Die verborgene Realität der DDR: Zwischen Ideal und Abgrund

Die Deutsche Demokratische Republik, oft als „geheimnisvolle Diktatur“ bezeichnet, versprach ihren Bürgern eine bessere Zukunft und ein blühendes, sozialistisches „besseres Deutschland“. Doch hinter dieser glanzvollen Selbstdarstellung verbarg sich eine Wirklichkeit, in der Anspruch und Realität oft drastisch auseinanderklafften. Viele Geheimnisse wurden bis lange nach dem Mauerfall gehütet und kommen erst heute ans Licht.

Die „Helden der Arbeit“: Ein Mythos bröckelt
Ein Paradebeispiel für die Diskrepanz zwischen Propaganda und Alltag ist die Geschichte von Frieda Hockauf, einer Weberin aus Zittau. 1953 wurde sie zur Ikone der DDR, zur „Heldin der Arbeit“, weil sie in nur drei Monaten 45 Meter mehr Stoff als ihre Norm webte. Die SED feierte sie als Vorbild einer Aktivistenbewegung, die die Überlegenheit der DDR-Wirtschaft beweisen und insbesondere Frauen zu höherer Produktivität anspornen sollte – Frauen waren die einzige Arbeitskräftereserve der DDR.

Doch während die Propaganda ihr nacheifernde Kolleginnen im ganzen Land suggerierte, sah Hockaufs Realität anders aus. Sie wurde von ihren Kolleginnen als „Normenbrecherin“ und „Verräterin“ beschimpft, Eier und Steine flogen, ihr Webstuhl wurde sabotiert. Obwohl die Partei sie als Vorzeigefigur nutzte und sie sogar Abgeordnete der Volkskammer wurde, lebte Hockauf bis zu ihrem Tod 1974 in bescheidenen Verhältnissen – Ofenheizung, Klo auf halber Treppe, kein Auto. Ihr Schicksal – „arm geboren und arm gestorben“ – wurde der DDR-Bevölkerung verschwiegen.

Wirtschaftliche Not und verdrängte Proteste
Ende der 1950er Jahre verbesserte sich die Wirtschaftslage der DDR zwar leicht, blieb aber ein Drittel hinter der Bundesrepublik zurück. Lebensmittelknappheit führte 1960 zu einer Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die zunächst Missernten und Bauernflucht verursachte. Trotz hoher Investitionen in Industriezweige wie Chemie, Elektro- und Maschinenbau fehlten dort ebenfalls Mittel und Arbeitskräfte, was 1961 in einer tiefen Krise mündete – ein Teufelskreis, der den Mauerbau begründete, um die Volkswirtschaft planbar zu machen.

Die Unzufriedenheit entlud sich in hunderten „wilder Streiks“ Anfang der 1960er Jahre, insbesondere in den industriestarken Bezirken wie Halle, wo sich die Leuna-Werke befanden. Die DDR-Zeitungen schwiegen über diese Arbeitsniederlegungen, während im Westen Gerüchte – teils unzutreffend – kursierten. Der Druck führte zwar zu Reformplänen Ulbrichts für mehr Eigenständigkeit der Betriebe, doch aus Angst vor Kontrollverlust wurden diese wieder abgebrochen.

Wochengrippen: Das stille Leid der Kinder
Um die Frauen für die Arbeit zu mobilisieren, versprach der Staat umfassende Kinderbetreuung. Besonders umstritten waren die „Wochengrippen“, in denen Kinder ab der sechsten Lebenswoche betreut wurden und ihre Eltern nur am Wochenende sahen. Die Propaganda stellte sie als gleichwertige Alternative zu Tageskrippen dar, die Eltern „entlasten“ sollten.

Doch die Realität war eine andere. Eine Studie der Ärztin Eva Schmidtkolmer Anfang der 1950er Jahre, deren Ergebnisse der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, zeigte dramatische Befunde: Wochengrippenkinder litten unter Hospitalismus, zeigten verzögerte Sprachentwicklung und auffälliges Verhalten. Sie blieben in allen Bereichen hinter Altersgenossen zurück. Obwohl Kinderärzte früh warnten und die Probleme in Fachkreisen bekannt waren, wurden Schmidtkolmer und andere Kritiker mundtot gemacht. Das Personal war nachts oft unterbesetzt, was zu Unfällen führte, die mit Fixierungen statt mit mehr Personal behoben wurden. Viele ehemalige Wochengrippenkinder berichten noch heute von gestörten Elternbeziehungen, Partnerschaftsschwierigkeiten und Ängsten – ein Schicksal, das lange ein Geheimnis bleiben musste, um den Mythos der unbegrenzten Produktionssteigerung nicht zu gefährden.

Der „Große Bruder“ und seine Geheimnisse
Die „Freundschaft mit der Sowjetunion“ war ein zentraler Gründungsmythos der DDR. Doch auch hier herrschte eine dunkle Realität. Nach dem Krieg betrieb die Sowjetunion Speziallager wie Torgau oder das ehemalige KZ Sachsenhausen, in denen über 122.000 Deutsche, darunter politische Häftlinge und vermeintliche Nazis, interniert waren. Hunger, Krankheiten und brutale Behandlung waren Alltag; ein Drittel der Insassen überlebte diese Zeit nicht. Über diese „terrorjustiz“ und die Lager durften die Überlebenden in der DDR nicht sprechen – das Thema war tabuisiert.

Auch die sowjetischen Truppen in der DDR, bis zu 500.000 Mann, schirmten sich hermetisch ab. Abstürze sowjetischer Militärflugzeuge, wie 1966 in Folbern, wurden zu Staatsgeheimnissen erklärt und die Schäden von der Stasi unter „eine Glocke“ gelegt. Gerüchte über Atomwaffenlager in Orten wie Großenhain kursierten, wurden aber erst 1992 durch russische Archivfunde bestätigt: Seit 1963 lagerten dort bis zu einem Dutzend Kernwaffen, wovon die DDR-Führung zwar wusste, aber nicht, wo genau.

Die „Waffenbrüderschaft“ war kein Verhältnis auf Augenhöhe, sondern die DDR ein potenzielles Schlachtfeld. Die Propaganda zeigte sowjetische Soldaten stets als freundlich und musikalisch, doch ihre Lebensverhältnisse waren ärmlich und von Gewalt („Dedowschtschina“) geprägt. Tausende Straftaten, Desertionen und gewaltsame Verfolgungsjagden, die oft tödlich endeten, wurden von der Staatssicherheit verzeichnet und vor der Bevölkerung verborgen.

„Russenkinder“ und verbotene Liebe
Trotz arrangierter Begegnungen kam es zu Liebesbeziehungen zwischen sowjetischen Soldaten und ostdeutschen Frauen. Doch diese waren streng verboten, da Offiziere als „Geheimnisträger“ galten und Frauen oft Spionage unterstellt wurde. Renate Walter aus Saalfeld, ein „Russenkind“, erfuhr erst als Teenager durch Zufall den Namen ihres sowjetischen Vaters, Alexander Bessarabow. Ihre Mutter schützte sie, indem sie schwieg.

Alexander kämpfte um seine Familie, wurde verwundet und später unehrenhaft aus der Armee entlassen. Viele „Russenkinder“ erfuhren nie, wer ihre Väter waren und wurden als Teenager angefeindet. Ein „zwischenmenschliches Drama“, das sich unter dem Dach der offiziellen Freundschaft abspielte.

Der Antifaschismus: Eine Fassade mit Rissen
Die Bekämpfung des Nationalsozialismus war der „zentrale Gründungsmythos“ der DDR. Nach der offiziellen „Entnazifizierung“ 1950 gab es angeblich nur noch im Westen Nazis. Doch die Realität sah anders aus: Man integrierte „belastete“ Personen in die neue Gesellschaft, wenn sie sich für den Aufbau des Staates einsetzten. Ein Beispiel ist Ernst Grossmann, „Held der Arbeit“ und LPG-Vorsitzender, der jahrelang für die SED tätig war, obwohl er ab 1940 Angehöriger eines SS-Totenkopfverbandes und Wachmann im KZ Sachsenhausen gewesen war. Die Stasi wusste davon, schützte ihn aber.

Die Doppelzüngigkeit zeigte sich auch im Umgang mit Rechtsterroristen. 1981 half die Stasi dem westdeutschen Rechtsterroristen Udo Albrecht bei der Flucht in den Nahen Osten, um Kontakte zur PLO zu knüpfen und Israel zu bekämpfen – ein Ziel, das der „antifaschistischen“ DDR mit Albrechts antizionistischer Haltung übereinstimmte. Auch der Prozess gegen den Kriegsverbrecher Heinz Barth 1983, der am Massaker von Oradour beteiligt war, wurde zum Propagandaerfolg. Doch auch hier gab es ein dunkles Geheimnis: Zwei weitere identifizierte Mörder wurden nicht angeklagt. Barth selbst knüpfte im Gefängnis Freundschaften mit jungen Neonazis, denen er sein „rechtsextremes Weltbild“ vermittelte.

Die Ergebnisse einer Forschung der Humboldt-Universität Berlin über die Ursachen des Rechtsrucks bei Jugendlichen blieben geheim. Sie zeigten, dass die jungen Neonazis oft aus „soliden“ Elternhäusern stammten und der Verlust alter Autoritäten eine Rolle spielte. Die Jugendlichen nutzten Nazisymbole, um den antifaschistischen Staat herauszufordern, verkörperten aber gleichzeitig Werte wie „Ordnungsdenken“ und „Fremdheit gegenüber anderen Kulturen“, die in Teilen der DDR-Gesellschaft verbreitet waren – ein Mechanismus, der bis heute wirkt.

Das Ende einer Diktatur der Geheimnisse
Als die Menschen 1989 die Mauer zu Fall brachten und 1990 die Stasi-Zentrale stürmten, zeigte sich das wahre Ausmaß der Geheimnisse. Die vielen verborgenen Realitäten, die im krassen Widerspruch zur offiziellen Propaganda standen, trugen maßgeblich zum Vertrauensverlust bei und enthüllten eine Diktatur, die ihre Bürger bis zuletzt täuschte und prägte.