Gebrochene Seelen: Das dunkle Erbe der DDR-Umerziehung

Torgau, Wittenberg, Eilenburg – Namen von Städten, die für Tausende ehemaliger DDR-Heimkinder nicht für Geografie, sondern für ein lebenslanges Trauma stehen. Eine Reise in die Vergangenheit einer staatlich organisierten Kindesmisshandlung.

Es war ein System der Angst, perfektioniert, um Individualität zu löschen. Wer in der DDR nicht in das Raster der „sozialistischen Persönlichkeit“ passte, wer rebellierte, „schwererziehbar“ war oder einfach nur Eltern hatte, die politisch aneckten, lief Gefahr, in der Maschinerie der Umerziehung zu verschwinden. Rund 500.000 Kinder und Jugendliche durchliefen die Heime der DDR, doch es waren die Spezialkinderheime und vor allem der geschlossene Jugendwerkhof Torgau, die als Endstation der Menschlichkeit galten.

Die Mechanik des Brechens
„Im Kopf bin ich immer noch in diesem Kellerloch gefangen“, sagt einer der Zeitzeugen. Es ist ein Satz, der die psychische Realität vieler Betroffener beschreibt. Die Methoden waren perfide und militärisch organisiert. Dietmar Rummel, der seit seinem fünften Lebensjahr im Heim war, erinnert sich an Appelle, stundenlanges Stillstehen und die ständige Angst vor der „Besenkammer“ – einem dunklen Verlies, das selbst kleinen Kindern als Arrestzelle diente.

Das Ziel war nicht Erziehung im pädagogischen Sinne, sondern die Brechung des Willens. Ingolf Nitschke, Historiker und Projektleiter der Gedenkstätte Torgau, beschreibt das Ideal der DDR-Pädagogik als „kollektivistische Persönlichkeit“, die sich bedingungslos unterordnet. Wer das nicht tat, landete im Jugendwerkhof Torgau. Dort begann die „Begrüßung“ oft mit tagelangem Einzelarrest, Kahlschlag der Haare und dem Entzug der eigenen Identität.

Ein Leben als „Stück Dreck“
Die Schicksale sind erschütternd in ihrer Ähnlichkeit und doch individuell grausam. Corinna Thalheim war 16, als sie Hilfe beim Jugendamt suchte und stattdessen in die Hölle geschickt wurde. In Wittenberg wurde sie „gereinigt“ – ein sadistisches Ritual, bei dem sie mit Scheuermittel und Wurzelbürsten so lange geschrubbt wurde, bis die Haut blutete. „Du bist ein Stück Dreck“, wurde ihr eingehämmert, bis sie es fast selbst glaubte. Später in Torgau erlebte sie den „Fuchsbau“, eine winzige Dunkelzelle, in der man weder stehen noch liegen konnte, und wurde Opfer sexualisierter Gewalt, die vom Direktor angeordnet wurde.

Auch Alexander Müller geriet in die Mühlen der Justiz, weil seine Mutter gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Mit elf Jahren wurde er quasi entführt, mit 13 galt er als „konterrevolutionäres Element“. Sein Verbrechen? Ein Aufsatz über Frieden, der nicht ins Weltbild passte, und eine geschenkte Bibel. In Torgau wurde er durch exzessiven Sport, hunderte Liegestütze und Entwürdigungen physisch und psychisch zermürbt.

Das Schweigen danach
Jahrzehntelang schwiegen die Opfer. Aus Scham, aus Angst, niemand würde ihnen glauben, oder weil sie die Erinnerungen tief vergraben hatten wie Marianne Kastrati, die von einer „inneren Leere“ spricht. Viele Ehen zerbrachen, Biografien wurden zerstört. Die gesellschaftliche Aufarbeitung begann spät. Erst 2011 wurde ein Fonds eingerichtet, doch die Fristen waren kurz, die bürokratischen Hürden hoch.

Heute kehren sie zurück an die Orte ihres Leidens, nicht um Rache zu üben, sondern um zu mahnen. Wenn Dietmar Rummel oder Corinna Thalheim vor Schulklassen stehen, ist ihre Botschaft eindeutig: „Genießt eure Freiheit. Lasst euch nicht verbiegen.“ Es ist der späte Sieg der Individualität über ein System, das sie vernichten wollte.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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