztruppen. Auch Offiziere der polnischen Volksarmee studierten an der Akademie.

Lehre, Forschung und Praxisbezug
Das Studium zielt darauf ab, eine solide politische und militärakademische Bildung zu vermitteln. Weltanschauliche Grundpositionen werden untermauert, ganz im Sinne des Zitats, dass die entschiedensten Kommunisten die couragiertesten Soldaten waren, das Friedrich Engels zugeschrieben wird. Die militärische Pflicht wird selbstverständlich als Klassenauftrag der Partei verstanden. Die deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft und die Freundschaft zwischen den sozialistischen Völkern und Armeen bestimmen Denken, Fühlen und Handeln.

Die Akademie betrachtet die umfangreichen neuen Anforderungen zur Erhöhung der Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft als direkte Herausforderung für ihre Tätigkeit in Erziehung, Lehre und Forschung. Die Durchsetzung der Wissenschafts- und Hochschulpolitik der Partei und der Befehle des Ministers für Nationale Verteidigung sind dabei ausschlaggebend. Ein gemeinsames Verständnis des Lehrkörpers für die Bedeutung des wissenschaftlichen Vorlaufs wird als Schlüsselfrage betrachtet.

Lehr- und Forschungsmethoden umfassen traditionelle Planbesprechungen, aber auch den Einsatz moderner Rechentechnik und computergestützte Ausbildung. Praxisnahe Simulationen, etwa einer Luftlage in der Sektion Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, vermitteln reale Vorstellungen möglicher Kampfhandlungen. Die Beherrschung automatisierter Führungssysteme erfordert schnelles und exaktes Denken im Dialog mit moderner Technik. Ein Höhepunkt des Studiums ist das Kriegsspiel, ein „ernstes Spiel“, bei dem Offiziershörer aller Sektionen mit realen Bedingungen konfrontiert werden. Dabei wird auch die zentrale Rechenstation zur Berechnung der Gefechtsmöglichkeiten und zur Erarbeitung optimaler Varianten einbezogen. In der Sektion Landstreitkräfte hat die Ausbildung im Gelände ein spezielles Gewicht.

Wissenschaftliche Arbeit hat einen hohen Stellenwert. Publikationen, Anschauungstafeln, Modelle und wissenschaftliche Exponate gehören dazu. Die Militärakademie verfügt über eine Bibliothek mit 250.000 Büchern, Mikrofiches und 500 Periodika zu Geschichte, Weltstand und Entwicklungstendenzen in Gesellschaft und Militärwesen. Ein Gipfelpunkt wissenschaftlicher Bemühungen ist die Promotion. Die meisten Promotionen vor dem wissenschaftlichen Rat der Militärakademie führen zum akademischen Grad eines Doktors der Militärwissenschaften, aber auch Promotionen zum Dr. phil. und Dr.-Ing. sind möglich. Forschungsergebnisse sollen in der gesellschaftswissenschaftlichen Weiterbildung der Offiziere und der Traditionsarbeit genutzt werden. Viele Dissertationen und Neuerungen werden in enger Kooperation mit der Industrie bearbeitet.

Zusammenarbeit und Erholung
Die Akademie pflegt engen Kontakt zu Bruderarmeen und deren Akademien durch Austausch von Lektoren. Auch zu zivilen Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie zur Industrie bestehen enge Kontakte. Im Patenbetrieb begegnen sich keine Fremden, was ein Merkmal der Armee und ihrer Geschichte ist.

Neben Lehre und Forschung gibt es vielfältige Möglichkeiten für Erholung und Entspannung. Gäste vom Staatstheater der Garnisonsstadt treten auf.

Abschluss und Zukunft
Nach dreijährigem Studium erfolgt die Diplomvergabe. Die Absolventen sind aufgefordert, sich in ihrem Verantwortungsbereich mit all ihrem Wissen und Können und revolutionärer Leidenschaft an die Spitze des Kampfes um eine weitere Erhöhung der Kampfkraft, Gefechts- und Einsatzbereitschaft zu stellen, damit diese unter neuen Kampfbedingungen immer vollwertig ist.

Die erworbenen Kenntnisse befähigen zur Arbeit in höheren Kommandeursdienststellungen. Zukünftige Aufgaben umfassen Positionen wie Stabschef einer Schiffsabteilung, Stellvertreter des Kommandeurs für Technik und Bewaffnung eines Truppenteils, Stellvertreter des Kommandeurs für politische Arbeit in einem Artillerieregiment oder Stellvertreter des Kommandeurs für Ausbildung eines Truppenteils.

Bei einem traditionellen Empfang im Staatsrat durch Genossen Erich Honecker wird das Versprechen bekräftigt, welches die Absolventen bei der Entgegennahme ihrer Diplome gaben: „Ich diene der deutschen demokratischen Republik“.

Die Absolventen der Militärakademie, erkennbar am roten Akademieabzeichen, sind überall in den Führungsorganen der Landesverteidigung zu finden und prägen das militärische Geschehen der DDR.

Kommunismus und Demokratie: Ein schwieriges Verhältnis mit überraschenden Wendungen

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Die Geschichte kommunistischer Parteien und ihr Verhältnis zur Demokratie ist komplex und nicht einheitlich, wie die jüngsten Einblicke eines Experten nahelegen. Entgegen der Vorstellung, dass alle kommunistischen Parteien einem strikten Modell folgten, gab es erhebliche Unterschiede in ihrer innerparteilichen Willensbildung.

Partei oder Herrschaftsapparat?
Ein wesentlicher Unterschied zeigte sich zwischen Parteien, die im demokratischen Wettbewerb standen, und solchen, die zum Herrschaftsapparat wurden. Während Parteien wie die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) oder die Kommunistische Partei Italiens (KPI) sich in ihrer internen Struktur kaum von liberalen oder sozialdemokratischen Parteien unterschieden, organisierten sich Herrschaftsapparate fundamental anders. Sie verloren den Charakter einer Partei und strukturierten sich hierarchisch wie Behörden. Das sogenannte „demokratische Zentralismus“ in diesen Systemen hatte laut Quelle wenig mit Parteien im eigentlichen Sinne zu tun, sondern beschrieb die Organisationsform eines Herrschaftsapparates, der faktisch das Wahlprinzip abgeschafft hatte. Dies zeigt, was aus einer Partei wird, wenn sie sich in Bürokratie verwandelt.

Für Kommunisten, die von der Diktatur träumten, konnte die liberale Demokratie nur ein Mittel zum Zweck sein. Es gab jedoch wichtige Ausnahmen. Kommunistische Parteien wie die KPI und die KPF machten „ihren Frieden mit der Demokratie“ und träumten nicht mehr von der Diktatur des Proletariats. Sie waren sogar an Regierungen beteiligt, ohne dass es zu Revolutionen oder ähnlichem kam.

Der sozialdemokratische Weg
Große Sozialdemokraten wie Karl Kautsky und Eduard Bernstein erkannten schon Ende des 19. Jahrhunderts, dass sie den Sozialismus auf legalem Weg durch Wahlen erreichen konnten. Dies war ein entscheidender Grund, warum sie sich von Gewalt und Diktatur abwandten. In Deutschland war die SPD im Kaiserreich die stärkste Partei im Parlament und hatte daher wenig Anlass, weiter von der Diktatur zu träumen. Sozialistische Parteien konnten von der Demokratie profitieren, da ihre Attraktivität es ihnen ermöglichte, ihre Ziele durch Wahlen und Überzeugung zu erreichen. Westeuropäische kommunistische und sozialistische Parteien versöhnten sich letztlich mit der liberalen Demokratie, was als Erfolgsgeschichte bezeichnet wird.

Die Spaltung zwischen sozialistischen und kommunistischen Bewegungen entstand, weil die Sozialdemokraten erkannten, dass sie durch demokratischen Wandel mehr erreichen würden als durch revolutionäre Unruhen oder Gewalt. Sie arrangierten sich mit dem Staat, während der radikale Flügel die Idee verfolgte, soziale Probleme endgültig lösen zu können. Die demokratischen Sozialisten konzentrierten sich stattdessen auf die systematische Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter durch Einhaltung von Recht und Gesetz und unter demokratischen Bedingungen.

Krieg, Krisen und der Nährboden für Radikalität
Der Erste Weltkrieg führte zu einer Verrohung und Gewalt, die dem kommunistischen Radikalismus neue Nahrung gab. Die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre boten Kommunisten und Faschisten, den Gegnern der Sozialdemokraten, die Gelegenheit, den Sozialdemokraten (oft in Regierungen) Versagen vorzuwerfen. Diese Ideologien hatten Erfolg, weil sie in einer Zeit operierten, die von den schrecklichen Folgen des Krieges geprägt war – Millionen Tote, Verstümmelte, Traumatisierte. Für viele Menschen war das parlamentarische System in dieser Zeit kein Ort, an dem ihre Wünsche oder Ressentiments eine Antwort fanden. Faschisten und Kommunisten gaben das Stichwort, dass man das Elend hinter sich lassen und eine Welt schaffen könne, in der Probleme für immer gelöst werden.

Langfristig setzten sich jedoch die Sozialdemokraten durch, indem sie zeigten, dass Sozialismus und liberale Ordnung einander nicht ausschließen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa wird als das sozialdemokratische Zeitalter bezeichnet.

Kommunismus als Modernisierungsideologie in Entwicklungsländern
Der Nährboden, auf dem kommunistische Parteien auch heute noch gedeihen, ist die soziale Frage. Ihre Bedeutung in Ländern wie Indien oder Lateinamerika hängt damit zusammen, dass die liberale Demokratie bestimmte soziale Fragen nicht gelöst hat. Die repräsentative Demokratie kann die Begüterten, Gebildeten und Einflussreichen bevorzugen und könnte im späten 19. Jahrhundert sogar als Instrument gedient haben, um die Volksmassen zu „betrügen“, indem sie nur über die Elite abstimmen konnten, aber kaum Einfluss auf ihren Alltag hatten. Für Menschen in extremer Armut ohne soziale Sicherung hilft ein Kreuz alle vier Jahre wenig.

Kommunismus präsentiert sich dort als Bewegung, die die repräsentative Demokratie in eine direkte Demokratie verwandelt, was äußerst attraktiv ist. Er ist eine Modernisierungsideologie, die verspricht, dass der Staat nicht rückständig bleiben muss und alle am Wohlstand teilhaben werden. Diese Idee hat ihre Sprengkraft nicht verloren, besonders in Ländern mit prekären Bedingungen. Das Wahlrecht allein ist nicht entscheidend; wichtig ist, was zwischen den Wahlen passiert und wer die Herrschaft ausübt. Daher wird die Geschichte des Kommunismus als nicht zu Ende betrachtet.

Gewalt: Bedingt durch die Umstände?
Die Gewalt und Diktatur, die oft mit dem Kommunismus assoziiert werden, kommen laut Quelle möglicherweise nicht aus der Ideologie selbst. Das friedliche Engagement der italienischen und französischen Kommunisten in der Demokratie deutet darauf hin. Stattdessen wird die Gewalt damit in Verbindung gebracht, dass Kommunisten paradoxerweise nicht in Industrieländern an die Macht kamen, sondern in Entwicklungsländern. Dies geschah oft durch Eroberung oder war in Ländern wie China, Vietnam, Kuba etc. verankert.

Diese Regime wurden zu Erziehungsdiktaturen, weil ihnen die notwendigen Bedingungen fehlten, um den Sozialismus zu entfalten: keine Infrastruktur, keine Kommunikationsstrukturen und keine zivile Gesellschaft, die sich gegen den Staat hätte organisieren können. Dies gab den Herrschern extreme Macht. Die Gewalt resultierte auch aus den gigantischen Aufgaben, wie der schnellen Umwandlung eines Agrarlandes in einen Industriestaat, und dem Fehlen von Widerstand gegen diese „absurden Vorstellungen“. Bureaukratische Institutionen, Infrastruktur und zivile Strukturen werden als Barrieren gegen Tyrannei gesehen. Die Tragik des Kommunismus liegt darin, dass er ausgerechnet dort verwirklicht wurde, wo solche Strukturen fehlten. Es hat weniger mit dem Kommunismus an sich zu tun, als mit den Bedingungen seiner Verwirklichung.

Lernen in der Demokratie
Kommunistische Parteien, die in Demokratien Wahlen gewinnen, aber keine absolute Mehrheit erreichen, verwandeln sich mit der Zeit tendenziell in sozialdemokratische Parteien, weil sie Erfolg haben. KPF und KPI werden am Ende als sozialdemokratisch bezeichnet. Sogar die Linkspartei in Deutschland sozialdemokratisiere sich. Sie erkennen, dass Revolution in Ländern mit funktionierender Zivilgesellschaft und bürgerlichen Strukturen unrealistisch ist und zur Marginalisierung führt.

Der Vorteil von Demokratien ist, dass man lernen kann. Man kann Ideen ausprobieren und sehen, ob sie funktionieren. In autoritär regierten Staaten fehlt diese Möglichkeit; die Opposition weiß, dass sie nur durch Revolution an die Macht kommt. Richard Pipes schlug vor, wenn Lenin und die Bolschewiki in der Duma beteiligt gewesen wären, hätte man sie schnell „entzaubern“ können, indem sie die Probleme hätten lösen müssen. Parteien werden radikaler, wenn sie wissen, dass sie ohne Revolution nie an die Macht kommen. Dissidentenbewegungen in Diktaturen sind oft weltfremd, weil ihnen die Praxis fehlt. Italienische und französische Kommunisten hatten das Privileg, in einer pluralistischen Gesellschaft zu arbeiten und mussten ihre Ideen den Wählern erklären, wobei sie lernten, dass bestimmte Konzepte wie die Diktatur des Proletariats nicht überzeugen. Das Lernen in der Demokratie, wie am Beispiel der deutschen Sozialdemokraten und des Godesberger Programms gezeigt, ermöglichte die Anpassung von Ideen, die nicht funktioniert haben. Gewalt und Terror entstehen dagegen oft in despotischen Kontexten, wo Ausprobieren unmöglich ist.

Mecklenburgische Seenplatte: Wasserwunderwelt der Stille und Natur

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Die Mecklenburgische Seenplatte, oft gepriesen als das „Land der tausend Seen“, bietet mehr als nur malerische Landschaften. Eine ausdrucksstarke Beschreibung wirft ein Licht auf ein tiefgreifendes Erlebnis, das Besucher hier mit der Natur eingehen können – ein Eintauchen, das Körper und Seele gleichermaßen berührt.

Im Zentrum steht die unmittelbare Begegnung mit dem Element Wasser. Es wird berichtet, wie das Wasser einen umgibt. In dieser Umarmung des Wassers stellt sich eine bemerkenswerte Stille ein. Man fühlt sich schwerelos, in einem Zustand, in dem Alles so ist, wie man es sich wünscht. Diese Erfahrung ermöglicht ein Aufgehen in der Natur, man kann ein Teil von ihr sein.

Beim Schwimmen nach oben taucht man ein in das, was poetisch als eine „1000 seengroße Wasserwunderwelt“ bezeichnet wird. Hier verbindet sich die Wassererfahrung mit dem Blick nach oben: Der Blick fällt in den Himmel und enthüllt ein Sternenmeer.

Doch die Mecklenburgische Seenplatte ist nicht nur ein Ort der individuellen Naturbetrachtung, sondern auch der Gemeinschaft. Die Abende werden oft bei Lagerfeuerlicht verbracht, wo man die nächste Kanutour erträumt. Es ist ein Ort, an dem man mit den Menschen, in deren Mitte man weilt, Lebenszeit, Lebensraum und Lebenstraum teilt.

Die Landschaft selbst ist von der Präsenz des Wassers geprägt: Alle Wege, die man geht, sind von Badestellen gesäumt. Die Weite der Müritz wird ebenso erwähnt wie eine allgemeine romantische Ruhe, die über der Region liegt. Die Fortbewegung im Wasser wird als Mitfließen mit der Strömung beschrieben, was zu dem eindrücklichen Gefühl führt, Ein See zu werden.

Das Bild eines Floßes, das durchs Wasser schwebt, fängt die Gelassenheit der Bewegung auf dem Wasser ein, wo Alles seinen Lauf nimmt. Spontaneität gehört ebenso dazu, symbolisiert durch das einfache Springen ins Wasser und das anschließende Auftauchen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Quelle ein sehr persönliches und intensives Bild der Mecklenburgischen Seenplatte zeichnet – als eine Wasserwunderwelt der Stille und der tiefen Verbindung zur Natur, die Raum für individuelle Erlebnisse, aber auch für geteilte Momente der Ruhe und Zukunftsplanung am Lagerfeuer bietet.

Das Ministerium für Staatssicherheit: Schild und Schwert der SED und „Meister der Angst“

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Die DDR ist Geschichte, doch ihr Überwachungsapparat, das Ministerium für Staatssicherheit – kurz Stasi genannt – wirft bis heute lange Schatten. Während der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik war wenig über die genauen Arbeitsweisen dieser Geheimpolizei bekannt, doch nach dem Fall der Mauer offenbarte sich das volle Ausmaß ihrer Tätigkeit. Bei der Besetzung der Stasi-Zentrale in Berlin entdeckten Bürgerrechtler und Bürger Berge von Akten: 111 Regalkilometer Schriftstücke, über 30.000 Video- und Audio-Dokumente sowie rund 41 Millionen Karteikarten zeugen von der beispiellosen Überwachung.

Die Stasi agierte als mächtiges Werkzeug der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und wurde daher auch als das „Schild und Schwert der Partei“ bezeichnet. Ihr oberster Auftrag war es, über alles Bescheid zu wissen, denn die Devise lautete: „Wissen ist Kontrolle, Kontrolle ist Macht“. Das MfS hatte die Aufgabe, Gegner der Parteidiktatur zu überwachen und zu bekämpfen – oder zumindest diejenigen, die sie dafür hielten. Dies betraf politisch auffällige Bürger, Oppositionsgruppen, aber auch eigene Parteimitglieder und staatliche Behörden wurden kontrolliert.

Das Ziel war klar: Jede Herausforderung des SED-Führungsanspruchs sollte bereits im Keim erstickt werden. Wer einmal unter Verdacht geriet, wurde gnadenlos unter die Lupe genommen. Eine Familie, die einen Ausreiseantrag stellte, erlebte beispielsweise, wie sie von morgens bis abends bespitzelt wurde, wobei immer dasselbe Auto hinter oder vor ihnen fuhr – ein deutliches Zeichen der Überwachung im Rahmen eines sogenannten operativen Vorgangs.

Die Stasi verfügte über ein riesiges Netzwerk an Mitarbeitern. Neben über 90.000 hauptamtlichen Kräften, was statistisch einem Mitarbeiter auf 180 DDR-Bürger entsprach (ein im internationalen Vergleich außergewöhnlich hoher Wert), gab es eine weitaus größere Zahl inoffizieller Mitarbeiter (IM). Zuletzt waren dies rund 100.000 Personen, die eine schriftliche, konspirative Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit der Stasi getroffen hatten. Die Rekrutierung erfolgte nicht immer freiwillig; neben versprochenen Karrierevorteilen und Geldzahlungen spielte auch Erpressung eine Rolle. IMs konnten Nachbarn sein, wie im Fall der bespitzelten Familie, von denen einer bekanntermaßen bei der Staatssicherheit arbeitete und sogar unbemerkt die Wohnung betrat.

Der Überwachungsgrad war extrem hoch. Das MfS baute die Staatssicherheit flächendeckend aus und steigerte den Grad der verdeckten Überwachung. Unter dem Spitznamen „Horch und Guck“ betrieb die Stasi eine regelrechte Rundum-Überwachung. Mitarbeiter setzten Wanzen und Kameras ein, kontrollierten Post und Telefon, befragten Nachbarn und durchsuchten Wohnungen. Privatsphäre war ein Fremdwort. Die Stasi agierte dabei jenseits von Rechtsstaatlichkeit und unter Missachtung von Menschen- und Bürgerrechten.

Zu den Spezialgebieten des MfS gehörte die „operative Psychologie“, die auf die gezielte psychische Beeinflussung des Verhaltens bestimmter Personen abzielte. Die Stasi kalkulierte sogar die Wachsamkeit der Bürger ein, um sie gezielt einzuschüchtern. Die grundlegende Methode des MfS war die sogenannte „Zersetzung“. Man versuchte auf alle Fälle zu verhindern, dass sich oppositionelle Gruppen manifestieren konnten, indem man sie vereinzelt. Zudem wurden besonders aktive Mitglieder verunsichert, indem man sie in den Geruch brachte, selbst für das MfS zu arbeiten. Offene und versteckte Drohungen, oft bezogen auf die Familie und Kinder, gehörten ebenfalls zum Repertoire.

Es war nicht schwer, der Stasi aufzufallen. Eine kritische Aussage über das System, provokante Kunst, Literatur oder Musik, eine andere sexuelle Orientierung und grundsätzlich alles, was zu sehr nach westlicher Lebensweise aussah, machte die Stasi misstrauisch. Stasi-Chef Erich Mielke, der unter Erich Honecker ins Politbüro aufstieg und als „Meister der Angst“ beschrieben wird, hatte einen so großen politischen Machtrahmen, dass sich selbst Parteifreunde nicht sicher fühlten.

Die Schlagkraft des MfS reichte weit. Mielkes Männer stellten die Passkontrolleure an den Grenzübergängen, musterten Wehrpflichtige, sandten Spione in den Westen und unterstützten sogar Sportvereine wie den BFC Dynamo Berlin. Sie hatten die Macht, Einfluss auf fast alle wichtigen Lebensentscheidungen der Bürger zu nehmen.

Mit den Demonstrationen im Herbst 1989, bei denen Rufe wie „Stasi raus“ erschallten, begann das Ende des Überwachungsapparates. Günther Siegel, ein Stasi-Mitarbeiter in Mühlhausen, beschreibt die Situation Ende Oktober 1989 als äußerst beklemmend, als Demonstranten vor seiner Kreisdienststelle standen – eine Situation, die er in über 30 Dienstjahren noch nie erlebt hatte. Nach dem Mauerfall begann das MfS, Akten zu vernichten, auch die Umbenennung in „Amt für Nationale Sicherheit“ im November 1989 änderte wenig. Die Auflösung der Stasi verlief schleppend.

Der Protest der Bürgerrechtsgruppen gipfelte am 15. Januar 1990 in der Erstürmung der Berliner Stasi-Zentrale, der letzten Bastion des SED-Staates. Diese Besetzung gilt als wesentlicher Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung und trieb die Auflösung der Staatssicherheit sowie die Schaffung eines Gesetzes zur Behandlung der Stasi-Unterlagen maßgeblich voran.

Seit 1992 können Betroffene auf Basis des Stasi-Unterlagengesetzes ihre persönlichen Akten einsehen. Millionen Menschen haben bereits von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, um die Wahrheit über die Überwachung und die Rolle von Spitzeln im eigenen Umfeld zu erfahren. Die erhaltenen Dokumente bleiben ein einzigartiges Zeugnis der Methoden und des Ausmaßes der Staatssicherheit in der DDR.

Plauen 1989/90: Vom „Brodeln“ zum Hotspot der friedlichen Revolution

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Plauen, Ende der 1980er Jahre: Die Lage in der Stadt im Vogtland war angespannt. Die Versorgungslage wurde als kritisch beschrieben, insbesondere bei Südfrüchten und Luxusgütern, die im Gegensatz zur Hauptstadt Berlin kaum erhältlich waren. Nur etwa 30 Kilometer von der westdeutschen Grenze entfernt, konnten die Einwohner Westfernsehen empfangen, was die Situation zusätzlich beflügelte. Man wusste, was es im Westen gab und was dort los war, hatte aber keine Möglichkeit, die kurze Distanz zu überbrücken und beispielsweise die Partnerstadt Hof zu besuchen.

Bereits 1984 rollte eine große Ausreisewelle auf Plauen zu, bei der viele Menschen gruppenweise ihre Ausreise beantragten und die Stadt verließen. Die Unzufriedenheit wuchs, auch die Lage in den Betrieben verschärfte sich nach dem Parteitag 1987. Reformen nach dem Vorbild von Glasnost und Perestroika aus der Sowjetunion wurden in der DDR nicht übernommen, was die Lage in Grenznähe wie in Plauen weiter verschärfte. Die 1987 geschlossene Städtepartnerschaft mit Hof trug paradoxerweise zur tragischen Situation bei. Nur prominente Plauener wie der Oberbürgermeister konnten davon profitieren; normale Bürger konnten nicht nach Hof reisen, was zusätzlichen Frust erzeugte.

Das Jahr 1989 begann aufregend für die Plauener Bevölkerung. Angesichts der Kommunalwahlen im Mai schloss sich eine Gruppe junger Menschen um die Markuskirche zusammen, um die Wahl zu überwachen. Bei Wahlen in der DDR wurden typischerweise Prozentsätze um 99 Prozent erzielt, was bekanntermaßen nicht der Realität entsprechen konnte. Die Wahlbeobachter in Plauen stellten fest, dass die veröffentlichten Zahlen nicht mit ihren Aufzeichnungen übereinstimmten. Plauen befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer einmaligen Situation innerhalb der DDR. Bürger schlossen sich zusammen, starteten einen Aufruf und erklärten die Wahlen für betrogen. Dies wurde sofort geleugnet, und die Staatssicherheit nahm ihre Arbeit auf.

Im Sommer 1989 nutzten viele Plauener ihren Urlaub in Ungarn. Als Ungarn seine Grenzen Richtung Österreich öffnete, flüchteten zahlreiche Plauener in den Sommermonaten über Ungarn in die Bundesrepublik. Es waren Arbeitskollegen, Freunde, Nachbarn, Bekannte – Plauen leerte sich. Nachdem die Grenze nach Ungarn komplett geschlossen worden war, versuchten viele Plauener ihr Glück über die Botschaft in Prag. Die Prager Botschaft war vollkommen überfüllt.

Am 30. September 1989 teilte die Agentur mit, dass die Menschen aus der Botschaft ausreisen dürften. Die Züge wurden über das Gebiet der DDR abgeleitet. Am 1. Oktober fuhren diese Züge mit Ausreisewilligen, oft auch Plauenern, durch Plauen. Der Bahnhof war von Transportpolizei und Kampfgruppeneinheiten abgeriegelt. Man merkte, dass es brodelte in Plauen – sieben Tage später stand der 40. Jahrestag der DDR an.

Kurz vor dem 40. Jahrestag gab es mehrere Aufrufe zu Demonstrationen in Plauen. Es gab zwei Aufrufe: einen von ausreisewilligen Plauenern für 9 Uhr morgens und einen von Plauener Bürgern für 15 Uhr. Die Staatssicherheit hatte sich darauf eingestellt, erwartete jedoch nicht das Ausmaß, das dies in Plauen annehmen würde – und das war erschreckend.

Am 10. Oktober 1989, nach 15 Uhr, verlor die Staatsmacht in Plauen die Kontrolle über ihr gesamtes Vorgehen. Circa 15.000 Menschen gingen in Plauen auf die Straße, und niemand hatte mit einem solchen Menschenandrang gerechnet. Plauen entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt zu einem Hotspot der friedlichen Revolution. Plauener Bürger nahmen das Zepter in die Hand, besorgten sich in der Stadtverwaltung Informationen und äußerten, welche Richtung sie für Plauen für gut hielten. Eine der großen Forderungen war die Reisefreiheit. Man wollte endlich die Partnerstadt Hof besuchen können.

Ende Oktober brachte die DDR-Regierung ein vorläufiges Reisegesetz heraus, das jedoch so schlecht gemacht war, dass die Bevölkerung noch mehr dagegen auf die Straße ging. Zu dieser Zeit waren samstags teilweise bis zu 25.000 Menschen in Plauen auf der Straße. Und dann kam der 9. November: Die DDR öffnete ihre Grenzen. Erstmalig konnten Plauener Menschen besuchen, die nur 30 Kilometer entfernt wohnten. Es war ein Freudenfest für beide Seiten. Man konnte zum ersten Mal ohne Einschränkungen den anderen Teil Deutschlands erleben und kennenlernen.

Die ersten geöffneten Grenzübergänge in der Nähe waren Hirschberg (Autobahn A9) und Gutenfürst (Zug). Sehr schnell wurden weitere Grenzübergänge geöffnet. Bereits am 12. November wurde der Grenzübergang B173 (vermutlich Töpen/Hof) geöffnet, und es begann die Arbeit an der Öffnung der Autobahn A72 Richtung Hof. An einem Tag fuhren teilweise 30.000, 40.000, ja 50.000 Menschen über diese Übergänge. Es gab Tage, an denen 600.000 Menschen in Hof waren – etwa das Zehnfache der Stadt Hof – unvorstellbar, wie das damals war.

Der Dezember 1989 war ebenfalls ein aufregender Monat für Plauen. Am 6. Dezember besetzte das Bürgerkomitee die Staatssicherheitszentrale in der Gabelsbergerstraße. Dort fand man außer Waffen nichts mehr – die Akten waren bereits nach Karl-Marx-Stadt transportiert und verbrannt worden. Doch der Dezember hatte auch Positives: Am 24. Dezember öffneten sich die Grenzen auch in die andere Richtung. Erstmalig durften Menschen aus der Bundesrepublik ohne Pass, ohne Zwangsumtausch und ohne Visum nach Ostdeutschland in die DDR einreisen. Die Freude war groß, viele empfanden es als Weihnachtsgeschenk. Man ging auf die Straße und begrüßte sie, und der Wunsch nach Wiedervereinigung wurde immer größer.

Man begann, das Emblem aus der DDR-Flagge auszuschneiden. Plauen war eine der ersten Städte, in denen der Wunsch nach Wiedervereinigung überdeutlich aufkam. Die Demonstrationen liefen bis März 1990 weiter, bis zu den ersten freien Wahlen. Der Wunsch nach Wiedervereinigung wuchs von Demonstration zu Demonstration.

1990 war ein aufregendes Jahr für Deutschland. Am 1. Juli fand die Währungsunion statt – die DDR-Mark verlor ihre Gültigkeit, die D-Mark kam in die Geschäfte. Es war absehbar, dass die DDR keinen Bestand mehr haben konnte. Und so trat die DDR am 3. Oktober der Bundesrepublik Deutschland bei.

Ein großes Fest zur Wiedervereinigung fand in Gutenfürst statt. Tausende Plauener machten sich mit einem Sonderzug und Autos auf den Weg dorthin, um zusammen mit den Hofern (die ebenfalls mit Sonderzügen kamen) die Wiedervereinigung im ehemaligen Grenzbahnhof Gutenfürst zu feiern. Der Grenzbahnhof, der komplett seinen Schrecken verloren hatte, war ein optimaler Ort, um die Wiedervereinigung beider Staaten, aber auch der beiden Städte Hof und Plauen zu feiern.

Die bewegte Geschichte der deutschen Seebäder an der Ostsee

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Die Vorstellung, sich in die kühlen Fluten der Ostsee zu stürzen, mag heute für viele ein Synonym für Urlaubsfreude sein. Doch die Beziehung der Menschen zum Meer war lange von Furcht geprägt. Selbst Küstenbewohner mieden das Wasser, Aberglaube über Seeungeheuer und die Gefahr des Ertrinkens hielten die Menschen fern. Strände lagen jahrhundertelang leer und verlassen da. Das Leben an der Küste war für seine Bewohner vor allem hart und beschwerlich. Doch dies sollte sich Ende des 18. Jahrhunderts grundlegend ändern.

Die Geburtsstunde in Heiligendamm
Die Geschichte der deutschen Seebäder beginnt offiziell im Jahr 1793 in Heiligendamm an der Ostsee. Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin gründete hier das erste deutsche Seebad. Dieser wilde Küstenabschnitt vor den Toren Doberans wurde „Heiliger Damm“ genannt. Schon 50 Jahre später entwickelte sich hier die „weiße Stadt am Meer“. Samuel Gottlieb Vogel, der Leibarzt des Herzogs, war maßgeblich daran beteiligt, indem er 1793 Adelige zur heilsamen Wirkung des Meerwassers überredete. Gebadet wurde allerdings nicht in Doberan, sondern im näher am Meer gelegenen Heiligendamm. Die Idee, das Meerwasser zur Kur zu nutzen, gewann Verbreitung, nachdem der englische Mediziner Richard Russell 1753 eine Doktorarbeit über dessen Wirkung veröffentlicht hatte. Deutsche Leibärzte begannen daraufhin, adligen Herrschern eine Kur im Meer zu raten. Das „Planschen in der See“ wurde schnell zum Trend unter Adligen.

Adel, Etikette und strenge Regeln
Innerhalb von nur 20 Jahren entstanden weitere Badeorte an der Ostsee wie Travemünde, Boltenhagen, Warnemünde und Grömitz. Adelsfamilien ließen sich Logierhäuser und Schlösser erbauen. Bald folgte dem Adel das Großbürgertum. Die Aussicht auf ein Bad lockte die feine Gesellschaft ans Meer. Der Aufenthalt diente nicht nur der Gesundheit, sondern war auch ein sommerliches Stelldichein des deutschen und osteuropäischen Adels und später des Großbürgertums.

Das Badeleben war zunächst streng reglementiert. Hofrat Samuel Vogel erließ Baderegeln. So durfte niemand im Zustand beträchtlicher Ermattung kalt baden, musste ausgeruht sein und sich erst abkühlen. Gebadet wurde von Badekarren aus. Diese wurden rückwärts ins Wasser geschoben, sodass die Gäste sittsam bekleidet eintauchen konnten. Die Kleidung spielte eine immense Rolle. Ein häufiger Kleidungswechsel unterstrich den Wohlstand. Ganzkörperbedeckung war anfangs für Frauen Pflicht, was durch schwere Stoffe sogar zu Rettungseinsätzen führen konnte. Eine strikte Trennung der Geschlechter war vorgeschrieben. Auch beim Spaziergang über die Kurpromenade oder dem Besuch des Lesesaals war elegante Kleidung erforderlich. An der Badehose war der soziale Rang schließlich nicht erkennbar – man wusste nicht, ob es der Graf oder sein Diener war. Die Seebäder waren auch ein wichtiger Heiratsmarkt. Mütter versuchten, ihre Töchter an „einen Herrn von Rang“ zu vermitteln, und in manchen Saisons wurden Dutzende Ehen gestiftet.

Die „Weiße Stadt am Meer“ und ihre Architektur
Schon 50 Jahre nach der Gründung Heiligendamms entwickelte es sich zur „weißen Stadt am Meer“. Das 1816 errichtete Kurhaus prägte den Stil. Die Inschrift „Heic te laetitia invitat post balnea sanum“ – „Frohsinn erwartet dich hier, entsteigst du gesundet dem Bade“ – wurde zum Motto. Nach und nach entstanden Logierhäuser, Villen und Cottages. Die sogenannte Bäderarchitektur, die sich vor allem in den Kaiserbädern Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin, sowie in Binz und Kühlungsborn findet, ist berühmt. Es ist eine Mischung aus Klassizismus, Renaissance und Jugendstil. Diese Architektur entstand, als das Großbürgertum die Seebäder entdeckte und sich prächtige Sommerresidenzen bauen ließ. Sie ist verspielter und reicher an Zierrat als Stadtarchitektur und Ausdruck des Wunsches, Freizeit zu verbringen und sich etwas leisten zu können.

Der unverzichtbare Strandkorb
Ein ikonisches Möbelstück deutscher Strände erblickte 1882 in Warnemünde das Licht der Welt. Der kaiserliche Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann erfand den Strandkorb. Der Legende nach baute er den ersten Korb für Elfriede Maltzahn, die an Rheuma litt und Sonne und Strand genießen wollte, ohne sich zu verkühlen. Bartelmanns Erfindung verbreitete sich schnell und schützte nicht nur vor Wind und Kälte, sondern bot auch praktischen Nutzen, etwa zur Aufbewahrung von Habseligkeiten. In Deutschlands ältester Strandkorbmanufaktur in Heringsdorf wird dieses Möbelstück bis heute in Handarbeit gefertigt und ist für Tausende Euro zu haben. Der Strandkorb ist bis heute eine Besonderheit heimischer Strände.

Vom Eliten-Treffpunkt zum breiteren Publikum
Über lange Zeit tummelten sich Hochadel und Großbürgertum in den Seebädern, die Verweildauer betrug oft sechs bis acht Wochen. Später kamen mittelständische und kleinbürgerliche Kreise hinzu, aber es handelte sich noch nicht um Massentourismus. Mit der Ausweitung des Publikums, etwa in Orten wie Sellin auf Rügen, erlangten auch neue Seebäder Bedeutung. Der Tourismus brachte Fortschritt. Sellin erhielt schnell getrennte Bäder für Herren, Damen und Familien. Mit Anbauten an die Seebrücke wie Musikpavillon und Lesehalle kam Glamour auf. Sellin galt als familienfreundlich, hier suchte man nicht Stars und Prominente, sondern fand schnell Spielkameraden am Strand.

Liberalisierung des Badelebens und neue Berufe
Langsam liberalisierte sich das Badeleben, insbesondere in den 1920er-Jahren. In Familienbädern wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Die Bademode wurde lockerer und tolerierte nackte Haut. Damen konkurrierten in unterschiedlichen Kreationen, Klassiker wie das zweiteilige Trikot mit Häubchen kamen in Mode. Für die Herren wurde die Mode freizügiger, sie trugen Trikots mit Einblicken auf den Oberkörper. Der Berliner Maler Ernst Heilemann, bekannt als „Zille von Bansin“, hielt die Badeszenen humorvoll fest. Seine Darstellungen der üppigen Badenixen sorgten im prüden wilhelminischen Preußen sicher für Aufregung. Allerdings schritt der Staat auch regulierend ein: 1932 fand Preußen die Mode zu freizügig, und der „Zwickel-Erlass“ schrieb einen Badeanzug vor, der Brust und Leib bedecken und mit einem Zwickel versehen sein musste. Mit weniger Stoff fielen zumindest am Strand auch Standesdünkel.

Die 20er-Jahre brachten auch die wachsende Bedeutung von Freizeitsport und Spiel. Der Aufenthalt am Meer diente nun auch der Körperertüchtigung. Tennis, Golf und Pferdesport waren in Seebädern, die etwas auf sich hielten, fast immer anzutreffen. Die Rennbahn in Heiligendamm-Doberan ist die älteste auf dem europäischen Festland, Pferderennen fanden hier schon früh statt und regelmäßig bis 1939.

Ein neuer Beruf entwickelte sich durch den Zustrom der Touristen: der Strandfotograf. Hans Knospe in Sellin wurde in den 20er-Jahren zur Legende. Er verkaufte Urlaubsandenken auf steifem Karton, bezahlbar auch für die kleinen Leute. Knospe war Fotograf, Animateur, Entertainer. Er musste nicht wasserscheu sein, obwohl er nie schwimmen lernte. Sein Geschäft boomte, er hatte Angestellte. Der „Eisbärenfotografie“, bei der ein Angestellter im Eisbärenkostüm die Gäste auf der Seebrücke empfing, war in den 20er-Jahren in Mode.

Politische Schatten und dunkle Zeiten
Doch die 20er-Jahre waren nicht nur unbeschwert. Politische Konflikte machten sich bemerkbar. Am Strand wurden nicht nur Strandburgen und -körbe mit Flaggen dekoriert, sondern auch politische Gesinnung gezeigt. Viele Fahnen des Kaiserreiches waren zu sehen. Eine Minderheit wagte es, Schwarz-Rot-Gold, die Farben der Weimarer Republik, zu hissen und musste mit Reaktionen wie Fahnenklau oder Pöbeleien rechnen. Entspanntes, liberales Strandleben gab es nicht für jedermann. Bereits lange vor der Machtergreifung der Nazis wurden jüdische Gäste in deutschen Badeorten verstärkt diskriminiert. Hotels wiesen sie ab, sie wurden beschimpft, und schon lange sah man den Hitlergruß in den Seebädern. Der Bäderantisemitismus prägte sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in einzelnen Seebädern mit kleinbürgerlichem Publikum wie Zinnowitz und Borkum aus. Traditionsbäder wie Norderney und Heringsdorf galten als „Judenbäder“ wegen ihres eher internationalen Publikums und wurden verhöhnt. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Bäderantisemitismus zur alltäglichen Erscheinung in allen deutschen Seebädern.

Das normale Leben veränderte sich drastisch. Statt flanierender Gäste zogen Uniformen im Gleichschritt vorbei. Der winkende Eisbär auf der Selliner Seebrücke wich Soldaten, die von strammen Mädels verabschiedet wurden. Naziprominenz und Hitlergruß ersetzten Badespaß und Urlaubsfreuden. Sellins Seebrücke wurde als U-Boot-Anleger genutzt. Strandfotograf Hans Knospe wurde zum Chronisten dieser neuen Zeit und dokumentierte die Radikalisierung des Lebens.

Während elite Seebäder wie Heiligendamm bedenkenlos von Nazi-Größen wie Göring, Hitler und Goebbels okkupiert wurden, hatten die Nazis andere Pläne für die breite Masse. Unter dem Motto „Kraft durch Freude“ (KdF) sollte Massentourismus für jedermann ermöglicht werden. Dafür wurde in Prora auf Rügen eine gigantische Bettenburg für 10.000 Gästezimmer gebaut, die jedoch nie fertiggestellt wurde. Prora war als Vorzeigeprojekt für die Masse gedacht, während Heiligendamm die Klasse repräsentierte.

Die Zeit der Teilung und des Verfalls
Nach dem Krieg nahm die Geschichte der Seebäder in der DDR eine andere Wendung. Die SED-Führung sah private Hoteliers und Gastwirte kritisch. 1953 wurden in der „Aktion Rose“ Hotels, Pensionen und Gaststätten zwangsenteignet. Ehemalige Kurhotels wurden zu „Erholungszentren“ der Gewerkschaft. Die Ostseeküste wurde zum Grenzgebiet, und an den meisten Stränden konnte man sich nur noch tagsüber frei bewegen. Auch Strandfotograf Hans Knospe musste mit staatlichen Restriktionen leben. Seine Selliner Seebrücke, einst Wahrzeichen und „Krone von Sellin“, verfiel und wurde 1978 abgerissen, was Knospe sichtlich bewegte.

Wiedervereinigung und Wiederaufbau
Nach der Wiedervereinigung waren viele Gebäude in den Seebädern der früheren DDR dem Verfall preisgegeben. Die „weiße Stadt am Meer“ in Heiligendamm bot einen traurigen Anblick. Der Zustand war kritisch, da pflegloser Umgang und Fehlnutzung ihren Tribut forderten. Paradoxerweise half der langsame Verfall zu DDR-Zeiten den ostdeutschen Seebädern. Da das Geld für Abriss und Neubau fehlte, blieb die Bäderarchitektur überwiegend erhalten, während sie in westdeutschen Bädern in den 60er- und 70er-Jahren oft durch moderne Gebäude ersetzt wurde.

Der Wiederaufbau war eine gewaltige Aufgabe. In Heiligendamm begann die Sanierung Mitte der 90er-Jahre mit viel Pomp. Das Land investierte Millionen. Bäderarchitektur zu erhalten, kostet viel Geld. Doch die „weiße Stadt am Meer“ ist heute fast vollständig wiederhergestellt. Allerdings kämpfen einige Häuser, wie das Grand Hotel Heiligendamm (das 2012 insolvent ging), mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, da der Aufenthalt teuer ist und die Konkurrenz groß. Sellins Seebrücke wurde Mitte der 90er-Jahre dank der Bemühungen von Hans Knospe, der seine alten Fotos als Baupläne zur Verfügung stellte, wiederaufgebaut und 1998 fertiggestellt. Knospe, ältester Fotograf Deutschlands und Ehrenbürger von Sellin, erlebte dies noch mit Freude, bevor er ein Jahr später starb.

Der Sehnsuchtsort bleibt
Moderne Seebäder wie Boltenhagen locken heute internationale Gäste auch mit Sportveranstaltungen wie Segelweltmeisterschaften. Solche Veranstaltungen sind ein Segen für die Orte, bringen Aufmerksamkeit und ausgebuchte Betten.

Doch was zieht die Menschen bis heute ans Meer? Es sind vor allem Sonne, Sand und Wasser. Bewegung an frischer Luft. Und nostalgische Erinnerungen. Am Strand werden gestandene Geschäftsleute wieder zu Kindern, spielen im Sand und bauen Burgen. Die meisten Menschen sind von klein auf ans Meer gefahren, und die Rückkehr löst eine Art Regression aus – sie fallen in kindliche Schemen zurück.

Die Seebäder an Ost- und Nordsee sind heute die beliebtesten Urlaubsziele in Deutschland. Mit Millionen Übernachtungen und Tagesausflüglern pro Jahr sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ein Boom, der 1793 mit dem ersten deutschen Seebad in Heiligendamm an der Ostsee begann.

Vertrieben aus der Heimat: Eine Reise in die Vergangenheit mit Margarita Kokos

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Ústí nad Labem, das frühere Aussig an der Elbe – für Margarita Kokos ist es der Ort ihrer Kindheit, der Ort, den sie 1946 unfreiwillig verlassen musste. Geboren 1936 in dieser böhmischen Stadt, verbrachte sie dort ihre ersten zehn Lebensjahre, bevor das Ende des Zweiten Weltkriegs ihr Leben grundlegend veränderte. Was folgte, war die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten, die nun wieder zur Tschechoslowakei gehörten.

Margarita Kokos wuchs in einem Haus in der Maxstraße 159 auf, wo eine friedliche Hausgemeinschaft aus Tschechen, Deutschen und Österreichern lebte – es gab „keine Panik oder sonstiges“. Sie besuchte die Mädchenschule in Aussig. Doch nach dem Krieg, als die Tschechen das Gebiet wieder einnahmen, mussten die Deutschen gehen.

Die Entscheidung zur Vertreibung wurde von brutalen Ereignissen begleitet. Margarita Kokos erinnert sich an einen Vorfall, bei dem aus einer Richtung, wo sich möglicherweise ein Gestapo-Haus befand, in ihre Wohnung geschossen wurde, während sie aus dem Fenster rief. Die Hauswirtin zog sie schnell zur Seite. Auf der Rasenfläche vor dem Haus wurden damals auch Leute zusammengeschlagen. Nach diesem Erlebnis war klar: „hier können wir nicht mehr bleiben“. Da ihr Vater zu der Zeit noch bei der Wehrmacht war, kam die Annahme der tschechischen Staatsbürgerschaft nicht in Frage. So entschloss sich die Familie, mit einem der Transporte Aussig zu verlassen.

Die Vertriebenen wurden nach Lerchenfeld gebracht, einem Ort, der in Aussig „richtig verrufen“ war. Schon das Wort „Lerchenfeld“ auszusprechen konnte dazu führen, dass man selbst inhaftiert wurde. In Lerchenfeld wurden die Menschen registriert. Jeder durfte lediglich 50 Kilo Gepäck mitnehmen. Schmuck und Sparkassenbücher wurden abgenommen. Anschließend wurden sie in sogenannte Viehwagen verladen. Diese Züge fuhren nach ihrem Wissen acht Wochen lang durch Deutschland, da keine Stadt sie aufnehmen wollte.

Die Endstation nach dieser langen und entbehrungsreichen Reise war Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Dort kamen sie in einem Lager an, einem „Endlager“. Angesichts der wochenlangen Fahrt in den Waggons war es verständlich, dass Krankheiten auftraten. Vom Lager aus wurden die Menschen dann auf die umliegenden Dörfer verteilt. Margarita Kokos’ Vater, 1943 zur Wehrmacht eingezogen, kehrte aus Polen nicht zurück.
Besondere Schrecken rankten sich um das Lager in Lerchenfeld. Dort brachte man Männer und Frauen unter, von denen man wusste, dass sie sich während der NS-Zeit politisch betätigt oder Funktionen innehatten. Ihnen wurde, so erzählte man, nur Wasser und Brot zur Ernährung gegeben. Es gab Prügel und Tritte. Etliche Tote waren zu beklagen. Sogar ihr Onkel, der in Türnitz bei den Parteifreunden kassiert hatte, wurde dorthin gebracht. Er hatte jedoch Glück, überlebte und wurde entlassen. Die Zustände in Lerchenfeld waren streng geheim, aber Details sickerten durch. Erst als ihr Onkel freikam, erzählte er von den „Gräueltaten“. Wenn ein „Riese“ wie ihr Onkel weint, „weiß man, was hier oben los war“. Es herrschte „nur Trauer“ über das, was Menschen angetan wurde, die eigentlich nichts dafür konnten. Denn viele waren gezwungen, sich im NS-Regime zu betätigen, um nicht selbst ins Gefängnis zu kommen.

Ein besonders erschütterndes Ereignis in Aussig war der Vorfall an der Elbe. In der Nähe der Schichtwerke, die Seife und Waschpulver herstellten, gingen plötzlich die Sirenen. Es wurde behauptet, die Deutschen hätten in den Werken Sabotage verübt. Daraufhin liefen Tschechen, die ohnehin Hass auf Deutsche hatten, bis zur Brücke nahe der Schichtwerke. Dort warfen sie jede deutsche Familie, die über die Brücke ging, mitsamt Kinderwagen und allem in die Elbe. Tschechen durften über die Brücke gehen, Deutsche nicht. Diese Gewalt setzte sich in der Innenstadt von Aussig fort, wo Deutsche in die Löschteiche geworfen wurden, die während des Krieges gebaut worden waren. Einige ertranken, andere konnten sich retten. Man sagte damals, es sei richtig gewesen, weil die Deutschen sabotiert hätten. Später stellte sich heraus, dass dies nicht stimmte – es war wohl eine Behauptung, „damit die bloß glauben konnten, die Deutschen vernichten“. Die Leichen der in die Elbe Geworfenen trieben manchmal bis nach Bad Schandau. Es war eine „hohe Zahl“ der Toten. Margarita Kokos denkt beim Blick von der Brücke immer noch daran. Sie erinnert sich, dass die Deutschen als „Menschen zweiter Klasse erklärt“ wurden und ihnen zum Beispiel nicht gestattet wurde, auf dem Bürgersteig zu gehen. Solche Dinge dürfen nie wieder vorkommen.

Für Margarita Kokos und ihre Familie begann nach der Ankunft in Neustrelitz ein neues Leben. Der Bruder ihrer Mutter, der gesucht wurde, wurde in Schönebeck gefunden. Sie versuchten, ebenfalls nach Schönebeck zu ziehen. Dies war sehr schwierig. Die Züge waren so überfüllt, dass Margarita durchs Fenster in den Zug geschoben wurde, während ihre Mutter es gerade noch schaffte, einzusteigen. In Schönebeck angekommen, wurden sie als Flüchtlinge anerkannt, aber die Einheimischen wollten anfangs nicht viel mit ihnen zu tun haben, da der „ganze Friede in der Stadt gestört“ war durch die vielen Neuankömmlinge und ihre Dialekte.

Ein wichtiger Punkt für Margarita Kokos ist die Unterscheidung zwischen „Flüchtlingen“ und „Vertriebenen“. Sie erklärt, dass Flüchtlinge diejenigen seien, die – nicht ohne Grund, aber – einfach losgehen. Vertriebene hingegen wurden „hier rausgeschmissen“. Für sie ist das der Unterschied. Daher haben sie in der Landsmannschaft, dem Vertriebenenverband, immer darum gekämpft, als Vertriebene anerkannt zu werden. Viele, die das Gleiche erlebt hatten, traten dem Verband bei.

Leider ist die Jugend heute nicht mehr so engagiert. Die Mitglieder werden älter, versterben, und der Nachwuchs fehlt. Margarita Kokos sieht, dass solche Organisationen in zehn Jahren möglicherweise nicht mehr existieren werden. Dennoch ist sie froh, noch Teil dieser Gemeinschaft zu sein, sich mit anderen Sudetendeutschen und zehn Frauen, mit denen sie sich trifft, austauschen zu können. Diese Treffen sind wichtig, um die Erinnerung wachzuhalten und über das Erlebte zu sprechen.

Die Geschichte der Vertreibung wird ihrer Meinung nach „sehr vieles totgeschrieben“. Wenn nicht die Zeitzeugen oder „die Alten“ da wären, würde sich niemand mehr damit befassen. Es sei schade, dass das, was aufgebaut wurde, „den Bach runtergeht“, weil sich niemand mehr findet. Es darf „nie in Vergessenheit geraten, was der Krieg gemacht hat mit uns, was die Vertreibung mit uns gemacht hat“.

Um diese Erinnerung zu bewahren, gibt es Projekte, die sich mit Flucht und Vertreibung befassen. Ein solches Projekt hat vor drei Jahren begonnen. In diesem Zusammenhang entstand die Idee, mit Frau Kokos nach Aussig zu fahren, um ihre Geburtsstadt und die Orte ihrer Geschichte zu besuchen. Ziel ist es, ihr Leben und insbesondere ihren Fluchtweg besser nachvollziehen zu können und zu verstehen, wie die Deutschen dort gelebt und behandelt wurden. Die Planung für diese Reise läuft, um die beschriebenen Orte zu finden und in die Reiseplanung einzubeziehen. Es ist ein Versuch, die Vergangenheit lebendig zu halten und sicherzustellen, dass die Ereignisse von Flucht und Vertreibung nicht vergessen werden.

Vier Jahrzehnte DDR: Ein gescheitertes Experiment zwischen Planwirtschaft und Sozialismus

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland in Trümmern. Die Siegermächte teilten das Land und die Hauptstadt Berlin in vier Besatzungszonen auf: Briten im Nordwesten, Amerikaner im Süden, Franzosen in Rheinland-Pfalz und Teilen Baden-Württembergs sowie die Sowjets im Osten. Auch Berlin wurde in Sektoren unterteilt, die jeweils von einer der Siegermächte besetzt und verwaltet wurden. Ursprünglich war geplant, Deutschland und Berlin gemeinsam zu regieren. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch.

Die Weichenstellung im Osten
Die Sowjets verfolgten das Ziel, Deutschland zu einem kommunistischen Staat zu machen. In ihrer Besatzungszone – dem Gebiet zwischen Oder und Thüringer Wald – gestatteten sie zunächst die Bildung unterschiedlicher Parteien wie KPD, SPD, CDU und LDPD. Diese Parteien waren jedoch im „antifaschistischen Block“ zusammengeschlossen, und die Besatzungsmacht versuchte mit allen Mitteln, eine Konkurrenz von Regierung und Opposition zu verhindern. Die Verwaltung der fünf Länder Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wurde gleich nach dem Krieg bevorzugt mit Kommunisten besetzt.

Ein entscheidender Schritt zur Errichtung des sozialistischen Staates war die von der sowjetischen Besatzungsmacht erzwungene Vereinigung der KPD und der viel größeren SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im April 1946. Dies geschah unter Drohungen gegen die SPD und Verhaftung widerstrebender Mitglieder. Ab 1948 gab es bei Wahlen nur noch gemeinsame Kandidatenlisten aller Parteien, freie Wahlen mit konkurrierenden Parteien fanden nicht mehr statt.

Die Gründung der DDR und die Einführung des Sozialismus
Während in Westdeutschland 1948 die Währungsreform durchgeführt und 1949 das Grundgesetz verkündet wurde, worauf die Bundesrepublik Deutschland entstand, konzentrierten sich die Sowjetunion und ihre deutschen Vertreter auf den Aufbau eines sozialistischen Staates in der Sowjetischen Besatzungszone. Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet. Deutschland war geteilt.

Der Aufbau des Sozialismus verlangte neben der politischen Herrschaft der Kommunisten vor allem die Sozialisierung der Wirtschaft. Die sowjetische Militärregierung führte 1946 eine sogenannte Bodenreform durch, bei der alle Grundbesitzer mit mehr als 100 Hektar enteignet wurden. Das Land erhielten Landarbeiter und Vertriebene, allerdings auf so kleinen Höfen, dass sie nicht existieren konnten – dies war beabsichtigt. Im zweiten Schritt wurden alle Bauernhöfe zu landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammengeschlossen, wodurch der Sozialismus in der Landwirtschaft eingeführt war. Ähnlich wurden Banken und Industrie enteignet.

Nach der Theorie des Marxismus-Leninismus, auf die sich die Machthaber beriefen, sollte die Konzentration aller wirtschaftlichen Macht in der Hand der Arbeiterklasse zu einer Versorgung der Bevölkerung führen, die die westlich-kapitalistische in den Schatten stellte. Die Produktion und Güterversorgung wurde zentral geplant. Die sowjetische Besatzungszone verfügte über eine hochentwickelte Leichtindustrie (Feinmechanik, Optik, Textilindustrie), aber nur geringe Schwerindustrie und wenig Eisenerz und Steinkohle, obwohl Braunkohle, Kupfer und Kali reichlich vorhanden waren. Ohne die anderen Teile Deutschlands konnte die Zone nur unter erheblichen Mängeln produzieren und die Bevölkerung versorgen.

Herausforderungen des sozialistischen Wirtschaftsmodells
Trotz Bemühungen um den Aufbau einer Schwerindustrie und chemischen Industrie, was die Herstellung von Konsumgütern einschränkte, konnte die DDR die westdeutsche Wirtschaft nicht einholen. Im Jahr 1980 erreichte die DDR-Wirtschaft nur 20% der westdeutschen Produktion. Die Produktivität pro Beschäftigtem lag bei nur 56% des westdeutschen Niveaus. Sozialistisches Eigentum gab es als Volkseigentum (staatlich) und genossenschaftliches Eigentum, privaten Besitz nur noch im Einzelhandel, Handwerk und bei kleinen Gaststätten.

Die zentralistische Planwirtschaft traf oft nicht die Wünsche der Bevölkerung oder konnte diese nicht erfüllen, was häufig zu Mängeln in der Versorgung und der sogenannten „sozialistischen Warteschlange“ führte. Steigende Preise für Importe aus dem Westen in den 80er Jahren und nicht entsprechend steigende Gewinne für Ost-Produkte führten zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Nach der Wiedervereinigung zeigte sich, dass die DDR vor dem Konkurs stand und die Industrie überaltert war.

Auch die kollektivierte Landwirtschaft erwies sich als weniger produktiv als die westliche Privatwirtschaft, obwohl Facharbeiter wie Traktoristen und Melker ausgebildet wurden. Zudem nahm die DDR wenig Rücksicht auf den Umweltschutz; Flüsse, Grundwasser und die Ostsee wurden stark verschmutzt.

Staatliche Kontrolle und Überwachung
Der sozialistische Staat verstand sich als Machtinstrument der Arbeiterklasse und kannte weder Opposition noch Gewaltenteilung. An der Staatsspitze stand der Staatsrat (Vorsitzender bis 1989 Erich Honecker), die Regierung bildete der Ministerrat, der alle wesentlichen Fragen der Politik bestimmte. Die Entscheidungen der Regierung folgten den Weisungen des Politbüros der SED. Die Volkskammer, das Parlament, wählte formal die Minister und hatte das Recht Gesetze zu beschließen, doch Gesetze wurden faktisch vom Ministerrat eingebracht. Die fünf Länder wurden 1952 aufgelöst und die DDR in 15 Bezirke eingeteilt, die durch zentrale Weisungen des Ministerrats gesteuert wurden.

Zur Durchsetzung ihrer Herrschaft brauchten die Kommunisten unbegrenzten ideologischen Einfluss. Presse, Rundfunk, Fernsehen und Film wurden mit Parteigenossen besetzt. Westdeutsche Zeitungen waren im Osten nicht erhältlich, das Hören westlichen Rundfunks oder Sehen westlichen Fernsehens war in den 50er Jahren verboten und wurde mit Gefängnis bestraft. Nach dem Mauerbau tolerierte man westliche Informationen, da niemand mehr dem Sozialismus entfliehen konnte.

Vom Kindergarten an war der Bürger sozialistischer Erziehung ausgesetzt. In der Schule wurde zum sozialistischen Denken erzogen. An Universitäten musste neben dem Fach auch Marxismus-Leninismus und politische Ökonomie studiert werden. Kinder sollten in die Pionierorganisation Ernst Thälmann und Jugendliche in die FDJ eintreten. Kinder wurden früh mit Waffen vertraut gemacht, um sie zu Verteidigern des Sozialismus zu erziehen. Vormilitärische Ausbildung betrieb die Gesellschaft für Sport und Technik; eine Weigerung bedeutete Schwierigkeiten im Bildungsgang und in der Berufslaufbahn. Die politische Einbindung des Menschen in der DDR war total.

Ein Instrument des Klassenkampfes war nach marxistischer Ideologie auch die Justiz, die dem Grundsatz folgte: „Recht ist, was der Klasse nützt“. Die SED bildete klassenbewusste Richter aus. Der Staat nutzte die Volkspolizei (ein Polizist auf 170 Bürger, verglichen mit einem auf 329 in Westdeutschland), um die Bürger zu überwachen.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) festigte die Macht und bekämpfte die „Feinde des Sozialismus“. Das MfS hatte 1983 83.000 hauptamtliche und 173.000 informelle Mitarbeiter – Kollegen bespitzelten Kollegen, Kirchenmitglieder Pfarrer, Freunde Freunde. Konzentrationslager wie Sachsenhausen und Haftanstalten wie Bautzen waren Instrumente des Klassenkampfes. Weit über 100.000 Menschen kamen durch die Kommunisten in Konzentrationslagern und Gefängnissen ums Leben.

Alltag zwischen Mangel und Nischen
Jeder Bewohner der DDR erhielt einen Arbeitsplatz, doch der Staat bestimmte den Arbeitsbereich. Lohnkosten spielten in der Planwirtschaft keine Rolle. Der Lebensstandard zeigte sich in der Arbeitszeit, die für Konsumgüter nötig war. Während Grundnahrungsmittel stark subventioniert und billig waren (Roggenbrot kostete den Leipziger 6 Minuten Arbeitszeit, den Kölner 13 Minuten), waren importierte Waren oder als Luxus geltende Güter extrem teuer. Für 250g Bohnenkaffee arbeitete ein Leipziger 4 Stunden 20 Minuten, ein Kölner 24 Minuten. Ein Auto kostete einen Leipziger mehr als sechsmal so viel Arbeitszeit wie einen Kölner.

Dienstleistungen und Mieten waren hingegen sehr günstig. Die Kaltmiete einer Zweizimmerwohnung kostete einen DDR-Bewohner nur 14 Stunden 25 Minuten Arbeitszeit, einen Westdeutschen fast das Doppelte. Allerdings waren die Wohnungen im Westen deutlich besser ausgestattet; die niedrigen Mieten brachten keine Mittel für Reparaturen oder Modernisierungen ein. 1983 hatte ein DDR-Einwohner 25 qm Wohnfläche zur Verfügung, ein Westdeutscher 34 qm. Nur 36% der Wohnungen hatten Zentralheizung, 68% Bad oder Dusche, 60% Toilette in der Wohnung. Telefon galt als Luxus (22 von 100 Haushalten in der DDR, 89 im Westen). Autos waren selten (42 von 100 Haushalten in der DDR, 78 im Westen), dafür gab es viele Motorräder.

Die Gesundheitsfürsorge war unentgeltlich. Der Staat verlangte etwa 10% des Lohnes für Gesundheits-, Sozial- und Altersfürsorge, was aber nur die Hälfte der Ausgaben deckte. Trotz Fürsorgemaßnahmen war die umfassende Kontrolle allgegenwärtig. Auf 200 Einwohner kam ein hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter, auf 96 Einwohner ein informeller. Der Bürger war fortwährender politischer Propaganda ausgesetzt.

Die größten geschützten Freiräume vor staatlicher Überwachung boten Ehe und Familie. Partnerschaftliche Beziehungen galten als Nischen der Eigenständigkeit. Die Berufstätigkeit beider Ehepartner war üblich und durch die geringen Löhne notwendig. Daher war die DDR reichlich mit Kinderkrippen und Kindergärten ausgestattet, die auch der sozialistischen Erziehung dienten. Die Erwerbstätigkeit der Frauen führte jedoch zu einem Geburtenrückgang, dem der Staat mit Hilfen entgegenzuwirken suchte. Trotzdem wurden zu wenig zweite und dritte Kinder geboren, und die Bevölkerungszahl sank.

Auch der Lebensabend alter Menschen gestaltete sich schwierig. Rentner machten einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus (17,3% 1982), was die Staatskasse belastete. Renten waren entsprechend gering (41% des Einkommens eines Berufstätigen im Osten vs. 69% im Westen).
Die Wohnung war für Menschen jeden Alters der geschützte Freiraum, wo man das staatlich unerwünschte, aber beliebte Westfernsehen genießen konnte, das die im Osten fehlenden Güter zeigte. Neben Fernsehen waren Arbeit im Garten oder Fahrten zu gemieteten Grundstücken (Datscha) beliebte Freizeitbeschäftigungen. Staatlich erlaubtes Freizeitprogramm war oft politisch gefärbt. Auch der Urlaub stand unter staatlicher Fürsorge des FDGB, meist in betriebseigenen Urlaubsheimen im Inland. Begehrte, aber seltene Reisen führten ins sozialistische Ausland. Reisen ins westliche Ausland waren durch Stacheldraht und Minen entlang der Grenze verboten.

Kultur und Spitzensport
Die Kultur galt nach marxistischer Lehre als „Überbau“ des „wirtschaftlich-politischen Unterbaus“ und sollte stets das Klasseninteresse und den politischen Willen widerspiegeln. Die SED beanspruchte die führende Rolle und beaufsichtigte das Schaffen der Künstler; wer sich nicht fügte, wurde verfolgt, wer sich anpasste, erhielt ein Gehalt. Kulturelles Erbe wurde der Ideologie angepasst.

Während die DDR in Kultur, Wirtschaft und Lebensstandard nicht mit dem Westen mithalten konnte, erlangte sie im Spitzensport überragende Erfolge. Die SED setzte alles daran, auf diesem Feld die Überlegenheit des Systems zu beweisen. Wichtigste Mittel waren frühzeitige Talentsuche, staatliche Förderung, spezielle Sportschulen und der bedenkenlose Einsatz von Doping, auch männliche Hormone bei Sportlerinnen. Die DDR übertraf Westdeutschland bei Olympischen Spielen deutlich.

Der langsame Zerfall und das Ende
Weder die Einschränkungen demokratischer Freiheiten noch die Mängel in der Versorgung nahm die Bevölkerung der DDR ruhig hin. Ein Aufstand im Ost-Berlin am 17. Juni 1953 weitete sich auf die gesamte DDR aus und musste von sowjetischen Panzern unterdrückt werden. Eine massive Fluchtbewegung nach Westdeutschland setzte ein; bis 1961 flohen über drei Millionen Menschen. Aus Furcht vor dem „Ausbluten“ baute die DDR am 13. August 1961 eine Mauer um Westberlin und zog Stacheldraht quer durch Deutschland. Der kommunistische Zwangsstaat konnte sich nur behaupten, indem er seine Staatsbürger einsperrte.

Im Mutterland des Sozialismus, der Sowjetunion, hatten mit Gorbatschows Reformen bereits die Abkehr von Marx, Engels und Lenin begonnen. Es wurde allen klar, die ihn erlebt hatten, dass der Sozialismus versagt hatte. In der DDR bildeten sich ab 1989 Gruppen in den Kirchen, die Menschenrechte, Umweltschutz und Friedenspolitik diskutierten und demokratische Reformen forderten. Erich Honecker feierte noch den 40. Jahrestag der DDR, doch die Mauer bröckelte.

Das Schicksal der DDR vollzog sich rasch. Als Ungarn am 11. September 1989 begann, den Grenzzaun nach Österreich zu durchschneiden, setzte eine Reisewelle von DDR-Bürgern ein. Tausende gelangten über Österreich in die Bundesrepublik. Nach einem Reiseverbot nach Ungarn, Polen und Tschechoslowakei stürmten DDR-Bürger die bundesdeutschen Botschaften in Warschau und Prag.

Der Druck der Bevölkerung nahm gewaltig zu. Demonstrationen wurden anfangs noch gewaltsam aufgelöst. Doch am 9. Oktober demonstrierten 70.000 Menschen in Leipzig, am 16. Oktober schon 120.000. Die Regierung musste handeln; Honecker, der den Einsatz von Panzern gefordert hatte, wurde am 18. Oktober ersetzt. Die Armee weigerte sich, gegen Landsleute vorzugehen.

Die Menschen forderten nicht nur Honeckers Abgang, sondern das Ende des gesamten Sozialismus. Die Demonstrationen rissen nicht ab. Am 23. Oktober demonstrierten 300.000 in Leipzig für freie Wahlen. Als am 3. November eine halbe Million Menschen in Berlin das Ende der Alleinherrschaft der SED forderten, wusste die Regierung, dass die Stunde für ihren Sozialismus geschlagen hatte.

Am 9. November öffneten sie die Mauer und die innerdeutsche Grenze. Tausende Ostdeutsche strömten in den Westen. In der DDR bildeten sich Oppositionsgruppen und eine sozialdemokratische Partei wurde wiedererrichtet. Am 18. März 1990 wählte die Bevölkerung der DDR erstmals ein demokratisches Parlament.

Die Sowjetunion stellte sich einer Wiedervereinigung nicht mehr entgegen. In den 2+4-Verhandlungen stimmten die vier Siegermächte dem Zusammenschluss Deutschlands zu. Zwischen DDR und Bundesrepublik wurde eine Währungsunion beschlossen und am 1. Juli 1990 die D-Mark in der DDR eingeführt. Die Läden füllten sich mit westlichen Waren. Im August 1990 stimmte die frei gewählte Volkskammer für den Beitritt zur Bundesrepublik. Die Symbole des Kommunismus wurden beseitigt – er hatte sich ad absurdum geführt.

Am 3. Oktober 1990 war ein souveränes Deutschland wiedervereinigt. Eine der leidvollsten Epochen der deutschen Geschichte war zu Ende.

Christoph Hein und die neue DDR-Geschichte: Ein Roman gegen das etablierte Bild

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Christoph Hein, eine einst zentrale Figur der DDR-Literaturszene, hat mit seinem jüngsten Roman „Das Narrenschiff“ einen gewichtigen Band vorgelegt, der das etablierte Geschichtsbild der Deutschen Demokratischen Republik herausfordern will. In einer Zeit, in der der öffentliche Raum laut Hein erneut von Propaganda und Zensur beherrscht werde, schickt sich der über 80-jährige Autor an, die Geschichte neu zu schreiben.

Hein sieht sich dabei in einer langen Tradition von Romanschreibern wie Homer, Tolstoi oder Dostojewski, die seiner Meinung nach schon immer dafür zuständig waren, Geschichte zu schreiben. Historiker hingegen seien, so Hein (ohne direkt Institutionen wie die Enquete-Kommissionen oder die Gauck-Behörde zu nennen), immer Opfer politischer Einflussnahme. Er stellt die These auf, dass mit viel politischem und steuerlichem Geld ein ganz bestimmtes DDR-Bild im kollektiven Gedächtnis festgeschrieben wurde, verdichtet auf Schlagworte wie Diktatur, Mauer, Stasi, Totalüberwachung und Mangelwirtschaft.

Dieses offizielle Bild stimme nur bedingt mit den Wirklichkeiten in der DDR und den Erinnerungen der allermeisten Bürger überein. Während eine kleine Gruppe von Menschen, die in der DDR verfolgt oder zur Ausreise gezwungen wurden, dieses Bild bestätigen mag, betreffe die Totalüberwachung nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Michael Beleites, ein Biologe und ehemaliger Stasi-Unterlagenbeauftragter in Sachsen, schätzt, dass 96% der DDR-Bürger nichts mit dem Überwachungsapparat zu tun hatten. Er beziffert die Zahl der aktiven Überwacher und der Opfer von Zersetzung auf jeweils etwa 2%. Die Autorin Daniela Dahn spricht von 80% der DDR-Bürger, die ihrer Meinung nach nichts mit Staatssicherheit und Überwachung zu tun hatten.

Hein selbst wies bereits 2019 in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung auf das Missverhältnis zwischen persönlicher Erinnerung und offizieller Erinnerung hin. Dabei kritisierte er den Oscar-gekrönten Film „Das Leben der anderen“ scharf. Obwohl er nach eigenen Angaben Vorbild für die Schriftstellerfigur im Film war und dem Regisseur über seine Erfahrungen berichtete, erkannte er seine Geschichte im fertigen Film nicht wieder. Hein bezeichnete den Film als „Gruselmärchen“, das nichts mit der DDR der 1980er Jahre zu tun habe und eher an Mittelerde erinnere. Er beschreibt eine Episode, in der Studenten die Erinnerungen eines Professors an Hein für falsch hielten, weil diese nicht mit dem übereinstimmten, was sie im Kino gesehen hatten. Hein zieht daraus die Quintessenz, dass er als Zeitzeuge seine Erinnerungen offenbar an das anpassen müsse, was im Film erzählt wurde. Der Oscar für „Das Leben der anderen“ sei kein Zufall, sondern der Wunsch von „Erinnerungs-“ und „Gedächtnisarbeitern“ auf Steuertöpfen gewesen, einen Gegenpol zu spielerischeren Filmen wie „Good Bye, Lenin!“ und „Sonnenallee“ zu setzen.

Im „Narrenschiff“ greift Hein tief in die DDR-Geschichte ein und bietet alternative Interpretationen bekannter Ereignisse:

• Der Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker: Dieser Übergang, der in der Literatur oft mit Moskauer Einfluss (insbesondere Breschnjews Unterstützung für Honecker) erklärt wird, wird bei Hein zu einem regelrechten Drama. Erich Honecker soll mit bewaffneten Sicherheitsleuten Walter Ulbricht in dessen Wohnsitz aufgesucht, Ulbrichts Leibgarde entwaffnet und ihn mit vorgehaltener Waffe gezwungen haben, eine Rücktrittserklärung zu unterschreiben. Hein beruft sich dabei auf Markus Wolf, den ehemaligen Chef der Auslandsaufklärung der Staatssicherheit (im Roman als Markus Fuchs auftauchend), der ihm diese Geschichte Anfang der 70er Jahre erzählt habe.

• Der Mauerbau: Anders als in den meisten Geschichtsbüchern dargestellt, sei der Mauerbau bei Hein eine Idee aus Washington. Die Romanfiguren, nahe der DDR-Spitze, spekulieren seit den späten 1950er Jahren über eine Schließung der Grenze, um die Abwanderung („Brain Drain“) zu stoppen. Sie fürchten jedoch eine Reaktion Moskaus und der USA. Laut Hein fährt ein hoher US-Gesandter nach Moskau und signalisiert Zustimmung zum Mauerbau, da die Bundesrepublik durch die Abwanderung destabilisiert werde. Moskau zweifele zunächst, doch als US-Präsident Kennedy einen Topdiplomaten im Fernsehen eine Mauer als „keine schlechte Idee“ bezeichnen lässt, gibt Moskau grünes Licht, und die SED setzt die vorbereiteten Maßnahmen schnell um.

• Die Ostgebiete: Christoph Hein deutet an, dass die SED über den Gründungstag der DDR hinaus an der Idee festhielt, dass die früheren deutschen Ostgebiete wie Pommern und Schlesien zur DDR gehören sollten. Das Argument sei gewesen, dass die kleine DDR ohne diese Gebiete im Konkurrenzkampf mit der Bundesrepublik nicht lebensfähig sei. Wiederholte Vorstöße in Moskau bei Stalin seien jedoch abgewiesen worden, da Polen für Gebiete im Osten Polens entschädigt werden müsse. Die Festschreibung der Oder-Neiße-Friedensgrenze sei für 10 bis 12 Millionen Ostvertriebene ein schwerer Schlag gewesen. Eine Figur im Buch bemerkt: „Landraub verheilt nie“.

Im Zentrum des Romans stehen vier zentrale Figuren, deren Leben exemplarisch für die Aufbaugeneration der DDR erzählt werden. Sie werden nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und sterben fast alle 1989. Laut Hein trägt die Generation, die in den späten 40ern und frühen 50ern an die Schaltstellen kam, die DDR und ist 1989 altersmäßig und intellektuell am Ende. Die Figuren – ein Bergbauingenieur, seine Frau, ein Ökonomieprofessor und ein jüdischer Intellektueller – verkörpern unterschiedliche Wege der Anpassung und des Überlebens im System. Der Bergbauingenieur durchläuft die Phasen vom Fahrradarbeitersohn im Ruhrgebiet über den strammen Nazi, der bis vor Moskau marschiert, bis zum überzeugten Kommunisten, der selbst nach Degradierung seinen Glauben nicht verliert. Seine Frau heiratet ihn aus Versorgungsgründen, da er Sicherheit und Wohlstand bieten kann. Sie macht eine bemerkenswerte Karriere von der Schreibkraft zur Verantwortlichen für die Kinderfilmproduktion, tritt in die Partei ein und wird Aufpasserin.

Ein zentrales Motiv bei Hein ist die Anpassung („Anpassung führt zur Sicherheit“). Dies sei, so die Interpretation im Quelle, ein Muster, mit dem Hein die DDR erklärt und das auch auf die Gegenwart übertragbar sei. Wer in der heutigen Gesellschaft seine Position halten oder sozialen Aufstieg erreichen wolle, müsse sich anpassen und auch mal vorgegebene Formeln nachbeten.

Der jüdische Intellektuelle Kuckuck, eine international bekannte Kapazität, tut sich schwer. Er war während der NS-Zeit bei den Exilkommunisten in Großbritannien und kehrt nach Deutschland zurück. Hein erzählt am Beispiel dieser Figur, wie schwierig es für Intellektuelle war, die nicht bereit waren, den Preis der Anpassung zu zahlen, in einem der deutschsprachigen Länder Fuß zu fassen. Obwohl er in der DDR eine Professur versprochen bekommt, wird er hingehalten, da er als „unsicherer Kantonist“ gilt, möglicherweise wegen seiner Vergangenheit in Großbritannien oder seiner Homosexualität. Er wird schließlich Chef der Kinderfilmbehörde, obwohl er sich nicht dafür interessiert, und bekommt die aufgestiegene Schreibkraft als Aufpasserin zur Seite gestellt. Versuche, in der Bundesrepublik, der Schweiz oder Österreich eine Professur zu bekommen, scheitern ebenfalls an seiner kommunistischen Vergangenheit.

Der vierte Charakter, ein Wirtschaftsprofessor, kommt direkt aus dem Moskauer Hotel Lux, dem Wohnheim der Kommunistischen Internationale. Er weiß um die Geschehnisse dort, hat aber ein feines Gespür dafür entwickelt, was im System möglich ist, ohne seine Position zu verlieren. Als Mitglied des ZK der SED weiß er um die Direktiven von Ulbricht und Honecker und rät seinen Freunden zum Lavieren, um ihren bescheidenen DDR-Wohlstand nicht zu verlieren.

Alle diese Hauptfiguren sind laut Hein 1989 am Ende; niemand könnte das Experiment DDR verteidigen oder für das Land einstehen, um eine Übernahme durch die Bundesrepublik zu verhindern. Hein zeichnet damit ein Bild der DDR, das die Führung nicht als Kriminelle, sondern als Narren darstellt, die auf einem von Anfang an manövrierunfähigen Schiff reisten – das Unternehmen DDR sei zum Scheitern verurteilt gewesen.

Neben diesen zentralen Figuren und Ereignissen finden sich im Roman auch Details zur späten DDR-Wirtschaft, etwa der Tauschkurs von 10 Ostmark zu 1 Westmark auf dem Weltmarkt, der laut dem Ökonomieprofessor bei einem Fluten der Wechselstuben mit Milliarden schnell auf 1:15 oder 1:20 gestiegen wäre. Auch die Zensur wird thematisiert, etwa die Abschussliste, auf der laut Hein 1988 die Wochenzeitung „Sonntag“ stand, deren Chefredakteur Kuckuck wird.

Mit „Das Narrenschiff“ legt Christoph Hein somit einen Roman vor, der weit mehr als eine literarische Erzählung sein will; es ist der Versuch, die Geschichte der DDR neu zu denken und das offiziell verordnete Bild durch persönliche Erinnerungen und alternative Deutungen zu ergänzen oder zu korrigieren.

Wendegeschichten aus Riesa – Hans-Peter Klarowitz erinnert sich

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Hans-Peter Klarowitz, geboren im Juni 1942, hat sein gesamtes Leben in Riesa verbracht. Als Zeitzeuge hat er den tiefgreifenden Wandel vom sozialistischen System der DDR zur Bundesrepublik miterlebt und geprägt. Seine Erzählungen geben Einblicke in eine Karriere unter planwirtschaftlichen Bedingungen, die Herausforderungen und Konflikte des alten Systems sowie die oft turbulenten Jahre des Übergangs nach 1989.

Klarowitz‘ beruflicher Weg begann in Riesa, wo er zunächst als Handwerker oder später im Stahlwerk tätig war. Parallel zur Arbeit bildete er sich intensiv weiter: Er studierte im Abendstudium zum Diplomingenieur und absolvierte die Handwerksmeisterschule. Über 15 Jahre arbeitete er im Betrieb „Schneider“, der später in Volkseigentum überging. Anfang der 1970er Jahre, im Zuge der „großen Kombinatsbildung“, wurde er zum Betriebsdirektor ernannt. In dieser Funktion war er auch als Sachbearbeiter für Ersatzteile tätig und konnte dafür viel in der DDR herumreisen.

Trotz seiner Position und persönlichen Entwicklung war Klarowitz kein stiller Beobachter. Er betont zwar, dass es ihm in der DDR „nicht schlecht gegangen“ sei und er die DDR nicht wiederhaben wolle, aber er wünscht sich „vieles Gute aus der DDR“ zurück. Er gehörte zu denen, die „viel Eingaben und Beschwerden gemacht“ haben. Im Betrieb sah er die Probleme deutlich: Die Planerfüllung war schwierig, die Zielzahlen wurden nicht erreicht. Der Betrieb hatte einen Plan von 37 Millionen Mark, kam aber nur auf 20 Millionen. Gründe dafür waren unter anderem weniger Arbeitskräfte und die Unmöglichkeit, selbstständig zu investieren. Die Technik, die vom Kombinat kam, war oft „marode“. Klarowitz ging sogar so weit, einen Brief an Erich Honecker zu schreiben. Daraufhin wurde er eingeladen, aber das Gespräch endete jäh mit der Frage, ob er „denn überhaupt noch von Frieden“ sei – für Klarowitz ein „Schlagargument“, das die Aussichtslosigkeit der Kritik im System verdeutlichte. Obwohl „Kritik und Selbstkritik“ als Parteigesetz galten, wurde Kritik in der DDR nicht geduldet; es hieß „entweder Ruhe oder Raus“. Auch von der Kreisleitung gab es keine Anleitung oder Information mehr; jeder sei sich selbst überlassen gewesen. Dennoch organisierte er Veranstaltungen, bei denen offen geredet und kritisiert werden konnte, auch wenn viele Kollegen Angst hatten.

Mit der Wende begann die Zeit der Reprivatisierung. Klarowitz entschied sich, mit einem Teil der Belegschaft einen eigenen Betrieb zu gründen. Zunächst war dies ein Treuhandbetrieb. Man sei gut zurechtgekommen, auch weil man noch unvollendete Produktionen aus DDR-Zeiten hatte, die man nun abrechnen konnte. Obwohl man sich im neuen Rechtssystem zurechtfand, fühlten sich viele Bürger der DDR, so Klarowitz, „naiv gutgläubig und dumm“ im Umgang mit Rechtsanwälten und den neuen Regeln. Er suchte einen Investor aus dem Westen und fand die Firma Fuchs aus Nürnberg. Diese beschreibt er als „Kapitalisten“, die nur Geld machen wollten. Persönlich lebte er zu dieser Zeit in einem Haus der Stadt, das „runtergewirtschaftet“ war und ein Trockenklo besaß. Die Organisation der Ersatzteilbeschaffung war im neuen System eine andere als in der DDR, wo man versuchte, sich auf wenige Sortimente zu konzentrieren.

Bei einem Treffen in Dresden wurde Klarowitz nach dem jährlichen Gewinn seines Betriebs gefragt, der über 10 Prozent lag. Man legte ihm nahe, sich nicht selbstständig zu machen. Er empfand die Gesprächspartner als „klein geistig“ und hatte das Gefühl, dass man mit ihnen machen konnte, was man wollte, weil man sich nicht traute, Widerworte zu geben. Schließlich wurde ihm eine Abfindung von knapp 200.000 D-Mark angeboten und er „durfte gehen“. Eigenen Angaben zufolge ging es ihm danach gut; er erhielt 32 Monate lang 3200 D-Mark Arbeitslosengeld.

Heute blickt Hans-Peter Klarowitz differenziert auf die Zeit zurück. Er wünscht sich die DDR nicht zurück, vermisst aber bestimmte Aspekte. Dazu zählt er das Gesundheitswesen, wo es keine Zwei-Klassen-Medizin gab. Auch das Bildungswesen und das Sportwesen hebt er positiv hervor. Sehr kritisch sieht er das heutige Beamtensystem. Er ist der Meinung, jeder solle sein Geld selbst verdienen. Er kritisiert, dass Beamte heute „Bomben Geld“ bekämen, während Arbeiter ihre Stellen verlören und sich niemand darum kümmere. Das sei für ihn keine soziale Gerechtigkeit.

Hans-Peter Klarowitz‘ Erzählung ist ein persönliches Zeugnis des Wandels und zeigt, wie die Erfahrungen aus beiden Systemen das heutige Urteil prägen.