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Die Narben der Diktatur: Gerhard Bauses unvergessene Haft in Bautzen II

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BERLIN. Die Erinnerung an die Haft im Stasi-Knast Bautzen II und anderen DDR-Gefängnissen prägt das Leben von Gerhard Bause bis heute. Seine Geschichte ist ein erschütterndes Zeugnis von Mut, Widerstand und den tiefen Wunden, die ein totalitäres Regime hinterlassen kann. Ein zentraler Wendepunkt in seinem Leben war die Verfassung einer Protesterklärung im Jahr 1988, die er gemeinsam mit zwei Freunden verfasste und die zu seiner Inhaftierung führte.

Die Protesterklärung war eine klare Forderung nach Freiheit: Gerhard Bause und seine Mitstreiter verlangten die Freilassung von Bürgerrechtlern wie Stephan Krawczyk, Freya Klier, David Vera Lengsfeld, die während einer Rosa-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 verhaftet worden waren. Der Mut, diese Forderung öffentlich zu machen, hatte sofortige und dramatische Konsequenzen. Die Erklärung wurde an einem Freitag persönlich in der Erlöserkirche in Berlin an Generalsuperintendent Kruschel übergeben, zudem wurden Abschriften an das Ministerium des Inneren und an den Kirchenanwalt Wolfgang Schnur gesendet. Bause wusste, dass er mit einer „Zuführung“ rechnen musste.

Die Verhaftung, die am darauffolgenden Montag geschah, war ein zutiefst traumatisches Erlebnis für Bause. Er hatte sich innerlich darauf vorbereitet, doch die Verhaftung seiner eigenen Frau vor seinen Augen brach für ihn eine Welt zusammen. Die Herren der Staatssicherheit, die sich als solche auswiesen, fragten gezielt nach dem Arbeitsplatz seiner Frau, und Bause musste miterleben, wie sie im weißen Kittel aus ihrem Arbeitsplatz geführt und keine zehn Meter entfernt von ihm im Fahrzeug Handschellen angelegt bekam. Dieses Erlebnis, das die Trennung von der Familie und die damit verbundenen Vorwürfe einschloss, beschäftigte ihn innerlich maßlos.

Gerhard Bauses Haftweg führte ihn durch mehrere gefürchtete Anstalten der DDR:

• Ein Jahr und zehn Monate verbrachte er zunächst in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Erfurt (Andreasstraße).
• Anschließend folgte ein Monat in Cottbus.
• Daraufhin einige Monate in Chemnitz, dem damaligen Karl-Marx-Stadt.
• Schließlich wurde er im Februar 1989 nach Bautzen II verlegt, wo er bis zur Wende und der Amnestie inhaftiert blieb. Insgesamt war Gerhard Bause ein Jahr und neun Monate inhaftiert.

Während der langen Haftzeit halfen Bause verschiedene Strategien, um zu überleben. Er setzte sich etappenweise Ziele, oft mit dem Blick auf den Entlassungstag, und hoffte auf einen „Freikauf“ in den Westen. Was ihm jedoch am meisten Kraft gab, war sein Glaube als Christ. Er richtete all seine Sorgen, Nöte, Wünsche und Hoffnungen im Gebet an den „Herrgott“. Eine weitere wichtige Form der Selbsthilfe war das Schreiben von Gedichten, womit er bereits in Bautzen begann und die er nach seiner Freilassung fortsetzte. Sein Gedichtband mit dem Titel „Ohne hohe rollt das Meer“ beschreibt die Situation des Eingesperrtseins, die Diktatur und die gesamten Hafterlebnisse. Das Schreiben half ihm, einen Großteil der seelischen Wunden aufzuarbeiten.

Die Zeit nach der Haft war eine weitere Herausforderung. Gerhard Bause musste die DDR innerhalb von 24 bis 48 Stunden verlassen, er wurde „quasi noch regelrecht rausgeschmissen“. Der Übergang von der „Beengtheit“ der Haft in die „Licht- und Glitzerwelt“ des Westens führte zunächst zu einem „kompletten Zusammenbruch“.

Heute empfindet Gerhard Bause, dass die Erfahrungen dieser Zeit einen sehr großen Einfluss auf ihn haben. Er sieht es als seine Pflicht an, die Geschichte der Willkür und Diktatur an die jüngere Generation weiterzugeben, damit sich so etwas nicht wiederholt. Er kritisiert jedoch die heutige Gesellschaft, die seiner Meinung nach „zu müde, zu satt“ sei, um aufzustehen. Insbesondere äußert er Bedenken, dass die politische Bildung und die Vermittlung der Geschichte in Gedenkstätten durch „links-grün ausgerichtete Stiftungen und Politiker“ so gesteuert werden, wie sie es gerne hätten, was die authentische Weitergabe der Geschichte gefährde.

Gerhard Bauses Leben ist wie ein Leuchtturm in stürmischer See: Er hat die Dunkelheit der Diktatur durchlebt und leuchtet nun, um nachfolgende Generationen vor den Gefahren der Unfreiheit zu warnen und die Bedeutung der historischen Erinnerung zu betonen.

Einblicke in die psychologische Kriegsführung der Stasi in Hohenschönhausen

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Berlin-Hohenschönhausen war kein gewöhnliches Gefängnis, sondern ein Ort der „Zersetzung der Seele“. Hartmut Richter, einer der Zeitzeugen und Betroffenen, berichtet von seiner Inhaftierung und den perfiden Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die darauf abzielten, die Persönlichkeit von Häftlingen zu zerstören und sie zu brechen. Seine Erlebnisse, beginnend mit seiner Verhaftung 1975, zeichnen ein beklemmendes Bild dieser „operativen Methode“ der Stasi.

Der Beginn der Alptraums: Eine plötzliche Verhaftung
Die Verhaftung erfolgte ohne Vorwarnung: Im Februar 1963 wurde Hartmut Richter morgens auf dem Weg zu seiner Dienststelle von zwei Männern angesprochen. Noch bevor er seinen Ausweis zeigen konnte, packten sie ihn, drückten ihn in eine schwarze Limousine und brachten ihn nach Berlin-Lichtenberg, Magdalenenstraße. Richter, der sich zu diesem Zeitpunkt noch als unschuldig ansah, hoffte, dass sich die Angelegenheit schnell klären würde – vielleicht nur eine Einschüchterung, ein „Schuss vor den Bug“. Nach 22 Stunden in Berlin-Lichtenberg wurde er in einem dunklen Transportwagen an einen unbekannten Ort gebracht, der sich später als Berlin-Hohenschönhausen herausstellte. Dort angekommen, wurde er sofort entwürdigt: „Sie sind die Nummer 48, merken Sie sich das“, brüllte ein Wärter, und von diesem Zeitpunkt an wurde er nur noch mit dieser Nummer angesprochen.

Entmenschlichung und totale Kontrolle
Die Ankunft in Hohenschönhausen war der Beginn einer systematischen Entmenschlichung. Gefangene mussten sich entkleiden, und jede Körperöffnung wurde inspiziert. Die Zellen waren fensterlos oder hatten nur „zwei Reihen Glasziegel, dazwischen einen Spalt“, was das Atmen erschwerte. Persönliche Dinge gab es nicht, und jegliche Form der Beschäftigung, wie Lesen, Schreiben oder das Recht zu liegen oder zu sprechen, war während der Untersuchungshaft untersagt. Informationen von außen drangen nicht ein, und Informationen nach außen gelangten nicht hinaus. Die Wärter, speziell geschultes Personal, die sich als „Schild und Schwert der Partei der Arbeiterklasse“ verstanden, hatten die Aufgabe, die Gefangenen zu dominieren und zur Unterordnung zu zwingen.

Die Überwachung war allgegenwärtig und total:
• Ständige Beobachtung: Überall waren Kameras, und Posten sahen mit einem Auge durch einen Spion in die Zellen.
• Schlafentzug als Folter: Fluoreszierende Röhren im Flur und Lampen über den Türen sorgten dafür, dass es nie wirklich dunkel wurde. Die Posten kontrollierten die Zellen alle paar Minuten, was ein „permanenter Schlafentzug auch eine psychische Folter“ war.
• Geplante Isolation: Es war untersagt, anderen Gefangenen zu begegnen. Selbst Unkraut wurde entfernt, damit Häftlinge kein Grün zu Gesicht bekamen. Diese Isolation führte bei Hartmut Richter dazu, dass er nach seiner Freilassung Kreislaufbeschwerden bekam, wenn er versuchte, „weit zu schauen“.

Psychologische Kriegsführung: Die Methode der „Zersetzung“
Die Stasi nutzte das, was sie „Zersetzung“ nannte – eine „operative Methode zur wirksamen Bekämpfung subversiver Tätigkeit“. Das Ziel war es, „feindlich negative Einstellungen und Überzeugungen“ von Zielpersonen zu erschüttern und zu verändern, um „Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich negativer Kräfte“ zu erreichen. Dabei setzten sie an der „schwächsten Stelle“ an, um eine „Kettenreaktion“ auszulösen.

Zu den perfiden Methoden gehörten:
• Induktion von Schuldgefühlen: Vernehmungen zielten darauf ab, den Gefangenen einzureden, dass sie gegen Gesetze der DDR verstoßen und sich schuldig fühlen müssten.
• Manipulation und Demütigung: Vernehmer nutzten vielfältige Taktiken – freundlich, schmeichelnd, witzig, gehässig – um Gefangene zu verunsichern und zum Reden zu bringen. Es ging darum, „Bedingungen gestellt, die du zu erfüllen hast“, wie die Bitte um eine Zigarette, um „Devotion Unterordnung Zweck Verhalten zu erreichen“. Sie wollten sehen, ob man bereit war, sich zu demütigen.
• Zerstörung der Orientierung: Richter erfuhr an seinem Geburtstag, 14 Tage nach seiner Verhaftung, beiläufig, dass sein Ehemann ebenfalls in Haft sei und es ihm „wesentlich besser“ ginge, was darauf abzielte, ihn „eifersüchtig zu machen“ und „Stimmung“ in ihm zu erzeugen. Die Stasi wollte „eine Orientierung zerstören“ und „den eigenen Menschen Wert… zweifelhaft erscheinen“ lassen.
• Das Spiel mit der Hoffnung: Die Stasi spielte gezielt mit der Hoffnung der Gefangenen. Die Aussage „Dein Feind heißt Hoffnung Amnestie Entlassung vielleicht schon morgen er will dich fertig machen du sollst hoffen enttäuscht werden und zerbrechen“ fasst diese Strategie zusammen. Hartmut Richter wurde nach drei Wochen Isolation das Angebot gemacht, seinen Sohn in Westberlin zu besuchen – unter der Bedingung, dass er einem „unbekannten Studenten zur Flucht verhelfen“ sollte, was er als potenzielle Beihilfe zu einer Entführung erkannte und ablehnte.

Die Rolle der „inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM)
Ein besonders erschütternder Aspekt war der Einsatz von „inoffiziellen Mitarbeitern“ (IMs) im Gefängnis selbst. Dies waren Gefangene, die sich „verpflichtet hatten, wieder gut zu machen“, in der Hoffnung auf Vorteile oder vorzeitige Entlassung. Sie wurden in „wohnzimmerähnlich eingerichteten“ Zellen untergebracht, bekamen Kaffee und Kuchen und schrieben Berichte über ihre Mitgefangenen. Die Stasi baute „vertrauliche Beziehungen“ auf, bei denen der IM Vertrauen vortäuschte, während er die Zielperson aushorchte. Richter selbst erfuhr viel später, dass seine Zellen-Nachbarin, die Privilegien wie Liegeerlaubnis und heimliche Verpflegung genoss, eine solche IM war. Dies führte zu einem tiefen Misstrauen und dem Verlust von Freundschaften nach der Wende.

Widerstand und die „imaginäre Mauer“
Trotz der extremen Bedingungen suchten die Gefangenen Wege, sich abzulenken und Widerstand zu leisten. Hartmut Richter baute „diese imaginäre Mauer um mich gebaut und dann ging nichts mehr vor nichts mehr zurück“, wenn es „ganz dick“ wurde. Eine andere Methode war das simulierte Schreiben auf Tischplatten, um Gedanken zu Ende zu denken und Gefühle zu beschreiben, auch wenn es nicht sichtbar war. Richter formulierte Gedichte und reproduzierte diese im Kopf.

Nach der Haft: Unsichtbare Wunden und die Suche nach Antworten
Nach 5 Jahren und 6 Monaten wurde Hartmut Richter 1980 im Rahmen des „Freikaufs“ nach Westberlin entlassen. Doch die Befreiung war nicht das Ende der Geschichte: Die Stasi observierte ihn und seine Familie weiterhin. Er erfuhr später aus seiner Stasi-Akte, dass er als „feindlich negatives Objekt“ eingestuft und sogar eine „Maßnahme planen Vorfahren aus dem hervorging das liquidieren im Sinne von umbringen“ für 1984 erwogen wurde. Diese Erkenntnis, dass er die Stasi unterschätzt hatte, schockierte ihn zutiefst.

Die Erfahrungen in der Haft hinterließen tiefe, oft unsichtbare Spuren:
• Misstrauen und Bindungsängste: Hartmut Richter beschreibt „dieses Misstrauen da dieses Schreckens abschicken weiß jetzt Bindungsängste“.
• Psychische Nachwirkungen: Das „Verhärten“ und „Verbittern“ sind dauerhafte Gefahren, wie ein Gedicht im Video beschreibt.
• Umgang mit der Vergangenheit: Hartmut Richter sucht bis heute das Gespräch mit seinem ehemaligen Vernehmer, der jedoch „mauert“. Er möchte „in Augenhöhe“ reden, aber die „Feigheit“ der Täter frustriert ihn.

Der Fall von Jürgen Fuchs, einem Schriftsteller und Psychologen, der 1976 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ inhaftiert und nach neun Monaten Haft nach Westdeutschland abgeschoben wurde, unterstreicht die extremen Maßnahmen der Stasi. Fuchs starb 1999 mit nur 48 Jahren an einer seltenen Form von Leukämie und äußerte vor seinem Tod den Verdacht, im Gefängnis radioaktiv bestrahlt worden zu sein. Obwohl der Umgang der Stasi mit radioaktiven Substanzen nachgewiesen wurde, konnte eine Tötungsabsicht durch Bestrahlung nicht bewiesen werden.

Das Erbe der Zersetzung
Die „Zersetzung der Seele“ war eine subtile, aber verheerende Form der Gewalt, die auf den Intellekt zielte, um Individuen „unschädlich zu machen“. Sie wirkt lange nach der physischen Freilassung und prägt das Leben der Überlebenden. Es ist ein stilles Trauma, dessen „Spuren auf der Seele“ auf den ersten Blick unsichtbar sind. Diese Methoden erinnern daran, wie ein Baum, der unsichtbar unter der Erde Schaden nimmt, seine Früchte oder sein Wachstum beeinträchtigt sieht, selbst wenn er oberirdisch gesund erscheint. Die Zersetzung zielte darauf ab, die Wurzeln der Persönlichkeit zu untergraben.

Wie der Ostschnapskult das Leben prägte und die Wende überlebte

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Zwischen Rostock und Suhl war er mehr als nur ein Getränk: der Schnaps der DDR. Er war ein Stück Alltag, ein Begleiter durch Freud und Leid, ein Ritual. Heute sind viele dieser Spirituosen fast vergessen, doch einige feiern eine stille Rückkehr und werden heimlich wieder zum Kultgetränk. Sie erzählen Geschichten von Planwirtschaft und Pioniergeist, von festen Feiern und harten Zeiten. Tauchen wir ein in die Welt der unvergesslichen Ost-Spirituosen.

Der verlässliche Begleiter: Nordhäuser Doppelkorn und Goldbrand
Der Nordhäuser Doppelkorn war eine Institution. Er stand auf Familientreffen neben dem Sahnekuchen und war Pflicht beim Frühshoppen. Mit 38% Alkohol war dieser klare, ehrliche Tropfen nicht extravagant, sondern einfach immer da, verlässlich produziert vom VEB Nordbrand in Nordhausen. Er war kein Partyschnaps, sondern ein Ritual, das selbst auf Trauerfeiern nicht fehlen durfte. Sein direkter, schroffer Geschmack hatte Charakter, und er überlebte die Wende als eine der wenigen Ostmarken. Heute gehört er zu Rotkäppchen Mumm und wird noch immer gebrannt, fast wie damals schmeckend, weil er sich nie verstellen wollte.

Wer den Doppelkorn zu stark fand, griff zum Nordhäuser Goldbrand. Auch als „14 Mark 50er“ bekannt, war dieser Verschnitt aus Weinbrand und neutralem Alkohol mil süßer und gefälliger. Er war die flüssige Gewohnheit für alle Lebenslagen, sei es in der Kneipe, auf Gartenpartys oder im Altbauflur. Seine Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit waren entscheidend, nicht der Hochgenuss. Hergestellt unter anderem von VEB Bärensiegel Berlin, schmeckte er fast überall gleich – ein Zeichen der Planwirtschaft. Auch er hat überlebt und steht heute noch unter Namen wie Goldkrone im Regal, ein Symbol der Sehnsucht nach einer einfachen Zeit.

Vom Werkzeug zur Erinnerung: Kristall Wodka, Saschenka und Solotov
Der Kristall Wodka, oft „der blaue Bürger“ genannt, war kein Freund, sondern ein Werkzeug. Mit 40% und einem scharfen, direkten Geschmack zielte er auf schnelle Wirkung. Er war billig und absichtlich so konzipiert, eine „Planerfüllung in flüssiger Form“ oder ein „Grundnahrungsmittel mit Nebenwirkung“. Man fand ihn überall, vom Spind auf dem Bau bis zum FDJ-Zeltlager. Heute ist er selten, eine Erinnerung an harte Zeiten oder ein Symbol eines Systems, das seine Menschen eher dämpfen als ihnen zuhören wollte.

Die Wodkas Saschenka und Solotov waren die verlässlichen Nebendarsteller. Sie standen im Schrank neben dem Goldbrand, wurden auf Betriebsfeiern und Geburtstagen getrunken. Saschenka klang russisch und trug eine sowjetische Aura, während Solotov aus Wilden stammte. Beide verkörperten die Handschrift der Planwirtschaft: verlässlich, neutral, unnachgiebig. Sie waren der Versuch, Stil innerhalb des Systems zu behaupten, doch nach der Wende verschwanden sie fast vollständig.

Farbenfrohe Rebellion und stiller Genuss: Pfeffi und Kristall Angelique
Der Pfeffi war anders. Grün wie Leuchtmoos, süß wie Kindheit, scharf wie Menthol – er war der Rebell in grüner Flasche. Besonders bei Jugendlichen beliebt, wurde er heimlich hinter dem Schulgarten getrunken. Nach der Wende fast verschwunden, wurde er von Hipstern neu entdeckt und ist heute Kult, ironisch oder ernsthaft in Bars zwischen Gin und Rum serviert. Er hat sich nicht angepasst, was ihn so besonders macht.
Die Kristall Angelique war das genaue Gegenteil: kein Getränk für nebenbei, sondern ein Anlass, ein Moment der Eleganz. Dieser bernsteinfarbene Kräuterlikör aus dem VEB Bockau im Erzgebirge war sanft verpackt in einer filigranen Flasche. Mit ihrem leicht kräuterigen Geruch und dem Hauch von Blume war sie ein Geschenk für besondere Anlässe, für die Kaffeetafel oder die Frauenrunde am Sonntagnachmittag. Sie war nicht nur ein Likör, sondern ein stilles Fest, das heute meist nur noch in der Erinnerung existiert.

Die harte Realität und das Nischengetränk: Kumpeltod und Mampe Halb und Halb
Eine der bittersten Geschichten erzählt der Kumpeltod. Offiziell „Trink Brandwein für Bergleute“, war dieser klare, scharfe Brandwein ein Sonderposten für die Bergarbeiter der DDR, bis zu 6 Liter im Monat. Sein Spitzname „Kumpeltot“ war bitter: „Kumpel“ als Ehrentitel im Bergbau, „tot“ als Preis für den Alkohol, der sich wie der Staub in die Knochen fraß. Er war kein Genuss, sondern Routine und oft eine Flucht vor der harten, lebensgefährlichen Arbeit unter Tage. Der Kumpeltod ist heute vollständig verschwunden und bleibt eine Mahnung an eine Zeit, in der Alkohol Teil des Systems war und viele keine Wahl hatten.

Mampe Halb und Halb war ein Statement. Mit seiner unverwechselbaren Flasche, die zwei Kammern – eine bernsteinfarben, eine fast schwarz – enthielt, mischten sich Süße und Bitterkeit erst im Glas. Er war ein Getränk für Menschen, die lieber schwiegen als brüllten, ein Nischengetränk in einer Welt der Normierung. Auch im Westen gab es Mampe, doch im Osten hatte er ein anderes Gewicht, eine greifbare Verbindung zwischen zwei Systemen. Nach kurzer Verschwundenheit wurde er wiederbelebt und steht heute mit Retroetikett in Bars.

Der Basteldrink und der Kräuterlikör mit Seele: Grüne Wiese und Röhntropfen
Die Grüne Wiese war keine Fertigmischung, sondern eine Idee: ein Cocktail aus Blue Curaçao, Orangensaft und Sekt. Sie war ein „sozialistischer Basteldrink mit Charme“, grellgrün und künstlich, aber genau darin lag ihr Reiz. Ein Getränk für Feste, das die Tanzfläche eroberte und aus wenig viel machen konnte. Sie verschwand nach der Wende, tauchte aber auf Ostpartys und in Szenebars wieder auf – heute ist sie Kult und ein Stück Hoffnung.

Der Röhntropfen, ein Kräuterlikör mit Seele, wurde in Meiningen im Thüringer Wald hergestellt. Dunkel, zähflüssig, würzig – er war ein Getränk für ruhige Momente, wenn der Tisch abgeräumt war und die Stimmung ruhig wurde. Er wollte nicht allen gefallen, nur den richtigen. Auch er geriet fast in Vergessenheit, erlebt aber heute eine stille Rückkehr in ausgewählten Läden.

Diese Spirituosen waren mehr als nur Alkohol; sie waren Spiegel der Gesellschaft, des Alltags und der Träume in der DDR. Sie waren wie die Notizbücher einer Epoche, in denen jede Flasche ein Kapitel über das Leben schrieb – manche laut und deutlich, andere leise und nachdenklich, aber alle mit unvergesslichem Nachhall.

Der 17. Juni 1953: Ein Tag, der die DDR in ihren Grundfesten erschütterte

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Der Aufstand vom 17. Juni 1953 markiert einen Wendepunkt in der frühen Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und offenbarte die tiefe Spaltung zwischen der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und großen Teilen ihrer Bevölkerung. Was als Arbeiterprotest begann, entwickelte sich zu einem landesweiten Volksaufstand, der nur durch massive sowjetische Militärintervention niedergeschlagen werden konnte.

Die Gründung der SED und erste Widerstände
Die Wurzeln der SED-Herrschaft reichen zurück bis in den April 1945, als die „Gruppe Ulbricht“, benannt nach ihrem Leiter Walter Ulbricht, aus Moskau nach Berlin eingeflogen wurde. Ihr Ziel war die Errichtung der Alleinherrschaft einer Partei unter dem Schutz der sowjetischen Besatzungsmacht. Ein Jahr später, im Frühjahr 1946, hielt Walter Ulbricht dieses „Herrschaftsinstrument“ in der Hand, nachdem die SPD und die KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zwangsvereinigt worden waren. Das erklärte Ziel der SED war eine planorientierte Zentralverwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild und die Überführung aller Produktionsmittel in staatliches und kollektives Eigentum – die „sozialistische Revolution“ in Etappen.

Doch die Geschichte der SED ist auch die Geschichte der Opposition, und das von Anfang an. Wolfgang Leonhard, ein Angehöriger der Gruppe Ulbricht, der als Sohn deutscher Kommunisten in der Sowjetunion aufgewachsen war, bemerkte erste Anzeichen parteiinterner Opposition bereits im Juni 1945. Er berichtete von Gründungsveranstaltungen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Berlin, wo Diskussionen nicht über das Programm, sondern über die schauderhaften Vergewaltigungen und Übergriffe sowjetischer Soldaten stattfanden. Ein Genosse forderte gar, den Kommunismus in Deutschland „ohne die Rote Armee als notwendig, ja gegen die Rote Armee“ aufzubauen – eine Haltung, die Leonhard damals noch scharf ablehnte, ihn aber später zum Nachdenken brachte.

Vielfältige Oppositionsströmungen

Leonhard identifizierte mehrere frühe Strömungen der Opposition, die sich ab 1947 herauszubilden begannen:

• Sozialdemokraten: Jene, die in die SED gegangen waren, bemerkten mit Enttäuschung, Schrecken und Entsetzen, wie die Partei immer mehr in ein „kommunistisch-stalinistisches Fahrwasser“ geriet und sehnten sich nach den „guten Zeiten der Sozialdemokratie“ zurück.

• Selbstständig denkende, kritische Kommunisten: Diese hatten die These vom „selbstständigen Weg zum Sozialismus“ ernst gemeint und bemerkten nun, wie die SED immer mehr zu einem Sprachrohr der sowjetischen Besatzungsmacht wurde und sich dagegen aufzulehnen begann.

• Potenzielle Trotzkisten und Angehörige früherer Oppositionen.

Wolfgang Leonhards eigener Weg zur bewussten Opposition war ein Prozess:

• Kritische Regungen hatte er bereits in der Sowjetunion während der Großen Säuberung (1936-1938) und beim Hitler-Stalin-Pakt (August 1939).

• Der Übergang zur bewussten Opposition erfolgte jedoch an einem Tag im Oktober 1948. Als er jugoslawische Broschüren auf dem Gelände der SED-Parteischule versteckte, verstand er plötzlich am eigenen Leibe, was Unterdrückung ist: „Ich erkannte, dass das ein diktatorisches System ist, dass man Dinge verstecken muss“.

• Das entscheidende Ereignis, das seine kritischen Gedanken zu bewusster Opposition werden ließ, war der Bruch Titos mit der Sowjetunion am 28. Juni 1948. Jugoslawien weigerte sich, Stalins Anschuldigungen anzuerkennen, und stellte zum ersten Mal ein „selbstständiges sozialistisches Land“ dar, das sich nicht der stalinistischen Führung unterordnete. Diese mutige Haltung brachte viele Menschen innerhalb der Partei, insbesondere langjährige Kommunisten, zum Nachdenken.

• Leonhard versuchte daraufhin, als „bewusst kommunistischer Oppositioneller“ alternative Ideen zum Stalinismus zu besprechen und konspirative Freundesgruppen aufzubauen. Als seine Aktivitäten aufflogen, floh er am 12. März 1949 unter Lebensgefahr aus der sowjetischen Zone nach Jugoslawien. Er betonte, dass er nicht in den Westen fliehen wollte, sondern eine „Alternative zum Stalinismus auf dem Boden von Marx, Engels und Lenin“ suchte.

Die Eskalation vor dem Aufstand
Währenddessen festigte die SED ihre Macht. Der bürgerliche Widerstand, etwa von Jakob Kaiser, dem Vorsitzenden der Ost-CDU, gegen Enteignungen und die Planwirtschaft, wurde 1948 von der sowjetischen Militäradministration unterdrückt. Die bürgerlichen Parteien wurden in die „Zwangsjacke des antifaschistisch-demokratischen Blocks“ gepresst.

Im Juli 1952 proklamierte Walter Ulbricht den „Aufbau des Sozialismus in der DDR“. Die Folgen waren verheerend: Zwischen Herbst 1952 und Frühjahr 1953 verließ eine halbe Million Menschen die DDR, vertrieben durch Zwangsmaßnahmen in der Landwirtschaft, Boykottpolitik gegen kleinere Unternehmen, erhöhten politischen Terror und zunehmenden Mangel an Lebensmitteln. Die Fluchtbewegung in den Westen nahm ungeahnte Ausmaße an.

Der Tod Stalins am 5. März 1953 brachte einen neuen Kurs in Moskau mit sich, der auf Entspannung und Zugeständnisse an die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung zielte. Dies traf Ulbricht und die SED völlig unvorbereitet, da sie gerade die Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent bei gleichem Lohn beschlossen hatten. Obwohl die SED-Führung am 11. Juni 1953 gezwungen war, einen „Neuen Kurs“ mit Verbesserungsversprechen zu verkünden, hielt sie an den erhöhten Arbeitsnormen fest. Dies schuf eine „hochexplosive Lage“, die sich in dem Ausspruch „die SED ist pleite“ zusammenfasste.

Der 16. und 17. Juni 1953: Tage des Aufruhrs
Der 16. Juni, ein Dienstag, war der Tag der Politbürositzungen. Bauarbeiter von der Stalinallee zogen zur Regierung, um ihre Forderungen nach Rücknahme der Lohnerhöhungen vorzutragen. Die SED-Führung, deren Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung bereits zutiefst erschüttert war, wurde beschuldigt, sich nicht im Regierungsgebäude aufzuhalten, was den Unmut weiter anheizte.

Die sogenannte Volkspolizei war „moralisch gebrochen“ und wagte es nicht, gegen die Demonstration vorzugehen. Die Arbeiter sahen, dass sie sich frei formieren konnten, und die Demonstration wuchs unaufhaltsam an. Fritz Schenk, damals persönlicher Berater des Vorsitzenden der staatlichen Planungskommission, erlebte, wie sich die Menschen „wie von einer inneren Kraft getrieben“ fühlten und sich ihrer kollektiven Stärke bewusst wurden.

Am Abend des 16. Juni waren die „hohen Genossen“ alarmiert. In der Nacht zum 17. Juni beriet das SED-Politbüro im Hauptquartier des sowjetischen Hochkommissars in Karlshorst und traf die Entscheidung, die Sowjetarmee zu Hilfe zu rufen.

Am Morgen des 17. Juni rollten bereits in den frühen Stunden sowjetische Panzer nach Ost-Berlin. Das Regierungsgebäude wurde von sowjetischen Sondereinheiten abgeriegelt, und die Fenster wurden von den Demonstranten mit Steinen beworfen. Im Laufe des Vormittags erschienen die ersten sowjetischen Panzer mitten unter den Demonstranten. Die Losungen begannen sich zu verändern: Es war zum ersten Mal von „freien Wahlen“ und dem „Rücktritt der Regierung“ die Rede. Die Forderungen gingen über rein materielle Anliegen hinaus. Schüsse fielen, Panzer setzten sich in Bewegung und drängten die Demonstranten ab.

Der Journalist I Brand, damals Mitglied der Berliner Bezirksleitung der SED, erlebte den Aufstand bei Bergmann-Borsig. Dort strömten Tausende Arbeiter spontan zusammen und äußerten konkrete Schilderungen von Rechtsverletzungen, Unterdrückung, willkürlichen Verhaftungen und Prügeln. Um 13 Uhr verkündete der russische Militärchef den militärischen Ausnahmezustand. Sowjetische Truppen lösten die Demonstrationen auf, verhafteten und verprügelten Arbeiter – ein „grausiges und absurdes“ Schauspiel, da die angebliche „Rätemacht“ ihre eigenen Arbeiter auseinandertrieb.

Die bleibende Erkenntnis
Ohne die russischen Panzer wäre das SED-Regime in Stunden hinweggefegt worden. Die oft verbreitete „Agentenlegende“, wonach der Aufstand von westlichen Agenten initiiert wurde, ist laut I Brand ein „SED-Märchen“ und „absolut unsinnig“. Während natürlich immer Agenten konkurrierender Mächte bei inneren Unruhen anwesend sein könnten, hätten sie ohne die „Zündmasse“ und die „eigenständige originäre Arbeitererhebung“ nichts ausrichten können.

Der 17. Juni 1953 war eine Tragödie. In 250 Ortschaften der DDR wurde gestreikt oder demonstriert. Es gab 21 Todesopfer und über 1300 Verurteilungen, darunter sechs Todesstrafen. Der Aufstand hatte keine zentrale Führung, sondern entstand spontan aus der Verbitterung über ein unfähiges und gewalttätiges Regime. Er offenbarte auch eine tiefe Spaltung in der SED-Führung, doch Walter Ulbricht, der die Katastrophe ausgelöst hatte, blieb mit voller Deckung der sowjetischen Führung an der Macht.

Für Fritz Schenk führte die Desillusionierung, die bereits im Frühjahr 1952 eingesetzt hatte, zu der Erkenntnis, dass das von der Sowjetunion übernommene sozialistische System niemals ein demokratischer Sozialismus werden könnte, solange die sowjetische Bevormundung anhielt. Er wurde später wegen Verbindungen zum Ostbüro der SPD und der Verbreitung „hetzerischer Schriften“ (wie Milovan Djilas‘ „Die Neue Klasse“) verhaftet, konnte aber nach seiner Freilassung im Rahmen eines Disziplinarverfahrens fliehen.

Für I Brand war der 17. Juni die vollständige Abkehr von der Vorstellung, dass es sich beim sowjetischen Gesellschaftssystem um eine Form des Sozialismus handelte; er sah es als eine „andere Art von Ausbeutung und Unterdrückungssystem“. Die Erfahrungen des 17. Juni und die darauf folgende Machtlosigkeit angesichts der sowjetischen Bevormundung führten dazu, dass sich nach den späteren Ereignissen in Ungarn 1956 oder dem Prager Frühling 1968 keine stärkeren oppositionellen Gruppen in der DDR bildeten, da „alles Auflehnen hinterher wahrscheinlich wieder mündet in noch tiefere Demütigung“.

Der 17. Juni 1953 bleibt ein Denkmal der Volksverbitterung und des mutigen Aufstands gegen ein diktatorisches System, dessen Fundamente ohne die Stütze fremder Panzer wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen wären. Er war ein lauter Schrei nach Freiheit und Selbstbestimmung, der von der Macht brutal erstickt wurde, aber die tiefe Risse im Gebilde der DDR hinterließ. Es war, als ob ein Ventil bei übermäßigem Druck gewaltsam verschlossen wurde, statt den Druck abzulassen – die Explosion wurde verhindert, aber das System blieb unter immenser Spannung.

Ex-Agent Leo Martin: Alltag im Geheimdienst, V-Leute und der NSU-Fall

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Die Welt der Geheimdienste ist für die meisten von uns ein undurchsichtiges Geflecht aus Verschwiegenheit und verdeckten Operationen. Doch wer sind die Menschen, die in diesem Schattenreich agieren, und wie sieht ihr Alltag aus? Leo Martin, ein ehemaliger Geheimagent und Verfassungsschützer, gewährt einen seltenen Einblick in seine frühere Tätigkeit und enthüllt die komplexen Herausforderungen und psychologischen Belastungen dieses hochsensiblen Berufs.

Vom Polizisten zum Agenten: Ein ungewöhnlicher Werdegang Leo Martin, dessen wahrer Name streng geheim ist – „den kennt nur das Finanzamt“ –, beschreibt seinen Weg zum Geheimagenten als eine klassische Polizeiausbildung, gefolgt von einem Angebot des Innenministeriums. Er entschied sich für ein Studium der Kriminalwissenschaften und die Spezialisierung als Operateur beim Verfassungsschutz. Seine Faszination galt dabei stets dem „Blick hinter die Kulissen“ und den „Abgründen der menschlichen Psyche“.

Was macht ein Verfassungsschützer? Ein Verfassungsschützer ist ein Beamter im öffentlichen Dienst, angesiedelt unter dem Innenministerium, entweder bei einem Landesamt für Verfassungsschutz oder dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Ihre Kernaufgabe ist die Erhebung und Auswertung von Informationen, die auch verdeckt gewonnen werden dürfen, beispielsweise durch den Einsatz technischer Mittel oder – und hier liegt Martins Spezialgebiet – durch V-Leute, also menschliche Quellen. Der Auftrag umfasst die Beobachtung und Abwehr extremistischer Organisationen (Links-, Rechts- oder Ausländerextremismus), die Spionageabwehr und in einigen Bundesländern auch die Bekämpfung der organisierten Kriminalität.

Das Herzstück der Arbeit: Der Umgang mit V-Leuten Als Operateur besteht Martins Alltag hauptsächlich aus der Führung von V-Leuten, von denen er je nach Einsatzgebiet fünf bis zwölf gleichzeitig betreuen konnte. Diese wurden ein- bis dreimal pro Woche getroffen.

• Der erste Kontakt: Leo Martin legte beim ersten Kontakt „relativ schnell die Karten auf dem Tisch“. Er offenbarte, dass er für den Nachrichtendienst arbeitet, bot eine Zusammenarbeit an und zeigte gleichzeitig „Innenseiter Wissen“ über die Zielperson, um sie zur Mitarbeit zu motivieren. Dies führte zu einer „Schocksituation“, in der die Zielperson das Bedürfnis entwickelte, Sicherheit zurückzugewinnen und herauszufinden, „was wissen die wirklich, was wollen die wirklich“.

• Vertrauensaufbau: Entscheidend war, dass der V-Mann das Erlebnis macht, dass Informationen, die er liefert, niemals zu seinem Nachteil führen. Zunächst wurden Informationen über Konkurrenzorganisationen abgegriffen, bevor der V-Mann in einem Moment der Schwäche (z.B. bei ungerechter Behandlung innerhalb der eigenen Organisation) erstmals Informationen aus seiner eigenen Gruppe herausgab. Dieser Prozess, so Martin, funktioniere „erstaunlich schnell“.

• Motivation jenseits des Geldes: V-Leute werden nicht reich. Sobald Informanten merken, dass ihre Informationen mit Geld abgegolten werden, neigen sie dazu, Geschichten zu erfinden, die „immer wilder“ und „immer spannender“ werden, aber nicht der Realität entsprechen. Daher war es entscheidend, den V-Mann „weg vom Geld […] hin zur Beziehung“ mit dem Operateur zu bringen, sodass er es „für mich tut“.

• Unterschiede bei Extremisten: Die Arbeit in der linken Szene, die „antiautoritär“ und „antistaat“ ist, unterscheidet sich fundamental von der Arbeit in der rechten Szene. Während im linken Milieu oft Personen in die Organisation eingeschleust und dort aufgebaut werden müssen, ist es im rechten Bereich, der einen „starken Staat“ bevorzugt, einfacher, jemanden „herauszubrechen“ und anzuwerben.

• Informationsbewertung: Informationen werden niemals ungeprüft übernommen, sondern jede Information von jedem V-Mann wird auf zwei Ebenen bewertet: die Zuverlässigkeit des V-Mannes und die Verifizierbarkeit der einzelnen Informationen. Berichte gehen erst dann nach außen, wenn sie von zwei, besser drei Quellen bestätigt wurden.

Der Alltag eines Agenten: Zwischen Alibi und Isolation Als Alibi-Beruf diente Leo Martin die Bezeichnung „Projektmanager“. Diese Legende ist flexibel gestaltbar und erfordert außer Methodenwissen „im Zweifelsfall nichts“, was das Risiko minimierte, bei Fachfragen aufzufliegen.

Der Preis für diese Geheimhaltung war jedoch hoch:

• Einschränkungen im Privatleben: Freunde wurden weniger, und die Fähigkeit, Verpflichtungen einzugehen, litt massiv, da Einsätze unplanbar sind. Selbst Martins Mutter erfuhr erst nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst von seiner wahren Tätigkeit.

• Partner als einzige Ausnahme: Die einzige Person, die die Art des Berufs erfahren durfte, war der Partner. Allerdings wurden auch hier keine konkreten Fälle, Namen oder Zahlen besprochen, um „Kopfkino“ und „morgen Drama“ zu vermeiden.

Das Dilemma: Verfassungsschutz und Polizei Ein ständiges „Spannungsfeld“ besteht zwischen Verfassungsschutz und Polizei. Die Polizei unterliegt dem „Legalitätsprinzip“, muss also bei Kenntnis einer Straftat einschreiten. Der Verfassungsschutz hingegen arbeitet nach dem „Opportunitätsprinzip“, das ihm einen gewissen Ermessensspielraum einräumt. Das bedeutet, bei „relativ einfachen Delikten“ können Geheimdienste „wegschauen“, um ihre V-Leute zu schützen, während die Polizei einschreiten müsste. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen führen zu Reibungen, die jedoch „in einem gewissen Niveau“ managbar seien und vom Rechtsstaat so vorgesehen.

Der NSU-Fall: Warum der Verfassungsschutz scheiterte Die Frage, wie der NSU „unter den Augen des Verfassungsschutzes passieren“ konnte, beantwortet Leo Martin mit der Struktur der Gruppe: Die Kernkompetenz der Landesämter für Verfassungsschutz ist es, in „bewusst abschottende Organisationen“ einzudringen, die ein „großes Netzwerk“ und geteilte Werte haben. Der NSU war jedoch eine kleine Gruppe von drei Personen, die ihre Taten nicht nach außen bekannt machte, was sie „relativ schwierig zu detektieren“ machte. Trotz umfangreicher polizeilicher Ermittlungen in verschiedenen Bundesländern war der NSU „besser, stärker, cleverer, gewiefter unterm Radarf“ und hatte bis zum Ende an vielen Stellen „Glück“.

Keine moralischen Konflikte und spezielle Ausrüstung Leo Martin betont, dass er in seinen zehn Jahren Dienst „nie und zwar kein einziges Mal über eine moralische Hürde springen“ musste und jede Nacht gut geschlafen habe, da er V-Leute führte, um „unsere Rechte und Freiheiten zu schützen“. Die spionage-technische Ausrüstung eines Agenten ist oft unspektakulärer als gedacht. Abgesehen von verdeckten Kameras in Knopflöchern oder Taschen waren es oft simple Hilfsmittel wie ein Klebestreifen, um eine Tür offen zu halten, oder Werkzeuge zur Reparatur kleiner Defekte.

Zusammenfassend lässt sich die Arbeit eines Geheimagenten als ein ständiger Drahtseilakt beschreiben, bei dem das Erlangen und Bewerten von Informationen durch menschliche Quellen im Mittelpunkt steht, während gleichzeitig ein extrem hohes Maß an Geheimhaltung und psychologischer Belastbarkeit gefordert wird. Es ist wie das Arbeiten in einem Labyrinth mit unsichtbaren Wänden: Man muss die Wege kennen, die Fallen umgehen und das Vertrauen derer gewinnen, die selbst im Verborgenen agieren, um die Sicherheit des Ganzen zu gewährleisten.

Mario Rölligs Kampf gegen die SED-Diktatur und sein Vermächtnis

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Berlin – Mario Röllig, dessen Fluchtversuch aus der DDR im Jahr 1987 scheiterte und der daraufhin drei Monate im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert war, engagiert sich heute in zahlreichen Projekten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ist Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union in Berlin. Seine Geschichte ist ein Zeugnis persönlicher Freiheit und des unermüdlichen Kampfes gegen Unrecht.

Ein „normales“ Leben mit Einschränkungen
Vor seinem Fluchtversuch führte Mario Röllig ein Leben, das er als „ganz normal“ beschreibt, wie das Millionen anderer DDR-Bürger und Jugendlicher. Doch dieses Leben war von den Restriktionen des sozialistischen Staates geprägt. Obwohl er das Abitur anstrebt hatte, war die Möglichkeit dazu stark reglementiert: In einer Klasse von 30 Schülern durften nur vier die Erweiterte Oberschule besuchen, und Röllig gehörte nicht zu den Auserwählten. Die Auswahl bevorzugte junge Menschen mit „regimetreuer“ Einstellung, deren Eltern oft in Fabriken arbeiteten, um die Arbeiterklasse zu fördern.

Sein Vater riet ihm zur Gastronomie, wo er die Möglichkeit sah, „viel Geld zu verdienen“. Röllig fand einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz im Flughafen Berlin-Schönefeld, das damals als „Tor zur Welt“ galt. Obwohl er sich selbst als unpolitisch einschätzte, wusste er aus dem Alltag heraus, dass er mit Gästen nicht über Politik, schon gar nicht kritisch, sprechen durfte, da „immer Menschen im Umfeld, Kollegen oder andere Leute im Restaurant, die große Ohren bekamen und zuhörten“, dies weiterleiten könnten.

Die Liebe als Auslöser der Flucht
Der Wendepunkt in Rölligs Leben kam mit seinem Coming-out als schwuler Mann im Alter von 16 Jahren. Er verliebte sich 1985 auf einer Urlaubsreise nach Budapest in einen Mann aus West-Berlin. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen, als sein Freund ihn regelmäßig in der DDR besuchte, wurde die Stasi auf sie aufmerksam. Viele uniformierte Grenzbeamte waren Stasi-Leute, die genau prüften, wer ein- und ausreiste.
Im November 1986 wurde Röllig von zwei Männern des Ministeriums für Staatssicherheit in das Büro seines Chefs im Flughafenrestaurant zitiert.

Sie waren mit seiner Arbeit zufrieden, wollten ihn aber als Informanten anwerben, um Informationen über seinen West-Berliner Freund zu sammeln – dessen Schwächen, Stärken, Charakter, politische Einstellungen und Freundeskreis. Mario Röllig weigerte sich, Freunde zu verraten, „und schon gar nicht die erste große Liebe“.

Die Stasi reagierte mit Druck: Sie wussten über seinen Führerscheinantrag, die zehnjährige Wartezeit auf einen Trabant und seine Hoffnung auf eine eigene Wohnung, für die Singles in Ost-Berlin acht Jahre warten mussten. Sie versprachen ihm ein neues Auto innerhalb von drei Wochen und die freie Wahl des Wohnbezirks in Berlin, wenn er kooperiere. Röllig provozierte sie mit der Forderung nach einer Wohnung in „West-Berlin Charlottenburg“ – eine absolut tabuisierte Antwort.

Drei Wochen später verlor er seinen Arbeitsplatz und wurde zum Hilfsarbeiter als Abwäscher am S-Bahnhof Berlin-Schöneweide degradiert. Die Stasi drohte ihm, dass er bis zum Ende seines Lebens abwaschen müsse, wenn er nicht kooperiere, und bei einmaligem Zuspätkommen als „arbeitsscheu und asozial“ verhaftet würde. Diese Drohungen verstärkten seine Angst und trieben ihn in die Flucht.

Obwohl Homosexualität in der DDR gesetzlich entkriminalisiert war (Paragraph 175 wurde entschärft), war sie in der Bevölkerung nicht anerkannt, und die Gründung offizieller Selbsthilfegruppen war verboten.

Der missglückte Fluchtversuch
Mario Röllig plante seine Flucht im Alleingang, niemandem erzählte er davon. Er flog 1987 für seinen Jahresurlaub nach Budapest und fuhr per Anhalter in den Süden Ungarns, um Polizeikontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu vermeiden. Er versteckte sich in einem Graben an der Grenze zu Jugoslawien, sah aber aus 150 Metern Entfernung stündlich patrouillierende ungarische Armeepolizei. Sein Plan war, nach Einbruch der Dunkelheit loszurennen, was er auch tat.

Doch er hatte nicht mit den bitterarmen Bauern im Süden Ungarns gerechnet, die im Nebenberuf Kopfgeldjäger für das Regime waren – selbst für Tote gab es Geld. Röllig hörte Schreie, einen Schuss und rannte um sein Leben. Kurz vor den letzten Grenzschildern rutschte er aus und wurde gefasst. Er musste miterleben, wie der Kopfgeldjäger für seine Verhaftung ein Bündel Geldscheine erhielt, was er heute als über einen halben Monatslohn beziffert.

Die Haft: Psychische Tortur statt körperlicher Gewalt
Nach seiner Festnahme wurde Röllig zunächst in einer Zelle in der Grenzstation und dann in Gefängnisse in Kecskemét und Budapest gebracht. Er nahm in einer Woche etwa zehn Kilo ab, da die hygienischen Bedingungen und das Essen unerträglich waren.

Nach einer Woche wurde er mit anderen jungen DDR-Flüchtlingen von zivilen Stasi-Leuten in einem Sonderflugzeug nach Berlin-Schönefeld zurückgebracht. Röllig musste vor dem Flug eine Beruhigungstablette einnehmen, um gewaltsame Spritzen zu vermeiden. In Berlin angekommen, wurde er in einem fensterlosen Containerwagen – beschrieben als „Besenschrank große dunkle Zellen“ – nach Hohenschönhausen transportiert. Dort erlebte er eine entwürdigende Ankunft: unter Gebrüll und Geschrei wurde er aus dem Wagen gezerrt, umringt von Männern mit Gummiknüppeln. Er musste sich an eine Wand stellen, Hände hinter den Kopf, Gesicht zur Wand, Schnürsenkel und Gürtel abgeben – eine Szene, die ihn an einen Nazi-Film erinnerte und ihm das „letzte Rest Heimat“ nahm.

In Hohenschönhausen erhielt er die Gefangenen-Nummer 328. Seine Zelle war zwar sauber, aber die Heizung lief im Hochsommer auf Hochtouren, wodurch die Temperatur 35 bis 40 Grad erreichte. Er wurde tagsüber ständig durch den Türspion beobachtet.

Die Vernehmungen waren eine psychologische Tortur. Der erste Vernehmer schrie ihn an und beleidigte ihn als „schwules asoziales Element“. Der zweite, über Monate zuständige Vernehmer war gegensätzlich: freundlich, gepflegt, auf sein Persönlichkeitsbild angesetzt. Dieser Vernehmer eröffnete ihm, er könne mit zwei bis acht Jahren Haft rechnen, möglicherweise mit 15 Mördern in einer Zelle, was für ihn als schwulen Mann „bestimmt nicht angenehm“ wäre. Ihm wurde vorgeworfen, das Vaterland verraten, den Weltfrieden gefährdet und einen Atomkrieg provoziert zu haben. Die Stasi bot ihm an, seine Strafe zu reduzieren, wenn er andere aus seinem Umfeld belastete. Um niemanden zu verraten, zählte Röllig stundenlang die Blätter der Wandtapete.

Körperliche Folter fand in Hohenschönhausen zu dieser Zeit nicht mehr statt; stattdessen wurde hauptsächlich „seelisch gefoltert“. Dies lag daran, dass die DDR Gefangene an den Westen verkaufte, um Devisen zu erhalten – 90.000 bis 120.000 D-Mark pro Person in den 1980er Jahren – und die Freigelassenen im Westen keine Folterspuren zeigen sollten.

Die wundersame Freilassung und der Weg in die Freiheit
Nach nur drei Monaten wurde Mario Röllig entlassen – sein „größtes Glück“. Die DDR war Ende 1987 wirtschaftlich „völlig pleite“ und brauchte dringend Geld. Rölligs Name wurde im Westen bekannt. Seine Eltern, die er zutiefst stolz nennt, weigerten sich, jeden Kontakt zu ihm abzubrechen, wie es von einer „sozialistischen Familie“ erwartet wurde. Stattdessen informierten sie heimlich Freunde in West-Berlin. Diese Freunde kontaktierten ein prominentes Rechtsanwaltsbüro, das wiederum beste Kontakte zum innerdeutschen Ministerium der Bundesregierung hatte. So kam Röllig auf die geheime Freikaufsliste der Bundesrepublik Deutschland für politische Gefangene. Er wurde ohne Gerichtsprozess oder Urteil, aber mit einem Amnestie-Beschluss entlassen.

Obwohl seine Eltern ihn mit offenen Armen empfingen, musste er noch vier Monate als Hilfsarbeiter abwaschen. Er nahm bewusst an Veranstaltungen der Opposition teil, was der Stasi reichte, um ihn als „gefährlich“ und „ohne Angst“ einzustufen. Am 7. März 1988 wurde er von der Stasi zum Bahnhof gebracht und in einen Zug gesetzt. Die Stasi drohte ihm, ihn wieder zu verhaften, sollte er um Mitternacht noch auf DDR-Staatsgebiet sein, und warnte ihn davor, öffentlich über seine Erlebnisse zu sprechen, da ihm überall etwas zustoßen könnte und seine Eltern bekannt seien. Am 8. März 1988, punkt 0 Uhr nachts, fuhr der Zug mit Mario Röllig über die deutsch-deutsche Grenze in die Freiheit. Dies war der schönste Augenblick seines Lebens.

Der Schatten der Vergangenheit: Begegnung mit dem Vernehmer und die Folgen
Jahre später, 1997, arbeitete Röllig als Verkäufer in der Zigarrenabteilung des Berliner KaDeWe. Dort traf er zufällig seinen ehemaligen Stasi-Offizier, der ihn über Monate verhört und seelisch gefoltert hatte. Der Vernehmer, der ihn nicht erkannte, kaufte teure Zigarren. Röllig sprach ihn an, stellte sich vor und forderte eine Entschuldigung. Der Vernehmer reagierte mit Schreien und der Aussage, Röllig sei damals zu Recht in Haft gewesen und es gäbe keinen Grund zur Reue.

Dieses Erlebnis stürzte Mario Röllig in eine tiefe Krise mit Depressionsschüben, Angstattacken und Panikzuständen. Er versuchte, sich das Leben zu nehmen, wurde aber gerettet. Ein Chefarzt diagnostizierte ein Foltertrauma. Er riet Röllig, die Gedenkstätte Hohenschönhausen, das ehemalige Gefängnis, zu besuchen und seine Geschichte zu erzählen, um zu heilen. Dies tut Röllig seit 22 Jahren, um sicherzustellen, dass das Thema nicht vergessen wird.

Ein weiterer Schlag war die Einsicht in seine Stasi-Akten im Jahr 1997, die 2000 Seiten umfassen. Das Schlimmste war nicht die Verhörprotokolle, sondern die Erkenntnis, wer ihn alles verraten hatte: Nachbarn, wenige Arbeitskollegen und vor allem sein damaliger bester Freund. Bei einem Treffen in einem Berliner Café, als Röllig seinen Freund zur Rede stellte, wies dieser jede Schuld von sich. Seitdem haben sie sich nie wiedergesehen. Das Vertrauen ist bis heute ein schwieriges Thema für Röllig, auch in Freundschaften und Beziehungen, da er stets die Angst trägt, zu viel von sich preiszugeben und verraten zu werden.

Nach dem Mauerfall und die Vision für die Zukunft
Den Mauerfall erlebte Mario Röllig in West-Berlin. Sein Vater rief ihn mitten in der Nacht aus Ost-Berlin an, um ihm die Nachricht zu überbringen. Röllig, zunächst ungläubig, eilte zum Grenzübergang Bornholmer Straße, wo er seine Eltern nach fast zwei Jahren wiedertraf. Doch die Freude war gemischt: Er empfand auch Wut, da die Mauer ihn nicht nur von seiner Familie getrennt, sondern ihn im Westen auch „geschützt“ hatte. Nun musste er all jene wiedersehen, die ihm das Leben in der DDR so schwer gemacht hatten.

Mario Röllig engagiert sich in der CDU, da er sie als einzige Partei sieht, die sich offensiv mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur auseinandersetzt. Er betont die Förderung von Gedenkstätten und Zeitzeugenprojekten, die seit Angela Merkels Kanzlerschaft stärker geworden sei.

Für die heutige Ost-West-Beziehung plädiert er für gegenseitiges Zuhören und Besuche, um Stereotypen wie „Besserwessis“ oder „40 Jahre SED gewählt“ abzubauen. Für junge Generationen sei die Ost-West-Frage heute ohnehin kein Thema mehr.

Freiheit bedeutet für Mario Röllig, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich einzumischen und nicht nur zu meckern. Er mahnt: „Deshalb seit unbequem, stellt Fragen, lasst euch nicht alles bieten und hinterfragt auch selbst unsere demokratische Bundesregierung“. Seine Geschichte ist eine eindringliche Erinnerung daran, dass Demokratie niemals selbstverständlich ist und ständiges Engagement erfordert, um nicht eines Morgens in einer Diktatur aufzuwachen.

Gefangen in der DDR: Schicksale von politischen Häftlingen und ihr Kampf für Freiheit

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Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war ein Staat, der seine Bürger scharf kontrollierte und jegliche Abweichung von der offiziellen Linie streng verfolgte. Vier persönliche Berichte – von Erich Loest, Ulrich Schacht, Simone Langrock und Jürgen Fuchs – zeichnen ein tiefgreifendes Bild vom politischen Konflikt mit dem DDR-Regime und den traumatischen Erfahrungen von Verhaftung, Haft und Freilassung. Ihre Geschichten beleuchten die Härte des Systems, aber auch die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes.

Die Verhaftung: Ein plötzliches Ende der Normalität
Für Erich Loest, 1926 in Mittweida/Sachsen geboren, kam die Verhaftung am 14. November 1957 am Abend, während er bei seinem Vater war. Drei Männer des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erschienen und nahmen ihn fest. Die Begründung: Mitgliedschaft in einer „staatsfeindlichen Gruppe“, die den Sturz der DDR-Regierung zum Ziel hatte. Loest, der sich als Kommunist verstand und sich für Demokratie innerhalb der Bewegung einsetzte, war drei Tage zuvor aus der SED ausgeschlossen worden.

Ulrich Schacht, 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wurde am Morgen des 29. März 1973 in Wismar von zwei MfS-Beamten festgenommen. Ihm wurde am nächsten Tag „staatsfeindliche Hetze“ (§106 StGB DDR) und „Hetze gegen das sozialistische Ausland“ (§108 StGB DDR) vorgeworfen. Diese Anklage bezog sich auf Gedichte, Kurzgeschichten und Aufsätze, die in seinem Freundeskreis zirkulierten und Themen wie die innerdeutsche Grenze oder die Ereignisse von 1968 in der Tschechoslowakei behandelten. Auch die Verbreitung westlicher Bücher und Rundfunksendungen wurde ihm angelastet. Schacht verstand sich als „demokratischer Sozialist“.

Simone Langrock, 1957 in Leipzig geboren, erlebte ihre Verhaftung am 22. April 1980 um acht Uhr morgens in ihrer Wohnung durch vier Stasi-Mitarbeiter. Ihr wurde lediglich der Haftbefehl des Staatsanwalts vorgelegt, eine detaillierte Begründung erhielt sie nicht.

Jürgen Fuchs, 1950 in Reichenbach/Thüringen geboren, wurde am 19. November 1976 – drei Tage nach der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann – in Grünheide bei Berlin aus einem Personenwagen geholt. Die Begründung bezog sich auf seine Schriften, seine Haltung und seine Freundschaften zu Dissidenten wie Biermann und Robert Havemann. Fuchs sah sich als kritischer Marxist, der die Wahrheit sagen und Zensur bekämpfen wollte, überzeugt davon, dass „wo Unrecht alltäglich wird, dann wird Widerstand zur Pflicht“.

Die Haft: Isolation, Demütigung und Zwangsarbeit
Der erste Tag im Gefängnis war für alle Betroffenen von Schock und Isolation geprägt. Erich Loest beschreibt das „Nacktmachen“, das „Betatschen“ bei der Leibesvisitation als Prinzipien der Demütigung, die die Selbstachtung senken sollten. Das Zuschließen der Zellentür und das Geräusch des Riegels waren eine „große, lange nachwirkende traumatische Situation“. Er fühlte sich über Wochen und Monate allein und isoliert, ohne Zeitung oder Buch. Loest verbrachte von 1957 bis 1964 politische Haft.

Ulrich Schacht saß im berüchtigten Zuchthaus Brandenburg. Das Gefängnis, ursprünglich für 900 Insassen konzipiert, beherbergte zu seiner Zeit dreieinhalbtausend. Einzelhaft war dort unüblich, da Zellen durchbrochen wurden und bis zu 17 Häftlinge auf 25 Quadratmetern leben mussten. Schacht erlebte jedoch drei Wochen „Einzelhaft“ im unterirdischen Arrestblock auf einem Steinbett, weil er versuchte, mit westdeutschen Häftlingen Nachrichten über Haftbedingungen auszutauschen. Körperliche Misshandlungen erlebte er nicht, hörte aber Schreie und Zeugenaussagen über Brutalität.

Simone Langrock wurde nach monatelangen Vernehmungen von 1980 bis 1982 inhaftiert. Sie kam in das Frauengefängnis Hoheneck, wo die Bedingungen als „miserabel“ beschrieben werden. Auch hier gab es Arreststrafen, die Wochen des Kontaktabbruchs zu anderen Häftlingen und Angehörigen bedeuteten.

Die Vernehmungen waren für alle eine Tortur. Loests Vernehmer versuchten, ihm eine „staatsfeindliche Gruppe“ und den Sturz der Regierung anzulasten. Sie übten psychologischen Druck aus, indem sie drohten, seine Frau festzunehmen, wenn er nicht „die Wahrheit“ sage. Schacht berichtet, dass seine Vernehmer „außerordentliche Geduld und Langsamkeit“ zeigten und über umfangreiches Material gegen ihn verfügten. Simone Langrock wurde kurz nach der Geburt ihres Kindes vernommen, leugnete zunächst alles und weigerte sich, andere zu belasten. Sie stellte fest: „jedes Wort, was man bei der Staatssicherheit sagt, sich immer gegen einrichtet“. Jürgen Fuchs’ Vernehmer galten als „unheimlich gut geschult“ und „sehr standfest“. Er glaubte, dass sie wirklich an das glaubten, wofür sie standen.

Zwangsarbeit war ein fester Bestandteil des Haftalltags. Loest musste in den letzten zwei Haftjahren bei zwei Betrieben arbeiten, die Niederlassungen im Gefängnis hatten: Fernsehgeräte zusammenstecken und Elektromotoren bauen. Er erhielt nur eine Mark pro Motor, während die Anstalt 52 Mark pro Häftling vom Betrieb kassierte – eine Ausbeutungsrate, die er nicht ausrechnen konnte. Schacht arbeitete in einer Schneiderei, die Strahlenanzüge für Soldaten produzierte. Er beklagte den Einsatz hochgiftiger Klebstoffe ohne Schutzmaske und Frischluft; er bezeichnete es als „Sklavenarbeit“. Langrock produzierte in Hoheneck Bettwäsche, die auch in die Bundesrepublik verkauft wurde. Sie empfand, dass Häftlinge als „billigste Arbeitskraft“ ausgenutzt wurden, da der Großteil ihres Verdienstes in die Staatskasse floss.

Der Prozess und die Rechtsbeugung
Die Gerichtsverfahren waren oft eine Farce. Ulrich Schachts Prozess im November 1973 vor dem Bezirksgericht Schwerin fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Richter, Bassong, war als „härtester Bursche“ bekannt. Schachts Verteidigerin konnte faktisch nichts am Urteil ändern, bot aber „menschliche Sympathie“ und unterstützte den Kontakt zur Familie.

Jürgen Fuchs’ Verteidiger, Dr. Kolbe, belog ihn über den Anklageparagraphen. Er nannte ihm den §19 (staatsfeindliche Hetze) anstatt des viel schwerwiegenderen §15 (Staatsverrat), der Haftstrafen von nicht unter fünf Jahren vorsah. Fuchs bezeichnete das Verhalten seines Verteidigers als „Schweinerei, ein Betrug“, da dieser „kampflos, schnell und ohne Aufheben“ das Verfahren abwickeln wollte. Es gab keine Zeugen der Verteidigung, nur Zeugen der Anklage.

Die Urteile waren oft hoch und niederschmetternd. Schacht, der sieben Jahre und fünf Jahre Aberkennung der staatsbürgerlichen Rechte erhielt, hatte fünf Jahre erwartet. Simone Langrock, verurteilt zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus und Entzug der Bürgerrechte, war schockiert, da sie durch ihren Anwalt mit zwei bis drei Jahren gerechnet hatte.

Die Trennung von den Liebsten
Eine der größten Qualen war die Trennung von den Familien. Simone Langrock war zweieinhalb Jahre von ihrem Kind getrennt, das bei ihrer Verhaftung sieben Monate alt war. Ihr Sohn war zu jung, um es zu verstehen, aber er entwickelte später Trennungsängste. Besuche waren streng reglementiert, fanden unter Aufsicht statt, und es durfte nicht über die Gründe der Verhaftung oder den Strafvollzug gesprochen werden. Kinder unter 14 Jahren durften nicht zu den Besuchen mitgebracht werden. Simone empfand diese Besuche als „qualvolle Situationen“, die sie emotional mehr belasteten, als dass sie eine Gnade gewesen wären.

Die Entlassung und das Leben danach
Die Entlassung, oft nach Jahren der Ungewissheit, war für die Betroffenen ein zwiespältiges Erlebnis. Erich Loest, nach über sieben Jahren freigelassen, benötigte fast 15 Jahre, um über seine Erlebnisse zu schreiben, und weitere sieben Jahre, um etwas zu verfassen, das er als substanziell empfand. Er verließ die DDR im März 1981 und lebt seither als freier Schriftsteller in Osnabrück. Loest bedauerte im Nachhinein, nicht mit seiner Familie ausgereist zu sein, wenn er die Folgen gekannt hätte.

Ulrich Schacht wurde am 17. November 1976 mit einem Bus in den Westen gebracht. Er beschreibt diesen Moment als unwirklich und emotional überwältigend, ähnlich der Verhaftung. Die Möglichkeit, in den Westen auszureisen, sah er als „erpresserisch“ an, da damit angedeutet wurde, dass andere Freunde in Haft bleiben würden, wenn er sich weigerte. Schacht ist auch heute noch ein „demokratischer Sozialist“, der sich den sozialdemokratischen Ideen zugewandt hat.

Jürgen Fuchs wurde nach neun Monaten Untersuchungshaft ohne Prozess nach Westberlin abgeschoben. Sein Tag der Entlassung, der 8. September 1982, war „sehr widersprüchlich“. Er empfand Freude über die Freiheit, aber auch die „Belastung, dass man Menschen zurücklässt, mit dem man zweieinhalb Jahre zusammen war“. Sein Verhältnis zum DDR-System ist gebrochen, nicht aber zu den Menschen dort. Er stärkte seine sozialkritische und kritisch-kommunistische Haltung.

Simone Langrock sah ihr Kind im Dezember 1982 in der Bundesrepublik wieder. Sie kann nicht und will nicht vergessen, was sie in der DDR erlebt hat, fühlt sich aber auch nach zwei Jahren in der Bundesrepublik politisch noch nicht angekommen.

Die Geschichten dieser vier Menschen sind wie die Fragmente eines Mosaiks, das die Schrecken der politischen Haft in der DDR zusammenfügt. Sie sind ein Mahnmal dafür, wie ein Staat seine Bürger zu unterdrücken versuchte, und ein Zeugnis für den unerschütterlichen Wunsch nach Freiheit und Wahrheit, der selbst hinter den dicksten Mauern nicht zerbricht.

Wie die deutsche Psychiatrie im Nationalsozialismus mitschuldig wurde

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Die Geschichte der deutschen Psychiatrie im Dritten Reich ist ein schmerzhaftes Kapitel, das von ideologischer Verblendung, grausamen Verbrechen und einer erschreckenden Verstrickung medizinischer Fachkräfte in die NS-Vernichtungspolitik geprägt ist. Anders als oft angenommen, wurde die Psychiatrie nicht lediglich von den Nationalsozialisten missbraucht; sie brauchte die Nazis, um lange gehegte Forderungen nach „Sichtung und Vernichtung lebensunwerten Lebens“ umzusetzen.

Die Wurzeln der Ideologie: „Lebensunwertes Leben“
Die Vorstellung, dass manche Menschen als „Ballast-Existenzen ohne Gemeinschaftswert“ gelten und ihr Leben als „lebensunwert“ anzusehen sei, war keine Erfindung der Nazis. Bereits lange vor 1933 forderten „ehrbare Professoren“ die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“. Prominente Psychiater wie der deutsche Psychiatrie-Papst Emil Kraepelin beklagten 1909, dass die Fürsorge die „geistig Minderwertigen am Leben lassen“ und die „Tüchtigen im Kampf ums Dasein“ schädige. Anstaltsleiter wie Hermann Simon erklärten 1931, es werde „wieder gestorben werden müssen“. Diese vor-nazistische Denkart ebnete den Weg für die späteren Gräueltaten.

Von der Sterilisierung zur Massenvernichtung
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann 1933 die „wissenschaftlich völlig unsinnige Massensterilisierung“ angeblich erbkranker Menschen. Die ersten Opfer waren Bewohner von Anstalten und deren Angehörige, gefolgt von Hilfsschülern, Blinden, Tauben, „Soziallästigen“ und schließlich politischen Gegnern. Insgesamt wurden etwa 400.000 Menschen zwangssterilisiert, viele von ihnen für ihr ganzes Leben ruiniert. Prominente Mediziner wie Geheimrat Professor Karl Bonhoeffer, Direktor der psychiatrischen und Nervenklinik der Charité, traten für die „Ausmerzung des Schwachsinns“ ein und arbeiteten als Gutachter für Sterilisierungsgerichte.

Der Übergang von der Sterilisierung zur direkten Tötung erfolgte im Sommer 1939, als Nazi-Funktionäre, Psychiatrie-Direktoren und Professoren die Tötung der Geisteskranken und Behinderten durch Giftgas berieten. Ins Gas sollten alle, die seit fünf Jahren in Anstalten untergebracht waren, sowie jene, die in Anstaltsbetrieben nicht oder nur mit mechanischen Arbeiten zu beschäftigen waren. Die Psychiater sahen darin eine Gelegenheit, die „Unproduktiven und Unheilbaren“ zu beseitigen – diejenigen, die ihnen „tagtäglich ihr Unvermögen, nicht teilen zu können, vor Augen führen“.

Die Tötungsanstalten und die Rolle der Ärzte
Die „Endlösung“ – die Massenvernichtung durch Giftgas – begann in Posen, genauer gesagt im Fort 7, einer ehemaligen preußischen Befestigungsanlage, die als Konzentrationslager und Hinrichtungsstätte genutzt wurde. Im Herbst 1939 wurde hier erstmals Giftgas an Menschen erprobt, an polnischen und jüdischen Patienten.

In Deutschland wurden sechs Vergasungsanstalten eingerichtet, darunter Bernburg, Brandenburg an der Havel und Schloss Hartheim. Allein in Bernburg wurden 1940/41 exakt 70.273 Kranke und Behinderte in Gaskammern ermordet. Opfer wie Elvira Manthey, die als Kind die Diagnose „angeborener Schwachsinn“ erhielt, wurden 1940 zur Vergasung aus Uchtspringe abtransportiert. Elvira Manthey war noch keine sieben Jahre alt, als sie 1938 in die Anstalt kam, weil ihr Vater „arbeitsscheu“ und dies als erblich galt – sie wurde als „erbfolglich“ bezeichnet. Ihre jüngere Schwester Lisa wurde 1940 einen Tag vor ihrem fünften Geburtstag abtransportiert und in Brandenburg vergast. Elvira Manthey ist heute die einzige Überlebende von insgesamt 70.000 Abtransportierten.

Die Anstaltsärzte und Professoren feierten die Ermordung der Unheilbaren als „Höhepunkt der Psychiatrie-Geschichte“. Auf Konferenzen herrschte eine „berauschende Gehobenheit“. Es gab sogar einen regelrechten „Vergasungstourismus“, bei dem Ärzte die Vergasung von Frauentransporten begafften. Paul Nitsche, ein Psychiatrie-Professor, äußerte: „Es ist doch herrlich, wenn wir in den Anstalten den Ballast loswerden und nun wirklich richtige Therapie treiben können“. Als „richtige Therapie“ galten dabei Insulin- und Elektroschocks, die oft schwere Knochenbrüche oder lebensgefährliche Wirbelverletzungen verursachten.

Der unerträgliche Forschungshunger: Kinder als Versuchsobjekte
Besonders grausam war die gezielte Ermordung von Kindern. Zahlreiche „Kindermordabteilungen“, oft von Ärztinnen geleitet, wurden eingerichtet. Hier konnten Mediziner Kinder und Jugendliche ohne Tabus testen, befragen, töten und sezieren. Die Nazizeit bot den Ärzten die „einmalige Gelegenheit, sich Patienten bestellen und sich ihre Gehirne bedienen zu können“. Kinder wie Valentina Zachernie dienten als „lebendes Hirnforschungsmodell“ und wurden getötet, damit ihre Gehirne seziert und in Lehrbüchern abgebildet werden konnten. Andere Kinder wurden wie „Labortiere zu Forschungszwecken verbraucht“. Dr. Georg Hensel, ein Allgäuer Arzt, infizierte Kinder in Kaufbeuren zu Studienzwecken mit Tuberkulose. Den Kindern wurde vor ihrer Tötung oft Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit entzogen und stattdessen Luft eingeblasen – ein schmerzhafter Eingriff, an dem viele starben.

Trotz der Verbrechen behaupteten die Täter nach dem Krieg, sie hätten „wahre Monster von einem Dasein ohne Leben erlöst“. Kinderarzt Dr. Wilhelm Baier verteidigte sich damit, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur gegen Menschen begangen werden könnten, und die „Lebewesen“, die zur Behandlung standen, nicht als Menschen zu bezeichnen seien.

Die Nachkriegszeit: Vertuschung und mangelnde Aufarbeitung
Das Sterben in den Anstalten hörte nicht mit dem Ende des Krieges auf. In vielen Einrichtungen, wie der Karl Bonhoeffer Nervenklinik in Berlin-Wittenau, Schloss Hoym oder Teupitz, stieg die Sterblichkeit nach der Befreiung sogar drastisch an, da Patienten verhungerten, während das Personal Lebensmittel unterschlug.

Erschütternd ist auch die mangelnde juristische und moralische Aufarbeitung nach 1945. Viele der Täter setzten ihre Karrieren fort, oft sogar in leitenden Positionen und erhielten Auszeichnungen. Beispielsweise wurde Professor Berthold Ostertag, der an der Sektion von Valentina Zachernie beteiligt war, nach 1945 Leiter der Neuropathologie der Uni-Nervenklinik Tübingen und erhielt das Große Bundesverdienstkreuz. Dr. Elisabeth Hecker, verantwortlich für Kinder-Euthanasie in Lubliniec, wurde nach 1945 Leiterin der Jugendpsychiatrie in Hamm und bekam das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Diese Fortsetzung der Karrieren zeigt die tiefe Verankerung der Ideologie und die mangelnde Bereitschaft zur echten Aufarbeitung. Tragischerweise wurden die als „lebensunwert“ erklärten, sterilisierten und ermordeten Opfer nie als NS-Verfolgte anerkannt.

Elvira Manthey, die das Grauen der Anstalt Uchtspringe überlebte, ringt noch heute mit den Erlebnissen: „Es war sehr schwer mit solchen Erlebnissen weiterzuleben und ich musste schweigen und musste das in mir verarbeiten, aber ich habe es bis heute noch nicht verarbeitet“. Sie versuchte sogar, sich das Leben zu nehmen, weil sie es „einfach nicht mehr tragen konnte“.

Die Geschichte der deutschen Psychiatrie im Dritten Reich ist ein mahnendes Beispiel dafür, wie eine vermeintlich fortschrittliche Wissenschaft zu einem Instrument der Vernichtung werden kann, wenn sie moralische Grenzen überschreitet und sich in den Dienst einer menschenverachtenden Ideologie stellt. Es ist eine dunkle Erinnerung daran, dass der Mantel der Wissenschaft die Gräueltaten nicht verdecken darf, und dass eine tiefe Aufarbeitung der Vergangenheit entscheidend ist, um sicherzustellen, dass sich solche Abscheulichkeiten niemals wiederholen.

Man könnte sagen, die psychiatrischen Anstalten im Dritten Reich waren wie düstere Theaterbühnen, auf denen die Täter ihre tödlichen Ideologien aufführten, während die Patienten nicht als Schauspieler, sondern als stumme Requisiten dienten, deren Leben und Leiden für die perfide Inszenierung von „Rassenhygiene“ und „Ausmerzung“ verbraucht wurden. Das Publikum? Die Gesellschaft, die oft wegsehen oder applaudieren wollte.

Wie Wilhelm und Henrich Focke die deutsche Luftfahrtgeschichte prägten

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Die deutsche Luftfahrtgeschichte begann nicht in weit entfernten Laboren oder prestigeträchtigen Ingenieurschulen, sondern am Weserdeich in Bremen, mit den bescheidenen, aber kühnen „kleinen Hüpfern“ zweier Brüder: Wilhelm und Henrich Focke. Sie waren Pioniere, deren unterschiedliche Naturen sich ideal ergänzten und die gemeinsam – und manchmal auch getrennt – die Luftfahrt revolutionierten.

Wilhelm Focke: Der träumerische Visionär und Künstler
Wilhelm Focke, der ältere der beiden Brüder, war die treibende Kraft und ein sprudelnder Quell an Ideen. Schon früh zog es ihn in die Luft. Wie viele angehende Flugtechniker seiner Zeit begann er mit Gleitflügen, die mitunter gefährlich waren, aber das Gefühl des Getragenseins in der Luft vermittelten. Sein schöpferischer, künstlerischer Geist war es, der immer wieder sagte: „Wir müssen das schaffen, wir werden fliegen, das muss gehen!“.

Wilhelm war ein genialer Naturbeobachter, der die Dynamik und Kräfte der Natur aus dem Bauch heraus fühlen und in Zeichnungen umsetzen konnte. Ob Segeln, Strandroller oder Fliegen – die Schönheit der Linien und die zugrundeliegende Dynamik faszinierte ihn. Sein erstes großes Ziel war das Fliegen, und die „Ente“ war sein erster Erfolg. Dieser einzigartige Flugzeugtyp, von der Firma Rumpler gebaut und mit dem Geld eines Freundes finanziert, machte im Herbst 1909 auf dem berühmten Bornstedter Feld seinen Jungfernflug. Das Telegramm von diesem Flug – „Bin heute erstmalig geflogen! Endlich ist famos. Hundert Meter weit, sieben Meter hoch“ – erreichte die Familie zu einem Zeitpunkt, als Henrich gerade zum Abitur gehen wollte. Für den Vater der Brüder, Johann Focke, war das Fliegen jedoch eine unnötige Träumerei, und er legte Wert auf eine „richtige Ausbildung“.

Trotz seiner Leidenschaft für die Technik war Wilhelm in erster Linie Künstler. Gegen den Rat des Vaters studierte er Malerei in Düsseldorf, München und Berlin. Er verkaufte seine Bilder sehr früh gut, obwohl ihm finanzieller Erfolg unwichtig war. Er pendelte zwischen Berlin und Bremen und verbrachte viel Zeit an der Wümme, seinem liebsten Ort zum Malen. Selbst in den 20er-Jahren übernahm er einen Lehrauftrag an der Kunstgewerbeschule, wo er Akt- und Landschaftsmalerei unterrichtete, am liebsten in der Natur. Wilhelm hatte seinen Stil gefunden: naturverbunden, kraftvoll, farbenreich und auf Bewegung ausgerichtet.

Abseits der Malerei sprudelten Wilhelms Ideen weiter. Ganz nebenbei konstruierte er innovative Geräte wie den Strandsegler, der damals nirgendwo auf der Welt existierte und Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern erreichen konnte. Auch Eissegler für die winterliche Wümme entwickelte er. Obwohl er fantastisch in handwerklichen Dingen war, fehlte ihm das Geschick, seine Erfindungen oder seine Kunst zu vermarkten. Er war stets auf die Hilfe anderer angewiesen, um damit Geld zu verdienen.

Wilhelms Privatleben wurde in der Familie weitgehend ausgeklammert; seine Homosexualität wurde stillschweigend akzeptiert. Die Zeit des Dritten Reiches war für ihn besonders schwierig. Als bekannter Künstler mit einer kritischen Haltung erhielt er ein Ausstellungsverbot. Er verbrachte viel Zeit im Verborgenen auf seiner Insel, um dem Druck zu entgehen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er es schwer, sich als Künstler zu ernähren, verkaufte kaum Bilder und erhielt nur eine sehr geringe staatliche Unterstützung. Doch seine Lebensgeister blieben ungebrochen, und er fand trotz aller Widrigkeiten in hohem Alter, ab etwa 70 Jahren, eine tiefe innere Zufriedenheit mit seinem Leben und seinen Errungenschaften.

Henrich Focke: Der präzise Konstrukteur und Ingenieur
Henrich Focke, Wilhelms jüngerer Bruder, bewunderte dessen Genialität und hatte die Fähigkeit, Wilhelms Ideen in die Realität umzusetzen, insbesondere durch sein Studium. Er war die nötige Ergänzung zu Wilhelms Visionen, derjenige, der das Systematische umsetzte. Ihm war es wichtig, mit einfachen Mitteln zu arbeiten, da sie nicht viel Geld hatten.

Nachdem Wilhelm mit seiner „Ente“ Erfolge erzielt hatte, zog es Henrich nach Berlin zu seinem großen Vorbild. Die Brüder bauten ihren ersten Flugzeugschuppen in Bremen am Neuenlander Feld, dem heutigen Standort des Bremer Flughafens, und experimentierten mit einem geschenkten 8-PS-Rennradmotor und einem selbstgehobelten Propeller.

Henrichs Karriere als Flugzeugkonstrukteur nahm schnell Fahrt auf. Gemeinsam mit Georg Wulf gründete er die Focke-Wulf Flugzeugbau AG. Hier legte Henrich die Grundlagen des Flugzeugbaus, insbesondere die Beherrschung von Aerodynamik und Lasten. Ihre erste große Konstruktion war die „Möwe“, ein kleines Passagierflugzeug, das als das sicherste und wirtschaftlichste Verkehrsflugzeug seiner Zeit galt, vor allem dank seiner hervorragenden Tragflächen-Aerodynamik. Henrich erwies sich als überragender Konstrukteur, für den Verlässlichkeit und absolute Sicherheit oberste Priorität hatten. Tragischerweise kam sein Partner Georg Wulf 1927 bei einem Testflug ums Leben.

Mit Beginn der 30er-Jahre gerieten Flugzeugfabriken ins Visier nationalsozialistischer Bestrebungen. Henrich wollte keine Flugzeuge als Kriegsgerät bauen, musste aber mit ansehen, wie der Vorstand seiner Aktiengesellschaft den neuen Machthabern Platz einräumte. Er wurde zwar NSDAP-Mitglied, konzentrierte sich aber auf Zivilsachen und insbesondere auf ein neues, visionäres Ziel: die Entwicklung des Hubschraubers, den Senkrechtstarter.

Henrich Focke war weltweit allen anderen voraus. 1936 landete der berühmte Flieger Charles Lindbergh auf dem Neuenlander Feld, um Fockes neueste Entwicklung zu bestaunen: die FW 61, den weltweit ersten flug- und vor allem lenkfähigen Hubschrauber. Henrich hatte damit den Wettlauf gegen Igor Sikorsky in den USA gewonnen, auch wenn die Propaganda in Deutschland Sikorsky später oft als den Ersten darstellte. Die bekannte Pilotin Hanna Reitsch führte den Hubschrauber vor 18.000 Zuschauern in der Berliner Deutschlandhalle vor und vertraute dabei voll auf die einwandfreie Technik des Konstrukteurs Focke.

Nach 1945 erhielt Henrich Focke ein Berufsverbot, kam in Gefangenschaft und wurde aufgefordert, für die Franzosen zu entwickeln. Später ging er nach England, Holland und Brasilien, baute auch dort Hubschrauber, bevor er Mitte der 50er-Jahre nach Deutschland zurückkehren und wieder konstruieren durfte. Bei Carl Borgward fand er einen Platz für seine Hubschrauberideen, und sie träumten von der Serienproduktion eines „Hubschraubers für jedermann“. Doch dieser Traum endete tragisch mit der Pleite von Borgward, als Henrich Focke bereits 71 Jahre alt war.

Dennoch gab Henrich niemals auf. Selbst in einem kleinen Bremer Hinterhof baute er einen neuen Windkanal, erforschte Strömungen und Luftwiderstände und publizierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Er nutzte einfache physikalische Prinzipien und konnte mit Küchenwaagen und Gewichten hochpräzise Messungen durchführen, die dem Stand der Technik entsprachen. Trotz aller Rückschläge und der Tatsache, dass er in Deutschland oft zu Unrecht in den Schatten gestellt wurde, war Henrich Focke mit dem Erreichten zufrieden. Heute werden am Neuenlander Feld, dem ehemaligen Standort des ersten Schuppens der Brüder, Airbus-Teile gebaut, ein Zeugnis ihres nachhaltigen Vermächtnisses.

Eine ungleiche Partnerschaft, die die Welt bewegte
Wilhelm und Henrich Focke waren Brüder, die unterschiedlicher kaum hätten sein können, aber in ihrer Leidenschaft für das Erfinden, Konstruieren und vor allem das Fliegen untrennbar verbunden waren. Wo Wilhelm im Genialen steckenblieb, verwandelte Henrich es in Realität. Henrich kümmerte sich auch sein Leben lang um seinen Bruder, wie er es dem Vater versprochen hatte, da Wilhelm als Künstler nicht „ökonomisch überlebensfähig“ war.

Ihr Schaffen war ein Paradebeispiel dafür, wie Vision und Präzision Hand in Hand gehen müssen, um bahnbrechende Innovationen zu schaffen. Wilhelms unendliche Ideen und sein künstlerisches Gespür für Dynamik legten den Grundstein, während Henrichs systematische Herangehensweise, sein Fokus auf Sicherheit und seine ingenieurtechnische Umsetzung diese Träume flugfähig machten.

Man könnte ihre Zusammenarbeit mit einem Künstler und seinem talentierten Bühnenbauer vergleichen: Der Künstler (Wilhelm) hat die kühnen, oft fantastischen Ideen für ein atemberaubendes Spektakel. Er sieht die Farben, die Bewegungen, die Emotionen – das große Ganze. Doch es ist der Bühnenbauer (Henrich), der mit seinem präzisen Wissen um Statik, Materialien und Mechanik die Vision des Künstlers greifbar macht, die Kulissen aufstellt und die komplizierte Technik installiert, damit die Show tatsächlich stattfinden und das Publikum verzaubern kann. Einer lieferte die Flügel der Fantasie, der andere die Mechanik, die sie in die Lüfte hob.

Ärzte ohne Gewissen: Das grausame Erbe der Menschenversuche im Dritten Reich

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Im Dritten Reich bot sich Medizinern eine beispiellose, verlockende Möglichkeit: Statt auf Meerschweinchen und Laborratten, konnten sie Menschen für Versuchszwecke nutzen. Diese erschreckende Freiheit führte zu einer Reihe von unfassbaren Verbrechen, die das Fundament der medizinischen Ethik erschütterten.

Gehirne ermordeter Kinder und die Gleichgültigkeit der Forschung In Wien sammelten Mediziner, darunter Heinrich Gross, die Gehirne und Gehirnschnitte von etwa 400 ermordeten Kindern aus psychiatrischen Einrichtungen. Die Hirnforschung bediente sich schlicht am Überfluss dieser „Materialien“, ohne Rücksicht auf die Umstände des Todes oder das Einzelschicksal der Opfer. Kinder wurden zu medizinischen Präparaten reduziert, ihr Leid und ihre Angst vor Ärzten, die nicht halfen, sondern sie als Forschungsobjekte und „Verbrauchsmaterial“ sahen, wurde ignoriert.

Gewebeschnitte hingerichteter Frauen: Die Karriere eines Anatomieprofessors Dr. med. Hermann Stieve, Ordinarius der Berliner Universität, machte seine Karriere mit Arbeiten über die Entwicklung des Eierstocks und widmete sein Leben der Einwirkung von Angst und Schrecken auf diese Organe. Er sammelte Daten aus dem Intimleben von Opfern während ihrer Haft und verarbeitete hingerichtete Frauen des deutschen Widerstandes, darunter Elisabeth Schumacher und Ilse Stöbe, zu Gewebeschnitten. Stieve starb 1952 als Ordinarius der Berliner Humboldt Universität und wurde postum zum Ehrenmitglied der Deutschen Bühnenökologischen Gesellschaft ernannt.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft – Eine treibende Kraft hinter den Verbrechen Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der personell identische Reichsforschungsrat, ansässig im ehemaligen Haus der Forschung in Berlin-Steglitz, rüsteten die deutsche Forschung heimlich auf. Sie finanzierten Studien, die von der Erfassung von „Zwergnegern“ in Kambodscha bis zur Erfassung von Sinti und Roma reichten, die in Auschwitz vernichtet wurden, sowie vieles andere, was „rassisch oder militärisch nützlich“ erschien. Genehmigungen in der Sparte Medizin erteilte der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der auch die menschenmordende Forschung Josef Mengeles in Auschwitz-Birkenau bewilligte.

Skrupellose Experimente an wehrlosen Patienten und KZ-Häftlingen

• Multiple Sklerose-Studien: Professor Georg Schaltenbrand nutzte in Schloss Werneck, der „schönsten Psychiatrie Deutschlands“, wehrlose Patienten für Menschenversuche. Er versuchte, sie mit Multipler Sklerose anzustecken, indem er ihnen Affen-Liquor (Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit) injizierte. Seine Experimente scheiterten vorzeitig, da seine Versuchspersonen im Rahmen der Nazi-Euthanasie „abtransportiert und vergast“ wurden. Trotz seiner NSDAP- und NS-Ärztebund-Mitgliedschaft wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn nach dem Krieg dank eines Gutachtens eingestellt, das seine Versuche weder für strafbar noch für sittlich anfechtbar befand.

• Mauthausen –  Hunger, Impfstoffe und der „Schlachter“ Dr. Heim: Im Konzentrationslager Mauthausen wurden zahlreiche Häftlinge, gezeichnet von Hunger, für Ernährungsversuche und Verträglichkeitstests von Impfstoffen der Behring-Werke missbraucht. Einige Impflinge wurden ohne Gesicht, als „anonyme Versuchsobjekte“ gezeichnet. Der Versuchsleiter Dr. med. Karl Josef Groß konnte sich nach 1945 unbehelligt als Arzt niederlassen. Professor Dr. med. Ernst Günther Schenk, Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, dessen Ermittlungsverfahren ebenfalls eingestellt wurde, wurde später „Wiedergutmachungsexperte für Hungerschäden“. Besonders berüchtigt war Dr. med. Aribert Heim, der Augenzeugen zufolge an Sadismus nahezu alle KZ-Ärzte übertraf. Er ermordete Hunderte von Juden mit Spritzen ins Herz, sezierte sie bei vollem Bewusstsein und bereitete ihre Köpfe aus „wegen des guten Gewissens“. Obwohl er als „höflich, gebildet, intelligent, kalt“ beschrieben wurde, verschwand er 1962, als er verhaftet werden sollte, und wird noch heute gesucht.

• Dachau – Höhen- und Unterkühlungsversuche der Luftwaffe: Im KZ Dachau wurden ab 1942 in einem Versuchslabor der Deutschen Luftwaffe höhen- und unterkühlungsversuche an polnischen, russischen und jüdischen Gefangenen durchgeführt. Sie wurden in Unterdruckkammern künstlich in Höhen bis 21 Kilometer gebracht, was zu Krämpfen, Ohnmachtsanfällen, Blindheit, Lähmungen, Wahnsinn und Tod führte. Manche Opfer wurden noch atmend seziert, ihre Organe zur „wissenschaftlichen Auswertung“ entnommen. Bei den Unterkühlungsversuchen wurden die Körpertemperaturen der Verkabelten gemessen, Blut- und Urinproben entnommen und Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit punktiert. Trotz des Todes von Versuchspersonen protestierte bei einem Treffen hochrangiger Mediziner in Nürnberg niemand lautstark oder trat aus Protest zurück. Viele der beteiligten Ärzte, darunter Professoren wie Hans-Joachim Deuticke und Hermann Rhein, setzten ihre Karrieren nach 1945 unbehelligt fort und bekleideten wichtige Positionen.

• Ravensbrück und Buchenwald – IG Farben und pharmazeutische Testreihen: Im KZ Ravensbrück wurden Frauen „bis auf die Knochen geschnitten oder die Knochen mit dem Hammer auf dem OP-Tisch zertrümmert“. Das KZ Buchenwald diente ab 1942 als Experimentierfeld für das Robert-Koch-Institut, die Wehrmacht und die IG Farben, die neue Präparate direkt am Menschen testeten. Gesunde Häftlinge wurden künstlich zu Fleckfieberkranken gemacht, um die Wirksamkeit von Präparaten wie Akridin Granulat und Rote Null zu testen. Diese Mittel zeigten in keinem Fall Wirkung, stattdessen traten zahlreiche Nebenwirkungen auf. Firmen wie Bayer hatten sogar eigene Mitarbeiter in den KZs, wie Dr. med. Helmut Vetter, dessen Einkommen stieg, während seine menschlichen Versuchsobjekte qualvoll zugrunde gingen. Auch hier setzten viele beteiligte Mediziner, darunter Professor Dr. Hermann Meyer und Dr. Bernhard Schmid, ihre Karrieren nach dem Krieg fort.

• Giftgas-Experimente in Spandau und Natzweiler: Die Zitadelle Spandau diente als Gasschutzlabor der Wehrmacht, wo Kampfgase wie Phosgen, Lost, Tabun und Sarin an Menschen erprobt wurden, was zum Tod durch Ersticken führte. Eine Bildersammlung dokumentierte die grausamen Verletzungen der Versuchspersonen. Dr. Dr. Wolfgang Wirth, der Chef-Toxikologe, wurde nach dem Krieg Professor an der Medizinischen Akademie Düsseldorf und Vorstand eines pharmazeutischen Instituts. Im KZ Natzweiler-Struthof wurden ebenfalls Häftlinge Lost-Gas-Experimenten unterzogen, was „kolossale Schmerzen“ und den Tod zur Folge hatte. Trotz der Beteiligung an diesen grausamen Versuchen, darunter auch solche, bei denen manche Häftlinge bewusst ohne Schutz blieben, während andere ein angebliches Gegenmittel erhielten, wurden Professoren wie Eugen Hagen und Otto Bickenbach nach kurzer Haft freigelassen und durften weiterhin als Ärzte arbeiten.

Josef Mengele und das Kaiser-Wilhelm-Institut – Der „Forschungstraum“ in Auschwitz Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Menschliche Erblehre und Eugenik, eine Eliteinstitution der Genetiker, verkörperte die dunkle Seite der Forschung. Unter der Leitung von Professor Otmar Freiherr von Verschuer, dessen Forschung von der DFG finanziert wurde, konzentrierte man sich auf Zwillingsforschung und die Erfassung von Menschen, die verfolgt wurden, darunter Kranke, Behinderte, Homosexuelle, Sinti und Roma. Verschuer’s Lieblingsassistent, Josef Mengele, fand in Auschwitz-Birkenau sein „Forschungsparadies“. Hier standen ihm 100.000 Menschenobjekte, darunter 350 Zwillingspaare, für beliebige Experimente zur Verfügung. Schwangere wurden ab 1944 nicht mehr vergast, sondern die Föten für Forschungszwecke abgetrieben und nach Berlin geschickt. Mengeles Forschung umfasste detaillierte Messungen, Augenuntersuchungen und das Sammeln von Augen, Organen und embryonalem Material für eine geplante „biologische Zentralsammlung“ und sogar einen „Menschenzoo“. Das Kaiser-Wilhelm-Institut „hatte keine Schranken für die Forschung gefördert“, ein Traum, der in Auschwitz-Birkenau „erfüllt“ wurde. Mengele floh nach Südamerika und bereute nichts.

Das Ausmaß dieser Gräueltaten zeigt, wie sich die medizinische Wissenschaft im Dritten Reich von ihren ethischen Verpflichtungen löste und Menschen zu bloßem Material für perverse Forschungszwecke degradierte. Viele der Täter entgingen der Rechenschaftspflicht und setzten ihre Karrieren fort, was eine tiefe Wunde in der Geschichte der Medizin hinterlässt. Die Verbrechen der „Ärzte ohne Gewissen“ sind ein düsteres Mahnmal dafür, wie schnell der Kompass der Moral verrutschen kann, wenn wissenschaftlicher Ehrgeiz und ideologische Verblendung Hand in Hand gehen – wie ein Schiff, das im Sturm seinen Anker verliert und hilflos auf die Felsen zutreibt.