Wenn wir heute über die Krippenerziehung in der DDR sprechen, dominieren oft Bilder von vollen Spielzimmern und dem morgendlichen Abgeben vor der Arbeit. Doch für eine große Gruppe von Kindern sah die Realität radikaler aus. Es gab einen gravierenden Unterschied zwischen der regulären Tageskrippe und der sogenannten Wochenkrippe. Für Hunderttausende Kinder war letztere Realität: Sie wurden am Montagmorgen abgegeben und sahen ihre Eltern erst am Freitagnachmittag wieder. Dazwischen lagen 120 Stunden institutioneller Alltag – Tag und Nacht.
Die Architektur der Trennung
Ursprünglich als Unterstützung für Schichtarbeiterinnen, Studierende oder Alleinerziehende konzipiert, entwickelten sich die Wochenkrippen (und für ältere Kinder die Wochenheime) zu einer festen Säule im DDR-Gesundheits- und Bildungswesen. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1949 und 1989 mindestens 200.000 bis 600.000 Kinder dieses System durchliefen. Was als ökonomische Notwendigkeit begann, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen und Frauen für die Produktion verfügbar zu machen, wandelte sich in den späten Jahren der DDR teilweise zu einem Instrument der Disziplinierung. Familien, die als „sozial gefährdet“ galten oder den staatlichen Normen nicht entsprachen, wurde die Wochenbetreuung mitunter als „Bewährungsprobe“ nahegelegt, um einen Kindesentzug abzuwenden.
Das Leben in der Wochenkrippe unterschied sich fundamental von der Tagesbetreuung durch die Nächte. Während Tageskinder abends in die familiäre Geborgenheit zurückkehrten, blieben Wochenkinder in der Gruppe. Die historische Aufarbeitung zeigt erschreckende strukturelle Mängel: In den 1960er Jahren war nachts oft nur eine einzige Pflegekraft für bis zu 40 Kinder zuständig. Um diese Situation überhaupt beherrschbar zu machen, griff das Personal zu drastischen Mitteln. Berichte und Studien belegen, dass Kleinkinder teilweise in ihren Betten fixiert wurden, damit sie nicht herauskletterten oder sich verletzten, während die Nachtwache in einem anderen Raum war. Das Weinen in der Nacht verhallte oft ungehört – eine Urerfahrung totaler Verlassenheit, die dem Kind signalisierte: „Du bist allein, und niemand wird kommen.“
Die Rostock-Studie: Beweise für das Trauma
Lange Zeit wurden die Folgen dieser Betreuungsform bagatellisiert oder mit dem Satz „Uns hat es doch nicht geschadet“ beiseite gewischt. Doch aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein anderes Bild. Eine wegweisende Studie der Universitätsmedizin Rostock (Projekt „TESTIMONY“) verglich ehemalige Wochenkrippenkinder mit einer Kontrollgruppe, die in Tageskrippen oder Familien betreut wurde. Die Ergebnisse sind signifikant: Ehemalige Wochenkrippenkinder weisen im Erwachsenenalter eine deutlich höhere psychische Belastung auf.
Besonders auffällig ist die Ausprägung von Bindungsstörungen. Die Studie identifizierte die Gruppenzugehörigkeit „Wochenkrippe“ als signifikanten Prädiktor für Bindungsvermeidung (β = −0,44). Das bedeutet: Betroffene haben gelernt, emotionalen Schmerz dadurch zu bewältigen, dass sie niemanden an sich heranlassen. Was als Kind eine Überlebensstrategie war – das Abschalten der Bindungsbedürfnisse, weil Rufen zwecklos war –, wird im Erwachsenenleben zur Falle. Die „totalen Trennungen“, die ein Kleinkind mangels Zeitgefühl als Ewigkeit empfindet, haben sich tief in die psychische Struktur eingeschrieben. Diese Kinder durchliefen oft die Phasen von Protest, Verzweiflung und schließlich „Loslösung“ (Detachment), was vom Personal fälschlicherweise als „Beruhigung“ interpretiert wurde.
Das unsichtbare Leid im Körper
Heute sind diese „Wochenkinder“ Erwachsene mittleren Alters. Viele von ihnen leiden unter einer diffusen Erschöpfung und körperlichen Beschwerden, für die Ärzte oft keine organischen Ursachen finden. Die Forschung legt nahe, dass die Bindungsunsicherheit hier als „Mediator“ wirkt: Der frühe Stress hat das Immunsystem und die Stressverarbeitung dauerhaft verändert, was sich heute in einer erhöhten Krankheitslast niederschlägt. Es ist eine späte, körperliche Antwort auf die Nächte im Schlafsaal, in denen der Körper lernte, im Alarmzustand zu verharren. Die Aufarbeitung dieses Kapitels der DDR-Geschichte steht erst am Anfang, ist aber für das Verständnis vieler Biografien im Osten Deutschlands unerlässlich.