Der Überlebenskampf im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau

Torgau. »Wenn mir vor 35 Jahren jemand gesagt hätte, dass ich heute in aller Öffentlichkeit über den geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau reden würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.« Alexander Müller sitzt heute als freier Mann da, doch die Schatten seiner Jugend in der DDR reichen weit. Er ist ein Zeitzeuge jener brutalen Maschinerie, die Margot Honecker einst als notwendig für „Kriminelle“ bezeichnete, die in Wahrheit aber oft nur eines waren: unangepasst.

Geboren 1969 im sächsischen Bad Schlema, wuchs Müller in einer systemkritischen Familie auf. Schon früh eckte er an. Er verweigerte das FDJ-Hemd, wollte sich nicht vorschreiben lassen, welche Musik er hört oder wen er zum Freund hat. In den Augen der DDR-Pädagogik war der Jugendliche ein „Problemfall“. Die Konsequenz war drastisch: 1983 wurde der damals 14-Jährige gegen den Willen der Eltern zwangsausgeschult und in den Jugendwerkhof Burg verbracht.

Doch Müller blieb, wie er selbst sagt, der „Fuchs im Hühnerstall“. Er ordnete sich nicht unter. Was folgte, war die Verlegung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau (GJWH) – die Endstation im Erziehungssystem der DDR. Diese Einrichtung, direkt dem Ministerium für Volksbildung unterstellt, hatte ein einziges, perfides Ziel: die Persönlichkeit der Insassen zu brechen, um „Umerziehungsbereitschaft“ herzustellen.

Müller beschreibt den Alltag in Torgau als eine Mischung aus militärischem Drill, physischer Gewalt und psychischer Zersetzung. Besonders berüchtigt war die sogenannte „Zockerei“ – als Sport getarnte Bestrafungsaktionen. Serien von bis zu 500 Liegestützen, Strecksprüngen und Kniebeugen sollten die Jugendlichen körperlich und mental mürbe machen. Hinzu kam Zwangsarbeit im Akkord, oft für westliche Zuliefererfirmen, für einen Hungerlohn von 70 Mark im Monat.

Alexander Müller kam zweimal nach Torgau. In seiner Akte stand der vernichtende Satz: „Es besteht bisher keine Aussicht auf Erfolg einer Erziehung.“ Doch gerade beim zweiten Aufenthalt entwickelte Müller eine innere Überlebensstrategie. In der Dunkelheit der Einzelarrestzellen fand er Halt im Gebet. »Ich bin nicht zerbrochen, nur ordentlich durchgebogen worden«, resümiert er heute.

Nach seiner Entlassung und einer schweren Zeit der Reintegration fand Müller seinen Mut wieder. Am 7. Oktober 1989 stand er in der ersten Reihe bei der Großdemonstration in Plauen – noch vor den entscheidenden Ereignissen in Leipzig. Torgau blieb für ihn lange eine „No-Go-Area“. Erst 2008 kehrte er zurück, stellte sich dem Trauma und der Geschichte. Heute kämpft er gegen das Vergessen und gegen die Verharmlosung der DDR-Diktatur. Seine Geschichte ist eine Mahnung daran, wie schnell ein totalitäres System die Menschlichkeit opfert – und wie stark der Wille zur Freiheit sein kann.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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