Der Saporoshez – Die Kremlwanze des Osten’s

Wer in der DDR einen Saporoshez fuhr, wurde belächelt – und das nicht zu Unrecht. Der sowjetische Kleinwagen mit Heckmotor und Panzeranlass-DNA galt im Volksmund als „Kolchosentraktor“ oder „Tiger-Trommel“. Er war laut, langsam, unpraktisch – und doch für manche die einzige Möglichkeit, überhaupt ein eigenes Auto zu besitzen.

Ab 1967 rollten die ersten Modelle, allen voran der SAS 965, über ostdeutsche Straßen. Produziert im ukrainischen Saporoschje – heute Saporischschja – war der Wagen ein echter Export-Schlager aus dem Ostblock, auch wenn sein Ruf ihm weit vorausfuhr. Während DDR-Bürger jahrelang auf einen Trabant warten mussten, war der Sapo oft sofort verfügbar. Der Haken: Das Fahrzeug war mit allerlei Eigenheiten ausgestattet, die seinen Alltagseinsatz erschwerten – und teils gefährlich machten.

Zwischen Benzinheizung und Blecheigenleben
Besonders berüchtigt war die benzinbetriebene Heizung, deren Nachglühen beim Tanken für Nervosität sorgte – sowohl bei Fahrern als auch beim Personal. Immer wieder kam es zu Fahrzeugbränden, nicht selten verursacht durch selbst durchgeführte Reparaturen an der empfindlichen Heiztechnik.

Auch sonst war der Wagen eher etwas für Liebhaber mit starken Nerven: mangelnde Verarbeitung, klappernde Karosserie, ein kaum nutzbarer Kofferraum – Urlaub mit Koffer? Fehlanzeige. Die meisten Saporoshez-Fahrer behalfen sich mit Einkaufstüten und stopften ihre Kleidung in die letzten Ecken des Fahrzeugs. Dennoch: Die gute Federung, die Beinfreiheit und der durchaus kräftige Motor mit bis zu 40 PS machten den Wagen besonders im hügeligen Gelände zu einer interessanten Alternative zum Trabant.

Vom Spottobjekt zum Sammlerstück
Trotz seiner Schwächen hat der Saporoshez heute Kultstatus. Einer, der seine Liebe zum skurrilen Sowjetflitzer nie verlor, ist Thomas Eggert aus Altenburg. Er erwarb früh einen SAS 965 und restaurierte ihn originalgetreu. In den frühen 90ern eröffnete er eine eigene Werkstatt – spezialisiert auf genau jene Fahrzeuge, die die meisten längst abgeschrieben hatten. Noch heute repariert Eggert die letzten rund 150 Saporoshez, die nach Schätzungen auf deutschen Straßen unterwegs sind. Zwei davon gehören ihm selbst.

Sowjet-Charme mit Lotterie-Glück
Übrigens: Ein prominenter Saporoshez-Besitzer war auch der heutige russische Präsident Wladimir Putin. Seine Mutter gewann das Auto einst in einer Lotterie – vielleicht einer der wenigen Fälle, in denen der Sapo als echter Glücksgriff galt.

Mit dem Ende der DDR verschwand auch der Saporoshez von den Straßen – zumindest fast. Denn was einst als Billigalternative belächelt wurde, lebt heute als automobilhistorische Kuriosität weiter. Er ist ein Relikt sowjetischer Ingenieurskunst – und ein Symbol dafür, wie selbst das Unterschätzte seinen Platz in der Geschichte findet.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl