Im Deutschen Hygiene-Museum Dresden treffen mit der Grünen-Politikerin Ricarda Lang und dem Soziologen Steffen Mau zwei unterschiedliche Biografien aufeinander. Ihr Gespräch widmet sich der Frage, wie die Erfahrungen der DDR und der Nachwendezeit die politische Kultur der Gegenwart prägen. Dabei steht nicht der politische Schlagabtausch im Vordergrund, sondern der Versuch einer gemeinsamen, sachlichen Analyse der gesellschaftlichen Bruchlinien, die zwischen Ost und West auch im Jahr 2026 noch bestehen.
Steffen Mau bringt in die Debatte seine soziologische Expertise ein, die er bereits in früheren Werken dargelegt hat. Er beschreibt die ostdeutsche Erfahrung der 1990er Jahre nicht primär als reine Befreiungsgeschichte, sondern auch als Zeit radikaler Strukturbrüche. Der Import westdeutscher Institutionen, oft als Übernahme eines „Fertigstaats“ bezeichnet, führte zu einem Gefühl der Fremdbestimmung, das bis heute nachwirkt und eine latente Skepsis gegenüber neuen, von außen herangetragenen Veränderungen nährt.
Ricarda Lang reflektiert in diesem Kontext die Rolle ihrer eigenen Partei und des westdeutsch geprägten Politikbetriebs kritisch. Sie räumt ein, dass bei der Kommunikation notwendiger ökologischer Transformationen die spezifischen Ängste der ostdeutschen Bevölkerung oft unterschätzt wurden. Wer in der eigenen Biografie bereits einen totalen Systemzusammenbruch erlebt hat, reagiert sensibler auf erneute Eingriffe in die Lebensführung und materielle Sicherheit als Menschen mit bruchlosen Erwerbsbiografien.
Ein zentraler Punkt der Diskussion ist das Konzept der „Veränderungserschöpfung“, das Mau stark macht. Während im politischen Berlin der Wandel oft als Chance und notwendiger Fortschritt gerahmt wird, löst er in vielen Teilen Ostdeutschlands Abwehrreaktionen aus. Diese Dissonanz resultiert aus der historischen Erfahrung, dass gesellschaftliche Großprojekte der letzten Jahrzehnte oft mit persönlichem Statusverlust und Unsicherheit einhergingen, statt den versprochenen Wohlstand für alle sofort einzulösen.
Die Gesprächspartner analysieren zudem die unterschiedliche Verankerung demokratischer Institutionen. Mau weist darauf hin, dass die Parteienbindung im Osten traditionell schwächer ist und das Vertrauen in repräsentative Strukturen geringer ausfällt. Dies wird im Gespräch nicht als demokratisches Defizit der Bürger gewertet, sondern als strukturelle Folge einer Transformation, die in den frühen 90er Jahren wenig Raum für eigenständige politische Gestaltung ließ und Eliten fast ausschließlich aus dem Westen rekrutierte.
Konsens besteht in der Analyse, dass soziale Sicherheit die Grundvoraussetzung für die Akzeptanz von Veränderungen ist. Lang betont, dass Klimaschutzpolitik nicht als abstraktes oder elitäres Projekt wahrgenommen werden darf, sondern materiell abgesichert sein muss. Dies ist eine direkte Antwort auf die ostdeutsche Erfahrung, dass Marktmechanismen allein keine Gerechtigkeit garantieren und der Staat als Schutzmacht fungieren muss, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Die Einordnung in die heutige Zeit ist für das Verständnis der Aussagen essenziell. Nach Jahren polarisierter Debatten und Wahlerfolgen populistischer Kräfte wirkt dieser Dialog als Versuch einer Befriedung. Er markiert die Abkehr von einer moralisierenden Ansprache hin zu einem Verständnis, das die ostdeutsche Skepsis nicht verurteilt, sondern als historisch gewachsene Reaktion auf Ohnmachtserfahrungen begreift. Es ist der Versuch, die „Sprachlosigkeit“ zwischen den Milieus zu überwinden.
Historisch interessant ist auch der Blick auf die Wurzeln der Grünen im Osten, die aus der Bürgerrechtsbewegung Bündnis 90 hervorgingen. Doch diese Tradition wurde oft von der westdeutschen Parteistruktur überlagert. Das Gespräch deutet an, dass eine Rückbesinnung auf diese ostdeutschen Wurzeln – den Wunsch nach Mitsprache und Veränderung von unten statt Verordnung von oben – für die heutige Akzeptanz grüner und progressiver Politik in den neuen Bundesländern notwendig wäre.
Abschließend verdeutlicht der Austausch, dass die innere Einheit auch Jahrzehnte nach dem Mauerfall ein Prozess bleibt. Die Anerkennung von Ungleichzeitigkeiten und unterschiedlichen Sichtweisen auf die Geschichte ist dabei kein Hindernis, sondern die Basis für einen konstruktiven Diskurs. Mau und Lang zeigen exemplarisch, wie durch Zuhören und analytische Tiefe die verhärteten Fronten der Gegenwart aufgeweicht werden können, indem man die Vergangenheit nicht als erledigt betrachtet, sondern als Schlüssel zur Gegenwart.