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Willkommen in Plauen – Eine Stadt, die Geschichten atmet und zum Verweilen einlädt

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Plauen, die charmante „Spitzenstadt“ im Vogtland, lädt Besucher dazu ein, in ihre 900 Jahre alte Stadtgeschichte einzutauchen und eine lebendige Mischung aus Tradition, Kultur und Natur zu erleben. Wer Plauen besucht, entdeckt nicht nur eine Stadt, sondern eine Heimat, in der „jede Ecke Geschichten erzählt“.

Die Stadt Plauen ist reich an Historie und eng verbunden mit bedeutenden Epochen und Persönlichkeiten. Hier begegnet man der Geschichte der Vögte und der weltberühmten Plauener Spitze. Auch die Werke von Erich Ohser, bekannt für seine beliebten „Vater und Sohn Geschichten“, haben hier ihre Wurzeln. Plauen spielte zudem eine wichtige Rolle während der friedlichen Revolution, was ihre Bedeutung als Ort des Wandels und der Freiheit unterstreicht.

Ein Spaziergang durch Plauen ist eine Reise für die Sinne. Die schmucke Altstadt mit ihren historischen Gebäuden lädt zum Flanieren ein. In der gemütlichen Fußgängerzone finden sich zahlreiche Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte, die zum Bummeln und Genießen einladen. Plauen verspricht nicht nur urbanes Flair, sondern auch kulinarische Genüsse mit seiner Vogtländischen Küche. Das Angebot an Kunst, Kultur und Events sorgt für einen abwechslungsreichen Aufenthalt und macht Plauen zu einem lebendigen Ort voller Tradition und Geschichte.

Für alle, die Entspannung oder Aktivitäten im Grünen suchen, bietet Plauen einen einzigartigen Vorteil: Die idyllische Natur ist von der Stadt aus schnell erreichbar. Ob für Familien oder Einzelreisende – die zahlreichen Freizeitangebote garantieren einen abwechslungsreichen Aufenthalt für jeden Geschmack.

Plauen ist mehr als nur ein Reiseziel; es ist ein Ort, der zum Bleiben einlädt, ein „lebendiger Ort voller Tradition und Geschichte“. Die Stadt empfängt ihre Gäste mit offenem Herzen und dem Versprechen, sie zu verzaubern. Sie ist eine Stadt, in der sich das pulsierende Leben mit tief verwurzelter Geschichte verbindet und jeden Tag neue, schöne Seiten entdecken lässt.

Man könnte sagen, Plauen ist wie ein altes, reich illustriertes Buch, dessen Seiten sich erst nach und nach enthüllen, aber jede einzelne ist voller faszinierender Geschichten und lebendiger Details, die darauf warten, entdeckt und weitergegeben zu werden.

Das letzte Spiel der DDR: Eine Nation im Umbruch und ein Finale im Zeichen der Anarchie

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Berlin, 2. Juni 1990 – An diesem denkwürdigen Tag fand in Ost-Berlin das letzte Pokalfinale der DDR statt: Dynamo Dresden, der amtierende Meister, traf auf den Zweitligisten PSV Schwerin. Es war mehr als nur ein Fußballspiel; es war ein Spiegelbild einer Nation im radikalen Umbruch, gefangen zwischen dem Mauerfall und der bevorstehenden Währungsunion.

Eine Gesellschaft in Auflösung
Das Jahr 1990 war eine Zeit der Anarchie, in der Autorität kaum noch zählte. Die DDR befand sich im Schweinsgalopp des gesellschaftlichen Wandels. Der Sozialismus war am Ende, und die Marktwirtschaft dominierte schnell das Geschehen, brachte volle Supermärkte, aber auch neue Chancen und Risiken mit sich. Überall schossen neue Geschäfte aus dem Boden, selbst im Bereich der Erotik, die zuvor unterdrückt worden war, was zu einem Boom von Sexshops und -magazinen führte.

Diese wilde Zeit war geprägt von Aufruhr und Randale. Die Deutsche Mark war das alles beherrschende Thema, selbst unter den Fußballern, obwohl sie erst im Juli eingeführt werden sollte. Wer die schnellste Einführung der D-Mark versprach, wurde gewählt, und viele versuchten, auf die Schnelle „Euros oder D-Mark“ zu kassieren. Diese Unsicherheit, gepaart mit dem Verlust von Orientierung und Sinn, führte bei vielen Bevölkerungsgruppen zu starker sozialer Verunsicherung und zur Bewältigung von Konfliktlagen in destruktiver Form, was sich in einer Zunahme von Kriminalität und Gewalt zeigte.

Der Fußball als Ventil der Gesellschaft
Das Pokalfinale selbst litt unter diesen Umständen. Mit nur 6.000 Zuschauern war das Interesse deutlich geringer als in den Vorjahren. Der Fußball war in der gesellschaftlichen Rangfolge weit nach unten gerutscht; andere Dinge wie Westautos oder Reisen standen im Vordergrund. Das Programmheft des Finales trug sinnigerweise eine „Bestattungsanzeige“ – sollte der Fußball zu Grabe getragen werden?

Gleichzeitig brachen sich im Fußball bisher selten gesehene Formen der Gewalt Bahn. Insbesondere in Dresden und Berlin kam es zu massivem Gewaltpotenzial zwischen Fangruppen. Schon im Halbfinale zwischen Schwerin und Lok Leipzig gab es schwere Ausschreitungen, die die Volkspolizei überforderten. Die Gründe dafür liegen tief in der gesellschaftlichen Unzufriedenheit und Aggression, die sich hier ein Ventil suchte. Zuvor wurden solche Verhaltensweisen in der DDR rigoros unterdrückt; bekannte Randalierer mussten sich während der Spiele bei der Polizei melden.

Das Spiel und die Spieler: Ein Abgesang auf eine Ära
Obwohl Schwerin als Außenseiter galt, bewies die Mannschaft um Trainer Manfred Rohde und den jungen Matthias Stammmann viel Einsatz und Härte. Die Schweriner wollten den Dresdnern beweisen, dass auch in Schwerin Fußball gekickt wird. Dynamo Dresden, mit erfahrenen Nationalspielern und aufstrebenden Talenten wie Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Jörg Stübner, Hans-Uwe Pilz, Andreas Trautmann und Matthias Döschner, war für West-Vereine ein „gefundenes Fressen“. Dresden gewann das Finale letztendlich mit 2:1, was den letzten großen Titel für Dynamo Dresden markierte. Für Schwerin war das Finale der Höhepunkt der Vereinsgeschichte, und einige Spieler machten später eine bemerkenswerte Karriere.

Der Ausverkauf der Talente
Die besten Fußballer der DDR wollten in den Westen, und die Ostclubs konnten sie nicht halten. Manager wie Reiner Calmund von Bayer Leverkusen erkannten früh die neuen Möglichkeiten. Schon fünf Wochen nach dem Mauerfall wechselte Andreas Thom als erster DDR-Spieler in die Bundesliga. Das Finale war für viele Spieler die letzte Möglichkeit, sich auf großer Bühne zu präsentieren. Calmund hatte Sammer und Kirsten im Visier und nahm sogar eine Intervention von Bundeskanzler Helmut Kohl, der einen „Ausverkauf der DDR“ verhindern wollte, in Kauf, um Kirsten zu verpflichten. Kirsten wechselte für die damals mit Abstand höchste Ablösesumme in der Geschichte Leverkusens, deren Übergabe kurioserweise bar im Kofferraum stattfand. Matthias Sammer ging für 2,7 Millionen D-Mark nach Stuttgart. Auch Matthias Stammmann aus Schwerin wurde von Calmund entdeckt und wechselte für 350.000 D-Mark nach Leverkusen.

Die Spieler waren in dieser Zeit der schnellen Veränderungen oft ahnungslos und überfordert. Sie waren nie zuvor mit solchen Entscheidungen konfrontiert worden. Viele unseriöse Agenten und „kleine Ganoven“ versprachen ihnen das Blaue vom Himmel, ob Autos oder Vereinswechsel, und versuchten, auf die Schnelle Geld zu machen. Viele Sportler machten Fehler, da sie die Komplexität der neuen Marktwirtschaft – von Krankenversicherungen über Steuern bis hin zu Verträgen – nicht verstanden. Sie zahlten „Lehrgeld“.

Der Zerfall der Mannschaften und persönliche Tragödien
Der Abgang der Spitzenspieler wie Sammer, Kirsten, Pilz, Döchner und Trautmann war ein bitterer Verlust für die Fans und die Mannschaften. Die Spieler empfanden den Zerfall als schmerzhaft, da sie wie eine Familie zusammengelebt und trainiert hatten; die gewachsenen zwischenmenschlichen Beziehungen gingen verloren.

Hinzu kamen die Stasi-Enthüllungen, die nach dem Pokalsieg ans Licht kamen. Spieler wie Thorsten Gütsch und Frank Lieberam hatten jahrelang als Informelle Mitarbeiter (IMS) über Teamkollegen berichtet. Diese Erkenntnisse waren für die Betroffenen ein „schwerer Ballast“ und emotional kaum zu verarbeiten. Es gab Lügen und Halbwahrheiten, die darauf abzielten, anderen zu schaden. Viele der betroffenen Spieler empfanden es als so belastend, dass sie die Akten später symbolisch „beerdigten“.

Während viele Spieler wie Ulf Kirsten und Matthias Sammer weltweit bekannt wurden und eine erfolgreiche Karriere hinlegten, endete der Weg von Jörg Stübner tragisch. Er galt als das größte Talent und der „beste Spieler, der es nicht geschafft hat“. Stübner hatte Schwierigkeiten, sich an die neue Selbstständigkeit anzupassen, da in der DDR alles für die Spieler geregelt war – von der Wohnung bis zur Versicherung. Er war privat labil, kämpfte mit Alkoholproblemen und verlor den „Biss“, der in der neuen Gesellschaft notwendig war. Trotz vieler Hilfsangebote konnte er sich nicht helfen lassen und starb zu früh.

Das letzte Pokalfinale der DDR war somit ein Spiel voller Gegensätze: der sportliche Triumph von Dynamo Dresden, die Hoffnung auf neue Karrieren im Westen, aber auch die tiefe Verunsicherung, der gesellschaftliche Umbruch und persönliche Tragödien. Es war ein bewegendes Symbol für das Ende einer Ära und den Beginn einer ungewissen, aber auch hoffnungsvollen Zukunft.

Leuchtenburg: Wo Porzellan Geschichten erzählt und Wünsche fliegen lernen

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Hoch oben, wo sich Himmel und Horizont begegnen, thront die majestätische Leuchtenburg wie aus einem Märchen. Doch hinter ihren historischen Mauern verbirgt sich weit mehr als nur eine malerische Kulisse: Die Porzellanwelten auf der Leuchtenburg öffnen das Tor zu einer einzigartigen Zeitreise. Hier wird das „weiße Gold“, das die Burg bewacht, zum Protagonisten einer faszinierenden Erzählung.

Besucher tauchen ein in eine jahrhundertelange und kontinentübergreifende Geschichte eines Materials, das die Welt veränderte und dessen Geheimnisse es zu lüften gilt. Die Porzellanwelten sind dabei keine statische Ausstellung, sondern ein interaktives Erlebnis. Wer das Geheimnis des Porzellans ergründen möchte, wird selbst zum Forscher. Interaktive Welten lassen Porzellan spürbar werden – von fernöstlicher Erzählkunst, die im Schattentheater lebendig wird, bis hin zum Staunen in europäischen Wunderkammern und vor Superlativen.

Ein besonderer Höhepunkt ist die einzigartige Porzellankirche, die zu besinnlicher Ruhe einlädt. Hier finden Besucher einen Ort der Einkehr und Kontemplation inmitten der glänzenden Schönheit des Porzellans.

Doch die Leuchtenburg bietet nicht nur historische Einblicke, sondern auch eine zutiefst persönliche Erfahrung im Archiv der Wünsche. Hier können Herzensworte auf Porzellan geschrieben werden, und Wünsche sowie Wunder werden wahr. Der emotionale Höhepunkt ist der Moment, in dem der eigene Wunsch in 400 Metern Höhe fliegen gelassen wird – eine Anspielung auf den tief verwurzelten Volksglauben: „Scherben bringen Glück“.
Die Porzellanwelten auf der Leuchtenburg sind somit mehr als nur ein Museum; sie sind ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird, Kunst bewundert werden kann und persönliche Träume in Erfüllung gehen. Wer dieses einzigartige Erlebnis entdecken möchte, sollte sich auf den Weg machen, um die Magie des „weißen Goldes“ selbst zu spüren.

Die Porzellanwelten sind wie ein offenes Geschichtsbuch, dessen Seiten nicht nur gelesen, sondern auch gefühlt und erlebt werden können, und in dem jeder Besucher sein eigenes kleines Kapitel der Hoffnung hinzufügen darf.

Riesa im Umbruch: Eine persönliche Wende mit der Feder

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Die Wendezeit in Riesa war eine „ganz wilde Zeit“, geprägt von Hoffnung, Unsicherheit und tiefgreifenden Veränderungen, die das Leben der Menschen grundlegend umkrempelten. Heike Berthold, die seit 1961 ununterbrochen in Riesa lebt, bietet einen intimen Einblick in diese Ära, die sie als Journalistin und Bürgerin miterlebte.

Vor dem Fall der Mauer hatte Heike Berthold bereits ein Journalismusstudium in Leipzig absolviert und ein Volontariat in Dresden gemacht. Doch ihre Parteizugehörigkeit zur NDPD verhinderte eine journalistische Anstellung bei etablierten Zeitungen oder Rundfunkstationen. Stattdessen landete sie 1985 bei der Wohnungsgesellschaft, wo sie als „rechte Hand vom Chef“ Reden schrieb und Eingaben bearbeitete – eine Tätigkeit, die sie als „bisschen paradox“ empfand, da der Chef ein Genosse war. Die Stimmung in der Bevölkerung war klar: Das kleine Land überhob sich aus Prinzip. Die Mieten waren zu gering, das Brot zu billig, während Wohnungen nicht saniert werden konnten und Brot letztendlich verfüttert wurde.

Der unerwartete Sprung in die Freiheit
Im Jahr 1988 hatte Heike Berthold „die Nase voll“ von den unerfüllten Versprechungen bezüglich der Wohnungssanierungen. Sie kontaktierte den Rundfunk und erfuhr von der Möglichkeit einer Schnell-Ausbildung für Journalisten im Haus der Presse, um sich selbstständig zu machen. Dies war eigentlich ein Unding, da freischaffende Journalisten in der DDR aussterben gelassen wurden. Rückblickend sieht sie die Zulassung als freischaffende Journalistin als eine „Andeutung der Wende“, auch wenn der Umbruch sie und die meisten anderen „ziemlich überrannt“ hat. „Wir wollten alle oder die meisten in den bessere[n] DDR“, erinnert sie sich.

Die Ereignisse überschlugen sich: Eine große Veranstaltung in der Kirche in Gröber am 30. Oktober 1989 markierte einen Wendepunkt, bei der man aus Angst vor Repressalien das Auto weit entfernt abstellte. Dann kam der 9. November 1989. Die Nachricht des Schal Golotkowski im Fernsehen, dass man „rüber“ konnte, war „ziemlich verblüffend“.

Vom „Schere im Kopf“ zur Meinungsfreiheit
Im Dezember 1989, noch im Schockzustand über die rasanten Veränderungen und die Unmöglichkeit zu planen, schloss sich Heike Berthold der Ortsgruppe des Journalistenverbandes an. Bereits im November 1990 erschien die erste Sonderausgabe des Riesaer Tageblatts. Anfangs fehlte das „Know-how“ über Honorare oder Rechte, doch die Stadt unterstützte das Vorhaben, und ein Wirtschaftsförderer aus Mannheim, Walter Hansen, half mit. Die Nachfrage war riesig, die Leute freuten sich über etwas Neues und die Zeitung begann mit viel Heimatgeschichte.

Der größte Unterschied zum Journalismus in DDR-Zeiten? Die „Schere im Kopf“ war weg. „Wir wussten schon wie weit wir gehen konnten Das war weg Das mussten wir auch erst lernen“, erklärt Berthold. Sie staunt noch heute über den Mut, den sie damals hatten, als sie die ersten Exemplare lesen: „wir haben wirklich auch beim Stadtrat was was haben wir geschimpft und die Leute kritisiert völlig unbefangen Man konnte drauf loschreiben“. Dies war eine neue, befreiende Erfahrung. Doch es kamen auch neue Herausforderungen hinzu: Man wusste nicht mehr, wo die Gefahr lauerte – sie konnte politisch sein oder Anzeigenkunden verärgern. Hinzu kam der wirtschaftliche Niedergang, der die Anzeigen Einnahmen, die anfangs auch aus dem Westen kamen, immer weiter schrumpfen ließ. Heute macht Heike Berthold das Amtsblatt der Stadt.

Riesa und das Stahlwerk: Ein Symbol des Wandels
Riesa war in dieser Zeit ein Brennpunkt, besonders durch das Stahlwerk. Mit 12.000 Beschäftigten hing „fast jede Familie“ in der Stadt mit dem Stahlwerk zusammen, was dessen Erhaltung so wichtig machte. Die Treuhand nutzte Riesa als Beispiel, indem sie Fördergelder für den Abriss und Neubau statt für die Erhaltung vergab – ein riskanter, aber funktionierender Ansatz. Journalistische Delegationen aus ganz Deutschland besuchten Riesa, und die Zerstörung des Alten und der Neubau, die parallel abliefen, waren für viele unfassbar real. Heike Berthold erlebte den letzten Abstich im Stahlwerk mit, bei dem „Tränen geflossen“ sind und Blumen in die Anlagen geworfen wurden – ein Zeichen des Abschieds von einem Betrieb, der ein ganzes soziales System umfasste, von der Bauabteilung bis zu Wohnungen. Prominente Politiker, darunter auch Angela Merkel, gaben sich in Riesa die Klinke in die Hand.

Erkenntnisse für die Zukunft
Aus dieser turbulenten Zeit zieht Heike Berthold wichtige Lehren: Man sollte nie alles als gegeben hinnehmen, denn „es kann sich alles von heute auf morgen ändern“. Die Wende, die so friedlich ablief, zeigte, dass sich das Leben unerwartet wandeln kann. Anfängliche Skepsis gegenüber westlichen Unternehmensberatern wich der Erkenntnis, dass „die auch alle bloß mit Wasser [kochten]“. Die Möglichkeit zur Reisefreiheit, für die viele gekämpft hatten, wurde nicht immer genutzt, weil „die Arbeit wichtiger die Familie wichtiger Es kam immer irgendwas dazwischen“. Eine zentrale Erkenntnis für sie ist: „Was wir können machen wir gleich Also nichts hinausschieben“.

Die Wende in Riesa, so wie Heike Berthold sie erlebte, war ein Prozess des Loslassens von alten Sicherheiten und des Ergreifens neuer Chancen, oft ohne zu wissen, was kommen würde. Es war eine Zeit, in der das Selbstbewusstsein wuchs und die Erkenntnis reifte, dass man die Möglichkeiten, die das Leben bietet, stets nutzen sollte.

Spartakiade 1967: Sport, Propaganda und ein Hauch gesamtdeutscher Einheit

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Ost-Berlin, 1967. Die DDR inszenierte mit der Kinder- und Jugendspartakiade ein Mammutereignis, das weit über den sportlichen Wettkampf hinausging und als eindrucksvolle Demonstration der Stärke und des Selbstbewusstseins eines eigenen Staatsgebildes diente. Der Höhepunkt dieser Veranstaltung war eine „Mammutsportschau“ in Ost-Berlin, an der 13.000 Zwölf- bis Achtzehnjährige teilnahmen. Diese jungen Athleten waren die Elite, die sich in zuvor stattgefundenen Ausscheidungskämpfen qualifiziert hatten, an denen sich zwischen Ostsee und Erzgebirge unglaubliche zwei Millionen Kinder und Jugendliche beteiligt hatten.

Der immense Aufwand, der betrieben wurde, schien sich auf den ersten Blick zu lohnen: Bei der Spartakiade wurden 116 Kinder- und Jugendrekorde aufgestellt. Dies nährte in Mitteldeutschland berechtigte Erwartungen im Hinblick auf die kommenden Olympischen Spiele in Mexiko und München. Doch das Sportereignis war weit mehr als nur ein Kräftemessen junger Talente. Das Regime nutzte die Gelegenheit auf geschickte Weise, um seine Eigenstaatlichkeit zu demonstrieren und verstand es, „keine Chance ungenutzt zu lassen“.

Mit allen Mitteln der Propaganda und einer imponierenden Organisation gab das Regime den jungen Sportlern Anlass zu Stolz und jugendlicher Begeisterung. Die Absicht war klar: Der Stolz auf die eigene Leistung sollte „ganz von selbst auch zum Stolz auf einen eigenen Staat“ werden. Selbst die Volksarmee war präsent und warb auf „ganz unpolitische Weise“ mit sportlich-volkstümlichen Einlagen für sich.

Trotz aller Bemühungen und der „Erziehung zu einem separaten deutschen Nationalbewusstsein“ zeigte sich jedoch ein interessantes Phänomen: Das Gefühl gesamtdeutscher Zusammengehörigkeit war offenbar noch vorhanden. Ein bemerkenswerter Moment ereignete sich, als in einer Pause des Spartakiade-Geschehens das Fußball-Länderspiel England gegen die Bundesrepublik Deutschland im Fernsehen übertragen wurde. Die Reaktionen der Zuschauer waren unübersehbar: Sie vollführten bei jedem westdeutschen Tor „Luftsprünge vor Freude“.

Diese spontane Freude über die Tore des westdeutschen Teams war ein klarer Hinweis darauf, dass die innerdeutsche Teilung im kollektiven Bewusstsein noch nicht vollständig verankert war. Die mitteldeutsche Wirklichkeit war den Kindern „drüben“ aber naturgemäß näher als das westdeutsche Fernsehbild, insbesondere bei der Siegerehrung für die Kameraden aus ihrer eigenen Schule und ihren eigenen Sportkadern.

Die Kinder- und Jugendspartakiade 1967 war somit ein vielschichtiges Ereignis: Eine beeindruckende Leistungsshow des DDR-Sports und ein mächtiges Instrument der staatlichen Propaganda, das gleichzeitig unfreiwillig einen flüchtigen Blick auf das weiterhin vorhandene Gefühl der gesamtdeutschen Verbundenheit gewährte. Es war, als ob der Staat versuchte, ein neues Mosaik zu legen, doch einige Steine blieben hartnäckig in ihrem alten Muster verhaftet.

Jugenderziehung in der DDR: Zwischen Pionierstolz und staatlicher Lenkung

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Sozialistischer Staat deutscher Nation, wie die DDR in den 1960er Jahren genannt wurde, war die staatliche Erziehung der Jugend ein umfassendes und tiefgreifendes System, das weit über den Schulunterricht hinausging. Es handelte sich um eine zentral organisierte und einheitlich ausgerichtete Betreuung, die den Alltag, die Schule und die Ferien der Kinder bestimmte. Ziel war es, die Jugend von heute auf ihre zukünftigen Aufgaben vorzubereiten und sie im Sinne der sozialistischen Weltanschauung zu formen.

Die Pionierorganisation – Das Fundament der Erziehung
Die „Pionierorganisation Ernst Thälmann“ spielte dabei eine zentrale Rolle. Ihr gehörten nahezu alle Kinder bis zum 14. Lebensjahr an. Sie war nicht nur für Paraden und Demonstrationen zuständig, sondern prägte das gesamte Leben der jungen Menschen. Die Losung „Uns gehört die Zukunft“ und die Forderung „Lernen, lernen und nochmals lernen“ waren dabei leitend.

Ein Paradebeispiel für die technische und ideologische Ausrichtung war das Kosmonautenzentrum in Karl-Marx-Stadt (ehemals Chemnitz). Hier wurden Weltraumflüge simuliert, und Jugendliche konnten in einem Kurzlehrgang die sowjetische Raumfahrt kennenlernen – amerikanische Erfolge wurden kaum erwähnt. Die jungen Pioniere mussten in diesem Zentrum mathematische Aufgaben lösen, Fragen zur Weltraumfahrt und Astronomie beantworten sowie physikalische Reaktions- und Leistungstests bestehen. Dies sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Teamfähigkeit und Belastbarkeit trainieren.

Ferienlager und Pionierhäuser: Lenkung auch in der Freizeit
Auch die Ferien waren fest in das System integriert. Pionierlager waren eine gängige Form der Erholung, deren Angebot im Gegensatz zur Bundesrepublik zentral organisiert und einheitlich ausgerichtet war. Obwohl deutsche Kommunisten mit praktisch kostenlosen Aufenthalten in internationalen Pionierlagern warben, waren diese im August ausschließlich mit mitteldeutschen Kindern belegt. Der finanzielle Beitrag der Eltern war minimal, für Kinder von Betriebsangehörigen der Patenschaftsbetriebe war der Aufenthalt sogar kostenlos. Die Lager wurden oft von Volkseigenen Betrieben als Paten unterstützt und von Altkommunisten als Parteibeauftragte betreut. Die Pionierleiter, die für das gesamte Lagerleben, Arbeitsgemeinschaften, Spiele, Disziplin und Weltanschauung verantwortlich waren, hatten eine spezielle pädagogische und ideologische Ausbildung in Pionierschulen absolviert.

In den Lagern ging es nicht nur um Erholung; politische Probleme wurden spielerisch dargestellt. So gab es Geländespiele wie „13. August“ zur Sicherstellung feindlicher Flugblätter oder „Vietnam“, bei dem es darum ging, versteckte Notlandestellen amerikanischer Flieger einzunehmen. Auch Nachrichten in der Lagerzeitung wurden „im Sinne der Parteilinie“ ausgewählt, und das Hauptthema war immer wieder Vietnam. Die Kinder wurden zum persönlichen Einsatz für die Sache der vietnamesischen Kommunisten angehalten, etwa durch Spenden oder Altpapiersammeln.

Die Pionierhäuser, von denen es 107 in Mitteldeutschland gab, waren weitere zentrale Orte für die Jugend. Hier kamen junge Pioniere zu naturwissenschaftlich-technischen Arbeitsgemeinschaften zusammen, zum Lesen und für Veranstaltungen. Das Eisenbahnzimmer im Pionierhaus Karl-Marx-Stadt diente beispielsweise dem Anschauungsunterricht und der Nachwuchswerbung für die Reichsbahn. Trotz aller Bemühungen der Pionierleiter, das politische Bewusstsein zu festigen, bevorzugten die Kinder in Lesecafés jedoch Kriminal- und Abenteuerromane gegenüber politischer Literatur oder Biografien großer Kommunisten.

Kaderbildung und der neue Mensch: Der Rechner statt des Denkers
Ein besonderes Augenmerk lag auf der Kaderbildung, also der Heranbildung einer Elite. Im Pionierlager Kalinin wurde eine „Mathematik-Kader“-Gruppe gebildet, deren Mitglieder nach Leistung aus ihren Schulen ausgewählt wurden. Diese Elite hatte während der Ferien zwei bis drei Stunden Unterricht am Tag und konnte bei guten Leistungen mit beruflicher Förderung rechnen. Es galt als Auszeichnung, diesem Kader anzugehören, und die Kinder waren stolz darauf.

Der Schulunterricht selbst unterschied sich formal kaum von dem in der Bundesrepublik, inhaltlich gab es jedoch erhebliche Unterschiede. Fortschrittliche Landschulen waren gut für den naturwissenschaftlichen Unterricht ausgestattet. Die Schulform der Zukunft sollten „Kombinate“ sein – eine Verbindung von polytechnischem Kabinett mit Schule und Betrieben. Schon in unteren Klassen wurde großer Wert auf die Einführung in die Arbeitswelt und Technik gelegt, beispielsweise durch den Bau elektrischer Schaltanlagen. Ziel war es, den Spieltrieb der Kinder planmäßig im Interesse der Arbeitserziehung einzusetzen. Im Gegensatz zur Bundesrepublik wurde der Werkunterricht nicht primär als Entwicklung eigener schöpferischer Fähigkeiten verstanden, sondern sollte „elementare Kenntnisse über wichtige Produktionsprozesse“ vermitteln. Auch der Schulgartenunterricht war fast überall regelmäßig und praxisnah durchgeführt, wodurch die Kinder eigene Verantwortungsbereiche und feste Aufgaben erhielten.

Tagesschulen und Sport: Kollektiv und Staatsstolz
Tagesschulen, in denen die Schüler von morgens bis abends unter Aufsicht waren, galten als die Schulform der Zukunft und waren ideal für berufstätige Eltern. Sie entsprachen auch der staatlichen Propaganda für die Berufstätigkeit der Frauen und das kollektive Aufwachsen der Kinder.

Auch der Sport spielte eine wichtige Rolle. Bei Großveranstaltungen wie der „Mammutsportschau“ in Ost-Berlin, an der zwei Millionen Kinder und Jugendliche teilgenommen hatten, wurden Rekorde aufgestellt und die Volksarmee warb auf „geschickte, ganz unpolitische Weise“ für sich. Solche Anlässe wurden auch genutzt, um die Eigenstaatlichkeit Mitteldeutschlands zu demonstrieren. Bemerkenswert war jedoch, dass trotz aller Erziehung zu einem separaten deutschen Nationalbewusstsein das Gefühl gesamtdeutscher Zusammengehörigkeit offenbar noch vorhanden war: Zuschauer bejubelten im Fernsehen Tore der westdeutschen Fußballmannschaft. Dennoch wurde betont, dass die mitteldeutsche Wirklichkeit den Kindern näher war.

Das Regime setzte alle Mittel der Propaganda und eine beeindruckende Organisation ein, um den jungen Sportlern „Anlass zum Stolz“ zu geben, in der Hoffnung, dass dieser Stolz auf die eigene Leistung ganz von selbst auch zum Stolz auf einen eigenen Staat werden würde. Obwohl von den Einzelheiten der ideologischen Erzählungen wenig haften blieb, sollten sich die ideologischen Parolen grundlegend im Unterbewusstsein festsetzen und das „Bild der Welt mit formen“, das später zur bewussten Weltanschauung werden sollte.

Die umfassende und gezielte Erziehung in der DDR kann man sich wie eine gigantische Kaderschmiede vorstellen: Jedes Zahnrad, von der Schulbank bis zum Ferienlager, war darauf ausgelegt, ein spezifisches, staatstreues Ergebnis zu produzieren – ein Volk von „Rechnern“ statt „Dichtern und Denkern“.

„FREE HANNA“: Ein Fall im Fokus

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Nürnberg/München – Der Fall der Kunststudentin Hanna S., die derzeit im sogenannten „Budapest-Komplex“ in München angeklagt ist, hat sich zu einem Brennpunkt der Diskussion über staatliche Repression und die Rolle des Antifaschismus in Deutschland entwickelt. Ihr Prozess beleuchtet nicht nur die spezifischen Vorwürfe gegen sie, sondern auch grundsätzliche Fragen zum Umgang der Justiz mit politischem Aktivismus.

Der „Tag der Ehre“ und die Auseinandersetzungen in Budapest
Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen Ereignisse, die sich im Februar 2023 in Budapest zugetragen haben. Dort findet jährlich der sogenannte „Tag der Ehre“ statt – eines der größten neonazistischen Events in Europa, bei dem Hunderte und Tausende Neonazis zusammenkommen, um an einem „Reenactment“ eines versuchten Ausbruchs von SS-Soldaten und ungarischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Dieses Treffen dient gleichzeitig als Vernetzungsplattform für die europäische extreme Rechte.

Seit Jahren kommt es im Umfeld dieses Events zu antifaschistischen Gegenprotesten. Im Jahr 2023 gab es dabei körperliche Auseinandersetzungen. Während die ungarische und deutsche Staatsanwaltschaft davon ausgehen, dass Antifaschistinnen gezielt rechtsextreme Teilnehmerinnen in koordinierten Gruppen angriffen, sprechen Aktivist*innen von ungeplanten Auseinandersetzungen. Recherchen von Antifa-Gruppen zufolge waren die angegriffenen Personen „relativ hochrangige und gut organisierte Neonazis“, darunter Laszlo Dudoc, ein Mitglied von Blood and Honor in Ungarn, und Personen aus der Gruppierung Legio Ungaria, die bereits durch Angriffe auf Synagogen und jüdische Menschen auffiel.

Schwere Vorwürfe und kritische Stimmen der Verteidigung
Hanna S., eine Kunststudentin aus Nürnberg, wurde im Mai 2024 in Nürnberg festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Ihr werden im Zusammenhang mit den Budapester Ereignissen gefährliche Körperverletzung, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und, was als besonders kritisch angesehen wird, versuchter Mord vorgeworfen.

Hannas Anwalt, Yunus Ziyal, weist insbesondere den Vorwurf des versuchten Mordes entschieden zurück. Er betont, dass der Geschädigte „innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen wieder komplett genesen“ war, es sich lediglich um „Platzwunden und Prellungen“ handelte. Der Mordvorwurf sei die „schärfste“ Anschuldigung, die das deutsche Strafgesetzbuch kennt, und lasse sich angesichts der Art und Weise, wie Antifaschist*innen agieren, schwer rechtfertigen. Es sei weder aus der Geschichte noch aus der jüngeren Vergangenheit abzuleiten, dass es die Absicht von antifaschistischen Aktionen sei, Nazis zu töten. Selbst die Generalbundesanwaltschaft gehe davon aus, dass die Taten dem Muster der sogenannten „Antiverst“ folgten, bei denen es explizit um Körperverletzungshandlungen ging, die nach einer bestimmten Zeit abgebrochen und nicht auf die Tötung des Gegners abzielten.

Hanna als Künstlerin und Aktivistin
Hanna S. wird als engagierte Studentin und Aktivistin beschrieben, die sich „stellvertretend für den Einsatz gegen Ungerechtigkeiten und den Rechtsdruck in unserer Gesellschaft“ einsetzt. Als Kunststudentin an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg war sie „total darauf fokussiert, dass man sich einbringt und guckt, dass diese Gemeinschaft läuft“. Thematisch fließen gesellschaftspolitische und politische Themen in ihre Arbeiten ein. Eine ihrer Arbeiten, „Wir dürfen niemals vergessen 2023“, basierte auf dem Buch „Kein Vergessen“ von Thomas Billstein, das die Todesopfer rechter Gewalt seit 1945 dokumentiert. Hanna schuf dafür Papierkarten, auf denen jedes Loch für ein Jahr und jeder Knoten für ein Lebensjahr eines Opfers rechter Gewalt stand, um der „Masse an Daten“ ein Gesicht zu verleihen und zur Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen. Hätte man all diese Karten an einer Wand präsentiert, so bräuchte man „über 100 Meter von der Wand“.

Der Umgang der Justiz – Zwischen Dämonisierung und Skandal
Der Umgang der Justiz mit dem Fall wird von den Unterstützer*innen Hannas als „Kriminalisierung von praktisch gewordenem Antifaschismus“ und „Dämonisierung“ bezeichnet. Es wird kritisiert, dass das Verfahren in einem Hochsicherheitssaal verhandelt wird, der eigentlich für Terrorverfahren gebaut wurde und direkt an die JVA München angeschlossen ist. Dies werde mit Sicherheitserwägungen und der „breiten Solidarisierung“ gerechtfertigt.

Besonders hervorzuheben ist die Art der Festnahme: Hanna wurde mit einem „wahnsinnig großen Polizeiaufgebot“, das ganze Straßenzüge absperrte, aus ihrer Wohnung abgeführt. Ihre Untersuchungshaft wird als fragwürdig empfunden, da sie an ihrem Wohnort anzutreffen war und kein Fluchtrisiko bestand. Die Vermutung, sie sei eine „Terroristin“, die „schlimmer als der IS“ sei, machte in der Haftanstalt die Runde, und Vergleiche zu Beate Zschäpe wurden gezogen. Diese Dämonisierung, so ein Sprecher des Solikreises Nürnberg, „setzt ja letztenendes diese ganze Dämonisierung und hier den Eindruck von dem Terrorverfahren eigentlich einfach fort“.

Die Verteidiger*innen befürchten zudem, dass die Verfahren in Ungarn nicht nach rechtsstaatlichen Bedingungen ablaufen und die Haftbedingungen katastrophal sind, mit Berichten über Bettwanzen, mangelhaftes Essen und schlechte Hygiene. Im Fall der Antifaschistin Maja, die trotz eines Eilantrags ans Bundesverfassungsgericht in Windeseile nach Ungarn ausgeliefert wurde, um effektiven Rechtsschutz auszuhebeln, sprechen die Quellen von einem „Justizskandal“. Maja musste unter katastrophalen Bedingungen leiden, wobei ihre Rechte als nonbinäre Person in einem „autoritären, rechtskonservativ regierten transfeindlichen System“ Ungarns nicht gewahrt wurden. Diese rechtswidrige Auslieferung wurde inzwischen vom Bundesverfassungsgericht bestätigt, doch ihre Rückholung gestaltet sich schwierig. Die Sorge vor einer ähnlichen Auslieferung hing lange wie ein „Damoklesschwert“ über Hanna.

Es wird die Frage aufgeworfen, warum ein „sehr viel höherer Ermittlungseifer“ bei politisch linken Aktivistinnen an den Tag gelegt wird als bei rechten Gewalttätern. Das Oberlandesgericht München begründet die Härte des Vorgehens gegen Hanna damit, dass ihre vermeintliche Tat „das Ansehen Deutschlands in Gefahr“ sehe. Kritikerinnen entgegnen, dass dies angesichts der Tatsache, dass sich Menschen Faschist*innen entgegenstellen, absurd sei und vielmehr auf den „Stand des Rechtsrucks in Deutschland“ hinweise.

Der Knastalltag und die Kraft der Solidarität
Hanna berichtet selbst über ihren Knastalltag, der von strikten Routinen geprägt ist: Wecken um 6:30 Uhr, Instant-Kaffee, Schreiben, Lesen und eine Folge „Hubert und Staller“ schauen. Sie vermisst vor allem die Freiheit und die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen. Doch die größte Unterstützung erhält sie durch die breite Solidarität von außen: „Ich habe gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, es waren sicher 100 Postkarten und 30 Briefe, wenn ich sogar mehr“. Diese Unterstützung gibt ihr „die Kraft und den Mut, das hier Stück für Stück durchzustehen“.

Der Film „FREE HANNA – Solidarität im Budapest-Komplex“ versucht, Hanna auch jenseits der Schlagzeilen zu porträtieren und die Macht der Solidarität zu zeigen. Seit Mitte Februar finden an den Prozesstagen in München kontinuierlich Solidaritätsbekundungen statt, oft mit über 100 anwesenden Menschen. Diese breite Unterstützung dient als „Gegenbild zu diesem Versuch der Dämonisierung“ von Antifaschist*innen als „besonders gefährliche Subjekte“. „Solidarität ist die stärkste Waffe, die die Menschen generell, die keine Macht haben, haben“, heißt es in der Videoquelle.

Der Fall Hanna S. ist somit mehr als ein individuelles Strafverfahren; er ist eine „Projektionsfläche“ für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Zeiten des Rechtsrucks. Er stellt die Frage, ob der Staat zulassen will, dass die Justiz „immer weiter den Fokus nach links richten“ und Widerstand gegen rechte Entwicklungen mürbe machen soll. Für viele ist Hannas Mut zu handeln, selbst wenn die Mittel umstritten sind, ein „Leuchtturm“ in dieser Auseinandersetzung. Praktischer Antifaschismus wird dabei als „nicht nur legitim, sondern auch von Tag zu Tag notwendiger“ angesehen.

Was wäre aus der DDR ohne Wiedervereinigung geworden?

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Ein kontroverser Blick auf die Wendezeit und die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus

Die Ereignisse von 1989/90, die zur Deutschen Wiedervereinigung führten, werden oft als Triumph des freien Willens der ostdeutschen Bevölkerung gefeiert. Doch ein alternativer Blickwinkel, wie er von Wilhelm Domke-Schulz vom Overton Magazin dargelegt wird, hinterfragt diese Erzählung und skizziert ein Szenario, in dem die DDR einen anderen Weg hätte einschlagen können – und vielleicht sogar gesollt hätte.

Die Fahnen-Kontroverse und mutmaßliche Einflussnahme
Ein zentraler Punkt der Kritik betrifft die Demonstrationen im Herbst 1989. Besonders hervorgehoben wird die große Leipziger Demonstration am 4. Dezember 1989 auf dem ehemaligen Karl-Marx-Platz (später umbenannt), bei der massenhaft nagelneue Deutschlandfahnen zu sehen waren. Diese Fahnen waren in der DDR nicht hergestellt worden, und das Problem war, dass sie völlig neu waren, ohne das für DDR-Fahnen typische Staatsemblem und ohne Loch, wo dieses Emblem hätte entfernt werden können.

Die Teilnehmer, die zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Begrüßungsgeld abgeholt und ausgegeben hatten – oft für Güter wie Bananen und Persil – hätten kaum die Möglichkeit gehabt, sich diese Fahnen im Westen zu besorgen, indem sie mit DDR-Mark über die Grenze fuhren. Stattdessen stellte sich später heraus, dass die CDU zwei Lieferautos mit diesen Fahnen gesponsert und den Demonstranten in die Hand gedrückt haben soll.

Dies wird als „völkerrechtswidrige Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten“ interpretiert, da die UNO die DDR als souveränen deutschen Staat anerkannte, während die Bundesrepublik dies nie tat. Parallelen werden zu späteren Ereignissen gezogen, bei denen westliche Politiker Demonstranten in Georgien und auf dem Maidan in der Ukraine zur Absetzung ihrer gewählten Regierungen aufgerufen haben.

War es der „reine Wille“ des Volkes?
Die Vorstellung, dass der Wunsch nach Wiedervereinigung und der D-Mark der „reine Wille“ der DDR-Bevölkerung war, wird vom Sprecher bezweifelt. Es wird die These aufgestellt, dass eine Volksabstimmung im Jahr 1990 darüber, ob man der Bundesrepublik beitreten wolle, „sehr knapp ausgefallen“ wäre. Die Konzentration auf die D-Mark, Bananen und das Begrüßungsgeld habe die Perspektive verzerrt.

Die verpasste Chance eines demokratischen Sozialismus?
Trotz der Probleme hätte die DDR nach Ansicht des Sprechers überleben und einen eigenen Weg gehen können, möglicherweise in Richtung eines „demokratischen Sozialismus“. Die wirtschaftliche Grundlage sei „nicht schlecht“ gewesen, mit einer funktionierenden Schwer- und Chemieindustrie sowie weltweitem Handel.

Was die Menschen in der DDR jedoch massiv gestört habe, sei nicht der Sozialismus an sich gewesen, sondern die „bürokratisch-vormundschaftliche“ Natur des Staates. Dinge wie geschlossene Grenzen, Einschränkungen der Reisefreiheit, Zensur und die Angst vor Abhörung („Vormundschaftlicher Staat“ war auch der Titel eines bekannten Buches in der DDR) seien die eigentlichen Gründe für Unmut gewesen.

Der „Hass“ der westdeutschen Eliten auf die DDR seit ihrer Gründung wird auf eine Hauptursache zurückgeführt: die Enteignung von Eigentum in der DDR, was zu einem Wirtschafts-, Diplomatie- und Ideologiekrieg geführt habe. Zugleich werden Vorteile des DDR-Systems hervorgehoben, wie die Vollfinanzierung der Gesundheitsversorgung durch eine einzige Krankenkasse, bei der keine Zuzahlungen nötig waren – im Gegensatz zu den vielfältigen und zuzahlungsintensiven Krankenkassen im Westen.

Die Voraussetzungen für einen eigenständigen Weg, basierend auf einer funktionierenden Industrie und dem Wunsch nach mehr Freiheit, anstatt einer „feindlichen Übernahme“, waren demnach gegeben.

Die Frage, was aus der DDR ohne Wiedervereinigung geworden wäre, bleibt somit mehr als nur eine akademische Übung. Sie wirft ein Licht auf eine Gabelung im historischen Pfad, an der ein weniger begangener Weg andere Möglichkeiten des Aufbaus und der Selbstbestimmung bot, jenseits des Lockrufs von D-Mark und Bananen.

Eisenbahnstraße Leipzig: Zwischen Wandel und Widerstand – Ein Viertel im Umbruch

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Die Leipziger Eisenbahnstraße ist seit Langem ein Sinnbild für den Leipziger Osten. Lange Zeit hatte sie mit einem schlechten Ruf zu kämpfen und wurde oft auf ihre Problematik als Waffenverbotszone reduziert. Doch wie der Filmemacher Birg Poscker in seinem Film „Hütten sind für alle da“ aufzeigt, ist die Eisenbahnstraße weit mehr als das. Sie ist ein Ort voller vielfältiger Soziokultur, interessanter Menschen und spannender Projekte.

Vom Brachland zum begehrten Hotspot
Als Birg Poscker 2018 in den Leipziger Osten zog, war er fasziniert von der dortigen Vielfalt und dem Freiraum. Das Viertel, das lange Zeit brachlag und bis in die 2000er Jahre hinein noch viel Leerstand aufwies, zog mit seinen günstigen Preisen und der Möglichkeit, sich mit kleinen Läden, Cafés, Bars und Nachbarschaftsgärten auszuprobieren, junge, kreative Menschen an. Doch dieser Freiraum geht zunehmend verloren.
Die Eisenbahnstraße und der Leipziger Osten durchlaufen einen rasanten Wandel. Was einst von vielen als „zweites Berlin“ bezeichnet wurde, ist heute fast vollständig saniert. Die Freude über noch ursprünglich erhaltene Gebäude weicht der Realität einer umfassenden Durchsanierung, die erhebliche Veränderungen mit sich bringt.

Der Kampf um Wohnraum und Freiräume
Ein wiederkehrendes Thema in Posckers Dokumentation ist der Kampf um Wohnraum. Die Leidtragenden sind Menschen mit geringem Einkommen, aber auch Orte des Zusammentreffens, die nach und nach verschwinden. So manche Schauplätze, die Poscker in seinem dreijährigen Dreh begleitete, sind bereits gentrifiziert worden, andere sehen sich durch steigende Mieten bedroht. Das einst charmante „Goldhorn“, in dem gedreht wurde, ist heute ein „steriler Ort“ geworden. Der „Hitnesscub“ hingegen, an der Ecke Hermann-Liebmann-Straße/Eisenbahnstraße, bleibt ein Ort für Konzerte mit besonderer Stimmung.

Besonders deutlich wird der Druck durch die Spekulation mit unbebauten oder ungenutzten Flächen. Die „Prache“, eine bekannte Brachfläche im Leipziger Osten und sinnbildlich für das Viertel, wo sich Anwohner trafen und versammelten, ist ein Beispiel dafür. Obwohl die Stadt Leipzig bis zu einer Million Euro für das Grundstück bot, wurde sie immer wieder überboten. Zwischenzeitlich geplante Projekte wie ein Biergarten scheiterten an fehlenden Genehmigungen. Aktuell ist die Fläche wieder ungenutzt, doch langfristig wird auch hier ein Wohnhaus entstehen, „wenn sich’s wieder lohnt“.

Auch die Hausbesetzung in der Ludwigstraße 71 durch die Gruppe „Leipzig besetzen“ verdeutlicht den Widerstand gegen den Verlust von Freiräumen. Trotz der Solidarität von Anwohnern und Unterstützern ist das Haus fünf Jahre später immer noch unbewohnt und ungenutzt.

Gegen das Klischee: Authentische Geschichten zählen
Für Birg Poscker war es ein zentrales Anliegen seines Films, die einseitige Darstellung der Eisenbahnstraße zu widerlegen. Er wollte die Menschen, die dort leben, selbst zu Wort kommen lassen und das Viertel nicht auf Kriminalität reduzieren. Poscker kritisiert, dass Menschen mit Migrationsgeschichte oft erst dann thematisiert werden, wenn es Probleme gibt, obwohl der Großteil ihrer Geschichten „ohne Probleme“ und „toll“ ist. Es sei nicht schwer, diese Geschichten zu finden und zu zeigen, man müsse nur darüber berichten.

Der Filmtitel „Hütten sind für alle da“ ist inspiriert von einer Regel auf einem Bauspielplatz, den ein kleiner Junge mit Einwanderungsgeschichte den Zuschauern im Film zeigt. Die erste Regel des Bauspielplatzes lautet: „Hütten sind für alle da“. Diese Regel spiegelt das Kernanliegen des Films wider: Jeder soll zu Wort kommen.

Der Film „Hütten sind für alle da“ ist in den kommenden Wochen noch mehrmals im Sommerkino auf der Feinencoss, im Kassymuseum und im Conne Island zu sehen. Er bietet einen tiefen Einblick in ein Viertel, das sich zwischen seinem Ruf, seiner rasanten Entwicklung und dem beharrlichen Geist seiner Bewohner behauptet.

„Zur See“: Wie der Osten das Traumschiff erfand

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Im Sommer 1974 stach ein Fernsehprojekt in See, das die Zuschauer in der DDR und sogar im Westen begeistern sollte: die TV-Serie „Zur See“, gedreht an Bord des Ausbildungsschiffs „Johann Gottlieb Fichte“. Was heute als „zeitloses“ Kritikerformat und „größter Wurf des DDR-Fernsehens“ gilt, war eine achtwöchige Drehreise voller Herausforderungen, politischer Überwachung und unvergesslicher Geschichten.

Die „Fichte“: Ein „Schrottlieb“ mit Geschichte
Die Wahl des Drehorts war bereits ein Kompromiss. Produzenten wie Regisseur Wolfgang Luderer wollten ursprünglich das neueste und modernste Schiff der Flotte, die „Karl Marx“ oder „Friedrich Engels“, nutzen, die klimatisiert waren und über 20 Knoten liefen. Doch die „Johann Gottlieb Fichte“, ein alter Dampfer aus zweiter Hand, der bereits in den 60er Jahren erworben wurde und einst als französischer Truppentransporter diente, hatte den benötigten Platz für die rund 30-köpfige Filmcrew. Bei Seeleuten war das Schiff wegen seines Zustands liebevoll als „Schrottlieb Fichte“ bekannt. Der Matrose Jürgen Schumann beschrieb das Schiff sogar als „Fehler“ und teilweise „auf Bewährung“.

An Bord waren die Lebensbedingungen für die Schauspieler teils beengt und hart: Koch Bern Storch und Bootsmann Jürgen Zartmann wohnten vorne unter dem Bug, oft direkt auf oder unter dem Wasser, was bei Seegang, besonders in der Biskaya bei Windstärke 11, zu starker Übelkeit führte. Das Schwimmbecken an Bord entleerte sich durch einen Riss in die Offiziersmesse, und in Kuba herrschte in den Kabinen „Affenhitze“, da es keine Klimaanlage gab.

Eine Reise voller unvorhergesehener Ereignisse
Die Reise der „Fichte“ führte von Rostock nach Havanna und zurück. Ursprünglich sollte die Route über Schweden nach Mexiko und Kuba verlaufen, doch das DDR-Fernsehen erwirkte eine direkte Fahrt, was auch der Staatssicherheit sehr wichtig war. Dennoch kam es zu einem ungeplanten Stopp: Kurz nach dem Ablegen versagte ein Hilfsdiesel, was Kapitän Horst Rinder dazu zwang, aus Sicherheitsgründen den nächsten Hafen Aalborg in Dänemark anzulaufen. Dort durften die Filmleute drei Tage an Land gehen und einkaufen, obwohl die Spesen mit 10 D-Mark pro Mann und Tag denkbar knapp kalkuliert waren. Chefbeleuchter Hans-Gerhard Veit brachte seiner Tochter von dort einen kleinen Radiergummi mit, ein unvorstellbares Mitbringsel in DDR-Zeiten.

Die Dreharbeiten selbst waren extrem fordernd. Das Team musste das Material für neun Folgen in nur neun Wochen aufnehmen, da das Schiff nur für diese eine Reise zur Verfügung stand. Regisseur Wolfgang Luderer nutzte jeden möglichen Drehtag voll aus, und es wurde täglich die doppelte Menge an Filmmaterial gedreht wie im Studio zu Hause. Dabei mussten unberechenbare Faktoren wie Wetter, Sonneneinstrahlung und Wellengang berücksichtigt werden.

Realität und Fiktion: Konflikte an Bord und kuriose Geschichten
Die Serie zeichnete sich durch die Darstellung realer Konflikte aus, insbesondere zwischen „oben und unten“, Brücke und Maschine, die die Zuschauer fesselten. Die spektakulärste und meistdiskutierte Szene war der Kolbenwechsel bei schwerem Seegang. Diese Geschichte basierte auf einem realen Vorfall mitten im Schwarzen Meer, als ein Kolben stillgelegt werden musste und das Schiff eigentlich hätte abgeschleppt werden müssen.

Auch kuriose Begebenheiten flossen in die Drehbücher ein. Eine davon war die Geschichte der zwei Bullenkälber „Max und Moritz“, die als „blinde Passagiere“ an Bord waren. Diese Tiere wurden seekrank und bereiteten dem Team Verdruss. Requisiteur Harald Meyer, der nebenbei auch Tierpfleger war, musste extra frische Möhren für sie besorgen. Kurz vor Kuba wurden die Bullen geschlachtet und bei einem großen Grillfest von der gesamten Besatzung verzehrt.

Eine weitere feste Tradition auf DDR-Handelsschiffen, die in der Serie inszeniert wurde, war die Äquatortaufe. Hierfür wurden viele Statisten aus der echten Mannschaft rekrutiert, die dafür 720 Mark erhielten – genug, um die Getränkerechnung für die ganze Reise zu decken. Jürgen Zartmann spielte dabei nicht nur den Bootsmann und Parteisekretär, sondern auch den Meeresgott Neptun.

Die Staatssicherheit: Ein ständiger Schatten
Die gesamte Produktion stand unter genauer Beobachtung der Staatssicherheit und der Kaderabteilungen des DDR-Fernsehens und der DSR. Die Überprüfung der politischen Zuverlässigkeit verzögerte den Drehbeginn sogar um ein ganzes Jahr. Die übliche Angst war die „Republikflucht“. Bestimmte Mitglieder der Aufnahmegruppe, darunter Regisseur Wolfgang Luderer, sollten während der Reise „operativer Kontrolle“ unterliegen. Luderer geriet sogar ins Visier, weil er seine Lebensgefährtin als Regieassistentin mit ins Ausland nehmen wollte, was die Stasi als „politisch operativ“ bewertete und die Einstellung des gesamten Filmvorhabens empfahl. Als seiner Freundin die Nachreise nach Havanna verwehrt wurde, drohte Luderer sogar, die Dreharbeiten einzustellen.

Die Serie sollte auch als Werbefilm dienen, da die DSR permanent Personal suchte – nicht weil niemand zur See fahren wollte, sondern weil zu wenige die strengen Überprüfungen bestanden.

Ein „Straßenfeger“ mit West-Charme
Trotz aller Widrigkeiten wurde „Zur See“ ein riesiger Erfolg und zu einem „Event“ in der DDR. Es war ein „Straßenfeger“, der selbst West-Seher vom „Ochsenkopf“ (West-Fernsehen) weglockte. Viele Zuschauer schätzten, dass die Serie „endlich etwas ohne Politik“ war. Wolfgang Rademann, der verstorbene West-Berliner Filmproduzent des „Traumschiffs“, bekannte sich als begeisterter Fan von „Zur See“ und ließ sich für seine eigene Erfolgsserie von ihr inspirieren. Jürgen Zartmann war sogar der einzige Schauspieler, der auf beiden „Traumschiffen“ – der „Fichte“ und dem ZDF-„Traumschiff“ – anheuerte. Während „Zur See“ die realen Geschichten der Seefahrer und ihre harte Arbeit beleuchtete, konzentrierte sich das „Traumschiff“ auf Liebesgeschichten und den Reichtum an Bord.

Heute, 40 Jahre nach seiner Erstausstrahlung, hat „Zur See“ nichts von seinem Reiz verloren. Es wird immer noch verlangt, und bei Seemannstreffen erklingt die Titelmelodie. Es ist ein „gutes Zeitdokument“ der 70er Jahre, das Einblicke in den Alltag auf hoher See und die spezifischen Verhältnisse in der DDR bietet.

Die Geschichte der „Fichte“ und ihrer Filmcrew ist wie eine Flaschenpost aus einer vergangenen Zeit. Sie trägt nicht nur spannende Geschichten über Abenteuer und Widrigkeiten mit sich, sondern auch die subtilen Botschaften und Zwänge einer Gesellschaft, die das Fernweh ihrer Bürger im Zaum halten musste, während sie ihnen gleichzeitig die weite Welt vor Augen führte. Ein echtes Stück Fernsehgeschichte, das immer noch nachklingt.