Bansin 1961: Verlorenes Ferienparadies hinter Stacheldraht

Hinter Stacheldraht und Grenzbarrieren liegt unerreichbar das Ferienland vergangener Tage. Eine Reise nach Rügen oder Usedom, nach Swinemünde oder Bansin, ist im Jahr 1961 ein unerfüllbarer Wunsch geworden. Bansin, einst ein beliebtes Familienbad auf der Insel Usedom, ist nun von der SED-Führung als „Bad der Werktätigen“ proklamiert worden.

Wie an der gesamten Ostseeküste hat der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) die Kontrolle übernommen. Hotels wurden enteignet und in gewerkschaftseigene Heime umgewandelt. Die vertrauten Namen von einst – Meeresruh, Strandhaus und Bansiner Hof – sind verschwunden, an ihrer Stelle prangen nun Parteiparolen und sozialistische Losungen. Rund 90 Prozent aller Ostseebesucher verbringen ihren Urlaub in organisierten Gruppen. Der FDGB plant die Reise, bestimmt den Aufenthaltsort, das Hotel und die Dauer des Urlaubs. Gemeinsame Mahlzeiten, kollektive Badegänge und Gruppenbesuche in den neu errichteten Kulturpalästen prägen das Bild der einst so freien Erholungsorte.

Beim Anblick des weiten, weißen Strandes, der Sandburgen und Strandkörbe fühlt es sich an, als würde sich das Rad der Zeit zurückdrehen. Erinnerungen werden wach an jene Jahre, als noch die Züge vom Stettiner Bahnhof zur Ostsee rollten. Am Wochenende fuhren Sonderzüge aus Hamburg und Berlin an die Küste, um Strohwitwer zu ihren Familien zu bringen. Damals waren freie, ungebundene Ferien eine Selbstverständlichkeit. Nun aber unterliegt sogar der Urlaub der Planwirtschaft und dem Kollektivwillen der SED. Eine spontane Reise von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel ist nicht mehr möglich. Ständig wird das Organisationssystem des Feriendienstes ausgebaut. Bis 1965 sollen entlang der Ostseeküste standardisierte Bettenhäuser und Großverpflegungsanstalten entstehen.

Doch die landschaftliche Schönheit der Ostseeküste bleibt unverändert. Das Rauschen des Meeres, der weiße Sand und der strahlende Sonnenschein bewahren ihren Zauber und vermitteln auch heute noch ein Gefühl von Ferienstimmung. Am Rande von Bansin leben weiterhin die Fischer, die einst als freie, selbstständige Menschen hinaus auf das Meer fuhren. Doch auch ihnen wurde die Selbstbestimmung genommen. Sie mussten den staatlichen Fischkombinaten beitreten und ihren Fang den Fischverwertungsgenossenschaften überlassen. Ihre Sollerfüllung bestimmt nun den Tagesablauf, so wie es bei den Bauern und Kaufleuten der DDR ebenfalls der Fall ist.

Der Ostseestrand bleibt in der Erinnerung lebendig, ebenso wie der Traum von der Freiheit. Wann werden die Grenzbarrieren fallen, und wann wird es westdeutschen Bürgern wieder möglich sein, die Bäder von Usedom, Rügen und der pommerschen Küste ungehindert zu besuchen?

Der Beitrag bezieht sich auf das oben eingefügte Video! Beschreibung: „1961 besucht ein Team des SFB den deutschen Osten und betrauert, was in der „Zone“ vor sich geht. Im Ostseebad Bansin hat sich seit dem Mauerbau viel verändert, das beliebte Familienbad von einst ist nun das Bad der Werktätigen unter Organisation der SED. Zwar stehen weiterhin die Strandkörbe am weißen Strand, werden Sandburgen gebaut und das Meer rauscht. Aber die Hotels wurden enteignet, um in gewerkschaftseigene Heime umgewandelt zu werden. Die SFB-Crew berichtet, dass 90 % der Urlaube in der DDR der FDGB (Freie Deutsche Gewerkschaftsbund) zentral plant. Auch die Ferienzeit ist dem Kollektivwillen unterworfen, der Staat teilt zu, die Einzelnen ordnen sich unter. Bis 1965 sollen an der Ostsee viele weitere Bettenhäuser und Großverpflegungsanstalten für den ostdeutschen Urlaub entstehen. Die Besucher aus dem Westen fangen Bansin in schönen Aufnahmen ein, wünschen sich dabei aber ein Fallen von Stacheldraht, Grenzbarrieren und kommunistischer Zentralverwaltung.“

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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