In der kollektiven Erinnerung vieler Menschen, die in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen sind, spielt das olfaktorische Gedächtnis eine zentrale Rolle. Es existiert eine spezifische, schwer zu beschreibende Geruchsmischung, die untrennbar mit den Paketsendungen aus der Bundesrepublik verbunden ist. Diese Mischung aus Bohnenkaffee, westlichen Pflegeprodukten wie Seife oder Weichspüler und Schokolade bildete einen starken Kontrast zum sensorischen Alltag der DDR. Das sogenannte Westpaket war in den 1980er Jahren jedoch weit mehr als eine reine Versorgungslieferung; es fungierte als kulturelles Artefakt, das soziale Beziehungen definierte und den Empfängern ein Fenster in eine für sie oft unerreichbare Welt öffnete.
Die quantitative Dimension dieses Phänomens war beträchtlich, da jährlich rund 25 Millionen Pakete die deutsch-deutsche Grenze passierten. Während der Versand für die Verwandten in der Bundesrepublik oft zwischen familiärer Pflicht, Barmherzigkeit und Routine schwankte, lud sich der Inhalt für die Empfänger im Osten mit einer fast sakralen Bedeutung auf. Alltägliche Konsumgüter des Westens, die dort in Discountern verfügbar waren, erhielten durch den Mangel im Osten einen exklusiven Charakter. Dies betraf Markenprodukte wie Jacobs Kaffee oder Milka-Schokolade ebenso wie Hygieneartikel, die eine imagniäre „Frische“ des Westens transportierten.
Besonders in der Jugendkultur der DDR führte die Knappheit westlicher Waren zu einer spezifischen Ikonografie des Mangels. Die Verpackungen der Westprodukte wurden nach dem Konsum nicht entsorgt, sondern umgenutzt. Leere Getränkedosen internationaler Marken wie Coca-Cola oder 7Up dienten in zahlreichen Jugendzimmern als prestigeträchtige Dekorationselemente auf der Schrankwand.
Diese Objekte fungierten als sichtbare Beweise für familiäre Verbindungen in den Westen und sicherten soziale Anerkennung innerhalb der Peer-Group. Auch Printmedien wie die Jugendzeitschrift Bravo wurden so lange im Freundeskreis weitergereicht, bis das Papier zerfiel, während Poster wie Reliquien gehandelt wurden.
Neben den Waren spielte die Deutsche Mark als inoffizielle Zweitwährung eine entscheidende Rolle im sozialen Gefüge. Bargeld, das häufig versteckt in den Paketen oder bei Besuchen übergeben wurde, ermöglichte den Zugang zu den „Intershops“. In diesen Geschäften, in denen ausschließlich mit Devisen gezahlt werden konnte, war das Warenangebot des Weltmarktes verfügbar. Statussymbole wie die Levi’s 501 markierten hierbei deutliche soziale Unterschiede in Schulklassen und Freundeskreisen. Während der Preis für eine solche Jeans im Westen im erschwinglichen Rahmen lag, war sie für die Mark der DDR kaum zu erwerben, was die Bedeutung der „blauen Fliesen“ – der 100-DM-Scheine – unterstrich.
Jene Teile der Bevölkerung, die über keine Westkontakte verfügten, entwickelten als Reaktion auf die Mangelwirtschaft kreative Strategien der Improvisation. Da die staatliche Textilindustrie modischen Trends oft Jahre hinterherhinkte und das Angebot der „Exquisit“-Läden teuer war, etablierte sich eine ausgeprägte Do-it-yourself-Kultur. Jugendliche nähten ihre Kleidung selbst, wobei Schnittmuster aus westlichen Magazinen kopiert und getauscht wurden. Einfache Materialien wie Vliesett-Tücher wurden zweckentfremdet, gefärbt und zu modischen Accessoires umgearbeitet, um dem Wunsch nach Individualität trotz begrenzter Ressourcen Ausdruck zu verleihen.
Auch im Bereich der Mobilität zeigten sich signifikante Unterschiede, die jedoch nicht zwangsläufig als Nachteil empfunden wurden. Während westdeutsche Jugendliche oft Mofas oder Roller nutzten, dominierte im Osten die Simson S51 das Straßenbild.
Dieses Kleinkraftrad genießt bis in die Gegenwart Kultstatus, unter anderem aufgrund der gesetzlichen Regelung, die eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erlaubte – im Gegensatz zu den westdeutschen Beschränkungen. Die Notwendigkeit, aufgrund von Engpässen bei Werkstätten und Ersatzteilen selbst Hand anzulegen, machte das „Schrauben“ zu einer weit verbreiteten Fertigkeit und einem sozialen Bindeglied unter Jugendlichen.
Letztlich verdeutlichte das Westpaket die wachsende Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch der SED-Führung und der Lebensrealität der Bürger. Während die offizielle Propaganda das Erreichen von „Weltniveau“ verkündete, dominierte im privaten Raum der Konsum westlicher Produkte. Diese Allgegenwart westlicher Marken bei gleichzeitiger Abwesenheit vergleichbarer eigener Erzeugnisse delegitimierte den staatlichen Versorgungsanspruch im Alltag vieler Menschen nachhaltig. Das Westpaket lehrte eine Generation indirekt, dass Qualität und Innovation primär im Westen zu verorten waren, was die ideologische Bindungskraft des Staates langfristig schwächte.