Die geteilte Seele: Warum wir uns auch 30 Jahre später noch fremd sind

Ein Essay über Untertanen, Obertane und das falsche Leben im Richtigen – basierend auf den Analysen von Hans-Joachim Maaz.

Es ist eine Diagnose, die wehtut, gerade weil sie sich weigert, die Geschichte der Wiedervereinigung als reine Erfolgsstory zu erzählen. Wenn der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz auf das deutsch-deutsche Verhältnis blickt, sieht er keine blühenden Landschaften, sondern seelische Narben. Seine These: Die Mauer ist weg, aber die psychischen Mauern – errichtet durch Jahrzehnte unterschiedlicher Sozialisation – stehen fester denn je.

Maaz, der 1990 mit seinem Bestseller „Der Gefühlsstau“ berühmt wurde, liefert keine politische, sondern eine psychodynamische Deutung der Nation. Für ihn sind DDR und Bundesrepublik keine gegensätzlichen Pole von „Gut“ und „Böse“, sondern zwei Varianten derselben Krankheit: der Selbstentfremdung.

Der Untertan und der Obertan
Wer verstehen will, warum Ost und West oft aneinander vorbeireden, muss laut Maaz auf die Anpassungsleistungen schauen, die die jeweiligen Systeme ihren Bürgern abverlangten.

Im Osten züchtete der Staat den „Untertan“. Der „Gefühlsstau“ war hier Überlebensstrategie. Wer seine Wut, seine Trauer oder seine Individualität offen zeigte, riskierte Repressionen. Also zog man sich zurück, passte sich äußerlich an und richtete sich in der Nische ein. Das Soziale war eine „Notgemeinschaft“: Man hielt zusammen, nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern weil man sich gegen den übermächtigen Staat und den Mangel verbünden musste. Daraus erwuchs eine spezifische Versorgungsmentalität – der Staat als strenge, aber nährende Mutter, von der man alles erwartete.

Im Westen hingegen regierte der „Obertan“. Hier wurde nicht durch politische Angst unterdrückt, sondern durch ökonomischen Zwang verführt. Die „Ellbogengesellschaft“ verlangte Anpassung an den Markt. Der Westdeutsche lernte früh, sich zu verkaufen. Sein Narzissmus, sein Drang nach Größe und Status, diente dazu, innere Leere mit Konsum und Karriere zu übertünchen. Während der Ostdeutsche lernte, den Mund zu halten, lernte der Westdeutsche, laut zu sein, um nicht unterzugehen.

Das falsche Leben auf beiden Seiten
Das Provozierende an Maaz’ Analyse ist die Parallele, die er zieht. Beide Systeme, so argumentiert er, hinderten den Menschen daran, sein „wahres Selbst“ zu leben.

Im Osten führte die ideologische Gängelung zur Entfremdung („Ich darf nicht sagen, was ich denke“). Im Westen führte der Marktdruck zur gleichen Entfremdung („Ich muss sein, wie der Markt mich will“). Burnout ist für Maaz daher kein rein individuelles Scheitern, sondern das Symptom einer Gesellschaft, die ihren Selbstwert nur aus Leistung und Besitz zieht.

Die Tragik der Wiedervereinigung liegt darin, dass diese beiden neurotischen Systeme 1990 aufeinanderprallten, ohne sich ihrer eigenen Defizite bewusst zu sein. Der „Ossi“ projizierte seine Erlösungshoffnungen auf das „Westpaket“ und den Wohlstand. Der „Wessi“ sah im Sieg des Kapitalismus die Bestätigung, dass bei ihm psychologisch alles in Ordnung sei.

Die verpasste Chance
Maaz spricht von einem psychologischen Scheitern der Einheit. Es war kein Zusammenwachsen, sondern ein „Anschluss“. Die Ostdeutschen gaben ihre Identität – und auch ihre Chance auf eine kritische Aufarbeitung ihrer „Trotzidentität“ – an der Garderobe ab, in der Hoffnung auf materielle Gleichheit.

Was folgte, war die große Entwertung. Ostdeutsche Biografien zählten plötzlich nichts mehr. Und ein gekränkter Mensch, so lehrt die Psychologie, reagiert entweder mit Depression oder mit Wut. Die politische Unmündigkeit der DDR wurde, so Maaz’ bittere Bilanz, lediglich gegen eine materielle Abhängigkeit eingetauscht.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Geld keine seelischen Wunden heilt. Eine wirkliche innere Einheit wird es laut Maaz erst geben, wenn der Westen aufhört, den Osten als „Patienten“ zu betrachten, und beginnt, seine eigene narzisstische Störung – die Gier, die Hektik, die soziale Kälte – zu therapieren. Solange wir das „falsche Leben“ nur auf der anderen Seite der Elbe verorten, bleiben wir uns fremd.

Dreharbeiten auf der J.G. Fichte: Die Entstehung der DDR-Serie „Zur See“

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gibt Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis festsetzen, und doch erzählt das, was hinter der Kamera geschah, eine ganz eigene Geschichte. Teaser: Wer an die Serie „Zur See“ denkt, hat oft die eingängige Melodie im Ohr und die Gesichter von Horst Drinda oder Günter Naumann vor Augen. Doch die Realität der Dreharbeiten im Jahr 1974 auf dem Frachter „J.G. Fichte“ hatte wenig mit der Romantik zu tun, die später über die Bildschirme flimmerte. Die Bedingungen an Bord waren hart, geprägt von Hitze, Lärm und der Enge eines Schiffes, das seine besten Tage längst hinter sich hatte. Die Entscheidung für dieses alte Schiff war keine künstlerische, sondern eine rein pragmatische. Moderne Schiffe der DDR-Handelsflotte boten schlicht keinen Raum für ein Filmteam. So fand sich die prominente Riege der DDR-Schauspieler in einer Situation wieder, die keinen Rückzug erlaubte. Sie lebten Tür an Tür mit der echten Besatzung, teilten den begrenzten Komfort und die langen Abende auf See. Aus dieser Zwangsgemeinschaft entstand eine Atmosphäre, die sich wohl kaum künstlich herstellen ließ. Bemerkenswert ist, wie sehr der politische Arm des Staates auch auf den Weltmeeren präsent blieb. Die Angst vor Republikflucht bestimmte die Auswahl des Personals ebenso wie die Reiseroute. Selbst bei technischen Pannen im „kapitalistischen Ausland“ blieb der Bewegungsradius der Crew strikt reglementiert. Die Serie sollte Weltläufigkeit zeigen, entstand aber unter den Bedingungen strenger innerer Kontrolle. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus realer harter Arbeit, politischer Begrenzung und der großen Sehnsucht nach der Ferne, die den Kern dieser Produktion ausmachte. Die Zuschauer spürten, dass hier nicht nur Theater gespielt wurde. Die Arbeit an den Maschinen, der Umgang mit der Fracht – vieles davon entsprach den tatsächlichen Abläufen an Bord eines DSR-Frachters. Es bleibt das Dokument einer Zeit, in der die Grenzen eng waren, der Blick aber dennoch nach draußen ging. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die Produktion der erfolgreichsten DDR-Fernsehserie war weit mehr als ein logistischer Kraftakt auf hoher See. Teaser: Als 1974 die Dreharbeiten zu „Zur See“ begannen, traf der kulturelle Auftrag des DDR-Fernsehens auf die nüchterne Realität der Schifffahrt. Die Serie sollte den Alltag der Handelsmarine glorifizieren und gleichzeitig das Fernweh der Bevölkerung stillen. Doch schon die Wahl des Drehortes zeigte die Grenzen auf: Statt eines modernen Vorzeige-Schiffes diente ein alter Truppentransporter als Kulisse, weil nur dort genug Platz für das Filmteam war. Die politischen Rahmenbedingungen waren ebenso eng wie die Kabinen. Die Stasi überprüfte jeden Beteiligten, die Reiseroute mied westliche Häfen, und selbst der Kontakt zum „Klassenfeind“ wurde administrativ unterbunden. Dennoch – oder gerade deshalb – entwickelte die Serie eine Authentizität, die bis heute nachwirkt. Die Geschichten basierten oft auf realen Logbucheinträgen, und die Schauspieler verschmolzen über Wochen mit der echten Besatzung. Interessanterweise lieferte dieses ostdeutsche Format, das die harte Arbeit in den Mittelpunkt stellte, die Blaupause für das westdeutsche „Traumschiff“. Während dort jedoch der Luxus regierte, blieb „Zur See“ ein Abbild der DDR-Gesellschaft: Man improvisierte, arbeitete hart und träumte sich für die Dauer einer Fernsehfolge in eine andere Welt. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer in der DDR zur See fuhr, besaß ein Privileg, das Millionen anderen verwehrt blieb. Teaser: Die Serie „Zur See“ bediente dieses Privileg visuell, während die Produktion selbst den Restriktionen des Landes unterworfen blieb. Die Schauspieler auf der „J.G. Fichte“ erlebten eine Freiheit zweiter Klasse: Sie waren unterwegs und doch eingesperrt, kontrolliert von politischen Vorgaben, die selbst auf dem Atlantik nicht endeten. Dass die Serie dennoch zum Straßenfeger wurde, lag an der Projektionsfläche, die sie bot. Sie zeigte eine Welt, in der ostdeutsche Tugenden global bestanden, auch wenn die Realität an Bord oft aus Rost, Schweiß und strenger Überwachung bestand. Es war der Versuch, die Weite zu inszenieren, ohne die eigenen Grenzen zu verlassen.