Der Abzug der russischen Truppen aus Hagenow – Einblicke von Kuno Kahls

Kuno Kahls, ein Geschichtsexperte und Hobbyfotograf aus Hagenow, dokumentierte die sowjetische bzw. russische Militärpräsenz in der Region von 1945 bis 1992. In einem Interview schildert er seine Erinnerungen an diese Zeit und seine persönliche Wahrnehmung der russischen Armee.

Wahrnehmung der russischen Armee
Laut Kahls betrachteten viele DDR-Bürger die Rote Armee nicht als Besatzungsmacht, sondern als Verbündete. Er berichtet von positiven Begegnungen, etwa bei Pionier-Nachmittagen mit Soldaten. Dennoch beschreibt er bedrückende Bilder von jungen, kahlgeschorenen Soldaten, die ihm bemitleidenswert erschienen. Seine Fotografien zeigen russische Soldaten beim Abbau von Straßenpflaster in Hagenow – überraschenderweise wurde ihm dies gestattet, und die Soldaten posierten bereitwillig vor der Kamera.

Sammlung sowjetischer Hinterlassenschaften
Nach dem Abzug der russischen Truppen begann Kahls, zurückgelassene Gegenstände vom Flugplatz zu sammeln, unterstützt von einem ehemaligen Schlosser. Zu seinen Funden gehören Uniformteile, Bücher, Briefe, Postkarten, Stiefel, Unterrichtsmaterialien und eine Balalaika. Besonders bemerkenswert ist ein Blechnapf, aus dem offenbar auch Offiziere aßen, sowie eine Europakarte aus dem Büro des Kommandanten. Weitere kuriose Fundstücke sind ein Nadelkissen in Form einer amerikanischen Flagge und verschiedene Werkzeuge.

Alltag und Beziehungen zwischen Soldaten und Bevölkerung
Während des Kalten Krieges fürchtete Kahls wie viele andere einen neuen Weltkrieg. In seinem Beruf als Optiker hatte er häufig Kontakt zu russischen Offizieren und Soldaten, die Brillen für ihre Familien in der Heimat kauften. Ein besonderer Kontakt war André, ein Dolmetscher, der mehrere Sprachen beherrschte. Nach der Wende wurde er jedoch aufgrund seiner vermeintlichen Deutschfreundlichkeit abgezogen.

Atomwaffen in Hagenow
Erst 1996 erfuhr Kahls durch André, dass in Hagenow Atomraketen stationiert waren. Laut dessen Aussage befanden sich dort 22 Raketen, verteilt auf elf Fahrzeuge, die über Parchim ausgeflogen wurden. Diese Raketen hätten Ziele bis nach Lissabon erreichen können, und jede Nacht wurden westdeutsche Städte ins Visier genommen. Die russischen Truppen konnten die Raketen innerhalb von 20 Minuten einsatzbereit machen – deutlich schneller als die Amerikaner.

Kontakt zwischen Soldaten und Bevölkerung
Der Austausch zwischen russischen Soldaten und der örtlichen Bevölkerung war begrenzt. Die Soldaten verließen die Kaserne meist nur für medizinische Besuche oder um den Optiker aufzusuchen. Offiziere wurden gelegentlich in der Stadt gesehen, oft mit einem Begleiter. Eine Ausnahme bildete die 600-Jahr-Feier Hagenows 1970, an der zahlreiche sowjetische Soldaten teilnahmen.

Das Kasernengelände nach dem Abzug
Das von den Nazis errichtete und später von den Russen genutzte Kasernengelände wurde nach dem Abzug der Truppen in den 1990er Jahren größtenteils abgerissen. Es gab Pläne, dort 900 Asylbewerber unterzubringen, was jedoch nicht umgesetzt wurde. Stattdessen entstand ein Gewerbegebiet.

Erinnerung an die russische Armee
Viele DDR-Bürger waren Mitglied der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ (DSF), jedoch empfanden viele die Organisation als wenig lebendig. Heute gibt es in Hagenow kaum noch Spuren der russischen Armee. Kahls betont, dass das Thema in den Köpfen der Menschen verblasst sei, da die Soldaten nicht aktiv am öffentlichen Leben teilnahmen.

Letzte Spuren und Abzug
Russische Soldaten entfernten einst das Kopfsteinpflaster in der Hagenstraße und der Teichstraße für Betonstraßen – eine Maßnahme, die nach der Wende rückgängig gemacht wurde. Am 7. November 1991 fand die letzte Kranzniederlegung am Soldatenfriedhof statt. Zu diesem Zeitpunkt war der bevorstehende Abzug der russischen Truppen bereits bekannt.

Das Interview endet mit einem Hinweis auf einen Bildband von Kuno Kahls, der auf Vorbestellung erhältlich ist und die Geschichte des Flugplatzes und der sowjetischen Armee in Hagenow dokumentiert.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl