In den verlassenen Häusern Sachsens zeigt sich, wie biographische Brüche und wirtschaftliche Altlasten der neunziger Jahre bis heute nachwirken und den Staat zum Erben wider Willen machen.
Wenn Nadja Schramm und Inga Pößneck einen neuen Fall übernehmen, betreten sie oft eine Welt, in der die Zeit stillzustehen scheint. Die Mitarbeiterinnen des sächsischen Flächenmanagements stehen dann in Wohnzimmern in Gerstdorf bei Chemnitz oder anderen ländlichen Gemeinden, umgeben von den persönlichen Hinterlassenschaften eines gerade beendeten Lebens. Es sind Häuser, deren Erbe niemand antreten wollte. Wo die eigentlichen Nachkommen abwinken, wird der Freistaat Sachsen zum gesetzlichen Zwangserben. Die Bestandsaufnahme, die die beiden Frauen durchführen, ist weit mehr als ein bürokratischer Akt; sie ist eine archäologische Spurensuche in den Biografien einer Generation, deren materielles Lebenswerk am Ende oft weniger zählt als die Schulden, die darauf lasten.
Die Zahlen sind bemerkenswert und weisen auf eine spezifisch ostdeutsche Problematik hin. Rund 1.300 Mal pro Jahr wird in Sachsen ein Erbe ausgeschlagen. Damit liegt das Bundesland absolut gesehen über den Werten von Nordrhein-Westfalen, obwohl dort viermal so viele Menschen leben. Martin Oberacher, der Leiter des zuständigen Flächenmanagements, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Ostproblem“. Es ist eine nüchterne Bezeichnung für eine komplexe Gemengelage aus Demografie, Wirtschaftsgeschichte und den langen Schatten der Wiedervereinigung. Wer durch die verwaisten Flure dieser Häuser geht, begegnet dort nicht nur dem individuellen Schicksal der Verstorbenen, sondern auch den strukturgeschichtlichen Verwerfungen der letzten drei Jahrzehnte.
Ein zentraler Grund für die massenhafte Ausschlagung liegt in den Grundbüchern verborgen. Viele dieser Immobilien sind hoch belastet. Es sind oft Kredite aus den frühen neunziger Jahren, jener Zeit des Aufbruchs und der großen Versprechungen, die heute als bleierne Last auf den Häusern liegen. Damals wurde viel Geld aufgenommen, teils für Sanierungen, teils für Konsum, oft zu Konditionen, die aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen oder deren Gegenwert längst verfallen ist. Die Hypotheken von damals übersteigen heute nicht selten den Verkehrswert der unsanierten oder teilsanierten Gebäude. Für die Erben bedeutet das eine einfache Rechnung: Wer das Erbe annimmt, übernimmt die Schulden. Das „Nein“ zum Elternhaus ist damit oft eine wirtschaftlich rationale Entscheidung gegen die finanzielle Altlast der Nachwendezeit.
Hinzu kommt die demografische Komponente, die den Osten Deutschlands besonders prägt. Die Kinder der Verstorbenen leben oft längst nicht mehr im sächsischen Dorf. Sie sind jene, die in den neunziger und nuller Jahren der Arbeit hinterher in die alten Bundesländer zogen. Sie haben sich in Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen eigene Existenzen aufgebaut, oft selbst Wohneigentum erworben. Die Bindung an die alte Heimat ist zwar emotional oft noch vorhanden, doch der pragmatische Bedarf an einem sanierungsbedürftigen Haus im ländlichen Sachsen tendiert gegen Null. Die Distanz ist nicht nur eine geografische, sondern auch eine lebensweltliche. Das Haus der Eltern passt nicht mehr in die Biografien der Kinder.
Für das Flächenmanagement bedeutet dies eine mühsame Arbeit der Verwertung. Die Hoffnung auf verborgene Schätze in den Schubladen der Verstorbenen erfüllt sich selten. Der Markt für gebrauchtes Mobiliar und Hausrat ist gesättigt; was früher noch von Trödeltrupps dankbar abgenommen wurde, landet heute oft auf dem Wertstoffhof. Es ist eine stille Entwertung des materiellen Besitzes, der einst mit Stolz angesammelt wurde. Auch hier zeigt sich ein Wandel: Die Dinge, die der Elterngeneration wichtig waren, finden keinen Absatz mehr. Selbst Antiquitätenhändler winken oft ab. Was bleibt, ist die Immobilie selbst, die „wie sie steht und liegt“ verkauft werden soll.
Die Suche nach Käufern erfordert Geduld. Die Interessenten sind oft nicht die großen Investoren, sondern Menschen aus der Region, die bereit sind, viel Eigenleistung zu erbringen. Es sind „Selfmade-Leute“, wie Oberacher sie nennt, die den Mut aufbringen, sich der maroden Substanz anzunehmen. Doch gestiegene Zinsen und Baukosten sowie energetische Sanierungspflichten haben auch diesen Markt abgekühlt. Die Unsicherheit ist groß, das Geld sitzt nicht mehr so locker. Dennoch gelingt es dem Staatsbetrieb oft, Lösungen zu finden, wenn auch manchmal erst nach langer Zeit.
So werden die verlassenen Häuser in Sachsen zu Mahnmalen eines gesellschaftlichen Wandels. Sie erzählen von der Abwanderung, von den finanziellen Wagnissen der Nachwendezeit und von einer Generation, deren Lebensleistung am Ende nicht in die Hände der eigenen Kinder übergeht, sondern vom Staat abgewickelt werden muss. Wenn Nadja Schramm und Inga Pößneck die Türen hinter sich schließen, bleibt oft das Gefühl zurück, dass hier nicht nur ein Haushalt aufgelöst, sondern ein Kapitel ostdeutscher Zeitgeschichte geschlossen wird.