Wie ein kirchlicher Sozialarbeiter die Treuhand überzeugte

In den Wirren der Nachwendezeit, als viele Betriebe im Osten stillstanden, herrschte in Leisnig eine bedrückende Stille. Die Treuhand hatte das Urteil über die Spielzeugfabrik gefällt, und mit der Abwicklung verloren nicht nur die regulären Angestellten ihre Arbeit. Besonders hart traf es jene, die auf den geschützten Plätzen tätig waren.

Ein engagierter Sozialarbeiter der Kirche sah in den verlassenen Hallen kein Industriedenkmal, sondern eine Zukunft für hunderte Menschen. Die kleine Tagesstätte mit ihren zwölf Plätzen reichte längst nicht mehr aus, um den Bedarf in der neuen Realität zu decken. Der Plan war riskant: Man wollte nicht neu bauen, sondern Bestand nutzen.

Der Kaufpreis von 300.000 Mark stellte eine enorme Hürde dar, doch die Lösung war so ungewöhnlich wie die Zeit selbst. Das Geld stammte aus dem beschlagnahmten Vermögen der SED, das nun für soziale Investitionen beantragt werden konnte. Es war eine Ironie, dass Mittel, die das System stützten, nun den Grundstein für Neues legten.

Mit weiteren 800.000 D-Mark Investition wurden die maroden Räume saniert und angepasst. Wo früher Holzspielzeug für den Export gefertigt wurde, entstand Schritt für Schritt eine moderne Werkstatt. Was mit 60 Plätzen begann, wuchs über die Jahre zu einem Verbund mit fast 300 Beschäftigten an drei Standorten an.

Auch in Roßwein zeigte sich dieser pragmatische Geist, als ein altes Krankenhaus leerstand. Die Vision eines Pflegeheims scheiterte zunächst an der Bausubstanz, doch statt aufzugeben, riss man ab und baute neu. Die kirchliche Sozialarbeit, geprägt von jahrelanger Improvisationskunst, traf hier hart auf die ökonomischen Zwänge des Westens.

Der Fokus lag dabei nie auf lautem Protest auf der Straße, sondern auf stiller Arbeit in Fachgremien. Ob bei der Umstrukturierung von Polikliniken oder der Einrichtung von Beratungsstellen für Verschuldete – es ging darum, das soziale Netz neu zu knüpfen. Die Runden Tische ersetzten die alten Hierarchien der Funktionäre.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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