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Jenas Bevölkerung wächst nur dank Zuwanderung – Hohe Hürden für Ausländer auf dem Arbeitsmarkt

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Die Bevölkerung Jenas ist zunehmend auf Zuwanderung angewiesen: Mittlerweile leben über 19.600 Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund in der Stadt. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stieg von 8,3 Prozent im Jahr 2011 auf 18,2 Prozent im Jahr 2024. Ohne diesen Zuwachs wäre die Bevölkerung Jenas in den letzten Jahren deutlich geschrumpft.

Die Migration nach Jena verläuft kontinuierlich, jedoch mit Phasen unterschiedlicher Dynamik. Besonders starke Anstiege gab es in den Jahren 2014 bis 2018 sowie 2022, hauptsächlich bedingt durch den Zuzug von Geflüchteten. Der russische Überfall auf die Ukraine führte 2022 zu einem besonders hohen Wanderungssaldo von 1.160 Personen, da 7.637 Personen zuzogen und nur 6.477 wegzogen. Mehr als 4.000 der Zugezogenen waren Ausländerinnen und Ausländer, darunter fast 1.800 Ukrainerinnen und Ukrainer. Die Zahl ukrainischer Staatsangehöriger stieg von rund 400 Ende 2013 auf fast 2.000 Ende 2024, womit sie 13,4 Prozent der Ausländer in Jena ausmachen. Die zweitgrößte Gruppe bilden Syrer mit knapp 1.800 Personen (12,3 Prozent).

Obwohl die Anzahl ausländischer sozialversicherungspflichtig Beschäftigter kontinuierlich steigt, sind ausländische Staatsangehörige in Jena deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Deutsche. Im Dezember 2024 waren 1.061 Ausländerinnen und Ausländer arbeitslos gemeldet. Dies entspricht einem Anteil von 22,4 Prozent an allen Arbeitslosen im Rechtskreis SGB II und III.

Dieser Anteil liegt nicht nur über dem Vorjahreswert (plus 4,7 Prozent gegenüber 2022), sondern auch deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 15,4 Prozent. Im Gegensatz dazu hat sich die Arbeitslosenquote bei Deutschen in den letzten 15 Jahren halbiert, während sie bei Ausländern unverändert geblieben ist.

Der technologie- und wissenschaftsorientierte Jenaer Arbeitsmarkt stellt hohe Zugangshürden dar. Als Gründe für die hohe Arbeitslosenquote werden fehlende Deutschkenntnisse, langwierige Anerkennungsprozesse von Qualifikationsnachweisen sowie notwendige Nachqualifikationen genannt. Der jüngste Anstieg der Quote ist insbesondere auf den Abschluss beziehungsweise das Auslaufen von sprachlichen und/oder beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen für ukrainische Geflüchtete zurückzuführen.

Bildungsmigration spielt ebenfalls eine zentrale Rolle: Rund 27 Prozent der 2020 Befragten gaben an, zum Zweck der Bildung nach Jena gekommen zu sein. Obwohl die Gesamtzahl der Studierenden in Jena seit dem Wintersemester 2014/2015 stagniert oder sogar leicht zurückgeht (seit WS 2021/2022), ist der Anteil ausländischer Studierender von 12 auf 17 Prozent aller Studierenden gestiegen.

Besonders hoch ist der Anteil an der Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) mit 24 Prozent, gegenüber 15 Prozent an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU). Die meisten ausländischen Studierenden stammen aus asiatischen Staaten (70 Prozent an der EAH, 58 Prozent an der FSU).
Räumlich konzentriert sich der Anteil von Schülern mit nicht-deutscher Familiensprache im Planungsraum Lobeda. Dort gehen 50 Prozent dieser Schüler (755 Schüler) zur Schule, und der relative Anteil an der Gesamtschülerschaft ist mit 21 Prozent am höchsten.

Hinweis: Die vorliegenden Daten stammen aus dem Migrationsbericht der Stadtverwaltung Jena, der alle zwei Jahre erstellt wird, unter Federführung des Dezernats für Soziales, Gesundheit, Zuwanderung und Klima, in Zusammenarbeit mit dem Fachdienst Finanzen und Timourou Wohn- und Stadtraumkonzepte.

Jenas Migrationsbericht – Zwischen Integration und Gentrifizierung

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Wer sich durch die 80 Seiten des neuen Migrationsberichts der Stadt Jena kämpft, erkennt schnell: Die Stadt bemüht sich, sie integriert, sie qualifiziert. Aber sie kann an vielem schlicht nichts ändern – die Zuweisung von Flüchtlingen erfolgt von außen.

Und doch fällt auf: Ein strategischer Fehler prägt Jena bis heute. Als die großen Flüchtlingswellen kamen, hat man es versäumt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – obwohl die Angebote damals auf dem Tisch lagen. War es Kalkül, Flüchtlinge gar nicht dauerhaft unterbringen zu wollen? So oder so: Der Konkurrenzkampf um Wohnungen verschärfte sich, die Gentrifizierung nahm Fahrt auf.

Bis heute landen Menschen mit Migrationshintergrund oft in Winzerla, Lobeda oder Jena-Nord – weil dort die billigeren Wohnungen stehen und der Staat die Miete zahlt. Doch ein echter Sicherungseffekt für das Gemeinwesen blieb aus. Auch die Chance, die Stadt für Zuzüge aus dem Umland attraktiver zu machen, hat man vertan.

Hinzu kommt: Man sieht auch, in welche Bereiche Migranten letztlich nachrücken – vor allem in den Dienstleistungssektor, in Reinigung, in einfache Tätigkeiten. Nicht selten fehlt die Qualifikation oder sie wird in Deutschland schlicht nicht anerkannt. Hier muss klar unterschieden werden: zwischen Geflüchteten auf der einen Seite und ausländischen Arbeitskräften, die bewusst als Fachkräfte angeworben werden. Doch gerade in diesem Bereich wissen wir, wie schwierig es ist, tatsächlich hochqualifizierte Menschen dauerhaft zu gewinnen.

Ein weiterer strategischer Fehler war der Glaube, man könne die Qualität der Stadt durch das Umland „mitqualifizieren“. Das war schon immer eine Illusion. Die eigentliche Qualität kam direkt aus Jena – aus den Universitäten, den Instituten, den Unternehmen, dem Leben in der Stadt. Durch das Verwischen mit dem Umland ist diese Qualität eher gesunken. Heute sehen wir, dass Kindergärten schließen müssen, weil das Fundament brüchig geworden ist. Die alten Ideen der Impulsregion, der Impulsstädte Erfurt-Weimar-Jena, hätten beibehalten werden müssen – nicht nur in Wissenschaft und Wirtschaft, sondern auch im gesellschaftlichen Leben. Doch stattdessen hat man Jena Stück für Stück ans Umland angepasst, anstatt die Stadt als Impulsgeberin stark zu halten.

Und dann stellt sich die große Frage: Wo war eigentlich die Politik in all den Jahren? Seit Jahren nickt der Stadtrat alles ab. Obwohl es genügend Angebote gab, wirklich guten und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist nichts passiert. Wo sind sie denn alle nur hin, die Verantwortlichen? Warum hat niemand aus den Fehlern gelernt?

Es betrifft letztlich alle Parteien – alle haben sie zugesehen, wie Jena Stück für Stück seine Chancen verspielt. Alle haben sie aufgegeben, noch das Beste aus dieser Stadt herauszuholen. Man sieht es nicht nur beim Thema Wohnraum, sondern auch bei Ordnung und Sicherheit: Stillstand, Ratlosigkeit, Wegducken.

Worum es jetzt gehen müsste, ist klar: weg von den Geschäftsmodellen mit Grund und Boden, hin zu gutem, bezahlbarem Wohnraum. Nicht mehr Rendite, sondern Lebensqualität. Nicht mehr Marktlogik, sondern Gemeinwesen. Alles andere führt Jena weiter in die Sackgasse.

Ultimatum aus Weimar: TLVwA warnt Jena vor Liquiditätskrise

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Das Thüringer Landesverwaltungsamt (TLVwA) hat die Haushaltssatzung und den Haushaltsplan der Stadt Jena für die Jahre 2025 und 2026 (Stadtratsbeschluss vom 19.12.2024) zwar formal in Teilen genehmigt, diese Freigabe jedoch mit harten Rügen und einer ernsten Warnung vor der Zahlungsunfähigkeit verbunden. Der Bescheid, adressiert an Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche und datiert auf den 17. April 2025, legt offen, dass Jena mit massiven administrativen Rückständen kämpft und die Liquidität der Stadt ab 2026 aufgebraucht sein wird.

I. Administratives Versagen: Chronische Rückstände bei den Jahresabschlüssen

Das TLVwA kritisiert die Stadt Jena scharf für die Verzögerungen in der Rechnungslegung. Die Stadt genügt den gesetzlichen Anforderungen an den Haushaltsplan derzeit nicht.

• Der letzte geprüfte Jahresabschluss der Stadt, der dem TLVwA vorliegt, ist jener für das Haushaltsjahr 2021.

• Laut Gesetz müsste der geprüfte Jahresabschluss 2024 dem Stadtrat spätestens bis zum 31. Dezember 2025 zur Feststellung vorliegen.

• Die Behörde macht eine klare Ansage: Jena muss die bestehenden Rückstände bis zur Aufstellung der Haushaltssatzung 2027 abgebaut haben. Andernfalls werde eine Beanstandung der Haushaltssatzung in Betracht gezogen.

Da Jena keine geprüfte Jahresrechnung des Vorvorjahres vorweisen kann, wird sie den gesetzlichen Anforderungen nicht gerecht, welche unter anderem die Gegenüberstellung der Ergebnisse des Haushaltsvorvorjahrs im Plan vorschreiben.

II. Liquiditätsprobleme und der unschlüssige Cash-Pool

Obwohl der Haushaltsausgleich formal gewährleistet ist, führt die Finanzplanung der Stadt zu einer künftig angespannten Liquiditätssituation aufgrund erheblicher Investitionen sowie Zuweisungen und Zuschüsse an die Sondervermögen.

• Die aktuell verfügbaren liquiden Mittel der Stadt in Höhe von 62.056.239,35 EUR werden nach der Finanzplanung im Jahr 2026 voraussichtlich vollständig aufgebraucht sein.

• Die Stadt plant, zur Deckung die Mittel des Cash-Pools zu beanspruchen, obwohl diese Mittel vollständig als Forderung der Eigenbetriebe gegenüber der Stadt gebunden sind.

• Das TLVwA hält die Begründung der Stadt Jena, dass der Cash-Pool nicht kreditmindernd eingesetzt werden könne, da 80 % der Liquidität dem Eigenbetrieb KSJ zuzuschreiben seien, für „nicht schlüssig und nachvollziehbar“. Die Aufsichtsbehörde argumentiert, dass die Stadt die Cash-Pool-Mittel selbst zum Großteil zur Deckung der eigenen Auszahlungen verwendet.

• Jena wird nachdrücklich aufgefordert, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahlungsfähigkeit durch eine angemessene Liquiditätsplanung sicherzustellen.

• Zukünftig müssen voraussichtlich erzielte Überschüsse in den Jahren 2027 (576.060 EUR) und 2028 (816.040 EUR) kreditmindernd eingesetzt und dürfen nicht vorgetragen werden.

III. Unwirksamkeitsrisiko bei Kultur und Marketing Jena (KMJ)

Auch beim Eigenbetrieb „Kultur und Marketing Jena“ (KMJ) existieren Planungsdefizite:

• Der festgesetzte Höchstbetrag für Kredite zur Liquiditätssicherung von KMJ für 2026 in Höhe von 3.000.000 EUR konnte nicht beurteilt werden, da der Wirtschaftsplan 2026 fehlte.

• Sollten im Wirtschaftsplan 2026 für KMJ Erträge von weniger als 18 Mio. EUR vorgesehen werden, würde dies die Genehmigungspflicht des Liquiditätskredites auslösen. Da diese Genehmigung fehlt, würde sich die Festsetzung des Höchstbetrags und damit die Ermächtigung zur Aufnahme von Liquiditätskrediten als unwirksam erweisen.

IV. Verstärkte Überwachung und Berichtspflichten

Angesichts der angespannten Finanzlage verlangt das TLVwA eine umfassende und kontinuierliche Berichterstattung:

• Die Stadt muss dem Landesverwaltungsamt unaufgefordert jährlich bis zum 30. September einen Beteiligungsbericht übersenden, falls kein geprüfter Gesamtabschluss vorgelegt wird. Das bedeutet, der Beteiligungsbericht für das Jahr 2024 ist bis zum 30.09.2025 zu übersenden.

• Alternativ müsste der geprüfte Gesamtabschluss 2024 nach Kenntnisnahme durch den Stadtrat (die bis zum 31.12.2025 zu erfolgen hat) der Rechtsaufsichtsbehörde vorgelegt werden.

• Zudem muss dem TLVwA eine Liquiditätsübersicht des Kernhaushaltes und der Eigenbetriebe zum 01.01.2026 übermittelt werden.

• Die geprüften Jahresabschlüsse der Eigenbetriebe und der Stadt Jena sind künftig jährlich zu übersenden.

Die Haushaltssatzung kann nun ausgefertigt und öffentlich bekanntgemacht werden, wobei auf die Möglichkeit zur Einsichtnahme hinzuweisen ist. Die Stadt Jena steht jedoch unter strenger Beobachtung, um die festgestellten Mängel in der Rechnungslegung und Liquiditätssteuerung zu beheben.

Helmut Jankes erschütternde Erinnerungen an das sowjetische Speziallager Mühlberg

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Helmut Janke, der 2019 verstarb, wurde wegen angeblicher Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Organisation „Werwolf“ ohne Verurteilung im November 1945 in das sowjetische Speziallager Mühlberg/Elbe gebracht und dort bis August 1948 interniert. Seine Berichte geben einen tiefen und erschütternden Einblick in die unmenschlichen Zustände und das tägliche Leid in diesem Lager.

Die Ankunft und der Kampf gegen die Kälte
Die Reise nach Mühlberg erfolgte in einem kleinen Transporter, über die Elbe bei Torgau, bereits bei eisiger Kälte mit Treibeis auf dem Fluss. Bei der Ankunft wurde Janke registriert, und seine wenigen Habseligkeiten – ein Federkopfkissen, ein Wintermantel, Strümpfe und Brot – wurden erfasst. Das Federkopfkissen, das seine Mutter ihm mitgegeben hatte, wurde ihm mit der Begründung abgenommen, es werde für Kranke benötigt.

Die Bedingungen in den Baracken waren verheerend. In der ersten Baracke gab es keinen Ofen, keine Wärme, und die Fensterscheiben waren teilweise kaputt. Man sah die Dachhaut direkt über sich, da es keine Zwischendecke gab. Die extreme Kälte war allgegenwärtig, und die Gefangenen wussten nicht, wie sie sich schützen sollten, da sie nur eine Decke besaßen und auf einfachen Brettern schlafen mussten. Es gab keine Zwischenwände; man lag in Reih und Glied. Später wurde Janke in eine andere Baracke verlegt, die zumindest Zwischendecken hatte.

Tod als täglicher Begleiter
Das Lagerleben war von Entbehrungen und dem ständigen Angesicht des Todes geprägt. Jeden Tag wurde gezählt, was bedeutete, dass die Gefangenen dafür hinaus mussten. Der Hunger war immens, und das Brot, das Janke bei der Ankunft hatte, verteilte er sofort. Mit 10.000 bis 12.000 Insassen war der Bedarf an Nahrung groß.

Ein besonders erschütterndes Detail ist die hohe Sterblichkeitsrate: „An manchem Tag sind doch 30, 40 verstorben. Du hast das schon-, da hat doch garantiert neben dir gelegen einer.“ Die Toten wurden früh am Morgen, noch bevor es hell wurde, gemeldet und aus den Baracken getragen.

Sie wurden auf der Lagerstraße aufgestellt, noch im Dunkeln, und dann in Gruppen – etwa 30 Stück – durch das Hauptlagertor zum Gräberfeld gebracht. Janke selbst wusste zu der Zeit nicht, wohin die Verstorbenen gebracht wurden. Später, bei der Errichtung eines großen Kreuzes mit Betonsockel, wurden bei Ausschachtungsarbeiten 24 Tote gefunden.

Ein kleiner Lichtblick: Arbeit in der Bäckerei
Trotz der allgegenwärtigen Hoffnungslosigkeit versuchten viele Insassen, irgendeine Arbeit zu bekommen. Helmut Janke hatte Glück: Er konnte in der Bäckerei arbeiten und war dort mit dem Mehlfahrer unterwegs, eine Tätigkeit, die nur wenige Stunden am Tag in Anspruch nahm.

Helmut Jankes Zeugnis ist ein bewegendes Dokument der Grausamkeit der Speziallager und des Überlebenskampfes der Internierten, die oft, wie er selbst, ohne jegliche Verurteilung inhaftiert wurden.

Zeithain: Das „Campo di Morte“ – Eine Gedenkstätte gegen das Vergessen mitten in Deutschland

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Zeithain, Sachsen – Inmitten der malerischen Elbauen, nordöstlich von Riesa, liegt Zeithain – eine Gemeinde, die heute als die größte sowjetische Kriegsgräberstätte in Deutschland gilt. Doch hinter dieser Funktion verbirgt sich eine düstere Geschichte, die während des Zweiten Weltkriegs hier ihren Ursprung nahm: Das Kriegsgefangenenlager Zeithain, ein Ort unfassbarer Verbrechen der deutschen Wehrmacht, wo vorsätzlich gegen die Menschenwürde verstoßen und das Kriegsvölkerrecht außer Kraft gesetzt wurde.

Ein Lager des Grauens: Geplante Vernichtung durch Entbehrung
Im April 1941 befahl die Wehrmacht die Errichtung dieses Kriegsgefangenenlagers auf einem Truppenübungsplatz. Das ursprüngliche Ziel war die Registrierung und Verteilung sowjetischer Kriegsgefangener auf Arbeitskommandos in Mitteldeutschland und Bayern. Was folgte, war jedoch ein systematisch geplantes Sterben. Zehntausende Gefangene erlagen den unmenschlichen Bedingungen: Fehlende Unterkünfte, verschmutzte Brunnen und Latrinen sowie mangelnde Waschplätze führten zu katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Geschwächt durch Mangelernährung, starben sie an Typhus und Unterernährung. Diese Grausamkeiten geschahen nicht zufällig, sondern waren vorsätzlicher Teil des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Neben Sowjets wurden auch Menschen anderer Nationalitäten, vor allem Italiener und Polen, in Zeithain gefangen gehalten. Für sowjetische und italienische Gefangene wurde das Lager zu einem Ort massenhaften Sterbens. Das Aushungern war ein bewusster Bestandteil der Politik der deutschen Wehrmacht, die dabei sogar ihre eigenen Prinzipien einer ritterlichen Kriegsführung missachtete.

Die Gefangenen waren der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Die privaten Aufzeichnungen von Leutnant K., einem Leipziger Lehrer und Reserveoffizier in Zeithain, dokumentieren das Ausmaß des Leidens auf schockierende Weise: „Es waren wieder furchtbare Eindrücke. Ein Massensterben jetzt bei Nässe und Kälte. Täglich über 100. Man gewöhnt sich an das Entsetzliche. Hier sind Menschen wie Dreck“. Seine Notizen vom November 1941 beschreiben meterlange Reihen von Toten im Schlamm vor den Baracken und eine Baracke voller Halbtoter, Sterbender und Röchelnder. Nikolai Gutyria, ein Leutnant der Roten Armee und Mitglied einer Widerstandsgruppe im Lager, berichtete erst 1961 über seine ersten Tage: „Es wurde uns befohlen, uns unter freiem Himmel auf dem vom Regen noch feuchten Boden zu legen. Jeder wählte für sich eine kleine Grube, in der er versuchte, seinen ausgemergelten Körper zu wärmen. Es gab kein Leben und keinen Tod“.

Die Transformation vom Lager zur Gedenkstätte
Zwischen 1941 und 1945 kamen rund 274.000 Kriegsgefangene am Bahnhof Jacobstal an, von dem heute nur noch das Gebäude erhalten ist. Nach der Befreiung wurde das Lager ab Januar 1946 demontiert, die Baracken für deutsche Flüchtlinge wiederverwendet. Bis 1992 diente das Gelände intensiv als militärischer Übungsplatz der sowjetischen Streitkräfte.

Die Opfer von Zeithain wurden auf mehreren Friedhöfen bestattet. Sowjetische Gefangene fanden ihre letzte Ruhe in Massengräbern, während Italiener, Polen und Serben in Einzelgräbern auf einem weiteren Friedhof beigesetzt wurden. Für ehemalige italienische Gefangene ist Zeithain als „Campo di Morte“, das „Lager des Todes“, in Erinnerung geblieben.

Nach 1946 gestaltete die sowjetische Militärregierung die Friedhöfe um: Der Ehrenhain Zeithain, ein Obelisk und ein Portal aus rotem Granit, versehen mit den Machtsymbolen der Sowjetunion, wurden errichtet. Die Namen der Opfer wurden anonymisiert; der Gedenkort sollte den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland symbolisieren. Einziger Hinweis auf die Toten war die Inschrift „Ruhm und Ehre den Kämpfern gegen den Faschismus“. Diese Anonymisierung war Teil einer bewussten Politik, die Verwandte bis zum Ende der Sowjetunion nicht über das Schicksal der Kriegsopfer informierte, da diese in ihrer Heimat als Verräter galten.

Würde zurückgeben und erinnern
Erst 2013 wurden auf den Grabfeldern Tafeln mit Namen, Geburts- und Sterbedaten der hier gestorbenen Rotarmisten aufgestellt, um den Opfern ihre Würde zurückzugeben und Angehörigen die Möglichkeit zu geben, ihre Toten zu betrauern.

Heute gehört das Areal zum Naturschutzgebiet Gohrisch Heide. Die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain hat sich der Aufgabe verschrieben, den historischen Ort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers wieder sichtbar zu machen. Das Dokumentenhaus und eine Lagerbaracke erinnern an die Geschichte, eine Dauerausstellung zeigt Zeitdokumente, Objekte, Fotos und historisches Filmmaterial. Regelmäßige Führungen und Ausgrabungen legen Fundamente frei und zeigen Hinterlassenschaften auf.

Die Gedenkstätte Zeithain ist nicht nur eine lebendige Informationsstätte über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht und ein international anerkannter Gedenkort, sondern auch eine Begegnungsstätte für die Umsetzung internationaler Jugendprojekte. Sie ist ein wichtiger Partner für wechselnde Veranstaltungen zur Zeitgeschichte in der Region und bietet Angehörigen die Möglichkeit, nach dem Schicksal ihrer Verwandten zu forschen. Zeithain steht heute als Mahnmal gegen das Vergessen, das die Schrecken der Vergangenheit bewahrt und gleichzeitig einen Beitrag zur Versöhnung und Aufklärung leistet.

Riesa vor 1990: Als Dreck und Wärme Hand in Hand gingen

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Bevor 1990 die politischen und wirtschaftlichen Landschaften grundlegend verändert wurden, war Riesa eine Stadt, in der die Präsenz der Industrie ein fester, oft erdrückender Bestandteil des täglichen Lebens war. Anwohner erinnern sich an eine Zeit, die manchmal unerträglich war, insbesondere wenn der Wind aus Osten kam. Schon von Weitem war ein „Industrieballon“ am Horizont erkennbar, der von der gewaltigen Industrie der Stadt zeugte.

Ein Leben im Schatten der Emissionen
Das Jahr 1961 markierte einen Wendepunkt für Riesa, als ein neues Wohngebiet für über 10.000 Menschen entstand. Die zentrale Wärmeversorgung für diese Bewohner wurde durch zwei mit Rohbraunkohle gefeuerte Heizhäuser sichergestellt. Was als komfortable Lösung gedacht war, hatte jedoch massive ökologische Konsequenzen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Über 30.000 Tonnen Rohbraunkohle lagerten unter freiem Himmel, nur einen Katzensprung vom Wohngebiet entfernt. Jährlich wurden über 50.000 Tonnen dieser Rohbraunkohle verfeuert. Die Auswirkungen waren fatal: Stündlich entstanden bis zu 150.000 Kubikmeter Rauchgase und 8.000 Tonnen schwefelhaltige Asche. Das besonders bemerkenswerte und erschreckende Detail: Fast 30 Jahre lang gelangten diese Rauchgase ungefiltert aus den Schornsteinen. Begründungen für das Ausbleiben von Investitionen gab es viele, oft hieß es, es handele sich bei den Heizhäusern lediglich um „Provisoren“.

Die alltäglichen Folgen für die Bewohner waren drastisch: Überall lag Dreck, die Hausfrauen mussten manchmal dreimal am Tag die Wäsche waschen, weil alles schwarz war. Die Frage des Umweltschutzes spielte dabei offensichtlich keine Rolle; „hat sich ja keiner drum geschert“, so die Erinnerung eines Anwohners.

Der „Segen und Fluch“ der Fernwärme
Trotz dieser extremen Umweltbelastung gab es eine Annehmlichkeit, die viele nicht missen wollten: die Fernwärme. Sie wurde als „Segen und Fluch zugleich“ empfunden. Auf der einen Seite bedeutete sie für die Bewohner, keine Kohlen mehr schleppen zu müssen und stattdessen eine warme Wohnung und warmes Wasser zu haben. Dies stellte eine deutliche Komfortverbesserung dar.

Doch dieser Komfort hatte seinen Preis in Form von Schmutz und Dreck, den man in Kauf nehmen musste. Die Logistik der Kohleversorgung war allgegenwärtig: Straßen und Wege, insbesondere die B330, waren ständig von LKWs frequentiert, die Kohle vom Hafen oder von Kohlehändlern zu den Heizhäusern brachten. Dort wurden die Waggons entladen und die Kohle auf LKWs umgeladen, die dann Tag und Nacht fuhren. Riesige Behälter im Heizhaus wurden über Förderbänder mit Kohle befüllt, die zu riesigen Bergen aufgeschüttet wurde – ein ständiges Schauspiel aus Staub und Bewegung.

Die Heizleistung war enorm. Es war immer warm, manchmal sogar zu warm. Der Versuch, die Verschmutzung durch Reduzierung der Heizleistung zu mindern, scheiterte an der Priorität der Wärmeversorgung. Auf die Frage, ob man nicht weniger verbrennen könne, kam die Antwort, dass „früheren will hier keiner“, und die Kessel „die Leistung immer gebracht“ und „alles raus geblasen“ hätten.

Diese Erinnerungen und Fakten zeichnen das Bild eines Riesa vor 1990, das von einer komplexen Mischung aus industrieller Macht, gravierender Umweltbelastung und gleichzeitig hohem Wohnkomfort geprägt war, bei dem die Wärme des Hauses oft den Preis von Schmutz, Staub und ungefilterten Emissionen forderte.

Zeithain im Wendeherbst: Als Häftlinge für ihre Freiheit kämpften

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Zeithain, Dezember 1989 – Während die Berliner Mauer bereits gefallen war und die DDR im Umbruch begriffen war, saßen zahlreiche Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Zeithain weiterhin fest. Ihre Geschichten werfen ein Schlaglicht auf die widersprüchliche Realität in den letzten Tagen der DDR, geprägt von verzweifelter Arbeit, Missständen und einem mutigen Aufbegehren.

Viele der Inhaftierten waren wegen „Republikflucht“ nach §213 des DDR-Strafgesetzbuches verurteilt worden – ein Delikt, das angesichts der Öffnung der Grenzen seine Grundlage verloren hatte. Besonders erschütternd war die Situation für jene, die eigentlich am 4. Dezember 1989 entlassen werden sollten, aber immer noch in Haft saßen. Der Grund: Einige ihrer Anwälte hatten sich nach dem Mauerfall ins „kapitalistische Ausland“ abgesetzt, was ihre Entlassung blockierte. Dieser Umstand wurde sogar von Oberstleutnant Günther Hoffmann, der kurz vor seiner Pensionierung stand und erstmals einen Blick hinter die Kulissen seiner eigenen Anstalt – aus der Sicht der Gefangenen – erhielt, als „beschämend“ bezeichnet.

Missstände hinter Gittern und gefährliche Zwangsarbeit
Die internen Zustände im Gefängnis waren katastrophal. Berichte sprachen von körperlicher Misshandlung durch Wachpersonal. Ein Beispiel ist der Fall eines Gefangenen, der geistig beeinträchtigt war und laut Aussagen der Häftlinge gar nicht erst in ein Strafzug gehört hätte. Er wurde von einem Obermeister geschlagen, weil er Anweisungen nicht verstand. Ein weiterer Vorfall betraf Obermeister M., der einen Gefangenen schlug und ihm dabei die Lippe einriss – eine Tat, für die die Häftlinge forderten, dass der Obermeister wegen Körperverletzung eingesperrt werde. Solche Vorfälle zeigten das Ausmaß der Gewalt und die fehlende Rechenschaftspflicht.

Ein zentraler Aspekt des Gefängnislebens war die Zwangsarbeit. Nur unweit des politischen Knastes lag das Rohr- und Stahlkombinat Riesa, in dem 215 der 950 Arbeiter aus der Haftanstalt stammten. Die Häftlinge mussten im Dreischichtsystem, einschließlich Samstag und Sonntag, in dem „hoffnungslos veralteten Werk“ arbeiten. Die Maschinen stammten teilweise aus dem Jahr 1945, und es gab keine Investitionsmittel für Modernisierungen. Dies führte zu extrem gefährlichen Arbeitsbedingungen, die in den Quellen wiederholt als Ursache für schwere Unfälle genannt werden, darunter Verbrennungen, Quetschungen und Knochenbrüche. Ein besonders tragischer Vorfall war ein tödlicher Unfall, der sich vier Jahre zuvor ereignet hatte und den niemand im Strafzug kannte. Ironischerweise wurde der dort produzierte Stahl fast ausschließlich für den Export in die BRD verwendet – jenes Land, in das die meisten der politischen Gefangenen wollten. Für diese harte und gefährliche Arbeit erhielten die Häftlinge lediglich 7 Mark Ost pro Tag.

Der Streik: Häftlinge fordern ihre Rechte
Die Gefangenen hatten sich seit Langem über mangelnde Sicherheitsbestimmungen und die Arbeitsbedingungen beschwert. Am 4. Dezember 1989 eskalierte die Situation: Oberstleutnant Hoffmann gab nach einigen Minuten dem Druck nach, und die Häftlinge organisierten einen Streik. Mit der Unterstützung eines Fernsehteams und dem neuen amtierenden Generaldirektor des Werks, der „verschiedene Fragen unbedingt neu und unangemeldet“ überprüfen wollte, setzten sie die Besichtigung der Werkshallen durch. Gefangenenvertreter erhielten sogar die Erlaubnis, die Führung zu übernehmen.

Bei der Besichtigung konnten die Häftlinge ihre Forderungen direkt an den Werksleiter richten. Sie beschwerten sich über die altersschwache Richtmaschine Baujahr 1945 und die mangelnden Sicherheitsstandards. Obwohl der Werksleiter Besserung versprach, setzten die Häftlinge ihren Streik fort. Gegen 14 Uhr, nachdem alle Forderungen vorgebracht worden waren, wurde auf Beschluss des Häftlingsrates eine Erklärung über Lautsprecher verlesen. Das Wachpersonal stellte die technischen Einrichtungen bereit, stellte jedoch eine Bedingung: Das Streikkomitee sollte alle Strafgefangenen zur Ruhe und Besonnenheit ermahnen und vor allem keine Gewalt gegen Angehörige der Sicherheitsorgane und Vorgesetzte anwenden. Eine Ordnungsgruppe wurde gebildet, um dies zu gewährleisten.

Amnestie und Ruhe nach dem Sturm
An diesem Tag veränderten die Gefangenen ihren Knast nachhaltig. Nach dem Streik kehrte Ruhe in Zeithain ein. Wenige Stunden später kam die ersehnte Amnestie. Die Ereignisse in Zeithain sind ein eindringliches Beispiel dafür, wie selbst in den letzten Atemzügen eines untergehenden Systems Menschen mutig für ihre Rechte und ihre Würde kämpften und damit ihren eigenen Beitrag zur historischen Wende leisteten.

Döbeln 1989: Als eine Kleinstadt im Schatten der Wende ihre Stimme fand

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Döbeln, Herbst 1989. Während in den großen Städten der DDR der Ruf nach Freiheit und Veränderung immer lauter wurde, erwachte auch im sächsischen Döbeln ein neues Bewusstsein. Eine Stadt, die lange unter einer sichtbaren „Dreckschicht oder Rußschicht oder Staubschicht“ litt und deren Bewohner sich in „grauenhaften“ Wohnungen dem Gefühl der Stagnation ausgeliefert sahen, fand langsam den Mut, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Zeitzeugen blicken zurück auf jene aufwühlenden Monate, die den Grundstein für ein geeintes Deutschland legten.

Die ersten Zeichen des Umbruchs Schon am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, herrschte eine festliche, doch zugleich angespannte Stimmung in der Hauptstadt. Dr. Bechstein, ein Döbelner Arzt, war an diesem Tag in Berlin und traf die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Er erhielt von ihr verbotenes Material zum „Neuen Forum“ und war „sehr zuversichtlich, dass dieses diese alte diese alte machst nicht mehr lange bestehen würde“. Die Hoffnung war groß, dass diese Bewegung „durch das ganze Land erfasst“ würde, auch kleine Städte wie Döbeln.

Der Druck auf das Regime wuchs stetig. Ausreisewillige und Gruppen, die Forderungen nach „mehr Demokratie nach Reisefreiheit nach Mitbestimmung“ artikulierten, sorgten für eine spürbare Anspannung. Obwohl in Döbeln am 7. Oktober noch „Ängste und Befürchtungen“ vor möglichen Ereignissen herrschten und die Stadt ruhig blieb, war doch jedem klar: „In Leipzig und Dresden demonstrieren die Menschen für Freiheit und Dialog“.

Der mutige 9. Oktober und das „Neue Forum“ Nur zwei Tage später, am 9. Oktober, dem Tag der entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration, zeigten die Pfarrer Tannhäuser und Landgraf in Döbeln Mut. Sie öffneten ihre Kirche für einen Fürbitten-Gottesdienst für die Demonstranten in Leipzig. Trotz massiver Versuche der Stadtverwaltung, den Gottesdienst im Rathaus zu überreden und abzusagen, hielten die Pfarrer stand: „das war aber kein Diskussionsgegenstand für uns, wir haben diesen Gottesdienst gehalten“.

Nach dem Gottesdienst ging Dr. Bechstein, inspiriert von den Erfolgen in Leipzig, „als erster auf die Straße“ und begrüßte eine Polizistin, was sie handlungsunfähig machte. Später warben Begeisterte des „Neuen Forums“ bei einem weiteren Fürbitten-Gottesdienst in Döbeln erfolgreich für ihre Sache. Auf selbstgebastelten Plakaten im A3-Format wurden die Ziele verlesen und zahlreiche Unterschriften gesammelt. Das „Neue Forum“ wurde als „die einzige nicht gebundene nicht parteilich gebundene freie Bewegung“ zum Anziehungspunkt.

Der Fall der Mauer und Döbelns erste Schritte zur Demokratie Der 9. November, der Tag des Mauerfalls, traf Döbeln in einem Moment hitziger lokaler Debatten. In der Stadtverordnetenversammlung wurde noch über den „Erhalt der gewohnten DDR-Strukturen“ oder „politische Öffnung“ diskutiert, und Neuwahlen wurden abgelehnt. Eine Bürgerin erfuhr erst beim Nachhausekommen von ihrem Mann von der unglaublichen Nachricht: „Die Mauer ist auf. Die Menschen… ströme aus Ostberlin alle in den Westteil der Stadt die haben die Mauer geöffnet“. Fünf Minuten saß sie fassungslos da: „Das kann nicht wahr sein, das gibt es nicht“. Es war ein „umwerfendes“, „wie ein Wunder“ empfundenes Ereignis, das „Glück, Glücksgefühl, Sprachlosigkeit, Bewunderung“ hervorrief. Auch wenn viele die Nachricht erst am nächsten Morgen aus dem Radio erhielten, war der Wunsch nach Veränderung nun unüberhörbar.

Ein von Dr. Bechstein verfasster Brief an die SED Kreisleitung, in der Kirche verlesen, mündete in der ersten kleinen Demonstration in Döbeln, als die Menschen gemeinsam zum Rathaus zogen. Doch die Angst war noch groß; viele Döbelner fuhren weiterhin nach Leipzig, um dort zu demonstrieren, aus Furcht, in ihrer Heimatstadt erkannt zu werden.

Der Sturm auf die Stasi und neue Forderungen Der Mut der Döbelner wuchs jedoch. Es folgten Montagsdemos, und ein Bürgerkomitee wurde gegründet. Die Demonstrationsrouten führten durch die Innenstadt, mit Hauptforderungen nach „Ausreise, […] Reisefreiheit, […] Freiheit der Medien, […] Versammlungsfreiheit, Redefreiheit“ – Ideale, die an die Französische Revolution erinnerten, doch noch immer innerhalb der DDR gefordert wurden.

Am 5. Dezember handelte das Bürgerkomitee entschlossen. Gerüchte von „qualmenden Schornsteinen“ in der Stasi-Zentrale in der Reichensteinstraße, die auf die Verbrennung von Akten hindeuteten, alarmierten die Aktivisten. Mit Hilfe von Staatsanwalt Stefaniak aus Altenburg stürmten sie die Stasi-Zentrale, schickten Mitarbeiter nach Hause und versiegelten die Räume. Die Entdeckung einer Waffenkammer im Gebäude verdeutlichte das explosive Potenzial der Situation. Um die Öffentlichkeit zu mobilisieren, führte eine Demonstration am 11. Dezember direkt zur Stasi-Zentrale, eine „emotionale“ Aktion, bei der die Gefahr einer Eskalation, etwa durch das Stürmen der Waffenkammer, allgegenwärtig war. Das Bürgerkomitee löste das Kreisamt für nationale Sicherheit in den folgenden Wochen vollständig auf.

Wahlen, Parteien und eine „Revolution ohne Gewalt“ Anfang 1990 setzten sich die Demonstrationen fort, nun mit den Kernthemen „Einheit Deutschlands und freie Wahlen“. Bei einer Demo vor dem Rathaus forderten die Döbelner Rechenschaft von ihren alten Ratsmitgliedern und erlebten eine überraschende Reaktion: Statt Ablehnung gab es „Bravo“-Rufe und Applaus.

Die politische Landschaft begann sich zu formen. Andreas Porstmann gründete mit weiteren Döbelnern einen SDP-Kreisverband, der 1990 in die SPD einging und er selbst später für den Stadtrat kandidierte. Auch wenn das „Neue Forum“ einen enormen Zulauf hatte, zeigten sich bald die Herausforderungen der Demokratie: „was unsere Leute überhaupt nicht konnten war Demokratie. Denn Demokratie heißt ja auch Achtung der Meinung des anderen“. Dr. Zetzsche wurde als Mitglied des Neuen Forums in den Stadtrat gewählt, während Dr. Bechstein das Forum verließ und für die CDU Mitglied der letzten Volkskammer der DDR wurde. Um dem „Schwindeln“ der SED entgegenzuwirken, entstand am 18. Januar 1990 die Initiative zur Gründung einer eigenen Zeitung, die logistische und finanzielle Unterstützung erhielt.

Die Zeit der Wende war für Döbeln und seine Bewohner „unwahrscheinlich intensiv“. Es war das Gefühl, dass sich „endlich das was wir die ganze Zeit wollten ist passiert es bewegt sich etwas außerhalb von uns es bewegt sich etwas in uns“. Zeitzeugen beschreiben es als ein „Weltgeschichtliches Ereignis“, eine „Revolution ohne Gewalt“ – vergleichbar, wenn auch in bescheidenerer Form, mit Gandhis Befreiung Indiens.

Die Erkenntnis, dass „der weg unter Resignation in die Hoffnung führen kann“, prägte viele. Die Veränderungen im Land und in den Städten wie Döbeln sind bis heute spürbar und „zu unseren Gunsten“. Die Erzählungen aus Döbeln sind ein berührendes Zeugnis des Mutes und der Entschlossenheit der Menschen, die den Wandel in Deutschland friedlich mitgestaltet haben.

NVA-Aufklärung im Kalten Krieg: Das Leben von Karl-Heinz Kries

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Berlin/Dresden/Strausberg. Der Kalte Krieg, eine Ära der ideologischen Konfrontation und militärischen Wachsamkeit, prägte auch das Leben von Karl-Heinz Kries, einem Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA), der tief in die militärische Aufklärung der DDR eingebunden war. Seine Laufbahn bietet einen seltenen Einblick in die komplexen Mechanismen der Informationsbeschaffung und -analyse auf ostdeutscher Seite.

Vom jungen Offizier zur Militärakademie
Karl-Heinz Kries schlug eine Offizierslaufbahn ein, nachdem ihm aufgrund seiner Leistungen die Möglichkeit geboten wurde, ohne den Besuch einer Offiziersschule zum Offizier ernannt zu werden. Mit 23 Jahren, am 30. November 1963, wurde er am Tag seiner Hochzeit, die feierlich in der Kaserne stattfand, zum Unterleutnant ernannt. Der nächste große Schritt war die Zulassung zur Militärakademie in Dresden. Voraussetzung hierfür war das Abitur, das Kries an einer NVA-eigenen Schule in Naumburg in Fächern wie Deutsch, Physik, Chemie, Russisch und Mathematik nachholte.

Der Studienalltag an der Akademie war intensiv: Täglich von 8 Uhr bis mittags fand Unterricht statt, gefolgt von einer Mittagspause und organisiertem Selbststudium bis 17 Uhr im Klassenraum. Auch abends und am Wochenende, bis samstags mittags, wurde in der Unterkunft weiterstudiert, um die zahlreichen Lernaufgaben zu bewältigen. Die Zeit für die Familie, die zu Hause in Potsdam auf Kries wartete und bereits zwei Kinder umfasste, war auf anderthalb Tage am Wochenende begrenzt. Obwohl das Studium im Vordergrund stand, gab es abends auch die Möglichkeit, Dresden zu erkunden und sich in Gaststätten zu amüsieren.

Spezialisierung auf West-Berlin und NATO-Armeen
Bereits im letzten Studienjahr an der Militärakademie wurde die zukünftige Verwendung der Offiziere organisiert. Karl-Heinz Kries, der sich während seiner Ausbildung intensiv mit den ausländischen NATO-Armeen und deren Strukturen beschäftigt hatte, wurde gefragt, ob er ins Ministerium oder zur Verwaltung Aufklärung gehen wolle. Aufgrund seiner Kenntnisse in diesem Bereich kam er im Alter von 34 oder 35 Jahren zur militärischen Aufklärung nach Strausberg bei Berlin.

Seine Hauptaufgabe in diesem Bereich war die Aufklärung der militärischen Aktivitäten in West-Berlin. Dazu gehörte die Überwachung der dort stationierten Truppen – Amerikaner, Engländer und Franzosen – deren Bewegungen, Aktivitäten und Ausbildungen. Wöchentlich erstellte Kries Berichte über diese Beobachtungen, die an das Ministerium, also den Minister, geschickt wurden.

Die Arbeitsbedingungen umfassten das tägliche Lesen und Analysieren westberliner Zeitungen wie dem „Tagesspiegel“ und der „Morgenpost“, um Hinweise auf alliierte Aktivitäten zu finden. Zusätzlich wurden Informationen von in West-Berlin tätigen Beobachtern und Informanten eingeholt. Ein konkretes Beispiel für die Arbeit war der Bau eines detaillierten Modells von West-Berlin über mehrere Quadratmeter, das zur Schulung von Kommandeuren diente. Diese sollten darauf lernen, wie sie im Falle eines Krieges ihre Truppen am besten einsetzen und die Gegebenheiten der Gegend kennenlernen könnten. Die militärische Aufklärung, der Kries angehörte, konzentrierte sich dabei ausschließlich auf militärische Aktivitäten europaweit, was einen klaren Unterschied zur Arbeit der Staatssicherheit darstellte. Die Konfrontation mit westlichen Informationen verunsicherte die Mitarbeiter nicht, sondern wurde professionell verarbeitet.

Das Aufklärungszentrum: Lagebilder im Schichtdienst
Nach Abschluss seiner Tätigkeit im Bereich West-Berlin wechselte Kries in das Aufklärungszentrum zur täglichen Lageaufklärung. Dort arbeitete er als Schichtleiter im 24-Stunden-Schichtdienst mit mehreren Mitarbeitern. Ihre Aufgabe war die Bearbeitung von Meldungen, die sowohl von „befreundeten Armeen“ als auch von eigenen Aufklärern stammten. Aus diesen Informationen erstellten sie ein tägliches Lagebild. Dafür standen große Räume mit Europakarten, BRD-Karten und Weltkarten zur Verfügung, auf denen die relevanten Aktivitäten eingezeichnet wurden.

Jeden Morgen zwischen 4 und 6 Uhr musste ein umfassender Bericht fertiggestellt sein, der alle verarbeiteten Informationen enthielt. Dazu gehörte auch eine tägliche Pressemeldung, die aus den wichtigsten Artikeln westlicher Zeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutschen Zeitung“, „Tagesspiegel“ und „Die Welt“ zusammengestellt wurde. Ergänzt wurde dies durch einen Fernsehbericht, der aus zusammengeschnittenen Filmen und begleitendem Text die Lage, militärische Übungen, Aktivitäten und Besonderheiten des Tages darstellte. Diese detaillierten Berichte wurden täglich an den Minister weitergeleitet.

Das Verständnis des Kalten Krieges
Für Kries und seine Kollegen war der Kalte Krieg ein integraler Bestandteil ihres militärischen Lebens. Sie waren der festen Überzeugung, „wir stehen auf der richtigen Seite“ und das, was sie taten, sei richtig und notwendig. Diese Haltung prägte ihr berufliches Handeln und ihre Einschätzung der politischen und militärischen Lage jener Zeit.

Ein Appell für eine echte Wiedervereinigung jenseits von Siegern und Verlierern

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Berlin/Hamburg – Die Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben, und in Deutschland nach 1990 waren die Sieger „immer die anderen“. Doch was passiert, wenn die vermeintlich Besiegten beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen? Genau diesen Versuch wagt Katrin McClean, Autorin und Kursleiterin für kreatives Schreiben, mit ihrem Buch „Aufgewachsen in Ost und West – 64 Geschichten für eine wirkliche Wiedervereinigung“. Das Buch versammelt die persönlichen Erzählungen von 40 Autoren – je 20 aus Ost und West – und bietet eine einzigartige Perspektive auf die Wendezeit und das Leben in den beiden ehemaligen deutschen Staaten.

Die Wende als Ende der Identität
Für Katrin McClean selbst, die in der DDR aufwuchs, war das Ende der DDR „nicht als Befreiung erlebt, sondern als das Ende meiner Identität“. Sie engagierte sich in den letzten Jahren der DDR in der sogenannten Oppositionsbewegung, kämpfte für mehr Offenheit und demokratischere Verhältnisse, zweifelte jedoch nicht am Staat oder am Sozialismus als solchem, sondern an den „zu alten“ Funktionären. Als die Mauer fiel, war ihr sofort klar, dass all ihre Reformideen und Kämpfe bedeutungslos werden würden. Sie beschreibt die Geschehnisse als „wirtschaftliche Eroberung dieses Marktes“, die durch die Rufe der DDR-Bürger nach „Helmut Kohl und Bananen“ mit ermöglicht wurde.

McClean kritisiert das gängige Narrativ, das die DDR als eine homogene „Stasi-Diktatur“ darstellt. Sie erinnert an ein grundlegend anderes Sozialisationsprinzip: In der DDR wurde vermittelt, dass „jeder wichtig für die Gesellschaft“ sei und seinen Beitrag leiste, was ein starkes Gemeinschaftsgefühl hervorbrachte. Dieses Gefühl wurde durch gemeinsame Arbeit und Freizeitaktivitäten gelebt. Die spätere Zerschlagung von Betrieben durch die Treuhand empfand sie nicht nur als Schließung von Produktionsstätten, sondern als Zerstörung eines „gesamten Netzwerks“ mit allen daran gekoppelten sozialen Einrichtungen wie Polikliniken und Kindergärten. Proteste dagegen, die den Gemeinschaftsgeist zeigten, fänden heute kaum Beachtung.

Bildung, Offenheit und das Erbe des Nationalsozialismus
Ein zentraler Punkt von McCleans Ausführungen ist die radikal andere Sozialisation in Ost und West. Das Bildungssystem der DDR wurde nach 1945 entwickelt, um den Faschismus und kapitalistische Ideologien zu überwinden. Es legte Wert auf „Gemeinschaftserziehung“, „Friedenserziehung“ und persönliche Verantwortung für die Gesellschaft. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus war in der Schule „Hauptthema“ und sehr „umfangreich“, im Gegensatz zur BRD, wo es eher ein privates Tabu war. McClean betont, dass es in der DDR ein juristisches Gewaltverbot in Schulen gab, was in der BRD nicht existierte. Klassenlehrer besuchten die Familien zweimal im Jahr, um die häusliche Situation der Schüler zu verstehen und zu unterstützen.

Auch das Klischee der mangelnden Offenheit in der DDR stellt McClean infrage. Sie erinnert sich an die DDR als einen „riesigen Debattierklub“, in dem ständig über alles geredet wurde, von Pionierversammlungen bis zu Betriebsversammlungen. Wer seine Meinung nicht äußerte, dem war es selbst überlassen. Sie selbst wurde für ihre Gedanken nicht verfolgt.

Der deutsche Literaturbetrieb und die Suche nach Authentizität
Das Buch „Aufgewachsen in Ost und West“ ist auch ein Plädoyer für eine „Basiskultur“ und die Anerkennung individueller Geschichten. Katrin McClean, die seit 1996 Romane, Kurzgeschichten und Hörspiele schreibt und Kurse für kreatives Schreiben anbietet, ist überzeugt, dass jeder Mensch eine „Schreibstimme“ hat, die dem Herzen näher ist als dem Verstand. Die dort entstehenden „Geschichten von unten“ seien oft reicher und berührender als die „offizielle Literatur“.

Die Suche nach einem Verlag für „Aufgewachsen in Ost und West“ war schwierig; es wurde letztlich über einen Self-Publishing-Dienst veröffentlicht und vom Rubikon-Verlag vertrieben. McClean kritisiert den deutschen Literaturbetrieb als „eng ideologischen Korridor“, der zwar kritische Texte über ausländische Diktaturen oder das Leiden unter Erdogan akzeptiert, aber „Nestbeschmutzer“ und kritische Auseinandersetzungen mit der eigenen deutschen Geschichte, insbesondere von ostdeutschen Autoren, kaum zulässt.

Parallelen zur Corona-Pandemie
Katrin McClean zieht bemerkenswerte Parallelen zwischen der Wendezeit und der aktuellen Corona-Pandemie. Sie sieht zwei Phasen, ähnlich wie in der Wende, und eine „Zahlenmystik“ und „Zahlentrickseri“, die damals zum „Bankrott“ der DDR beigeredet wurde, um die D-Mark-Einführung zu rechtfertigen. Heute führe dies zu einer „massiven Umwandlung der Gesellschaft“ und einer Transformation in eine „digitale Selbstverständlichkeit“, die sie als „digitale Treuhand“ des Großkapitals bezeichnet. Sie vermisst das „Aufbegehren“ bei vielen Westdeutschen, die in der Vergangenheit kritisiert hatten, dass Ostdeutsche nicht genug Widerstand geleistet hätten.

Gemeinsam Brücken bauen
Trotz der tiefgreifenden Unterschiede in der Sozialisation und den teils verletzenden Erfahrungen plädiert McClean für eine „echte Wiedervereinigung“, die Vergangenheit ruhen lässt, verzeiht und akzeptiert, anstatt neue Gräben zu ziehen. Das Buch selbst ist ein Versuch, dies zu ermöglichen, indem es individuelle Geschichten über Erlebtes bietet, ohne zu argumentieren oder zu beweisen. Westdeutsche Autoren schrieben darin häufig über ihre Kindheit, während Ostdeutsche ihre Wende-Erfahrungen schilderten.

Katrin McClean ist überzeugt, dass der „Widerstandsgeist“ des DDR-Bürgers, der Manipulationen im Westen erkennt, zusammen mit der Kenntnis der Rechtsstrukturen im Westen zu einer gegenseitigen Ergänzung führen kann. Sie sieht in den aktuellen Demonstrationen und der wachsenden Skepsis gegenüber den Mainstream-Medien im Internet die Chance, dass immer mehr Menschen „langsam durchschaut haben“ und sich selbst informieren.

Das Buch „Aufgewachsen in Ost und West“ ist somit mehr als eine Sammlung von Erzählungen; es ist ein Aufruf zur Selbstreflexion und zum Dialog, um über die Kluft zwischen Ost und West hinweg ein tieferes Verständnis füreinander zu entwickeln und „unsere eigene Geschichte zurückzuerobern“.