Jenaer Philharmonie vollendet monumentalen Mahler-Scartazzini-Zyklus

JENA – Es begann 2018 als ein künstlerisches Wagnis und endete 2025 als Triumph der Ausdauer und Kreativität. Die Jenaer Philharmonie hat ein in der deutschen Orchesterlandschaft einzigartiges Großprojekt zum Abschluss gebracht: den Mahler-Scartazzini-Zyklus. Nach sieben Jahren intensiver Arbeit liegen nun zehn neue Kompositionen vor, die in einen direkten Dialog mit den Sinfonien Gustav Mahlers treten.

Eine „riesige Reise“ findet ihr Ziel
„Die Freude ist groß, dass dieser Zyklus jetzt vollendet ist“, resümiert der Schweizer Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini, der Composer-in-Residence dieses Mammutprojekts. Was vor sieben Jahren begann, beschreibt er heute fast wehmütig als eine „riesige Reise“.

Der Auftrag war so simpel wie herausfordernd: Scartazzini sollte auf das Werk Gustav Mahlers reagieren – nicht durch Imitation, sondern durch eigenständige, kurze Kompositionen, die den gewaltigen Sinfonien Mahlers vorangestellt oder gegenübergestellt werden. Das Ziel war es, dem Publikum eine neue Tür zum Verständnis des großen Romantikers zu öffnen.

„Wir alle konnten erleben, wie sein Stück wächst, wie einer Pflanze zuzugucken, wie sie Blüten treibt und immer farbiger wird.“

Mehr als nur ein Vorprogramm
Für die Musikerinnen und Musiker der Jenaer Philharmonie war das Projekt weit mehr als das bloße Abspielen zeitgenössischer Pflichtstücke. Es entstand eine Symbiose zwischen dem Orchester und dem Komponisten. Scartazzini wird eine Zusammenarbeit mit „offenem Herzen“ attestiert; er schrieb keine Kopfgeburten, sondern Musik, die die Charaktere im Orchester berücksichtigte.

Das Ergebnis ist eine spürbare künstlerische Evolution auf beiden Seiten. „Seine Tonsprache hat sich entwickelt, so wie sich unser Mahler-Spiel auch sehr entwickelt hat“, heißt es aus den Reihen des Orchesters. Durch die Spiegelung an Scartazzinis modernen Klängen wurde Mahlers Musik für die Interpreten – und somit auch für das Publikum – noch greifbarer und frischer. Selbst erfahrene Sängerinnen und Sänger, die Mahler seit Jahren im Repertoire haben, berichten von einem völlig neuen Zugang durch diese Kontextualisierung.

Das Flüchtige bewahren
Ein zentraler Aspekt dieses Abschlusses ist die Dokumentation. Da Musik im Moment der Aufführung flüchtig ist, legte die Jenaer Philharmonie großen Wert darauf, diesen Zyklus aufzunehmen. Es ist der Versuch, die zehn Uraufführungen im Repertoire zu halten und der Nachwelt zugänglich zu machen.

Für das Orchester, das für sein „warmes und präzises“ Spiel gelobt wird, und für den Komponisten schließt sich damit ein Kreis. Scartazzinis Hoffnung ist bescheiden und doch ambitioniert: „Wenn man sie hört, geht eine Welt auf. Ich kann nur ermutigen, diese Neugierde zu haben.“

Mit dem Abschluss des Jahres 2025 hat Jena bewiesen, dass auch in der heutigen Zeit monumentale, über Jahre angelegte Kunstprojekte möglich sind, die Tradition und Moderne nicht nur verbinden, sondern gegenseitig befruchten.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.