In einem ausführlichen Gespräch im Kloster Volkenroda blickt der Liedermacher Gerhard Schöne auf seine künstlerische Laufbahn zurück, wobei er differenzierte Einblicke in die kulturpolitischen Mechanismen der DDR gewährt. Seine Reflexionen verdeutlichen, wie Künstler in einem autoritären System Nischen fanden und Strategien entwickelten, um trotz ideologischer Vorgaben authentisch zu bleiben. Dabei wird deutlich, dass Schönes Karriere stets zweigleisig verlief: Während er einerseits Programme für Erwachsene gestaltete, bildeten seine Kinderlieder einen wesentlichen Pfeiler seiner öffentlichen Wahrnehmung, der weit über reine Unterhaltung hinausging.
Historisch betrachtet fungierte das Genre des Kinderliedes in der DDR oft als ein künstlerischer Schutzraum. Schöne beschreibt, wie die Kulturfunktionäre bei Inhalten für Erwachsene oft von einer Ängstlichkeit getrieben waren, Fehler vor ihren Vorgesetzten zu begehen. Dies führte dazu, dass kritische oder nicht systemkonforme Töne im Erwachsenenprogramm oft blockiert oder medial nicht verbreitet wurden. Kinderlieder hingegen, die als vermeintlich harmlos und unpolitisch galten, unterlagen einer weniger strengen Zensur. Diese Unterschätzung des Genres erlaubte es dem Künstler, eine Popularität aufzubauen, die ihm eine gewisse Immunität verlieh.
Die Rolle staatlicher Anerkennung in der DDR wird in Schönes Erzählung einer interessanten Neubewertung unterzogen. Preise und Auszeichnungen fungierten weniger als bloße Ehrung künstlerischer Qualität, sondern vielmehr als bürokratische Schutzschilder. Schöne erläutert dies am Beispiel eines Kunstpreises der FDJ. Obwohl er selbst nie Mitglied der FDJ war und seine Auftritte in Kirchen oft den Argwohn der Behörden weckten, schützte ihn eine solche offizielle Auszeichnung vor lokalen Spielverboten. Ein Preis signalisierte den unteren Ebenen der Verwaltung, dass der Künstler von „oben“ geduldet war, was willkürliche Einschränkungen erschwerte.
Auch die ökonomischen Realitäten des DDR-Musikmarktes spielen in der Rückschau eine Rolle. Die Verkaufszahlen von Schönes Schallplatten waren immens und übertrafen oft jene der staatlich geförderten Rockbands. Diese wirtschaftliche Relevanz erzeugte einen pragmatischen Druck auf die Kulturbehörden: Ein Künstler, der derart breite Massen erreichte, konnte nicht einfach ignoriert werden. Die Vergabe von Preisen war somit oft auch eine nachträgliche Legitimierung seines Erfolgs durch den Staat, um Erklärungsnotstände zu vermeiden, warum ein so populärer Musiker keine offizielle Anerkennung fand.
Der Blick auf das eigene Werk ist im Heute jedoch nicht frei von kritischer Selbstreflexion. Schöne thematisiert den Wandel gesellschaftlicher Normen und Sensibilitäten, der auch vor seinen Klassikern nicht halt macht. Lieder wie „Jule wäscht sich nie“, die in der DDR-Zeit als humorvolle Alltagsbeschreibungen funktionierten, betrachtet er inzwischen differenzierter. Die heutige Diskussion um Geschlechterrollen und pädagogische Wirkungen führt dazu, dass er bestimmte Texte als nicht mehr zeitgemäß empfindet. Dies zeugt von einer Offenheit, das eigene Schaffen im Kontext neuer diskursiver Standards zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.
Diese Anpassungsfähigkeit zeigt sich auch in der sprachlichen Überarbeitung älterer Werke. Wenn Schöne heute Texte von Vorbildern wie Atahualpa Yupanqui interpretiert, ersetzt er Begriffe wie „Brüder“ durch das inklusivere „Geschwister“. Dies ist weniger als Anbiederung an den Zeitgeist zu verstehen, sondern als Fortführung seines humanistischen Anspruchs, niemanden auszuschließen. Es verdeutlicht, dass die Inhalte seiner Lieder, die oft Solidarität und Menschlichkeit thematisieren, einem stetigen Prozess der Aktualisierung unterliegen, um ihre Gültigkeit auch in einer veränderten Gesellschaft zu bewahren.
Trotz seiner christlichen Prägung wehrt sich Schöne gegen etikettierende Zuschreibungen wie die des „christlichen Liedermachers“. Diese Haltung spiegelt eine in Ostdeutschland verbreitete Skepsis gegenüber ideologischen Schubladen wider. Für Schöne ist der Glaube eine innere Haltung, die sich in den Themen seiner Lieder niederschlägt, ohne dass diese explizit missionarisch sein müssen. Er betont die Universalität seiner Botschaften, die sowohl im kirchlichen Raum als auch vor einem säkularen Publikum Resonanz finden sollen. Die Kirche bleibt dabei ein wichtiger, aber nicht der einzige Resonanzraum seines Schaffens.
Im gegenwärtigen Lebensabschnitt verschieben sich die Prioritäten des Liedermachers zunehmend ins Private und Soziale. Das Engagement als Bereitschaftspflegeeltern, das er gemeinsam mit seiner Frau ausübt, zeugt von einer gelebten gesellschaftlichen Verantwortung, die über das künstlerische Wirken hinausgeht. Die Aufnahme von Kindern in Notsituationen ist eine praktische Fortsetzung der Themen, die er in seinen Liedern oft besingt: Schutz für die Schwachen und familiärer Zusammenhalt. Hier verschmelzen Biografie und Werk zu einer Einheit, bei der das Handeln im Alltag wichtiger wird als der Applaus auf der Bühne.
Abschließend thematisiert das Gespräch die Endlichkeit der künstlerischen Laufbahn. Der Gedanke an den Abschied von der Bühne ist präsent und wird von Schöne ohne Bitterkeit formuliert. Er plant ein Programm, das sich thematisch auf das Wesen des Singens konzentriert – eine Rückbesinnung auf den Kern seines Tuns. Diese Reflexion über das Aufhören wirkt in ihrer Sachlichkeit fast tröstlich: Es ist der natürliche Abschluss einer Biografie, die sich durch beständigen Wandel und eine treue Begleitung des Publikums durch verschiedene politische Systeme hindurch ausgezeichnet hat.