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Bitterfeld-Wolfen: Vom Umweltproblem zum Wirtschaftsstandort

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Die Region Bitterfeld-Wolfen: Ein Schauplatz des Wandels. Einst ein Symbol für Umweltverschmutzung durch jahrzehntelangen Braunkohleabbau und intensive Chemieproduktion, steht sie heute als Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel. Im Mitteldeutschen Chemiedreieck hat sich Bitterfeld-Wolfen zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort entwickelt, geprägt von internationalen Konzernen wie Bayer, Linde und Evonik.

Doch die Altlasten der Vergangenheit sind noch immer präsent. Über 100 Millionen Kubikmeter Grundwasser sind durch historische Schadstoffe schwer kontaminiert – eine Bedrohung für angrenzende Naturräume, Siedlungen und die Mulde. Um diese Gefahren nachhaltig zu minimieren, wird eines der größten ökologischen Projekte Deutschlands umgesetzt: das Ökologische Großprojekt Bitterfeld-Wolfen (ÖGP).

Finanziert mit rund 12 bis 15 Millionen Euro jährlich aus dem Sondervermögen „Altlastensanierung“ des Landes Sachsen-Anhalt, zielt das Projekt darauf ab, den ökologischen und wirtschaftlichen Schaden zu beheben. Abstromsicherungen und Grundwasserreinigungsanlagen verhindern die Ausbreitung belasteter Wassermassen. Jährlich werden etwa 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser gesäubert, wobei über 100 Tonnen Schadstoffe entfernt werden. Seit Beginn des Projekts konnte die Schadstoffmenge im Grundwasser bereits um 2.000 Tonnen reduziert werden.

Der Erfolg zeigt sich nicht nur in der Verbesserung der Umwelt. Die Lebensqualität der Menschen in der Region steigt, und der Standort profitiert wirtschaftlich: Über 360 neue Unternehmen und mehr als 12.000 Arbeitsplätze im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen belegen die zukunftsweisende Entwicklung.

Das ÖGP Bitterfeld-Wolfen ist ein Vorbild dafür, wie eine Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und Lebensqualität erreicht werden kann – ein Musterbeispiel für den Wandel einer ganzen Region.

Reportage aus den 90er-Jahren: Ostkreuz – Ein Berliner Quartier im steten Wandel

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Knapp hundert Jahre nach seiner Umbenennung hat sich der Bahnhof Ostkreuz längst zum größten Verkehrsknoten Berlins entwickelt: An einem durchschnittlichen Werktag steigen hier mehr als 100.000 Fahrgäste um, 1.517 Züge halten an seinen vier Bahnsteigen und verknüpfen acht von zehn S‑Bahn-Linien vom Stadtrand bis ins Zentrum. Doch Ostkreuz ist weit mehr als eine verkehrstechnische Schaltstelle – es ist das Herzstück eines Quartiers, das seine Industrie­vergangenheit, soziale Brüche und Aufbruchs­stimmung in jedem Pflasterstein trägt.

Vom Strahler-Rummelsburg zur S‑Bahn-Drehscheibe
Alles beginnt 1842 mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke nach Frankfurt (Oder), die das spätere Ostkreuz durch die Königliche Ostbahn mit der Garnisonsstadt Küstrin verband. Bereits 1871 folgte die Anbindung an die Ringbahn. Die kleine Station „Strahler-Rummelsburg“ wuchs bis 1903 auf sechs Bahnsteige an – ein Labyrinth, das bis zur Jahrtausendwende viele Reisende noch orientierungslos ließ. Seit 1933 firmiert der Bahnhof als „Ostkreuz“; ein Ausbau auf nur vier Plattformen ab 1970 dämpfte jedoch nicht seine Bedeutung: Heute ist Ostkreuz das pulsierende Drehkreuz der östlichen Bezirke und eine wichtige Brücke zwischen Innenstadt und Peripherie.

Zwingen, Ziegel, Zement: Industriegeschichte und Arbeiterwohnen
Rund um das Ostkreuz zeugen unübersehbare Relikte von vergangener Schwerindustrie: Auf dem Gelände der ehemaligen Knorrbremse-Fabrik entstanden ab 1890 nach Plänen von U‑Bahn-Architekt Alfred Grenander repräsentative Produktions‑ und Verwaltungsbauten. Hier wurden die Druckluftbremsen gefertigt, die Georg Knorr revolutionär entwickelt hatte. Nach 1945 als Volkseigentum weitergeführt, gehörten Qualitäts­mängel bei Bremszylindern zu den ungelösten Problemen der DDR-Industrie. Heute beherbergen die sanierten Hallen einen modernen Bürokomplex für rund 5.000 Mitarbeiter, während die Produktion längst ins entstehende Gewerbegebiet Marzahn verlagert wurde.

Parallel dazu wuchs ab 1872 die Viktoriastadt – benannt nach der britischen Königin – als Arbeiterwohnsiedlung: Portweinrote Schlacken­beton‑Häuser sollten schnell und kostengünstig entstehen, erwiesen sich aber durch feuchtes Mikroklima und enge Grundrisse als unpraktisch und weitgehend unbeliebt. Noch heute enden viele Straßen wie Zubringer am Bahndamm, ein Sinnbild für die einstige Ausgrenzung der weniger Begüterten. In direkter Nachbarschaft entstand das Arbeitshaus am Rummelsburger See, das Waisen und „soziale Problemfälle“ aufzunehmen hatte und bis zu seiner Schließung 1992 Teil einer der größten Gefängnis­anlagen Berlins war.

Kirche, Jugendarbeit und soziale Schieflagen
Den sozialen Brennpunkt lenkten im Kaiserreich Einrichtungen der Diakonie: Ab 1890 errichtete man unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Victoria die neugotische Rummelsburger Erlöserkirche samt dazugehörigem Gemeinde‑ und Krankenhaus­komplex. Bis heute ist das Diakonische Jugendwerk aktiv und betreut gefährdete Jugendliche im Kiez. Denn die Abwanderung industrieller Arbeitsplätze nach der Wende ließ Einkommen im Viertel weit unter den Berliner Durchschnitt sinken. Gezielte Sanierungs‑ und Mietpreis­bindungs­programme sollen bezahlbaren Wohnraum sichern, doch Handel und Kultur­räume bleiben rar.

Zwischen Schrotkugelturm und Puppentheater: Kulturelle Inseln
Denkmalgeschützte Bauten bewahren den industriellen Charme: Der Schrotkugelturm, in dem einst flüssiges Blei zu Jagdmunition geformt wurde, ragt noch heute am Rande des Viertels empor. Die Marktstraße erinnert an den historischen Gänsemarkt, und der einstige „Gänsebahnhof“ war lange ein alternativer Name für Ostkreuz. In den letzten Jahren entstehen kleine kulturelle Leuchttürme: Zwei Puppenspieler eröffneten das Puppentheater Ostkreuz – für sie war die Nähe zum Bahnhof und erschwingliche Mieten entscheidend. Eine restaurierte Kutschenremise aus dem Jahr 1893 an der Boxhagener Straße beherbergt heute eine Antiquitätengalerie.

Vom Rostkreuz zur grünen Bucht
Während entlang der Boxhagener Straße Sanierungs­anstrengungen gerade erst sichtbar werden, erlebt die Rummelsburger Bucht eine Verwandlung: Wo einst Industrieabwässer den See belasteten, lassen neu angelegte Uferpromenaden und Wasserlagen-Gärten grünes Leben zu. Alte Glasmanufaktur‑Gebäude und Fabrikschornsteine bleiben als Denkmäler erhalten und verleihen dem Quartier seine markante Skyline.

Kiezkultur zwischen Kneipenmeile und Genossenschaftswohnen
Simon-Dach-Straße und Boxhagener Platz sind Magneten für Nachtschwärmer und Wochenmarkt-Besucher. Das Studio Otto Nagel dient als Begegnungsort für Hobbykünstler, und kleine Kneipen locken ein bunt gemischtes Publikum. Im Helenenhof, einer 1906 entstandenen Wohnanlage für kinderreiche Beamtenfamilien, sichert ein Wohnungsverein günstige Mieten – heute an Genossen­schaftsmitglieder vergeben, unabhängig vom früheren Beamten­status.

Ostkreuz bleibt ein Ort der Kontraste: Industrie trifft auf Kultur, Sanierungs­gebiete auf Kleingewerbe, sozialer Förderbedarf auf kreative Aufbruchsstimmung. Zwischen historischen Relikten und modernen Visionen schlägt das Herz des Viertels weiter – unübersehbar und unerschöpflich im Wandel.

Karl-Marx-Stadt 1983: Eine sozialistische Großstadt im Fokus des Amateurfilms

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Der 16-mm-Farbfilm, der 1983 durch die Bezirksarbeitsgemeinschaft Amateurfilm Karl-Marx-Stadt entstand, ist ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Zeit. Er zeigt die sozialistische Großstadt Karl-Marx-Stadt – das heutige Chemnitz – aus der Perspektive von Hobbyfilmern, die mit beeindruckender Hingabe ihre Umgebung dokumentierten. Der Film, der ein faszinierendes Porträt des Alltags in der DDR vermittelt, richtet seinen Blick sowohl auf die architektonischen und industriellen Facetten der Stadt als auch auf die landschaftlichen Schönheiten des Erzgebirges.

Stadtansichten: Ein Bild des sozialistischen Aufbruchs
Die Stadtaufnahmen vermitteln ein Gefühl der Monumentalität und des Fortschritts, wie er im sozialistischen Städtebau angestrebt wurde. Im Mittelpunkt stehen vor allem die markanten Bauten der Innenstadt, darunter der Karl-Marx-Kopf, das Wahrzeichen der Stadt, das auf den damaligen Stolz auf das sozialistische Erbe verweist. Auch die ausgedehnten Plattenbausiedlungen, die den Charakter der Stadt maßgeblich prägen, werden in ihrer ganzen Dimension gezeigt. Sie spiegeln nicht nur die Wohnraumplanung der DDR wider, sondern auch die Vision einer Gesellschaft, in der jeder Zugang zu modernem Wohnraum haben sollte.

Neben der Architektur wird die Lebendigkeit der Stadt eingefangen. Szenen von Marktplätzen, Fußgängerzonen und Parks zeigen das Alltagsleben der Menschen: Familien, die spazieren gehen, Kinder, die auf Spielplätzen toben, oder Arbeiter, die auf dem Weg zur Schicht sind. Es entsteht ein Bild von Gemeinschaft, aber auch von einem geregelten Alltag, in dem jeder seinen Platz hat.

Die Industrie: Herz der Stadt und Symbol der DDR
Besonderen Raum nimmt die Darstellung der Karl-Marx-Städter Industrie ein, die 1983 noch immer das Rückgrat der regionalen Wirtschaft war. Der Film zeigt die Produktionsanlagen großer Betriebe wie des Werkzeugmaschinenkombinats „Fritz Heckert“, das als Vorzeigeunternehmen galt. In faszinierenden Aufnahmen werden die Arbeitsabläufe in den Fabriken dargestellt: Männer und Frauen an den Maschinen, Schweißfunken, die durch die Luft fliegen, und Förderbänder, die in Bewegung sind.

Diese Szenen verdeutlichen nicht nur die Bedeutung der Schwerindustrie für die DDR-Wirtschaft, sondern auch den Stolz, den viele Arbeiter auf ihre Tätigkeit empfanden. Der Film lässt dabei nicht außer Acht, wie stark das Leben der Menschen mit der Industrie verwoben war. Ob in Gesprächen mit Arbeitern oder in Aufnahmen von Wohngebieten, die direkt neben Fabriken liegen – die Nähe zwischen Arbeit und Alltag wird spürbar.

Das Erzgebirge: Natur und Tradition im Wechselspiel
Neben der urbanen Perspektive widmet sich der Film auch der Natur und den Traditionen des Erzgebirges. Sanfte Hügel, dichte Wälder und pittoreske Dörfer bilden einen Kontrast zu den industriellen Szenen. Dabei wird deutlich, wie sehr die Region von ihrer kulturellen Identität geprägt ist.

Die Kamera verweilt auf Details: geschnitzte Schwibbögen, Räuchermännchen und kunstvolle Pyramiden in den Werkstätten der Handwerker. Diese Traditionen, die tief in der Geschichte des Erzgebirges verwurzelt sind, wurden auch in der DDR gepflegt und als Teil der nationalen Identität gefördert.

Die Bergbautradition der Region wird ebenfalls thematisiert. Szenen aus einem Schaubergwerk erinnern an die historische Bedeutung des Erzbergbaus, der die Region über Jahrhunderte geprägt hat. Gleichzeitig wird gezeigt, wie das Erzgebirge als Erholungsgebiet für die Karl-Marx-Städter dient: Wanderer auf den Höhenwegen, Skifahrer im Winter und Urlauber in den Ferienheimen.

Eine Zeitkapsel des sozialistischen Alltags
Der 16-mm-Farbfilm ist mehr als nur eine visuelle Dokumentation; er ist eine Zeitkapsel, die uns in die Atmosphäre des Jahres 1983 zurückversetzt. Die sorgfältig komponierten Bilder vermitteln ein Gefühl von Stolz und Zuversicht, wie es für die Propaganda der DDR typisch war, lassen aber auch Raum für die stille Beobachtung von Alltagsszenen.

Für die Bezirksarbeitsgemeinschaft Amateurfilm war die Produktion dieses Films eine Möglichkeit, ihre Stadt und ihre Region aus einem persönlichen Blickwinkel zu zeigen – abseits der professionellen, oft standardisierten Dokumentarfilme, die in den DEFA-Studios entstanden. Die Kameraführung, teils experimentell, teils von klassischer Schönheit geprägt, spiegelt die individuelle Handschrift der Filmemacher wider.

Heute bietet der Film wertvolle Einblicke in eine Ära, die mit dem Ende der DDR 1990 zu einem abgeschlossenen Kapitel wurde. Die gezeigten Stadtansichten und Szenen aus dem Leben der Menschen dokumentieren nicht nur den Alltag, sondern auch die Visionen, die hinter dem sozialistischen Städtebau und der Industriepolitik standen. Zugleich erinnert er an die Traditionen und die Schönheit des Erzgebirges, die bis heute Bestand haben.

In seiner Gesamtheit ist der Film ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Amateurfilmer dazu beitrugen, die Geschichte ihrer Zeit festzuhalten – mit einer Leidenschaft, die in jeder Aufnahme spürbar ist.

Wo sowjetische Klänge auf DDR‑Schulbänke trafen: Der Musikunterricht der POS

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Ein ungewöhnliches Stück Schulgeschichte wird wiederentdeckt: Ein Mitschnitt aus dem Musikunterricht einer siebten Klasse an einer Polytechnischen Oberschule (POS) der DDR. Das Unterrichtsthema? Aram Khachaturyans Ballett Gayane, genauer: der berühmte Säbeltanz.

Bereits beim Einstieg in den Klassenraum drangen die kraftvollen Paukenschläge und wuchtigen Triolen des Komponisten aus dem Kaukasus durch die Lautsprecher. Die Lehrkraft erläuterte, wie Khachaturyan die „wilde Kraft von Pferdeherden“ und das „purpurne Licht der Abendsonne über den kaukasischen Steppen“ in seine Musik zu übertragen wusste. Zugleich verband die Pädagogin diesen Kunstgriff mit dem politischen Auftrag: Musik sollte nicht nur ästhetische Form üben, sondern soziale Tugenden stärken.

Im Zentrum der Stunde standen Tanztechnik und Ausdruck: Die Schüler übten Haltung („langer Hals, Schultern runter“) und Dynamik („Accelerando spürbar machen“) und lernten, dass im Pas de Deux die Liebe zweier Menschen tänzerisch symbolisiert wird. Besonders intensiv widmete sich die Klasse der Lesginka – einem russischen Kriegstanz, der mit Nachstellschritten und kriegerischer Gestik das Gemeinschaftsgefühl stärken sollte. „Hier muss ich das Ängstliche spüren, wenn jemand die Schulter hochzieht“, kommentierte die Lehrerin und demonstrierte die korrekte Spannung.

Doch hinter den technischen Übungen verbarg sich mehr: Khachaturyans Ballett erzählt die Geschichte einer armenischen Baumwollpflückerin, die sich von ihrem egoistischen Ehemann befreit und im Kampf um Wahrheit und Gemeinwohl entsagt. In der DDR‑Didaktik war diese Parabel auf emanzipatorische Selbstfindung und solidarische Verantwortung hochwillkommen. Die Lehrkraft stellte heraus, wie die „realen Menschen unserer Zeit“ auf der Bühne statt mythischer Gestalten den sozialistischen Realismus verkörperten.

Teilnehmende Schüler erinnern sich noch Jahrzehnte später an das dröhnende Ostinato der kleinen Trommel und das trommelnde Tempo, das sie zu einem „Tanz mit Atem und Gesicht“ animierte. Ehemalige Tänzerinnen berichten von einem Gemeinschaftsgefühl, das weit über die Turnhalle hinaus Wirkung entfaltete – ein typischer Lehransatz der POS, in der Sport, Musik und Tanz gleichberechtigte Bausteine einer „sozialistischen Persönlichkeitsbildung“ bildeten.

Die Wiederentdeckung dieses Unterrichtsmitschnitts wirft ein Schlaglicht auf ein Stück Schulalltag, das heute verblüffend modern anmutet: intensive Körperarbeit, interkulturelle Musikpraxis und ein narratives Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Kollektivismus. Es bleibt spannend, welche Impulse von damals in der zeitgenössischen Musikpädagogik wiederaufleben könnten.

Zwischen Paradies und Preisschock – Prenzlauer Berg auf der Suche nach Identität

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Berlin-Prenzlauer Berg. Ein Blick aus dem Fenster auf die schmucken Altbauten gibt kaum einen Hinweis darauf, dass hier einst Kohleöfen glühten und die Toiletten noch draußen standen. Prenzlauer Berg, das ehemalige Arbeiterquartier und spätere Rückzugsort für Künstler und Oppositionelle, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Geheimtipp zum Synonym für Gentrifizierung gewandelt.

Vom Montmartre Ostberlins zum Hotspot der Mitte
In den 1970er- und 1980er-Jahren zogen Studierende, Maler und Regimekritiker in die günstigen, aber oft maroden Altbauwohnungen. Die „Prenzelberger“, wie man die Alteingesessenen heute nennt, flüchteten in neuere Plattenbausiedlungen am Stadtrand. Ihre verlassene Substanz erwies sich als fruchtbarer Boden für ein kreatives Milieu: Hinterhöfe verwandelten sich in Proberäume, Ateliers und Kneipen, in denen die Opposition heimlich tagen konnte. Die Hochbahntrasse von 1913, von den Berlinern liebevoll „Magistratsschirm“ genannt, wurde zur Lebensader dieses Viertels.

Mit der Wiedervereinigung begann der Run aufs Prenzlauer Berg. Die Nähe zum Alexanderplatz – nur zwei U‑Bahnhaltestellen entfernt – und die intakte Gründerzeitarchitektur entfachten die Fantasie von Investoren. Jahr für Jahr stiegen die Quadratmeterpreise. Wo einst Schrauber und Sozialkritiker wohnten, residieren heute wohlhabende Familien und Singles mit gut dotierten Bürojobs.

Sanierung trifft Verdrängung
Moderne Dachausbauten und luxuriöse Lofts im Hinterhaus haben aus manchem Altbau den Charme einer Grünen Wiese hinter Glasfassaden gemacht. Mieterhöhungen von 30 oder 50 Prozent sind längst keine Seltenheit mehr. Wer sich den neuen Standard nicht leisten kann, zieht jenseits der Ringbahn weiter – oft in zuvor ungeliebte Bezirke wie Marzahn oder Hellersdorf. Punkmusiker Aljoscha Rompe, einst ein Symbol der DDR-Subkultur, fand sein Zuhause plötzlich zum Luxusobjekt erklärt: „Der Eigentümer drohte mit Abriss, weil ich mich weigerte, ohne Entschädigung zu gehen“, berichtet Rompe. Sein Fall zeigt, wie eng hier sozialer Zusammenhalt und Renditedruck beieinanderliegen.

Doch Verdrängung ist nicht das ganze Bild. In Hinterhöfen wie dem Hirschhof, einst hart umkämpft gegen staatliche Abrisspläne, trifft man noch auf dieselben Gesichter von Initiatoren, die nach der Wende zurückgekehrt sind. Werkstätten, die sich auf DDR-Motorradoldtimer spezialisiert haben, und die Schlosserei in der Oderberger Straße mit Fred Mullens Fundgrube für AWO, MZ und Simson bilden einen Kontrast zu hochmodernen Start‑up-Büros.

Kollwitzplatz: Bühne der Vielfalt
Auf dem gepflasterten Platz vor dem Bronzeabguss von Käthe Kollwitz trifft man Politiker, Markthändler und Trendsetter gleichermaßen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Anwohner seit 1972, schätzt hier „die urbane Qualität und die soziale Mischung“. Straßenmusiker stimmen bis 22 Uhr an, Marktstände verkaufen Biogemüse und Kunsthandwerk, und in den umliegenden Cafés herrscht internationales Flair. Zugleich mahnt eine Vereinbarung zur Einhaltung von Ruhezeiten, die Balance zwischen Lebensfreude und Nachbarschaftsruhe zu wahren.

Industriekultur und Zukunftsvisionen
Ehemalige Industrieanlagen wie der historische Wasserturm von 1875 haben sich in „Reservoire der Künste“ verwandelt. Die Multimediaagentur „Im Stall“ nutzt rustikale Hinterhofräume, um zeitgenössische Technik in historischen Mauern zu inszenieren. Die Estradenhaus-Siedlung nahe der Schönhauser Allee experimentiert mit variablen Raumkonzepten und findet nur in Prenzlauer Berg eine Audience, die sich darauf einlässt.

Dennoch fehlt manch jungem Ballettschüler der Kontakt zu Grünflächen – die Karl-Legien-Siedlung von Bruno Taut aus dem Jahr 1930 und der Prater Garten als Relikte früherer Freiräume können das nicht ganz kompensieren. Der künftige Masterplan für den Bezirk sieht daher ausgewogene Nachverdichtung vor, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und zugleich neue Impulse für die lokale Wirtschaft zu setzen.

Ein Kiez zwischen Kontinuität und Umbruch
Prenzlauer Berg bleibt ein Stadtteil voller Widersprüche: Die Dächer schweben über prächtigen Fassaden, während in den Hinterhöfen handwerkliche Traditionen weiterleben. Der Mythos vom rebellischen Freiraum droht unter dem Druck des Marktes zu verblassen – und doch finden sich immer wieder Ecken, in denen der ursprüngliche Geist spürbar bleibt. Ob es gelingt, diesen lebendigen Kiez trotz hoher Mieten sozial durchmischt zu halten, wird nicht zuletzt von politischer Weitsicht und lokalem Engagement abhängen. Bis dahin bietet Prenzlauer Berg einen spannenden Mikrokosmos für den städtischen Wandel – ein Porträt Berlins in Echtzeit.

Palast der Gespenster – Der letzte Jahrestag der DDR

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Der 7. Oktober 1989 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der DDR. An diesem Tag, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, sollte nach den Plänen von Erich Honecker und seinem Politbüro eine triumphale Feier stattfinden. Gäste aus aller Welt, einschließlich Michail Gorbatschow, dem großen Reformer der UdSSR, reisten nach Ost-Berlin, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

In Ost-Berlin entfaltete sich eine beeindruckende Machtdemonstration: Zehntausende Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) inszenierten einen Fackelzug, und eine Militärparade sollte die Stärke des Landes zur Schau stellen. Doch hinter dieser glanzvollen Fassade stand die DDR am Rande des Zusammenbruchs. Die Bevölkerung verlangte nach Veränderungen und Freiheit.

In Plauen kam es an diesem Tag zu einer großen Massendemonstration gegen das Regime. In Ost-Berlin eskalierte die Situation weiter. Während die sozialistische Elite im Palast der Republik ein prunkvolles Bankett abhielt, demonstrierten die Menschen auf den Straßen und forderten Reformen. Nachdem Gorbatschow, der als Hoffnungsträger für viele galt, abgereist war, schlug der Staat brutal zu: Tausende friedlich demonstrierende Bürger wurden verhaftet. Doch trotz der Repressionen war die Revolution nicht mehr aufzuhalten.

Der Film „Palast der Gespenster“ erzählt diese Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven. Ehemalige Genossen, Mitarbeiter der Staatssicherheit, Polizisten, Journalisten, BürgerrechtlerInnen und einfache BürgerInnen schildern ihre Erlebnisse und persönlichen Geschichten. Diese Dokumentation ist eine Koproduktion von BROADVIEW TV und dem MDR, in Zusammenarbeit mit arte und unter Beteiligung der MDM sowie der Film- und Medienstiftung NRW. „Palast der Gespenster“ vervollständigt den Zyklus von Filmen über die Wendezeit in der DDR, zu dem auch „Wunder von Leipzig“ (2009) und „Zug in die Freiheit“ (2014) gehören.

Potsdam: Von der Monarchie zur DDR – Eine Geschichte der Umbrüche und Kontinuitäten

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Potsdam ist eine Stadt mit einer bewegten Geschichte, die von tiefgreifenden politischen, militärischen und sozialen Umwälzungen geprägt ist. Vom Sumpfgebiet über die prächtige Residenzstadt der preußischen Könige bis hin zur Bezirkshauptstadt in der DDR hat Potsdam immer wieder neue Rollen übernommen und sich stets neu erfunden. Dabei war die Stadt nicht nur ein Symbol für die Macht und den Glanz der preußischen Monarchie, sondern auch ein Schauplatz bedeutender historischer Wendepunkte – vom Ersten Weltkrieg über die nationalsozialistische Ära bis zur Teilung Deutschlands und dem Kalten Krieg. Die Quellen bieten einen faszinierenden Einblick in die verschiedenen Phasen der Stadtgeschichte, die sowohl von Kriegen und politischen Umbrüchen als auch von ideologischen Kämpfen und einem ständigen Streben nach Neuorientierung geprägt waren.

Potsdams Militärische Vergangenheit: Eine Stadt der Soldaten und Beamten
Potsdam war von jeher eng mit dem Militär verbunden, ein Faktum, das sich durch die gesamte Geschichte der Stadt zieht. Im Kaiserreich war jeder siebte Einwohner Potsdams im Militärdienst. Die militärische Bedeutung der Stadt wurde vor allem unter Kaiser Wilhelm II. betont, als Potsdam zur Garnisonstadt wurde. Unter der Herrschaft des Kaisers war die Stadt ein Ort großer militärischer Paraden und Zeremonien, die sowohl den Stolz des preußischen Militärs als auch die ideologische Überzeugung des Kaiserreichs widerspiegelten. Die Garnisonkirche, ein monumentales Gebäude im Zentrum der Stadt, wurde zu einem Symbol der preußischen Militärmacht. Sie war nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein politisches Symbol, das den preußischen Geist verkörperte und die Macht des Militärs in der Gesellschaft verherrlichte.

Die enge Verbindung zwischen Potsdam und dem Militär blieb auch nach dem Ende des Kaiserreichs bestehen. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung der Weimarer Republik änderte sich zwar das politische System, doch der militärische Einfluss auf die Stadt blieb ungebrochen. Potsdam war auch während der Zeit der Weimarer Republik ein wichtiger Standort für die Reichswehr und später für die Wehrmacht. Auch die Weimarer Republik konnte der Bedeutung des Militärs in Potsdam nicht vollständig entkommen, obwohl die politischen Auseinandersetzungen in der jungen Demokratie zunehmend an Schärfe gewannen.

In der DDR hatte Potsdam erneut eine wichtige militärische Funktion. Als Garnisonsstadt war sie ein strategischer Punkt im ostdeutschen Militärgefüge. Hier waren sowohl ostdeutsche als auch sowjetische Soldaten stationiert. Die militärische Präsenz prägte das Stadtbild und die Gesellschaft der Stadt, die während des Kalten Krieges in ständiger Nähe zur Grenze zum Westen und zu West-Berlin lag.

Vom Kaiserreich zur Republik: Die Zäsuren des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution
Der Erste Weltkrieg brachte tiefgreifende Veränderungen für Potsdam und seine Bewohner. Der Krieg führte zum Sturz des Kaiserreichs und zur Ausrufung der Weimarer Republik. Potsdam war dabei ein wichtiges Zentrum politischer Umwälzungen. Der Krieg und seine verheerenden Folgen für Deutschland hinterließen tiefe Spuren in der Stadt und ihrer Gesellschaft. Die pompöse Vergangenheit des Kaiserreichs wich einer Zeit der Armut und Unsicherheit. Viele Preußen, die sich mit der Monarchie identifiziert hatten, mussten sich nun mit der Realität der jungen Republik auseinandersetzen, die in den Augen vieler als schwach und instabil galt.

Die Novemberrevolution von 1918, die das Ende des Kaiserreichs markierte, hatte auch Auswirkungen auf Potsdam. Hier fanden nicht nur politische Kämpfe statt, sondern auch soziale Spannungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Die junge Republik konnte nie vollständig die monarchistische Tradition und das Erbe des preußischen Staates überwinden, und die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ war weit verbreitet. Dies zeigte sich etwa bei der Trauerfeier für die ehemalige Kaiserin Auguste Victoria im Jahr 1921, bei der viele Bürger noch in einer Art Nostalgie nach den Zeiten der Monarchie zurückblickten.

Mit der Gründung der Weimarer Republik verlor Potsdam jedoch seine zentrale politische Rolle. Die Stadt war nicht mehr der Sitz der preußischen Könige und der Militärmacht, sondern wurde zunehmend von den politischen und gesellschaftlichen Kämpfen in der jungen Republik geprägt. Die soziale Lage war schwierig, und viele Potsdamer waren von den politischen Umbrüchen enttäuscht. Die erste Zeit der Weimarer Republik war von radikalen politischen Bewegungen geprägt, die die Vergangenheit der Stadt für ihre eigenen Zwecke instrumentalisierten.

Propaganda und der Aufstieg der Nationalsozialisten
In den 1920er Jahren spielte Potsdam eine Rolle im politischen Kampf zwischen der radikalen Linken und der reaktionären Rechten. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) versuchte, die Stadtgeschichte in ihrem Sinne umzupolen und die „Diktatur des Proletariats“ nach sowjetischem Vorbild zu etablieren. Auf der anderen Seite versuchte die Deutschnationale Volkspartei unter Hugenberg, die preußische Tradition, vor allem die Figur Friedrichs des Großen, für ihre nationalistische Propaganda zu nutzen.

Doch es war der Aufstieg der Nationalsozialisten, der Potsdam endgültig in den Mittelpunkt der politischen Ereignisse stellte. Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 war ein symbolträchtiger Moment in der Geschichte der Stadt. Hitler inszenierte sich in der Garnisonkirche als Erbe preußischer Traditionen und leitete damit die Gleichschaltung Deutschlands unter der nationalsozialistischen Diktatur ein. Dieser Tag markierte den Beginn der NS-Herrschaft, die Potsdam und Deutschland bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs prägen sollte. Potsdam wurde zu einem Schauplatz nationalsozialistischer Propaganda und politischer Inszenierungen, die die Macht der Nazis unterstrichen.

Babelsberg und die Rolle der Filmstadt in der Nazizeit
Die Filmstadt Babelsberg bei Potsdam spielte eine zentrale Rolle in der Nazi-Propaganda. Joseph Goebbels, der als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda fungierte, erkannte früh das Potenzial des Films als Massenmedium zur Beeinflussung der Öffentlichkeit. Unter seiner Leitung wurde die UFA (Universum Film AG) zum wichtigsten Propagandainstrument des nationalsozialistischen Regimes. Die Filmindustrie in Babelsberg produzierte Filme, die die Ideologie der Nationalsozialisten verbreiteten und die Bevölkerung im Sinne der NS-Ideologie beeinflussten.

In Babelsberg wurden nicht nur Filme produziert, sondern auch die Filmakademie gegründet, um den Nachwuchs in der nationalsozialistischen Ideologie auszubilden. Die Filmstadt war damit ein zentrales Element der kulturellen Kontrolle im Dritten Reich.

Zerstörung und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg brachte für Potsdam große Zerstörung. Am 14. April 1945, kurz vor dem Ende des Krieges, wurde die Stadt bei einem Luftangriff der Alliierten schwer getroffen. Besonders die Altstadt von Potsdam, die für ihre barocken Gebäude und historischen Monumente bekannt war, wurde fast vollständig zerstört. Die Garnisonkirche, das Symbol der preußischen Militärmacht, erlitt schwere Schäden, und viele andere historische Gebäude wurden ebenfalls zerstört.

Nach dem Ende des Krieges stand Potsdam vor der Herausforderung, sich von den Kriegsschäden zu erholen und die Stadt wieder aufzubauen. Der Wiederaufbau war mühselig und von Entbehrungen geprägt, doch die Stadt konnte allmählich ihre alte Pracht wiedererlangen. Besonders wichtig für Potsdam war die Ansiedlung der DEFA (Deutsche Film AG) als Nachfolgeorganisation der UFA. Die DEFA sollte den „neuen deutschen Film“ schaffen, der in der Nachkriegszeit nicht nur unterhalten, sondern auch einen Beitrag zur politischen und ideologischen Neuausrichtung leisten sollte.

Potsdam in der DDR: Bezirkshauptstadt im Kalten Krieg
Mit der Gründung der DDR 1949 wurde Potsdam zur Bezirkshauptstadt im sozialistischen Staat. Die Stadt lag in der Nähe von West-Berlin, was sie zu einem strategisch wichtigen Punkt im Kalten Krieg machte. Der Bau der Berliner Mauer 1961 trennte Potsdam von West-Berlin und isolierte die Stadt weiter vom Westen. Potsdam musste sich mit dem kommunistischen Regime arrangieren, und die SED versuchte, die preußische Geschichte und das Erbe der Monarchie zu unterdrücken.

Das Stadtschloss, einst das Zentrum der preußischen Monarchie, wurde 1961 abgerissen, um Platz für den sozialistischen Aufbau zu schaffen. In der DDR sollte die Stadt eine neue sozialistische Identität entwickeln, die mit der alten preußischen Tradition bricht. Trotz dieser Bemühungen blieb jedoch ein starkes Interesse an der Geschichte der Stadt bestehen, insbesondere an den prunkvollen Schlössern und Gärten von Potsdam, die weiterhin ein Magnet für Touristen waren.

Kontinuität und Wandel: Die Geschichte von Potsdam
Die Geschichte von Potsdam ist die Geschichte einer Stadt, die immer wieder Schauplatz großer politischer Umwälzungen war. Vom Sumpfgebiet zur Residenzstadt der preußischen Könige, vom Zentrum des Militarismus und der Monarchie zur Bezirkshauptstadt der DDR – Potsdam hat viele Gesichter. Doch trotz aller Veränderungen blieb die Stadt ein Symbol für Kontinuität und Wandel, für die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer Rolle in der deutschen Geschichte.

Potsdam bleibt eine Stadt, die sowohl für ihre prächtigen Schlösser und Gärten als auch für ihre bewegte politische Geschichte bekannt ist. Sie steht heute als ein Symbol für die Veränderungen, die Deutschland im Laufe der letzten Jahrhunderte durchlebt hat, und bleibt ein Ort der Erinnerung und Reflexion über die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart.

Fiktion oder reale Bedrohung? Sowjetische Angriffspläne gegen Deutschland!

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Seit Jahrzehnten tobt unter Historikern und Publizisten eine leidenschaftliche Auseinandersetzung über die Frage, ob die Sowjetunion unter Josef Stalin tatsächlich einen Angriff auf Deutschland geplant habe – und ob Adolf Hitler im Juni 1941 nicht etwa vorsorglich vorgreifen musste. Die sogenannte «Präventivkriegsthese» ist dabei zum Prüfstein geworden, an dem sich verschiedene Positionen scheiden.

Ursprung der Präventivkriegsthese
In den 1980er-Jahren brachte der deutschnationale Historiker Joachim Hoffmann die Hypothese ins Gespräch, Hitler habe seinen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 primär aus Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriffskrieg lanciert. Parallel dazu sorgte der russische Ex-Offizier und Publizist Wiktor Suworow (Pseudonym für Wladimir Resun) mit seinem Buch Der Eisbrecher für Aufsehen. Suworow behauptet, Stalin habe bis zum Sommer 1941 Truppen an der Westgrenze zusammengezogen, um einen Großangriff auf Deutschland zu starten.

Kritiker fordern harte Beweise
Die Gegenseite bemängelt vor allem: Es fehlen konkrete Dokumente. Bis heute ist kein Plan in sowjetischen Archiven aufgetaucht, der einen bevorstehenden Angriffskrieg gegen Deutschland zweifelsfrei belegt.

„Die Rote Armee befand sich nach dem Winterkrieg gegen Finnland in einer tiefgreifenden Reorganisation – und war personell wie materiell angeschlagen“, erläutert Prof. Dr. Klaus Richter, Militärhistoriker an der Universität Potsdam. „Die stalinistischen Säuberungen hatten den Generalstab dezimiert, von einem schlagkräftigen Offensivheer konnte 1941 noch keine Rede sein.“

Ideologie versus Pragmatismus
Tatsache ist: Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt vom August 1939 sicherte beiden Seiten strategische Vorteile. Deutschland erhielt dringend benötigte Rohstoffe, während Stalin Zeit gewann, die Industrie und das Militär auszubauen. Noch am Morgen des 22. Juni rollten sowjetische Güterzüge mit Getreide in deutsche Hafenstädte ein – ein Bild, das wenig auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff hindeutet.

Dr. Maria Petrowa, Osteuropa-Expertin an der Freien Universität Berlin, betont:

„Stalin verfolgte eine pragmatische Außenpolitik. Der Bündnisnutzen aus dem Handel mit Hitler-Deutschland war enorm. Ein unverzichtbarer Baustein seiner Strategie war die Fortsetzung dieser wirtschaftlichen Kooperation.“

Was sagen die Quellen?
Mangel an «Kriegsspiel»-Protokollen: Anders als in den westlichen Militärakademien sind keine sowjetischen Planspiele dokumentiert, die eine Offensive gegen Deutschland simulierten.

Widersprüchliche Truppenkonzentrationen: Zwar verlegte die Rote Armee große Verbände an die westlichen Grenzabschnitte, doch zeugten diese eher von der Furcht eines deutschen Erstschlags denn von einem bevorstehenden Gegenangriff.

Zwischen Ideologie und Mythos
Die Präventivkriegsthese bleibt im Kern ein ideologisches Konstrukt: Für Rechte und Revisionisten bietet sie eine willkommene Rechtfertigung für Hitlers Angriff, während russische Nationalisten gern den Mythos vom edlen Verteidiger propagieren. Die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung indes lehnt beide Einseitigkeiten ab.

Konkrete sowjetische Angriffspläne gegen Deutschland – sie sind bislang nicht nachgewiesen und gelten in der Fachwelt als unwahrscheinlich. Hitlers Überfall auf die Sowjetunion wird heute als Ausdruck seiner expansiven Ideologie und seines rassenideologischen Vernichtungswillens gesehen, nicht als präventive Notwehr. Die Debatte um die Präventivkriegsthese aber bleibt ein Lehrstück dafür, wie Geschichte politisch instrumentalisiert wird – und wie wichtig es ist, Quellen und Motivlagen stets kritisch zu prüfen.

Vom roten Plan zum grauen Markt: Wie Planwirtschaft Russlands Wirtschaftskultur prägten

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Sieben Jahrzehnte staatlicher Lenkung und Mangelwirtschaft haben in der russischen Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur in den Betonruinen verlassener Fabriken, sondern vor allem im Kopf der Menschen. Die katastrophale Transformation in den 1990er Jahren, als Voucher statt Lohn in Umlauf kamen, formte heute noch geltende ökonomische Grundüberzeugungen.

Als unter Boris Jelzin tausende Staatsbetriebe „privatisiert“ wurden, erhielten Millionen Russen Gutscheine, mit denen sie Anteile an ehemals volkseigenen Unternehmen erwerben sollten. Doch keiner wusste, was Aktien wirklich sind. Viele Verkäufer schnitten an der Börse ebenso schlecht ab wie an den übervollen Läden, in denen plötzlich Konsumgüter lagen, die sich niemand leisten konnte. Wer immer schon Zugang zu Macht und Pistole hatte, kaufte jene Papiere billig auf – die Geburtsstunde der Oligarchen.

„Der Kapitalismus wurde in Russland als Jagd nach schnellem Profit wahrgenommen, nicht als langfristige Partnerschaft zwischen Staat, Unternehmen und Bürgern“, erklärt Dr. Natalia Sokolova, Expertin für Post‑Sowjetische Transformation. „Rechtsstaatlichkeit, Vertragsbindung oder faire Wettbewerbsregeln – all das galt schnell als Korruption oder Show.“

Seitdem prägt ein tiefes Misstrauen jede Reformdebatte. Vorschläge für wirtschaftliche Öffnung werden reflexhaft abgelehnt, Nostalgie für den „klaren Plan“ der Sowjetzeit wächst. Selbst moderate Marktinstrumente, etwa mehr Wettbewerb im Energiesektor, stoßen auf Skepsis: Wer Reform sagt, muss im russischen Ohr sofort an Massenarbeitslosigkeit und leergefegte Regale denken.

An der Moskauer Universität für Volkswirtschaft berichtet Professor Jurij Petrow: „Studenten haben oft keinerlei Vorstellung, warum ein funktionierender Rechtsrahmen essenziell für Wachstum ist. Sie sehen den Staat als lästige Behörde – etwas, das man umgeht, statt mit ihm zu arbeiten.“

Die Konsequenz: Fehlende Investitionen, lähmende Bürokratie und Korruption bleiben allgegenwärtig. Internationale Firmen tun sich schwer, weil sie nicht darauf vertrauen, bei Streitigkeiten fair behandelt zu werden. Kleinunternehmer weichen deshalb ins Graubereich‑Geschäft aus – mit Schmiergeldern statt offenen Verträgen.

Trotz aller Rückschläge bleibt der Blick nach Westen für viele Russen ambivalent: Der Traum von Wohlstand, Luxusautos und vollen Supermarktregalen besteht weiter. Doch die Lehre aus den Voucher‑Jahren ist unmissverständlich: Wer ökonomische Freiheit will, muss zuerst die Grundlagen – Rechtsstaat, Transparenz und Vertrauen – neu verhandeln. Ohne diese bleibt der russische Markt ein grauer Raum voller Chancen für wenige – und düstere Erinnerungen für die vielen.

Mediale Entfremdung: Warum Ost­deutschland anders tickt!

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In einer 45-minütigen ARD-Dokumentation mit dem Titel „Abgeschrieben – Der Osten in den Medien“ wird erstmals systematisch aufgezeigt, wie sehr ostdeutsche Berichterstattung bis heute von westdeutschen Verlagen und Redaktionsstrukturen geprägt ist. Die Dokumentation, seit Monaten in der ARD-Mediathek verfügbar, war am 28. April 2025 Thema bei NIUS Live: Redakteurin Juttka Strittmatter und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) äußerten sich dort erschüttert über mangelnde ostdeutsche Perspektiven und mediale Vorurteile.

Medienmacht nach der Wende: Ein Verkauf ohne Rücksicht auf Lokalkompetenz
Nach dem Fall der Mauer gehörten alle DDR-Zeitungen binnen weniger Jahre westdeutschen Verlagen. Erfolgreiche Bezirksblätter und sogar das einstige Zentralorgan Neues Deutschland wechselten damals den Besitzer. Heute dominieren in Sachsen etwa die „Leipziger Volkszeitung“ und die „Sächsische Zeitung“ mit ihren Landeseausgaben das Meinungsklima – beide gehören dem Madsack-Verlag mit Sitz in Hannover, an dem die SPD maßgeblich beteiligt ist. Die „Berliner Zeitung“ gilt bislang als einziges größeres Blatt in ostdeutscher Verlegerhand.

Reiner Haseloff kritisierte im Interview mit der Berliner Zeitung, dass diese Konzentration von Eigentum unmittelbar in redaktionelle Leitlinien wirke: „Die Medien, die seit 35 Jahren über uns berichten, sind fest in westlicher Hand. Das schlägt sich in Themenwahl, Tonfall und Personalentscheidungen nieder.“

Fehlende ostdeutsche Stimmen in Redaktionen
Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fehlen ostdeutsche Führungskräfte: Bei der Gründung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) setzte der Bayerische Rundfunk den ersten Intendanten und zahlreiche Redakteure aus München ein. Ein ehemaliger Sportredakteur vom BR, der einst ein Angebot als MDR-Sportchef erhielt, erinnert sich: „Ich kam nach Dresden, sah Container als Redaktionsräume – und habe lieber in München weitergearbeitet.“ Ähnliches habe sich jüngst wiederholt, als ein westdeutscher Ex-Spiegel-Chefredakteur zum Fernsehdirektor berufen wurde und die Stelle nach zwei Jahren wieder aufgab.

Laut der Documentation ist das Ergebnis ein beständiges „Nicht-Verstehen“: Westdeutsche Redaktionen brächten Abstand und Distanz mit, die in den Ton der Berichterstattung einsickerten.

Dauerhafte Stereotype und Kampagnen gegen den Osten
Schon in den 1990er-Jahren sei der Spiegel zum „Leitmedium“ im Westen geworden – mit einer regelrechten Negativkampagne gegen den Osten. Rund 30 Titelgeschichten portraitierten Ostdeutsche als rückständig oder feindselig. Begriffe wie „Bananengabi“ oder „Zonengabi“ wurden zu populären Symbolen medialer Geringschätzung.

Der Journalist Hajo Schumacher, damals Spiegel-Sportredakteur, berichtete offen, dass Chefredaktionen ihn dazu anhielten, Sportler aus dem Osten bevorzugt als Stasi-Kontakt oder Dopingfall darzustellen. Diese prägenden Bilder wirkten weit ins Volk hinein und schaffen bis heute Narben, so die Dokumentation.

Politische Folgen: Entfremdung und Erstarken der AfD
Die dokumentierten Vorurteile und medialen Dominanzstrukturen haben Folgen: Begriffe wie „Lügenpresse“, die bei Pegida-Demonstrationen zu zentralen Parolen wurden, stünden sinnbildlich für das ostdeutsche Misstrauen gegenüber Mainstream-Medien. Viele Ostdeutsche fühlten sich nicht mehr repräsentiert, so die Filmemacher.

Dr. Alexander Kistler, Politikwissenschaftler und Co-Gastgeber bei NIUS Live, sieht in dieser Entfremdung eine Ursache für das hohe AfD-Wahlergebnis in ostdeutschen Bundesländern: „Wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Sicht der Welt erfährt keine Resonanz, suchen sie Alternativen – sei es in sozialen Medien oder bei Parteien, die das vermeintliche ‘Gegengewicht’ zum medialen Mainstream darstellen.“

Forderungen nach Pluralität und lokalen Perspektiven
Abschließend fordert die Dokumentation, dem ostdeutschen Mediensystem mehr Vielfalt und ostdeutsche Stimmen zuzuführen. Reiner Haseloff bringt es auf den Punkt: „Ein vereintes Deutschland benötigt eine vereinte Medienlandschaft – mit gleichen Chancen für Ost und West.“

Ob sich daraus konkrete Reformschritte in Verlagshäusern und Senderstrukturen ergeben, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch: Die Debatte um mediale Repräsentation und die Bekämpfung alter Stereotype ist keineswegs abgeschlossen – im Gegenteil, sie beginnt gerade erst.

Dieser Beitrag wurde auf Basis der ARD-Dokumentation „Abgeschrieben – Der Osten in den Medien“ und der Diskussionsrunde bei NIUS Live am 28. April 2025 erstellt.