November 1900 – Burgau bei Jena
Ein heller Arbeitssaal, große Fenster, lange Holztische. Auf den Drehscheiben formen geübte Hände aus weichem Ton dünnwandige Tassen und Teller. Es klirrt leise, wenn fertige Stücke vorsichtig abgestellt werden. In der Luft liegt der trockene, pudrige Geruch von Kaolin und gebranntem Ton. Frauen sitzen dicht nebeneinander und bemalen mit ruhiger Hand filigrane Ornamente. Jeder Pinselstrich muss sitzen.
Am 29. November 1900 wird in Jena ein neues Unternehmen offiziell ins Handelsregister eingetragen: die „Porzellan-Manufaktur Burgau a. S. Ferdinand Selle“. In Burgau, damals noch ein Ort vor den Toren der Stadt, entsteht damit ein Industriebetrieb, der eine neue wirtschaftliche Richtung ergänzt. Während Jena bereits durch die optische Industrie geprägt ist, wächst hier eine andere Form der Produktion heran – die Herstellung von feinem Gebrauchsporzellan.
Das Material gilt seit Jahrhunderten als „weißes Gold“. Seine Herstellung verlangt Erfahrung, Geduld und präzise Handarbeit. In Burgau entstehen Teller, Tassen, Kannen und Schalen, häufig gestaltet im Stil des Jugendstils, der um 1900 die Formensprache vieler Alltagsgegenstände beeinflusst. Geschwungene Linien, florale Muster und dezente Dekore prägen das Erscheinungsbild der Stücke.
Die Arbeit in der Manufaktur ist sorgfältig organisiert. Einige Arbeiter formen den Rohling, andere glasieren die Stücke oder überwachen die Brennöfen. Besonders präzise ist die Arbeit der Porzellanmalerinnen. Mit feinen Pinseln tragen sie Ornamente auf, die dem Geschirr seinen charakteristischen Ausdruck verleihen. Viele von ihnen sind stolz darauf, Teil dieser Herstellung zu sein, deren Produkte bald über Thüringen hinaus gehandelt werden.
Die Burgauer Porzellanproduktion steht beispielhaft für die industrielle Entwicklung der Region um 1900. Neben wissenschaftlichen und technischen Innovationen entstehen auch Betriebe, in denen traditionelles Handwerk und industrielle Fertigung miteinander verbunden werden.
Manche dieser Stücke haben Jahrzehnte überdauert. In vielen Haushalten werden sie bis heute aufbewahrt – als Gebrauchsgegenstand, Erinnerungsstück oder stiller Zeuge einer Zeit, in der in Burgau aus Ton feines Porzellan entstand.