Der beispiellose Medaillenregen der DDR bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften basierte nicht auf Zufall, sondern auf einem frühzeitigen, streng wissenschaftlich organisierten Auswahlsystem. Das absolute Herzstück dieses „Sportwunderlandes“ bildeten die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS), die als legendäre, aber auch oft gefürchtete Kaderschmieden des Staates fungierten. Wer auf die internationale Bühne wollte, musste nahezu zwingend dieses enge Nadelöhr passieren.
Die Geschichte der KJS begann bereits Anfang der 1950er Jahre. Nach sowjetischem Vorbild, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass allgemeine Schulbildung und hochspezialisiertes Training an einem einzigen Ort verschmolzen wurden, eröffnete Walter Ulbricht 1952 die ersten Einrichtungen. Der Alltag an diesen Schulen war durch einen strikten Rhythmus aus Unterricht und mehrstündigem Leistungstraining gekennzeichnet. Was mit vier Standorten in Berlin, Brandenburg, Halberstadt und Leipzig begann, wuchs schnell zu einem flächendeckenden Netzwerk heran, das bald die gesamte Republik überzog – von Rostock an der Ostsee bis Klingenthal im Vogtland.
Der Zugang zu diesen Eliteschulen wurde über die sogenannte „Einheitliche Sichtung und Auswahl“ (ESA) gesteuert. Talentscouts durchkämmten landesweit die unteren Klassenstufen der regulären Oberschulen, um vielversprechende Kinder frühzeitig zu erfassen. Die Aufnahmekriterien waren multidimensional und extrem streng: Neben außergewöhnlichen physischen und gesundheitlichen Voraussetzungen musste auch die Eignung für das Erreichen des Abiturs prinzipiell gegeben sein. Zwar war die soziale Herkunft der Eltern anfangs kein Hindernis, doch in späteren Jahren wurden Kinder mit Verwandten im Westen systematisch aus sicherheitspolitischen Gründen vom Leistungssport ausgeschlossen.
Das System der KJS sicherte der DDR einen permanenten Nachschub an Weltklasseathleten und garantierte so die dauerhafte sportliche Dominanz. Gleichzeitig verlangte es von den Kindern und Jugendlichen immense persönliche Opfer: Die extrem frühe Trennung von den Eltern durch die Unterbringung in Internaten, der extreme Leistungsdruck und die unbedingte Unterordnung unter den „Staatsplan Sieg“ prägten die jungen Biografien. Ironischerweise überdauerte die methodische Effizienz dieser Einrichtungen das Ende der DDR: Das Verbundkonzept aus Schule, Training und Internat diente dem wiedervereinigten Deutschland als architektonische Blaupause für das heutige, sehr erfolgreiche Netzwerk der „Eliteschulen des Sports“.