Wandlitz als Rentner-WG: Realitätsverlust und Revolution in „Vorwärts immer!“

In der Tragikomödie „Vorwärts immer!“ wagt sich Regisseurin Franziska Meletzky an ein gewagtes Gedankenspiel zur Wendezeit. Das Ergebnis ist eine turbulente Geschichtssatire, die vor allem dank eines brillanten Hauptdarstellers funktioniert.

Berlin. Es ist Oktober 1989, und die DDR steht kurz vor dem Kollaps. Doch während das Volk den Aufstand probt, herrscht in der Waldsiedlung Wandlitz eine beängstigende Ruhe. Oder besser gesagt: eine senile Realitätsverweigerung. Genau in dieses Spannungsfeld zwischen revolutionärem Aufbruch und verknöcherter Machtelite sticht die Satire „Vorwärts immer!“ (2017) hinein.

Die Generalprobe des Widerstands
Im Zentrum der Handlung steht das Ensemble eines Berliner Theaters, das in der aufgeheizten Stimmung der Revolutionszeit ein politisch brisantes Stück probt. Der gefeierte Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) soll darin niemand Geringeren als den Staats- und Parteichef Erich Honecker darstellen. Doch die Proben laufen alles andere als glatt: Otto hält seinen Text immer wieder für unglaubwürdig und hadert mit der Rolle. Mehr noch: Er scheut sich davor, das Stück überhaupt aufzuführen. Zu groß ist die Angst, für die offene Gesellschaftskritik am Ende im Gefängnis zu landen.

Doch damit nicht genug der Sorgen: Ottos Tochter Anne (Josefine Preuß) hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren und heimlich nach West-Berlin zu ihrer Mutter zu fliehen. Als Otto sich in einer Probenpause – noch in voller Honecker-Maskerade – sehr innig von seiner Tochter verabschiedet, nimmt das Unheil seinen Lauf. Zwei Stasi-Mitarbeiter beobachten und fotografieren die Szene. Da Otto sein Kostüm trägt, halten sie ihn für den echten Staatschef und sind sichtlich verwirrt über dessen Verhalten.

Ein wahnwitziger Plan
Die Situation eskaliert, als Otto erfährt, dass gegen die demonstrierenden Massen – unter denen er nun auch seine Tochter vermutet – ein Schießbefehl erlassen werden soll. Die Angst um Anne treibt ihn zu einer Tat, die man nur als pure Verzweiflung oder absoluten Größenwahn bezeichnen kann.

Sein Plan: Er muss die Rolle seines Lebens nicht nur auf der Bühne, sondern in der Realität spielen. Als Erich Honecker maskiert will er sich ins Zentralkomitee einschleichen und den Schießbefehl höchstpersönlich widerrufen. Was folgt, ist ein klassisches „Heist-Movie“-Szenario, verlegt in die grauen Flure der DDR-Machtzentrale.

Ein Parforceritt für Jörg Schüttauf
Dass dieses gewagte Konstrukt nicht ins Lächerliche abgleitet, ist fast ausschließlich Jörg Schüttauf zu verdanken. Er meistert die schauspielerische Herkulesaufgabe einer Doppelrolle mit Bravour. Auf der einen Seite der besorgte, fast panische Vater Otto, auf der anderen Seite der Generalsekretär selbst. Schüttaufs Honecker ist eine brillante Karikatur: tatterig, weltfremd und von einer fast schon tragischen Senilität umgeben.

Unterstützt wird er von einem starken Ensemble. Hedi Kriegeskotte brilliert als Margot Honecker, die ihren „Erich“ streng im Griff hat, während Alexander Schubert als Egon Krenz bereits im Hintergrund an dessen Stuhl sägt. Auch Devid Striesow (als Harry Stein) und André Jung (als Mielke) tragen zur satirischen Überhöhung der DDR-Führungsriege bei, die hier als entrückte „Rentner-Gang“ dargestellt wird.

„Vorwärts immer!“ ist vielleicht kein tiefschürfendes Historiendrama, aber eine charmante, temporeiche Satire, die das Pathos der Wendezeit mit Humor bricht. Ein unterhaltsamer Film über den Mut der Verzweiflung – und ein absolutes Muss für Fans von Jörg Schüttauf.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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