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Wie die SED ihre Macht in der DDR missbrauchte

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Hinter verschlossenen Türen und vor den Augen des Volkes entfaltete sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein System des Machtmissbrauchs, der Kontrolle und der Privilegien, das das offizielle Bild einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen Lügen strafte. Von internen Intrigen über geheime Hinrichtungen bis hin zu systematischer Überwachung und brutalen Jugendstrafen – die Verbrechen der SED-Führung und ihrer Handlanger wirken bis heute nach und prägten ein verschwundenes Land.

Der Griff nach der Macht: Ulbrichts Sturz und Honeckers Aufstieg
Die politische Elite der DDR, insbesondere das Politbüro der SED, war die eigentliche Machtzentrale, in der 15 bis 20 ältere Männer die Staatsgeschäfte unter sich ausmachten. Ende der 1960er Jahre, als Staatschef Walter Ulbricht mit 75 Jahren noch Reformen vorantreiben wollte, geriet er ins Visier seiner Genossen. Seine Alleingänge, besonders in der Deutschlandpolitik und bei Wirtschaftsreformen, missfielen nicht nur Moskau, sondern auch vielen Politbüromitgliedern. Die sowjetische Führung unter Leonid Breschnjew, die Ulbrichts Annäherung an die Bundesrepublik skeptisch sah, gab schließlich grünes Licht für seine Absetzung.

Am 2. Mai 1971 nutzte Erich Honecker, ein als moskautreu bekannter Genosse, diese Gelegenheit. In einem inszenierten Putsch nötigte er Ulbricht zum Rücktritt und riss die Macht an sich. „Ohne die Russen war das nicht möglich“, heißt es in den Quellen. Honecker führte das Land fast 20 Jahre lang, bis auch er 1989 dem Druck der anhaltenden Proteste und einer internen Intrige zum Opfer fiel.

Honeckers Geheimnisse und Wandlitz: Die Doppelmoral der Elite
Erich Mielke, der undurchsichtige Stasi-Chef, spielte bei Honeckers Rücktritt eine entscheidende Rolle. Er drohte damit, belastendes Material über Honecker offenzulegen, das er in einem „roten Koffer“ in seinem Safe aufbewahrte. Dieses Material enthielt unter anderem Verhörprotokolle der Gestapo aus den 1930er Jahren, die belegten, dass Honecker als Kommunist in Haft nicht nur unvorsichtige Aussagen gemacht, sondern auch seine Widerstandsgruppe und eine tschechische Kundschafterin in Gefahr gebracht hatte. Ein solches Vorgehen galt für einen Kommunisten als „Todsünde“ und hätte seinem sorgsam gepflegten Image als Widerstandskämpfer massiv geschadet. Der Koffer enthielt auch Briefe von Honeckers erster Ehefrau, Edith Baumann, über seine Affäre mit Margot Feist, was den sozialistischen Moralvorstellungen widersprach. Mielkes Handeln war wohl Teil einer „Absicherungsstrategie“ innerhalb der Ostberliner Führungselite, in der einer über den anderen wachte.

Diese Führungselite lebte selbst eine frappierende Doppelmoral: In der Waldsiedlung Wandlitz, einem auf keiner offiziellen Karte verzeichneten Ort, genossen die Politbüromitglieder ab 1960 ein geheimes Luxusleben. Während die meisten DDR-Bürger jahrelang für Waren anstanden und auf eine Wohnung warten mussten, leistete sich die Parteiführung Westwaschmaschinen, Dienstpersonal, einen Tennisclub, eine Schwimmhalle und ein Geschäft mit Westweinen und Südfrüchten. Dies verletzte den Anspruch eines Staates der Gleichheit. Im Herbst 1989 wurde Wandlitz zum Symbol für die Entfremdung der Machtelite vom Volk und trug als „Sargnagel für die DDR“ maßgeblich zur Eskalation der Wut bei.

Die Brutalität der Staatsmacht: Todesstrafe, Entführungen und Jugendwerkhöfe
Die Schattenseiten des Regimes waren jedoch weitaus düsterer. Erst 1987 wurde die Todesstrafe in der DDR offiziell abgeschafft, doch die meisten Bürger wussten gar nicht, dass sie überhaupt noch existierte. Bis 1981 wurden über 160 Todesurteile vollstreckt, nicht nur wegen NS-Verbrechen und Mord, sondern auch in politischen Fällen, insbesondere gegen Überläufer aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Hinrichtungen, zuerst mit dem Fallbeil, dann mit der Pistole, wurden geheim gehalten; auf den Todesscheinen stand oft „Herz- oder Kreislaufversagen“, um Nachfragen zu vermeiden.

Ein besonders tragischer Fall war das Ehepaar Susanne und Bruno Krüger, Stasi-Mitarbeiter und überzeugte DDR-Bürger, die 1953 wegen Amtsmissbrauchs und Korruption in Ungnade fielen und nach West-Berlin flohen. Aus Angst vor der Preisgabe ihres Wissens setzte die Stasi 20 Agenten und 16 inoffizielle Mitarbeiter auf sie an. Bruno Krüger wurde betäubt, in einen Teppich gerollt und entführt; auch seine Frau und sein Sohn wurden später in die DDR verschleppt. Nach nur einem Verhandlungstag wurden sie 1955 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre Bestrafung diente als gnadenlose Vergeltung, um anderen MfS-Mitarbeitern eine Warnung zu sein: „Wenn sich jemand wie ein Verräter verhält, trifft ihn eine gnadenlose Vergeltung“.

Auch vermeintlich rebellische Jugendliche gerieten in die Fänge des Systems. In den sogenannten Jugendwerkhöfen waren zu DDR-Zeiten rund 4000 Jugendliche untergebracht. Besonders berüchtigt war der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau, der härteste von allen. Dort wurden Jugendliche „gebrochen“ durch ein Regime aus Zwang, Drill und körperlicher Ertüchtigung bis zur Erschöpfung, einschließlich des „Torgauer Dreiers“ (Liegestütze, Strecksprünge, Kniebeugen) und 20 km Dauerlauf. Wer nicht gehorchte, dem drohten Essensentzug, Schläge und Dunkelkammerarrest.

Der Werkhofleiter Horst Kretschmer war für seine Brutalität bekannt und missbrauchte zudem systematisch junge Mädchen, darunter die 17-jährige Corina Talheim. Viele Betroffene schwiegen aus Angst und Scham über Jahrzehnte hinweg.

Der Arm der Stasi: Überwachung und Fluchtversuche
Die Stasi baute auf ein weitreichendes System der Denunziation. 70 Prozent der Anzeigen, durch die Menschen angeschwärzt wurden, stammten von inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) – 1989 waren das 180.000 Menschen. Aber auch anonyme Anrufer und Nachbarn denunzierten Republikflucht, Zoll- und Wirtschaftsvergehen. Dies hatte für die Betroffenen oft weitreichende Folgen, bis hin zu Gefängnisstrafen.

An der innerdeutschen Grenze setzte die Stasi sogar geheime Technologie ein. Ab 1972 wurden an allen 17 Grenzübergängen Gammastrahler eingesetzt, um Autos, die in den Westen fuhren, zu durchleuchten und Flüchtlinge in Hohlräumen zu entdecken. Die Stasi wusste um die Gefährlichkeit dieser radioaktiven Strahlen; Experimente mit Hunden zeigten, dass die Tiere erkrankten und eingeschläfert werden mussten.

Trotz dieser Gefahren und der Absicherung der Grenze mit Minenfeldern, Selbstschussanlagen und dem Schießbefehl, bei dem bis 1989 über 1000 Menschen starben, versuchten Tausende die Flucht. Roland Schreier, ein ehemaliger Zivilangestellter der Grenztruppen, nutzte sein Wissen über die Sicherheitsvorkehrungen, um 1988 in den Westen zu fliehen und seine Familie später durch einen Abwasserkanal nachzuholen. „Man ist wahrscheinlich so voller Adrenalin und voller Anspannung“, erinnerte er sich an seine lebensgefährliche Aktion.

Das Ende einer Diktatur: Der Herbst ’89
Die Enthüllungen über Machtmissbrauch und Privilegien, die brutalen Machenschaften der Stasi und die zunehmende Entfremdung der Führung vom Volk schaukelten die Wut in der Bevölkerung immer weiter hoch. Im revolutionären Herbst 1989 eskalierten die Proteste. Die Stasi griff in Berlin und anderen Städten hart durch, die Gefängnisse füllten sich, doch die Menschen ließen sich nicht mehr einschüchtern.

In Leipzig stand die DDR am 9. Oktober 1989 kurz vor einem Blutbad, ähnlich der „chinesischen Lösung“ vom Tian’anmen-Platz. Es gab bereits den Befehl, die Demonstration mit Gewalt aufzulösen, Militärtechnik wurde aufgefahren, und Gerüchte über bereitgehaltene Blutkonserven und Bestattungsunternehmer kursierten. Doch der Kapellmeister Kurt Masur überzeugte Leipziger SED-Funktionäre, die Demonstration nicht zu verhindern, und rief zu friedlichem Protest auf. Eine Woche später konnte der stellvertretende Verteidigungsminister Fritz Strz Erich Honecker davon überzeugen, Panzer in den Kasernen zu lassen, was ein Massaker verhinderte.

Die Macht des Regimes bröckelte, die Loyalität schwand, und das System funktionierte nicht mehr. Nur drei Wochen später, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Die DDR, ihre Staatsmacht und ihre Geheimnisse verschwanden – doch die Aufarbeitung der Missbräuche, die das Land prägten, beschäftigt bis heute.

Die Schattenkämpfer der Ostsee: Das geheimnisvolle Erbe der DDR-Kampfschwimmer

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Kühlungsborn, Ostseeküste. Sie agierten im Verborgenen, ihre Einsätze und Methoden blieben im Dunkel des Geheimen. Unbemerkt griffen sie an, zerstörten mit Zeitzünderminen feindliche Schiffe, setzten Radaranlagen außer Gefecht und sprengten Raketenstellungen in die Luft. Die Rede ist von Kampfschwimmern – einer Eliteeinheit, wie sie auch in NATO-Armeen, Israel oder Russland existierten. Auch die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR verfügte über ein solches Spezialkommando. Eine 100 Mann starke Truppe, die bereit war, weit ins Hinterland des Feindes vorzudringen, dort als Einzelkämpfer zu operieren, Truppenbewegungen zu beobachten, Geheimdokumente zu entwenden oder feindliche Zielpersonen zu liquidieren oder gefangen zu nehmen.

Ein verborgenes Zuhause an der Küste
Der einstige Stationierungsort dieser Elitekämpfer der Volksmarine lag seit Anfang der 1960er Jahre unweit von Rostock, versteckt zwischen Strand und Düne in Kühlungsborn. Heute sind alle Spuren des einst geheimen Militärobjekts verwittert, die Reste der Kaserne zeugen von einer vergangenen Ära. Karlheinz Müller, ehemaliger Offizier der Volksmarine und verantwortlich für die Gefechtsausbildung der Kampfschwimmer in Tarnung, Topographie und Taktik, erinnert sich an die Zeit. Er selbst kam 1963 als Funker zu den Kampfschwimmern, angezogen von der Vorstellung des Fallschirmspringens und Tauchens, Vorerfahrungen im Wintersport und als Schwimmer machten ihm den Einstieg leicht.

Harte Ausbildung für extreme Einsätze
Die Auswahl der freiwilligen Kandidaten war rigoros: politische Zuverlässigkeit, keine westliche Verwandtschaft, körperliche Fitness und extreme Belastbarkeit waren oberste Voraussetzungen. In speziellen Ausbildungsräumen wurde das Tauchen trainiert, Atemübungen mit Kreislauftauchgeräten unter Aufsicht eines Arztes durchgeführt. Auch der Einsatz mit Fallschirm im Hinterland des Feindes wurde intensiv geübt, obwohl die Einheit kein Fallschirmjäger-Bataillon war. Sie wurden auf Nachtsprünge ins Wasser und auf Land vorbereitet, mit und ohne Waffe und Ausrüstung. Nahkampftraining, der Umgang mit Unterwasserminen und Sprengstoffen gehörten ebenso zum Programm wie verdeckte Kommandounternehmen und Landungen an feindlichen Küsten.

Die Härte der Ausbildung zeigte sich auch in den Winterlagern, die über Wochen im Januar und Februar stattfanden. Im erzgebirgischen Bärenstein, unweit des Fichtelbergs, mussten sich die Kampfschwimmer nach einem Fallschirmabsprung im Gebirge ihren Weg bahnen. Das bedeutete im Freien übernachten, Nahrung suchen, Ziele ausspähen und verschlüsselte Funksprüche absetzen – alles bei eisiger Kälte, Frost und Schnee.

Technologische Herausforderungen und clevere Lösungen
Ein besonderes Merkmal der Kampfschwimmer war ihr spezielles Kreislauftauchgerät, das nicht mit normaler Druckluft, sondern zusätzlich mit Sauerstoff betrieben wurde, wodurch die eigene Atemluft regeneriert wurde. Dies ermöglichte es, ohne Blasenspur kilometerweit unentdeckt an Objekte heranzukommen und sogar Sprünge aus Hubschraubern aus 10-12 Metern Höhe direkt ins Wasser zu absolvieren, ohne sofort aufzutauchen.
Im Bereich der Sprengausbildung war Wolfram Wecke der Spezialist. Er demonstrierte die verheerende Wirkung von Sprengstoffen, etwa mit Schweinepfoten, um die Gefahr bei unvorsichtigem Umgang zu verdeutlichen. Von 70-Gramm-Bohrpatronen bis hin zu Plastiksprengstoff und Splitterminen reichte das Arsenal.

Doch die Beschaffung von Spezialtechnik war eine ständige Herausforderung. In den 60er und 70er Jahren mangelte es oft an funktionierenden Zeitzündern, und sowjetische „Waffenbrüder“ boten hier keinerlei Unterstützung. Vieles musste in der hauseigenen Werkstatt selbst entwickelt und gebaut werden, darunter Transportbeutel für Waffen, Kampfmesser und Unterwassertransportschlitten. Neoprenanzüge wurden sogar aus Schweden importiert, da die Schweden offenbar an der Herkunft des Geldes und der richtigen Währung interessiert waren, nicht am Abnehmer. Ein großes Problem war die knappe Valuta (Devisen), die für Importe aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet erforderlich war.

Eine besondere Innovation stellte ein Unterwasser-Orientierungsgerät dar. Nachdem die Kampfschwimmer bei Orientierungstauchmeisterschaften 1979 gegen den privaten Ingenieur Klaus Storch verloren hatten, wurde dieser von einem hohen Marineoffizier beauftragt, ein solches Gerät für die Einheit zu entwickeln. Storch baute ein hochmodernes und einzigartiges System, wurde jedoch später nicht als Erfinder anerkannt, und die Geräte wurden angeblich in großen Stückzahlen in die Sowjetunion exportiert.

Von Bergungsmissionen bis zur letzten Parade
Obwohl die Kampfschwimmer auf verdeckte Kommandounternehmen trainiert wurden, gab es zu keiner Zeit heimliche Landungen an der westdeutschen Küste oder Aufklärungseinsätze im Hinterland. Ihre tatsächlichen Einsätze waren oft anderer Natur.

Im August 1968, kurz nach dem Einmarsch der Sowjets in die CSSR, kam es zu einer angespannten Situation vor der Küste der Bundesrepublik und Dänemarks. Eine Bundeswehrfregatte entzog sich im dichten Nebel der Beobachtung der NVA-Vorposten. Bei der Suche nach dem vermissten Schiff kollidierte ein Torpedoschnellboot der DDR mit einem schwedischen Frachtschiff. Sieben Matrosen ertranken, das Schiff war total zerstört. Die Kampfschwimmer wurden eingesetzt und konnten nach fünftägiger Suche das Wrack finden, was ihren Einsatz bei solchen Vorfällen festlegte.

Im April 1970 bargen sie im Verborgenen einen mit Sprengkopf versehenen Flugkörper, der bei einer Seeübung versehentlich gestartet und nahe der dänischen Hoheitsgewässer ins Meer gestürzt war.

In den 1980er Jahren wandelte sich das Bild der ehemals geheimen Truppe. Sie wurde zu einer Vorzeigeeinheit. Militärübungen, Paraden und Vorführungen mit den Elitesoldaten waren bei der Parteiführung äußerst beliebt. Am 7. Oktober, dem Tag der Republik, lieferten die Kampfschwimmer in Rostock das „artistische Glanzstück“ bei der festlichen Flottenparade, inklusive Freisprung aus Hubschraubern ins Wasser und Antreten vor Vizeadmiral Hoffmann. Es war ihre letzte Parade, denn nur einen Monat später sollte die DDR Geschichte sein.

Das ungewöhnliche Ende eines Spezialkommandos
Der letzte ungewöhnliche Einsatz der Kampfschwimmer fand am 2. Dezember 1989 in Kavelstorf statt. Mitglieder der DDR-Bürgerbewegung erzwangen die Öffnung eines geheimen Waffenexportlagers des Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski. Stasi-Wachleute flüchteten vor den aufgebrachten Bürgern, und die Kampfschwimmer sicherten die nun herrenlose Halle voller moderner Bewaffnung und Munition.

Die Situation eskalierte jedoch, als Kampfschwimmer unter Verdacht gerieten, mit der Stasi unter einer Decke zu stecken. Dies lag daran, dass Bewacher eines anderen Stasi-Geländes in der Nähe Marineuniformen zur Tarnung trugen. Der Kommandeur musste mit Engelszungen auf die aufgebrachten Bürger einreden, um eine gewaltsame Auseinandersetzung zu verhindern.

Schließlich wurden die Waffen abtransportiert, und die Kampfschwimmer kehrten nach Kühlungsborn zurück. Doch mit dem Ende der DDR kam auch das Aus für die Volksmarine und damit für die Kampfschwimmer. Es gab keine Versuche, sie in ähnliche Einheiten der Bundesmarine zu integrieren. Einige fanden neue Aufgaben als Taucher bei der Polizei oder in Sicherheitsdiensten, andere wechselten in zivile Berufe.

Erinnerungen bleiben, Spuren verwehen
Das einstmals geheime Militärobjekt in Kühlungsborn stand jahrelang leer und verfiel. Im Winter 2009 begann der Abriss, Baugrundstücke sollten entstehen, und so wuchs langsam Gras über die Geschichte des Kampfschwimmerkommandos der DDR-Volksmarine.

Für jene, die hier rund um die Uhr einsatzbereit waren, ist es ein Teil ihres Lebens geblieben. Die Erinnerungen an die harte Zeit, die Kameradschaft und die extremen Erfahrungen verblassen nicht, auch wenn die physischen Spuren längst verwischt sind.

Die Diensteinheit 9 – Das geheime Antiterrorensemble der DDR

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Während in der Bundesrepublik Deutschland nach den tragischen Ereignissen der Olympischen Spiele 1972 in München das Spezialeinsatzkommando GSG 9 ins Leben gerufen wurde, entstand auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in aller Stille eine eigene, streng geheime Antiterroreinheit: die Diensteinheit 9 der Deutschen Volkspolizei. Ein Kommando, das für die Öffentlichkeit unsichtbar blieb und dessen Existenz selbst unter Polizeikollegen kaum bekannt war.

Die Geburt einer verdeckten Einheit
Die Initialzündung für die Gründung der Diensteinheit 9 lieferte ebenfalls das Attentat von München im September 1972. Die unzureichende Vorbereitung der Polizei auf Terrorismus und das Scheitern eines Befreiungsversuchs auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck, bei dem alle Geiseln ums Leben kamen, führten in der DDR zu Bestürzung und dem Entschluss, aktiv zu werden. Bereits 1973, anlässlich der Weltfestspiele in Berlin, stand unter der Leitung von Erich Fabian eine provisorische Spezialeinheit mit 30 jungen Polizisten bereit, die ein anderthalbmonatiges Antiterrortraining absolviert hatte. Aus dieser Initiative heraus entstand 1974 durch einen Gründungsbefehl das Kommando, das später den Namen „Diensteinheit 9“ erhielt.

Die Einheit wurde von einer Berliner Zentrale aus geführt und unterhielt schließlich Einsatztrupps in den meisten Bezirken der DDR. Ihre Mitglieder wurden nicht durch Bewerbung ausgewählt, sondern „gefunden“ – sportbegeisterte Polizisten, die ohne Zweifel am Sozialismus und ohne Verwandtschaft im Westen galten. Detlef Prusak, ein früherer Sportler, wurde Anfang der 80er-Jahre rekrutiert, ohne zunächst genau zu wissen, wohin die Reise gehen würde, außer dass viel Sport und Ausbildung auf ihn warteten.

Harte Ausbildung und spezielle Ausrüstung
Die Ausbildung der Diensteinheit 9 war intensiv und fand in schwer bewachten Camps wie dem zentralen Truppenübungsplatz des Innenministeriums bei Belzig und in der Nähe des Dörfchens Verloren Wasser statt. Hier wurden Unterkünfte, Schulungsräume und sogar eine eigens entwickelte Sturmbahn genutzt, die heute kaum noch erkennbar ist. Für das Häuserkampftraining existierte sogar eine „Geisterstadt“, die auf keiner Landkarte verzeichnet war. Das Team half sich gegenseitig beim schnellen Anlegen der Ausrüstung, um umgehend einsatzbereit zu sein.

Angesichts fehlender Fachausstatter wurden Spezialgeräte erfunden und eigene Lehrmittel entwickelt. Die Grundausstattung und Nahkampftechniken orientierten sich lange an den Fallschirmjägern der Nationalen Volksarmee, und sogar Lehrfilme russischer Eliteeinheiten wurden herangezogen. Die Zentrale in Pankow beschaffte immer ausgefeiltere Ausrüstungsgegenstände. Zuletzt war es Schalk Golotkowski, der unter Umgehung des Embargos modernste westliche Waffen für die Einheit besorgte. Doch auch osteuropäische Fabrikate wurden modifiziert, etwa mit einem selbst entwickelten Schalldämpfer und einer Optik, die präzise Schüsse auf 100 Meter ermöglichte. Eine der Standardwaffen war ein rumänischer Dragunov-Lizenzbau, der für seine Präzision bekannt war und auf 100 Meter „Bleistifte wegputzen“ konnte. Ein Nachteil aus polizeilicher Sicht war jedoch seine sehr starke Durchschlagskraft, die sogar das Durchtrennen einer Eisenbahnschiene ermöglichte.

Einsätze im Schatten der Geheimhaltung
Die Einsätze der Diensteinheit 9 waren vielfältig, aber stets diskret. Der häufigste Einsatzgrund war die Suche nach desertierten sowjetischen Soldaten, die mit ihren Waffen geflohen waren. Detlef Prusak erinnert sich an einen gefährlichen Einsatz in Brandenburg, bei dem ein russischer Soldat gesichtet wurde. Als der Soldat im Keller seine Waffe hob, traf Kommandoführer Fabian blitzschnell die Entscheidung, zwei Warnschüsse in Decke und Boden abzugeben, woraufhin der Soldat aufgab und überwältigt wurde. Der Einschuss im Fußboden ist heute noch zu sehen. Solche Situationen waren von einem Automatismus geprägt; man hatte keine Zeit zum Nachdenken, nur der Auftrag zählte. Angst kam meist erst nach dem Einsatz auf, behinderte aber nie die Durchführung. Der Soldat wurde an die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft übergeben, eine Verhaftung durch die deutsche Polizei gab ihm im Gegensatz zur direkten Konfrontation mit dem eigenen Militär die Chance auf ein Gerichtsverfahren.

Auch bei der Leipziger Messe, einem Aushängeschild der DDR, war die Diensteinheit 9 zweimal jährlich in erhöhter Einsatzbereitschaft, um Terroranschlägen vorzubeugen, die nie eintraten. Das Kommando kam auch bei schwerer Kriminalität zum Einsatz, wie im Fall des „Maske“-Täters im Bezirk Potsdam 1981, der Frauen überfiel. Die Einheit setzte zwei als Frauen verkleidete Kollegen ein, um den Täter zu überführen – eine aufwendige Undercover-Operation.

Trotz ihrer politischen Zuverlässigkeit stand die Einheit stets unter strengster Beobachtung durch die Staatssicherheit. Mitglieder bemerkten Observierungen, nahmen diese aber gelassen hin, wie Detlef Prusak berichtet: „Ich hab mein Leben gelebt, bin beim Fußballspielen gegangen und das war es für mich. Das hat mich auch nicht interessiert.“. Erich Fabian sprach offen mit seinen Mitarbeitern über die Notwendigkeit von Berichten über Einsätze und Personalfragen, die auch an die Staatssicherheit gingen.

Ethik und das Ende der DDR
Die Polizisten der Diensteinheit 9 machten sich während ihrer Einsätze viele Gedanken über das „Handwerkliche“, die „rechtliche Würdigung“ und die „guten Händen“ ihrer dienstlichen Vorgesetzten. Der § 17 regelte die Anwendung der Dienstwaffe, aber der gezielte tödliche Schuss wurde nicht explizit erwähnt – eine Ermessensfrage. Eine psychologische Betreuung nach belastenden Einsätzen war damals „sehr weit weg“ und spielte in ihrer Betrachtungsweise keine Rolle. In der Potsdamer Diensteinheit 9 wurde nie ein tödlicher Schuss abgegeben.

Mit der Wende im Herbst 1989 begann für die Diensteinheit 9 eine aufreibende Zeit. Die Zukunft des Kommandos war ungewiss, gleichzeitig stieg die Gewaltkriminalität enorm an, und die Einsätze nahmen rapide zu. In dieser Zeit versuchte man, die Einheit auch bei Demonstrationen in Potsdam einzusetzen. Doch Kommandoführer Erich Fabian zeigte Mut und weigerte sich, seine Leute für solche Einsätze einzuschicken, sondern ließ sie in der Dienststelle.

Nach dem Ende der DDR wurde die Diensteinheit 9 einer umfassenden Überprüfung durch die GOG-Behörde und Polizeiführung unterzogen. Dem Kommando wurde bestätigt, dass es sich zu DDR-Zeiten keiner Bürgerrechtsverletzungen schuldig gemacht hatte. Viele der Polizisten wurden daraufhin übernommen und bildeten den personellen Grundstock für das neue Spezialeinsatzkommando des Landes Brandenburg. Erich Fabian musste die Einheit verlassen, da seine dienstlichen Berichte an die Staatssicherheit als zu große „Staatsnähe“ betrachtet wurden. Er sah die Notwendigkeit, den Dienst zu kritisieren, und war später am Aufbau des neuen Polizeipräsidiums Potsdam beteiligt.

Der Übergang war schnell und arbeitsintensiv, mit vielen Großeinsätzen und der Zusammenarbeit mit anderen Polizeikräften. Die Diensteinheit 9 ist heute Geschichte, doch ihr Vermächtnis lebt im brandenburgischen SEK weiter, das, je nach Betrachtungsweise, entweder 13 oder 30 Jahre Bestehen feiert – eine Anspielung auf die ununterbrochene Tradition der Spezialkräfte in Brandenburg.

Schockierende Studie: Katastrophale Missstände und Stasi-Einfluss in DDR-Psychiatrie

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Berlin-Buch/Erlangen-Nürnberg. Eine neue Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) bringt erschütternde Details über die Zustände in der forensisch-psychiatrischen Klinik „Haus 213“ in Berlin-Buch ans Licht. Bis zum Ende der DDR waren die Bedingungen in der Einrichtung, die psychisch erkrankte Straftäter unterbrachte, von Überfüllung, maroder Infrastruktur und einer tiefgreifenden Infiltration durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geprägt.

Verwahrlosung statt Therapie: Einblicke in die Hölle von „Haus 213“
Dr. Rainer Erices, Medizinhistoriker und Arzt von der FAU, hat Akten aus dem Landesarchiv Berlin, dem Bundesarchiv und dem Stasi-Unterlagen-Archiv systematisch aufgearbeitet, um die Geschichte der Klinik nach 1968 zu beleuchten. Trotz der Einführung eines neuen Strafgesetzbuches der DDR in diesem Jahr, das grundlegende Reformen forderte und den Maßregelvollzug abschaffte, blieben die Zustände verheerend.

Archivfotos und Stasi-Akten zeichnen ein Bild „völliger Trostlosigkeit“ und „menschenunwürdiger Bedingungen“, so Dr. Erices. Das um die Jahrhundertwende erbaute Gebäude wurde kaum saniert, was zu einem völligen Verschleiß der Sanitär-, Elektro- und Heizungsanlagen führte. Im Winter sanken die Temperaturen in den Zimmern teilweise auf bis zu 3 Grad Celsius. Badezimmer und Küchen waren „vollkommen verdreckt und verschimmelt“.

Die Überbelegung war eklatant: Patientinnen und Patienten aus der Rehabilitation wurden in die Klinik eingegliedert, was zu solch extremen Platzmangel führte, dass „ehemalige Toiletten zu Arbeitsplätzen für die Ärzte umgebaut wurden“, berichtet Erices. Aufenthaltsräume mussten mehreren Zwecken dienen, etwa als Fernsehraum, Pausenraum und Besucherzimmer für eine Station mit 48 Patienten sowie zwei weiteren Stationen mit insgesamt 90 Patienten. Eine Station mit 42 Patienten hatte keinen eigenen Aufenthaltsraum, und der Flur diente gleichzeitig als Speiseraum. Die unzureichende Instandhaltung führte dazu, dass selbst nach Renovierungen wie dem Anstrich eines Bades, die veralteten Rohrleitungen nicht erneuert wurden, was schnell wieder zu feuchten Wänden und Schäden führte.

Die Stasi als heimlicher Akteur im Klinikalltag
Ein besonders beunruhigender Aspekt der Studie ist die umfassende Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit. Ein Großteil der leitenden Ärzte war für die Stasi tätig und berichtete detailliert über Mitarbeitende und Patientinnen und Patienten. „Die Anzahl der Stasi-Spitzel ist beachtlich“, betont Erices und kritisiert: „Die Geheimpolizei hat direkt in die Privatsphäre von Erkrankten eingegriffen.“ Er nennt dies einen eindeutigen Missbrauch, der damals wie heute inakzeptabel sei, insbesondere das Verraten von Patientengeheimnissen. Obwohl die politische Absicht nicht war, Menschen in der Psychiatrie verwahrlosen zu lassen, zeige sich hier ein deutliches Versagen des Systems.

Lehren für die Gegenwart: Schutz von psychisch Erkrankten bleibt aktuell
Dr. Erices, der am FAU-Institut für Geschichte und Ethik der Medizin forscht und die Arbeitsgruppe „Medizingeschichte der DDR“ leitet, betont die anhaltende Relevanz der Studienergebnisse. „Die Frage, wie wir mit psychisch erkrankten Straftätern umgehen, bleibt hochaktuell“, so Erices. Er weist darauf hin, dass Personalmangel in der forensischen Psychiatrie auch heute noch ein „riesiges Problem“ darstellt. „Wir als Gesellschaft müssen die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um eine würdige und wirksame Behandlung zu garantieren“, fordert er.

Die Studie von Dr. Rainer Erices ist Teil des größeren Forschungsverbunds „Seelenarbeit im Sozialismus. Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie in der DDR“ (SiSaP), gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Ergebnisse des Projekts werden vom 18. bis 19. September 2025 bei einem Abschlusssymposium vorgestellt und diskutiert. Die Veranstaltung bietet eine Gelegenheit, nicht nur die Geschichte der Psychiatrie in der DDR zu beleuchten, sondern auch aktuelle Fragen von Ethik, Politik und Gesellschaft zu besprechen.

Die umfassende Aufarbeitung der Missstände in „Haus 213“ dient als Mahnung und fordert dazu auf, die Behandlung psychisch erkrankter Straftäter auch heute kritisch zu hinterfragen und zu verbessern. Eine Zusammenfassung der Studie ist unter dem Titel „Katastrophale Bedingungen“ Innenansichten aus der forensischen Psychiatrie in der DDR – Haus 213, Berlin-Buch einsehbar.

Ute Freudenberg: Eine Reise voller Authentizität, Kampfgeist und Lebensfreude

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Ute Freudenbergs Lebensweg ist eine beeindruckende Erzählung von unbeirrbarer Authentizität, mutigen Entscheidungen und dem ständigen Glauben an sich selbst, die sie zu einer der prägendsten Stimmen Mitteldeutschlands gemacht hat. Von den Herausforderungen in der DDR über einen dramatischen Neuanfang im Westen bis hin zu einem selbstbestimmten Rentnerleben – Freudenberg hat stets ihren eigenen Weg beschritten.

Der Preis der Authentizität in der DDR Schon früh wurde Ute Freudenberg mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die ein Leben als authentische Künstlerin in der DDR mit sich brachte. Sie erinnert sich daran, dass sie oft die Wahrheit sagte, was nicht jedem passte und ihr „ganz schlimme Nachteile“ einbrachte. Diese Haltung führte dazu, dass sie Anfang der 80er Jahre nach mehreren Reisen in den Westen ein zweijähriges Reiseverbot erhielt. Ihre Karriere wurde bekämpft und beschnitten, und es kam der Punkt, an dem sie persönlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als die DDR zu verlassen, um zu überleben.

Die dramatische Flucht in den Westen Die Entscheidung zur Flucht war zutiefst persönlich und mit immensen Opfern verbunden. Freudenberg musste ihr gesamtes Leben, ihre Heimatstadt Weimar, ihre Familie, Freundinnen und Fans zurücklassen. Sie beschreibt Momente, in denen sie dachte, ihr Körper löse sich auf, aber sie wusste, dass sie gehen musste. Der Abschied erfolgte 1984 nach einem Auftritt in der „Aktuellen Schaubude“ in Hamburg. Ihr Freund Wolfgang half ihr bei der dramatischen Flucht: „Autotür auf, Autotür zu, losgefahren“. Diesen Schritt hat sie nie bereut, da sie im Westen viel für ihr eigenes Leben lernte, etwa für sich selbst zu kämpfen und sich nicht kleinmachen zu lassen – Dinge, die sie als „Freiheit“ bezeichnet.

Kampf um Anerkennung und die „Heather Jones“-Episode Im Westen wartete niemand auf Ute Freudenberg. Sie musste ganz von vorn anfangen, im Gala-Geschäft, um zu lernen, wie die Branche funktioniert. Eine besondere Herausforderung war die Episode, in der ihr für den Titelsong des „Tatorts Pleitegeier“ der englische Künstlername Heather Jones gegeben wurde, ohne ihre Zustimmung. Dies empfand sie als „übergriffig“ und „bescheuert“. Sie weigerte sich, unter diesem Namen aufzutreten, und betonte stets: „Ich bin ein Thüringer Mädel und ich heiße Ute Freudenberg.“ Dieser Vorfall und die Ablehnung durch Radiosender, die ihre Musik zwar lobten, aber nicht spielen wollten, waren prägende, schwer zu begreifende Erfahrungen. Doch Freudenberg hielt an ihrem Glauben an sich selbst fest: „Auch wenn ihr alle nicht mehr an mich glaubt, ich glaube an Ute Freudenberg und an das, was sie tut“.

Der Erfolg von „Jugendliebe“ gegen alle Widerstände Einer ihrer größten Erfolge, das Lied „Jugendliebe“, hatte selbst einen steinigen Weg. Die Bandmitglieder nannten es anfangs „Schlagescheiße“, doch es fand sofort Anklang beim Publikum. Trotzdem lehnten der Rundfunk der DDR und Amiga eine Produktion ab, da man als Nicht-Berliner in der Hauptstadt „völlig uninteressant“ war. Nur durch Intervention bei FDJ-Funktionären konnte der Titel schließlich 1980 in einem kleinen Studio in Bernau produziert werden. Obwohl die Aufnahme technisch lieblos und katastrophal war, konnte der Song nicht aufgehalten werden. „Jugendliebe“ wurde zu einer Generationenhymne und erhielt 2005 die Goldene Henne als beliebtester Osthit aller Zeiten.

Die Ära nach der Wende und die Partnerschaft mit Adele Walther Nach der Wende war die Situation erneut schwierig; Freudenberg musste Klinken putzen, weil sie als „Ossi“ und „mit ihrem dicken Arsch“ nicht vermittelt werden sollte. In dieser Zeit gründete sie mit ihrer Freundin und späteren Managerin Adele Walther ihr eigenes Label „A und F“ und finanzierte mit ihrem letzten Geld ihr erstes Album. Die Partnerschaft mit Adele, die sie als „Kämpferin an deiner Seite“ und nicht als bloße „Kofferträgerin“ beschreibt, war entscheidend. Gemeinsam haben die „beiden Thüringer Mädels“ hart gearbeitet und sich in der männerdominierten Branche durchgesetzt, sogar Aufträge abgelehnt, wenn sie schlecht behandelt wurden. Freudenberg betont, dass sie Adele unendlich dankbar für diese Freundschaft und ihren Einsatz ist.

Künstlerische Weiterentwicklung und das Leben als Interpretin Ute Freudenberg hat sich immer weiterentwickelt und ist nicht nur auf „Jugendliebe“ zu reduzieren. Ihr Repertoire umfasst „alle Farben und Facetten des Lebens, vom Kinderwunsch bis zum Tod“. Sie sieht sich nicht nur als Sängerin, sondern als Interpretin, die Texte mit ihren Tönen, Färbungen und Emotionen zum Leben erweckt. Sie arbeitete mit jungen, innovativen Teams zusammen, die Lieder „auf den Leib“ schrieben, wie beispielsweise Janett Biedermann. Ihr letztes Album, das auch ihre Parkinson-Diagnose widerspiegelt, trägt den kämpferischen Titel „Jetzt erst recht“.

Abschied von der Bühne und ein erfülltes Rentnerleben Nach 51 Jahren Karriere und einer Parkinson-Diagnose entschied sich Ute Freudenberg für einen stilvollen Abschied von der Bühne. Sie bereut ihre Entscheidung nicht und blickt auf eine ausverkaufte Abschiedstour zurück, die ein „grandiose Abschied“ war. Heute genießt sie ihr Rentnerleben in vollen Zügen. Sie reist viel, verbringt Zeit mit Familie und Freunden und pflegt ihre Gesundheit. Weimar, ihre Heimatstadt, ist für sie ein „Kraftort“. Freudenberg bildet sich kontinuierlich weiter, um „on top“ zu sein, meidet Nachrichten und umgibt sich mit positiven Einflüssen. Ihre Lebensphilosophie ist geprägt von Selbstglaube und der Fähigkeit, nach Rückschlägen die „Krone zu richten, Glitzer drauf und weiter“ zu machen. Sie ist ein „glückliches Mädchen“, das sich auf wunderbare Jahre freut. Ute Freudenbergs Geschichte ist ein inspirierendes Zeugnis davon, wie man durch Mut, Entschlossenheit und Authentizität ein erfülltes Leben gestalten kann.

Ein bitterer Schlag für die DDR-Geheimdienste: Die Enthüllung der Rosenhold-Dateien

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Im Herbst 1989, mit dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung der Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland, schien eine Ära zu Ende zu gehen. Während Hunderttausende Ostdeutsche die Freiheit genossen, brach in der Zentrale der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, Panik aus. Tausende ihrer Agenten waren noch im Feld, und die HVA befürchtete, deren Anonymität nicht mehr gewährleisten zu können. Man begann fieberhaft, Akten zu vernichten, und es wurde jahrelang angenommen, dass die brisanten Geheimnisse der DDR-Spionage für immer verloren seien. Doch diese Annahme sollte sich als falsch erweisen.

Die Wiederentdeckung und der geheimnisvolle Weg in die USA
Mitte der 1990er-Jahre begannen die CIA, frühere ostdeutsche Agenten in den Vereinigten Staaten festzunehmen, um sie zu neutralisieren und eine mögliche Weiterarbeit für den russischen Geheimdienst zu verhindern. Diese Verhaftungen nährten Gerüchte über die Existenz geheimer Akten, die entgegen aller Annahmen nicht zerstört worden waren. Als sich die Gerüchte als wahr erwiesen, wuchs der Druck auf die Amerikaner, das Material an Deutschland zurückzugeben. Nach jahrelangen Verhandlungen erhielt Deutschland 2003 die auf 381 CD-ROMs gespeicherten Informationen, die fortan als „Rosenhold-Dateien“ bekannt wurden.

Wie die Rosenhold-Dateien ursprünglich in die Hände der Amerikaner gelangten, ist bis heute nicht vollständig geklärt und von Rätseln umrankt. Eine Version besagt, dass ein HVA-Offizier die Dateien an einen CIA-Kontakt verkauft oder sich bestechen ließ. Eine andere Theorie behauptet, HVA-Leutnant Rainer Hehmann sei angewiesen worden, Mikrofilme in Blechdosen an seinen sowjetischen KGB-Kontakt Alexander Principal in Ost-Berlin zu übergeben. Innerhalb des KGB soll dann Oberst Alexander Subeno die Filme an CIA-Oberstleutnant Jim Edward verkauft haben. Beide KGB-Agenten, Principal und Subeno, starben jedoch kurz nach dem Aktenwechsel unter mysteriösen Umständen, was die Wahrheit weiterhin verschleiert. Eine weitere Indikation, dass die Akten möglicherweise ein oder zwei Jahre früher gestohlen wurden, ist das Fehlen von Aufzeichnungen der letzten zwei aktiven Jahre der HVA ab Januar 1988.

Der Inhalt der Rosenhold-Dateien: Einblick in ein Spionagenetzwerk
Die Rosenhold-Dateien sind keine „Schnipsel“, sondern eine umfassende Sammlung von Karteikarten und Datensätzen. Sie enthalten zwei Haupttypen von Karteikarten mit Informationen über die „inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) – die Informanten des ostdeutschen Auslandsgeheimdienstes:

F-16-Karten (Index der Personen): Diese Formulare enthalten persönliche Daten wie den echten Namen, Geburtsdatum, Nationalität, Adresse, Registrierungsnummer sowie Informationen zur Parteimitgliedschaft, den Arbeitgeber und den Studienort der Person. Von den 293.000 F-16-Formularen erwiesen sich 13.000 als Duplikate. Die überwiegende Mehrheit dieser Karten wurde für Personen erstellt, an denen die HVA aus irgendeinem Grund interessiert war. Enthalten sind die Daten von mehreren Zehntausend inoffiziellen Mitarbeitern in der DDR und rund 6.000 ausländischen Agenten.

F-22-Karten (Operative Details): Diese Karten enthalten die Decknamen der Agenten, ihre Registrierungsnummern, die Namen ihrer Führungsoffiziere und die Aktennummern aller Fälle der Agenten. Es gibt etwa 57.000 dieser Dateien. Erst wenn eine F-22-Karte mit der richtigen F-16-Karte abgeglichen werden kann, lässt sich der echte Name des Agenten enthüllen.

Leider ist die Sammlung der F-16- und F-22-Karten auf den Rosenhold-CDs nicht vollständig; alle nach Januar 1988 erstellten Karten fehlen.
Zusätzlich enthalten die Rosenhold-Dateien eine dritte Sammlung von Dokumenten: die Datensätze der Agenten. Diese sind unter dem Decknamen des Agenten registriert und detaillieren die Rekrutierung der Person, den Grund für ihren Beitritt, Adresse, Alter, Beruf und welche Spionageausrüstung sie erhalten haben. Jeder Datensatz kategorisiert zudem den Wert des Agenten von „eins“ (geringer Wert) bis „drei“ (höchster Wert und Kontaktperson für Kriegszeiten). Diese Datensätze umfassen nur deutsche Staatsbürger, etwa 1.700 an der Zahl, während Informationen über Nicht-Deutsche von der CIA zurückgehalten wurden. Die Datensätze stammen höchstwahrscheinlich aus einer anderen Quelle und erreichten die USA über einen anderen CIA-Agenten. Sie sind von erheblichem Wert, da sie die Bestätigung der Identität ehemaliger Agenten erleichtern, insbesondere da der Abgleich von F-16- und F-22-Karten durch doppelte Registrierungsnummern und schlechte Scanqualität oft erschwert wurde.

Die Syra-Datenbank: Ein zusätzlicher „Schatz“
Im Jahr 1998 gelang den Mitarbeitern der Stasi-Unterlagenbehörde eine weitere entscheidende Entdeckung: Sie konnten große Teile der sogenannten Syra-Datenbank entschlüsseln. Syra steht für „Informationssystem zur Informationsrecherche der HVA“ und war die ursprüngliche Datenbank des ostdeutschen Geheimdienstes, die 1969 eingerichtet wurde. Diese Datenbank enthält Informationen, die die Agenten der HVA geliefert hatten, und als Bonus auch alle F-22-Karten bis Juni 1989 in besserer Qualität als die Rosenhold-Versionen.

Die Rosenhold-Dateien und die Syra-Datenbank bilden zusammen einen „Schatz“ für detaillierte Recherchen. Sie ermöglichen es, nicht nur „wer wer war“ zu ermitteln, sondern auch „wer was wo, wie und warum“ tat.

Folgen und historische Bedeutung
Der Zugang zu den Rosenhold-Dateien löste eine Welle von Ermittlungen und Verhaftungen aus. Obwohl Tausende von Ermittlungen folgten, führten sie lediglich zu 257 Verurteilungen. Dennoch ermöglichen die Rosenhold-Dateien ein nahezu vollständiges Bild der Stasi-Agenten in der Bundesrepublik Deutschland. Die Enthüllung dieser Daten gilt als eine der bittersten Niederlagen des ostdeutschen Geheimdienstes und lieferte unschätzbare Einblicke in die Methoden der DDR-Spionage.

Erich Honecker und der Fall der Mauer: 40 Jahre DDR – Das Ende einer verleugneten Realität

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Ost-Berlin, 7. Oktober 1989 – Mit Pauken und Trompeten feiert Erich Honecker den 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Staatsakt, inszeniert mit „herbeibefohlenen Darstellern“ und unter strenger Bewachung durch Bereitschaftspolizei, Armee und Stasi. Während der Festumzüge singt ein scheinbar entrückter Honecker die Lieder mit und wippt mit den Füßen, „als ob er in Trance wäre“ und „nichts rundherum wahrnehmen würde“. Doch das Bild des starken Sozialismus ist nur eine Fassade: Hinter den Kulissen brodelt es, und selbst viele Gratulanten jubeln nicht dem DDR-Chef zu, sondern dem sowjetischen Hoffnungsträger Gorbatschow, dem sie ihre Wünsche entgegenrufen: „Reisen, Freiheit, Länder, raus, raus, Grenzen!“. Der polnische Premier Mieczysław Rakowski bemerkt gegenüber Gorbatschow angesichts der Stimmung: „Das ist doch das Ende“. Es ist das Ende einer Geschichte, die genau 40 Jahre zuvor begonnen hatte, maßgeblich geprägt von Erich Honecker.

Der Aufstieg des Ziehsohns und der Bau der Mauer
Erich Honecker, ein Bergarbeitersohn aus dem Saarland, war ein „eifriger Funktionär“ und bereits zur Gründung der DDR 1949 als Chef der kommunistischen Staatsjugend FDJ maßgeblich am Fackelzug beteiligt. Er empfahl sich Walter Ulbricht als einer der „fähigsten und der konsequentesten und entschiedensten Jungfunktionäre“. Sein unaufhaltsamer Aufstieg führte ihn 1958 zum Sekretär für Sicherheitsfragen, wo er für Militär, Polizei und Stasi zuständig war und „de facto der zweite Mann“ im Staat wurde.

Im Sommer 1961 stand Honeckers „Feuerprobe“ bevor. Hunderte Menschen verließen täglich den Ostteil Berlins, die „DDR blutete aus“. Trotz Ulbrichts berühmter Beteuerung „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, erhielt Honecker den geheimen Auftrag, die Sperrung der Sektorengrenze vorzubereiten. Am Abend des 12. August 1961 war es soweit: Honecker leitete einen Stab, der die Schließung der Grenze organisierte. Um Mitternacht marschierte die DDR-Staatsmacht auf, und die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ wurden mobilisiert, um die Grenze gemeinsam mit der Polizei zu schließen. Für die Bürger, wie Doris Mohnstein, kam die Nachricht über das Radio am Morgen des 13. August „wie eine erschreckende Nachricht“: Die Grenzen waren zu.

Die Mauer wurde für Familien zu einem „tödlichen Streifen“, der sie auf Jahre hin trennte. Doris Mohnstein konnte ihre Mutter und Schwester nur aus der Ferne im Vorbeigehen sehen; der Versuch, anzuhalten oder zu rufen, führte zum Einschreiten der Polizei. Später sprach Honecker allen „Genossen und Kollegen“, die am „antifaschistischen Schutzwall“ mitgewirkt hatten, Dank und Anerkennung aus. Die „Mauer, Honeckers Gesellenstück“, war für die Festigung seiner Position in der SED von „enormer Wichtigkeit“ und wurde „praktisch gebaut für die Ewigkeit“.

Honeckers Reich: Charme-Offensive und bittere Realität
Seit 1971 war die DDR „Honeckers Reich“, nachdem er seinen Ziehvater Ulbricht „putschartig beiseite geschoben“ hatte. Er erwies sich als „Politiker von erheblichem Kaliber“ und ein „Machtmensch par excellence“. In den 70er Jahren startete Honecker eine Charme-Offensive im Westen, die zur Anerkennung der DDR durch viele Staaten führte und ihr einen Platz am Verhandlungstisch, etwa bei der KSZE 1975, sicherte. Für Honecker, der aus einem kleinbürgerlichen Milieu stammte, war diese internationale Anerkennung auch eine „sehr persönliche Komponente“, die ihn bestätigte.

Seine Politik basierte auf der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, was für das arbeitende Volk vor allem „Wohltaten“ wie neue Wohnungen und billige Grundnahrungsmittel bedeutete. Mieten machten nur 4% des Einkommens aus, und Brot war so billig, dass es als Tierfutter genutzt wurde. Der Slogan lautete: „Ich leiste was, ich leiste mir was“. Doch diese Politik war extrem teuer und führte die DDR „in die Pleite“. Planungschef Gerhard Schürer warnte im Politbüro vor der Überforderung der Wirtschaft, wurde aber von Honecker empört als „Saboteur“ bezeichnet. Die „verheerenden“ Folgen – verfallende Bausubstanz und enorme Schulden, die nie zurückgezahlt werden sollten, da der Sozialismus siegen würde – wurden verleugnet.

Die „Freiheit, die Erich Honecker meint“, war eine trügerische. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn und wurde „mit aller Macht“ bekämpft. Dies erlebten Bürgerrechtler wie Roland Jahn, der nach freier Meinungsäußerung von der Universität flog und politische Aktionen startete. Er wurde zum Staatsfeind erklärt und schließlich „in den Interzonenzug gesteckt“ und aus der Heimat vertrieben. Sein Freund Matthias Domaschk kam 1981 unter bis heute ungeklärten Umständen in Stasi-Haft ums Leben – angeblich Selbstmord. Für die Opposition bedeutete dies: „Es ging um Leben oder Tod“. Die scheinbare Öffnung der DDR war nur ein „schöner Schein und auch ein Schein von Liberalität“, aber keine „demokratische Öffnung“.

Die Brutalität der Grenze zeigte sich auch 1983, als der junge Ostberliner Silvio Procks bei einem Fluchtversuch von sieben Schüssen getroffen wurde. Die Familie wurde verhört und die Existenz eines Grenzzwischenfalls verleugnet, unter Androhung von Gefängnisstrafen bei Verbreitung anderer Informationen. Silvios Bruder Carlo wurde Zeuge der Erschießung, und die Mutter starb kurz darauf an dem Kummer.

Das Unvermeidliche Ende
Selbst als der Wind in Moskau drehte und Gorbatschow seine Reformen vorantrieb, „verschloss Honecker die Augen vor der Realität“. Er sah Gorbatschow als jemanden, der „alles durcheinanderbringt, was wir mühselig aufgerichtet haben“. Im Sommer 1989 öffnete Ungarn seine Grenzen und ließ DDR-Bürger ziehen – der „Damm war gebrochen“. Gorbatschow erklärte den Ostblockländern ihre „Selbstverantwortung“.

Tausende flüchteten im September in die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Honeckers „völlige Fehlentscheidung“, die Züge mit den Flüchtlingen durch die DDR in den Westen fahren zu lassen, „verschärfte und angeheizte“ die Situation massiv. Am 4. Oktober versuchten hunderte Menschen in Dresden, auf die Durchgangszüge zu gelangen. Die Polizei trieb sie zusammen, was zu einer Panik führte, und es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. „Über 1000 Dresdner verschwinden in diesen Tagen“ in Polizeikasernen und Gefängnissen, wobei die Behörden keinerlei Auskunft gaben.

Zwei Tage nach Honeckers Feierlichkeiten, am 9. Oktober in Leipzig, kam es zur entscheidenden Montagsdemonstration. Trotz einer massiven Präsenz von Militär und Polizei gingen 70.000 Leipziger auf die Straße. Es herrschte eine „gespenstische Ruhe“, viele hatten Vorkehrungen getroffen, falls sie verhaftet oder getötet würden. Doch die Staatsmacht schoss nicht. „Die große Abrechnung des Staates mit seinen Bürgern, sie bleibt aus“. Die Masse der Demonstranten hatte einen geplanten „Tag X“ und ein mögliches „Blutbad“ verhindert. Siegbert Schäfkes Bilder dieser friedlichen Demonstration gingen am nächsten Tag um die Welt.

Honeckers Sturz und die Euphorie der Freiheit
Nur eine Woche später drängten Erich Honeckers eigene Genossen ihn zum Rücktritt. Er hatte die Realität „verleugnet“ und „nicht begriffen, dass die Zeichen der Zeit anders stehen. Dass man nicht auf ewig Menschen einsperren kann. Dass man nicht auf ewig Menschen ihre Rechte wegnehmen kann“. Die Berliner Mauer, sein „Gesellenstück“, überdauerte seine Herrschaft nur um wenige Tage.

Als die Mauer fiel, war es eine „Euphorie“, die nicht zu beschreiben war. Menschen standen auf der Mauer, „völlig außer sich“, in einem „Taumel“ des Glücks. Es war ein „Befreiungsschlag“ und ein „wunderbarer“ Moment. Die Worte „Wer jetzt schläft, ist tot“ bekamen eine neue, befreiende Bedeutung. Die Ära Honecker war vorbei, und mit ihr fiel das Symbol seiner verleugneten Realität – die Berliner Mauer.

Günter Mittag galt als der Totengräber der DDR

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Er galt als der „Totengräber der DDR“, der Mann, der für das finanzielle Missmanagement verantwortlich gemacht wurde, das den Staat in den Ruin trieb. Günter Mittag, von 1962 bis 1989 (mit einer Unterbrechung von 1973 bis 1976) Sekretär für Wirtschaft im Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), spielte eine zentrale, aber auch umstrittene Rolle im wirtschaftlichen Niedergang der Deutschen Demokratischen Republik. Doch wer war dieser Mann wirklich und wie konnte er einen derartigen Einfluss ausüben?

Aufstieg und Wandel der Wirtschaftspolitik
Mittag, geboren 1926 in Stettin, machte Karriere bei der Reichsbahn und war seit 1946 aktives Mitglied der SED. Nach seiner Promotion 1958 über die Überlegenheit der sozialistischen Organisation des Eisenbahnwesens, stieg er rasch auf und wurde 1961 stellvertretender Vorsitzender des Volkswirtschaftsrates und 1962 Mitglied des Zentralkomitees.

Zusammen mit führenden Ökonomen der SED war Mittag maßgeblich an der Entwicklung des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS) beteiligt, einer Reform zur Verbesserung der planwirtschaftlichen Strukturen, die von Parteichef Walter Ulbricht unterstützt wurde. Das Programm zeigte anfänglich Erfolg, stieß jedoch auf Widerstand innerhalb der SED-Führung, da es einen gewissen Grad an Dezentralisierung mit sich brachte, die ihre Macht verwässerte.

Mit dem Machtantritt Erich Honeckers 1971 wurde ein klarer Bruch mit Ulbrichts Reformen vollzogen. Auf dem 8. SED-Parteitag im selben Jahr wurde die Befehlswirtschaft zementiert, ein Zeitpunkt, der oft als Beginn der Abwärtsspirale der DDR angesehen wird. Obwohl Mittag als enger Assistent Ulbrichts galt, überlebte er den Machtwechsel, indem er sich von seinem ehemaligen Chef distanzierte. Seine wirtschaftlichen Vorstellungen passten jedoch zunächst nicht zu Honeckers Vision, die Lebensbedingungen der Bevölkerung durch eine Steigerung des Konsums zu verbessern, was zu einer wachsenden Verschuldung gegenüber dem Westen führte.

Mittags Rückkehr und die Verfestigung der Zentralmacht
Nach einer dreijährigen Phase, in der Werner Krolikowski das Amt des Wirtschaftssekretärs innehatte, kehrte Mittag 1976 überraschend in seine alte Position zurück. Er wurde Vorsitzender der wieder eingerichteten Wirtschaftskommission, die ursprünglich nur eine beratende Funktion ohne eigene Entscheidungsbefugnisse haben sollte. Doch Mittag nutzte dieses Gremium als Instrument seiner Macht. Er ignorierte den Ministerrat, erstellte eigene Resolutionsentwürfe für das Politbüro und die Regierung, oft ohne die Kommission zu informieren, und gab den Ministern direkte Befehle. Untersuchungen nach seiner Absetzung zeigten, dass dies in etwa zwei Dritteln der Fälle geschah.

Mittag trieb die Zentralisierung der Entscheidungsprozesse auf die Spitze. Was in den 70er Jahren noch vom Minister für Materialwirtschaft bis zu einem Wert von 60 Millionen Mark selbst entschieden werden konnte, bedurfte in den 80er Jahren in jedem Fall einer Genehmigung von oben.

Eine Kultur der Angst und Zahlenmanipulation
Mittags Führungsstil war berüchtigt. Sitzungen der Wirtschaftskommission waren von einer „Kultur der Angst“ geprägt. Er unterbrach, beschimpfte und fluchte gegen Minister und Mitarbeiter, verlangte detailliertes Wissen und bestrafte jeden, der ihm die Fakten nicht sofort präsentieren konnte. Nach einer Rüge Honeckers änderte er sein Verhalten, was jedoch nicht zu einer Verbesserung führte: Statt zu brüllen, verletzte er seine Mitarbeiter nun mit Sarkasmus, was diese als schlimmer empfanden.

Um das Bild eines stabil wachsenden sozialistischen Staates aufrechtzuerhalten, manipulierte oder fälschte Mittag Daten systematisch. So wurde beispielsweise die Definition eines Roboters vereinfacht, um höhere Automatisierungszahlen in der Industrie zu suggerieren. Selbst in den späten 1980er Jahren, als die DDR tief in der Krise steckte, ordnete Mittag an, jedes Jahr ein Wirtschaftswachstum von 4% zu verkünden.

Die Beziehung zu Honecker und Mittags unumstrittene Macht
Ein Schlüsselfaktor für Mittags Dominanz war seine enge Beziehung zu Erich Honecker. Honecker, der wenig von Wirtschaft verstand, hatte ein „blindes Vertrauen“ in Mittag, der es verstand, dieses Vertrauen auszunutzen und Honeckers Ego zu stärken. Die beiden gingen sogar gemeinsam auf die Jagd. Dies könnte ein Grund gewesen sein, warum Honecker die Warnsignale der wirtschaftlichen Abwärtsspirale ignorierte und Mittags Beteuerungen, die DDR habe trotz internationaler Krisen eine stabile Wirtschaft, Glauben schenkte.

Mittag war intelligent, schnell denkend und entscheidungsfreudig, was ihm Vorteile verschaffte, selbst bei denen, die ihn nicht mochten. Er schirmte sich gegen Kritik ab und tolerierte keinerlei Einmischung in seine Zuständigkeiten. Trotz seines Jähzorns und seiner skrupellosen Art, die so weit ging, dass er Mitarbeiter physisch angriff und sich nicht um das Schicksal anderer kümmerte, blieb er fest im Sattel. Sein erklärtes Ziel war es, der zweitmächtigste Mann der DDR zu sein, mit dem möglichen Aufstieg zur Nummer eins.

Krankheit, Niedergang und das Ende einer Ära
Mittags unaufhörlicher Arbeitswille wurde durch eine schwere Diabeteserkrankung überschattet. Nach der Amputation eines Unterschenkels 1985 und des anderen 1987 setzte er seine Arbeit fort, verbarg seine Behinderungen und verließ sich auf hochwertige Prothesen aus Japan. Seine Krankheit verstärkte seine Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, doch Honecker hielt an ihm fest.

Im Sommer 1989, als Honecker operiert werden musste, vertrat Mittag ihn, was zu Verwirrung in der Partei führte. Als Tausende Menschen die DDR verließen, informierte Mittag das Politbüro nicht und gab trotz Aufforderung keine offizielle Erklärung ab. Am 17. Oktober 1989, dem Tag von Honeckers Absetzung, versuchte Mittag noch, die Seiten zu wechseln, doch seine Politbüro-Kollegen lehnten dies ab. Er musste als Wirtschaftssekretär zurücktreten, wurde aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen und im November aus der Partei ausgeschlossen.

In der Woche nach seiner Absetzung zerstörte Mittag Hunderte Kilogramm belastendes Material in den 17 Tresoren seines Büros. Im Dezember 1989 wurde er verhaftet, jedoch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes oft monatelang nicht verhört. Im August 1990 wurde er entlassen und starb 1994.

Mittags Verteidigung und die Frage der Schuld
In seinem 1991 erschienenen Buch „Um jeden Preis“ stellte Mittag sich als Warner dar, der bereits in den 1970er Jahren vor einer „zu starren, realitätsfernen Ideologie“ gewarnt und Widerstand von allen Seiten erfahren habe. Er beklagte, dass er keine Unterstützung von anderen Politbüromitgliedern für Sparmaßnahmen erhielt. Mittag wies die Schuld verschiedenen führenden Persönlichkeiten zu: Egon Krenz habe das Scheitern des Sozialismus nicht verstanden, Erich Mielke und die Stasi hätten sich zu einem „Staat im Staate“ entwickelt, und Willi Stoph sowie Alfred Neumann hätten sich nicht um moderne Techniken gekümmert und ihn zum Sündenbock machen wollen. Auch Honecker, so Mittag, habe Diskussionen über heikle Themen immer aufgeschoben und sei in seinem Denken verhärtet gewesen.

Diese Darstellung wurde jedoch von Mittags engstem Mitarbeiter, dem ehemaligen Leiter der Staatlichen Plankommission Günter Schürer, in einem späteren Vorwort zu Mittags Buch als zu einem Drittel „Blödsinn“ bezeichnet. Schürer kritisierte, dass Mittag die Schuld bei allen außer sich selbst suchte.

Zudem wurde 1991 bekannt, dass Mittag Anfang der 1980er Jahre den Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung, Alexander Schalck-Golodkowski, beauftragt hatte, Grundstücke für seine beiden Töchter zu finden. In Potsdam-Sacrow wurden drei luxuriöse Häuser mit Western-Baumaterialien im Wert von 5 Millionen DDR-Mark errichtet, wofür sonst 40 reguläre Wohnungen hätten gebaut werden können. Mittag behauptete, davon nichts gewusst zu haben.

Günter Mittag trug zweifellos maßgeblich zur Zerstörung der DDR-Wirtschaft bei. Er war ein „Totengräber der DDR“, aber sicherlich nicht der einzige. Erich Honecker und das Politbüro ließen ihn gewähren und teilen somit die Verantwortung, ebenso wie eine lange Liste weiterer SED-Funktionäre. Seine Geschichte ist ein komplexes Geflecht aus Machtmissbrauch, wirtschaftlicher Inkompetenz und persönlicher Tragik, das bis heute die Frage nach der Alleinschuld an einem historischen Versagen offenlässt.

Erich Honecker: Der Diktator, seine Geheimnisse und der Untergang einer Nation

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Achtzehn Jahre lang stand Erich Honecker an der Spitze der Deutschen Demokratischen Republik – unscheinbar, unnahbar, undurchschaubar. Doch hinter der Fassade des Staatschefs verbarg sich ein Machtmensch, dessen Innerstes nur wenige kannten und der viel zu verbergen hatte. Nach der Wende wurde in den Tresoren der Stasi ein geheimnisvoller roter Koffer entdeckt, der brisante Details aus Honeckers Privat- und Berufsleben enthielt – Informationen, die seine Biografie „ein paar Kratzer abbekommen hätte“, wären sie früher an die Öffentlichkeit gelangt.

Frühe Jahre und umstrittener Widerstand
Honeckers revolutionäre Träume schienen bereits im Dezember 1935 zu scheitern, als der damals 23-Jährige in Berlin von der Gestapo verhaftet wurde. Als Mitglied der verbotenen KPD leistete er unter dem Decknamen Martin Thiaden Widerstand gegen Hitler. Obwohl er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und sich später als unbeugsamer Kämpfer stilisierte, war seine Haftzeit offenbar nicht so heldenhaft. Er gestand einem Vertrauten, korrekt behandelt worden zu sein, nie geschlagen oder gefoltert.

Spätere Stasi-Gutachten im roten Koffer beleuchten diese Zeit kritisch: Während ein Gutachten ihn vollkommen entlastete, stellte ein anderes „sehr präzise fest“, dass einzelne Aussagen Honeckers in den ersten Gestapo-Verhören „durchaus geeignet waren, andere zu belasten“. Dieser Vorwurf hätte Honecker stark geschadet. Die Existenz zweier widersprüchlicher Gutachten war Teil einer Sicherungsstrategie des SED-Machtapparates, um Biografien führender Kader zu schützen oder Druckmittel in der Hand zu halten.

Eine weitere heikle Episode aus Honeckers Kriegszeit betrifft seine Flucht aus dem Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße, wo er Bombenschäden reparieren sollte. In seiner Not fand er Unterschlupf bei einer neun Jahre älteren Gefängniswärterin, Charlotte Chanuel, mit der er eine Affäre hatte. Dank ihrer Kontakte zur NS-Partei konnte Honecker straflos ins Gefängnis zurückkehren. Er heiratete Charlotte Chanuel nach Kriegsende, eine Tatsache, die er selbst Freunden gegenüber verschwieg und die als sein „größtes Geheimnis“ galt. Diese Ehe war aus vielerlei Gründen erstaunlich, da Charlotte „ein Rädchen im Nationalsozialistischen Repressionsapparat“ war und die Heirat erst 1946 stattfand, als Honecker bereits Vorsitzender der FDJ war.

Aufstieg zur Macht und private Turbulenzen
Nach dem Krieg ging es für Honecker steil bergauf. 1946 wurde er Vorsitzender der FDJ, der Jugendorganisation der Partei. Er war rhetorisch gewandt, durchsetzungsfähig und „außerordentlich charmant“. Doch sein Privatleben war turbulent. Vermutlich noch während seine erste Frau lebte, begann er eine Affäre mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin bei der FDJ. Obwohl er sie im Dezember 1949 heiratete, während sie schwanger war, kam er kurz darauf von einer Moskau-Reise mit einer neuen Geliebten zurück: Margot Feist, einer attraktiven, 15 Jahre jüngeren FDJ-Funktionärin.

Margot Feist, eine „unheimlich kluge Taktikerin“, hatte Honecker „voll im Griff“. Die Affäre sorgte für Unruhe in höchsten Kreisen. Edith Baumann kämpfte um ihren Mann und schrieb einen Brief an Honeckers Mentor Walter Ulbricht, um Margot kaltzustellen. Dieser Brief landete später in Mielkes rotem Koffer. Doch Honecker verließ Edith und heiratete Margot – die jugendliche Rivalin hatte gesiegt.

Honeckers Karriere schritt voran. Er war ehrgeizig und kampfbereit, was sich unter anderem bei den Weltfestspielen der Jugend 1951 zeigte, als er FDJler zu einem umstrittenen Marsch nach Westberlin anstachelte. Er hatte ein „sehr, sehr gutes Gefühl dafür, wo ist die Macht und wo kann ich für mich persönlich das Beste herausholen“. 1958 machte Ulbricht ihn zum Vollmitglied des Politbüros.

Honecker erwies sich als Ulbrichts loyaler Ziehsohn, der ihm 1961 „die Drecksarbeit abnehmen“ wollte, indem er den Bau der Berliner Mauer „logistisch, methodisch, organisatorisch durchgeführt“ hat. Das Leid der Menschen nahm er dafür in Kauf, denn die „Stabilisierung der DDR und die eigene Macht gehen vor“.

Der Sturz Ulbrichts und das Leben in der „Scheinwelt“
Als Ulbricht 1970 mit Reformforderungen irritierte und die Sympathien Leonid Breschnews verlor, nutzte Honecker die Gunst der Stunde. Er suchte den Kontakt zum Sowjetführer und bekam dessen Zustimmung für einen kalten Putsch. Im Mai 1971 zwang er Ulbricht zum Rücktritt als SED-Chef. Honecker war nun ganz oben, Staats- und Parteichef der DDR. Für ihn als „überzeugter Stalinist“ und „reiner Machtmensch“ bedeuteten alte Loyalitäten nichts mehr; er ging „kompromisslos“ und „über Leichen“.

Privat schottete sich Honecker zunehmend ab. In Wandlitz, der Wohnsiedlung des Politbüros, lebte er in einem Luxus, der in der DDR „echter Luxus“ war. Er hatte Diener, Köche und ließ sich sogar Brötchen täglich 300 Kilometer weit aus Wandlitz in den Urlaubsort liefern. Seine Frau Margot zeigte eine erschreckende Realitätsferne, als sie sich über lange Schlangen in Kaufhallen wunderte und die „Idiots im Handel“ schalt, weil sie die Leute nicht „ordentlich“ versorgten.

Die Ehe der Honeckers galt ab 1981 als zerrüttet. Der BND erfuhr von Affären Honeckers, und Stasi-Chef Mielke informierte Honecker sogar darüber, dass Margot „jahrelang ein Doppelleben geführt“ und „intime Beziehungen zu allen möglichen Leuten“ gehabt hatte. Trotz aller Krisen blieb das Paar zusammen, verbunden durch ihr „gemeinsames Lebenswerk“ und die Tochter Sonja. Honecker fand Ruhe bei seinen Enkelkindern Roberto und Mariana und erfüllte ihnen alle Wünsche, wie Spielzeug aus dem Westen.

Macht, Gewalt und der Höhepunkt seiner Karriere
Honecker setzte in der Politik auf Macht und notfalls Gewalt. Als 1980 in Polen die Solidarność gegründet wurde, ließ er geheime Pläne für eine Militärintervention ausarbeiten und probte im März 1981 mit dem Warschauer Pakt den Ernstfall – zur „Sicherung seiner Macht“ war er bereit, „bewaffnete Gewalt“ einzusetzen. Sein Auftreten nach außen war jedoch sorgfältig inszeniert. Bei Besuchen, wie dem von Helmut Schmidt 1981, präsentierte er sich „aufgekratzt“ und „berechnet“, um Normalität und Nettigkeit vorzutäuschen. Die Anerkennung durch das Westfernsehen war ihm besonders wichtig.

Der Höhepunkt seiner Macht schien 1987 erreicht, als er zum Staatsbesuch in die Bundesrepublik Deutschland reiste und von Bundeskanzler Kohl „mit allen Ehren“ empfangen wurde. In seinem saarländischen Elternhaus zeigte sich der „kühle Funktionär“ sentimental. Doch dort, in Wibelskirchen, unterlief ihm ein folgenschwerer Leichtsinnsfehler: Er sprach davon, dass Grenzen eines Tages „uns nicht mehr trennen, sondern Grenzen uns vereinen“. Diese Äußerung irritierte Genossen in Ostberlin und Moskau und markierte den Anfang vom Ende seiner Herrschaft.

Abstieg und uneinsichtiger Abschied
Ab 1988 ging es für Honecker bergab. Ein persönlicher Schicksalsschlag traf ihn im Januar 1988, als seine zweijährige Lieblingsenkelin Mariana an einer Virusinfektion starb, die durch Luftverschmutzung und verzögerte medizinische Hilfe verstärkt wurde. Dieser Verlust erschütterte ihn zutiefst und machte ihn „richtig, ganz stark behindert“. Auch seine Gesundheit verschlechterte sich, er wurde müde und starr, seine „sportliche Vitalität und fehlende Elastizität“ ließen nach.

Als 1989 die ungarischen Kommunisten die Grenze zum Westen öffneten, blendete Honecker die Realität aus und bezeichnete es als „grenzkosmetische Maßnahme“. Wenige Monate später brach er mit Gallenkoliken zusammen und musste operiert werden. Während er verwirrt und desorientiert im Krankenhaus lag, wurde eine Nachrichtensperre verhängt, und er bekam von den Demonstrationen im Land „nicht viel mit“. An Rücktritt dachte er nicht, es widersprach seinem Selbstverständnis als „KP-Chef eines kommunistischen Landes“.

Am 17. Oktober 1989, kurz nach den Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag der DDR, wurde Honeckers Sturz im Politbüro beschlossene Sache. Stasi-Chef Mielke drohte ihm mit dem Auspacken, möglicherweise im Hinblick auf den roten Koffer. Honecker gab auf; sein „Kronprinz“ Egon Krenz wurde sein Nachfolger. Es war „der Fluch der bösen Tat“ – Honecker ereilte das gleiche Schicksal, das er einst Ulbricht bereitet hatte.

Schwerkrank an einem bösartigen Nierentumor, musste Honecker 1993 nach Chile ausreisen, wo seine Frau Margot auf ihn wartete. Bis an sein Lebensende im Mai 1994 hielt er starrsinnig an seiner Sicht der Dinge fest. Er zeigte bis zum Schluss „weder Reue noch Einsicht“ für die Toten an der Mauer oder das Leid, das er angerichtet hatte. In Deutschland blieb der rote Koffer zurück, der Gnadengesuche seines Vaters enthielt, die mit der Begründung abgelehnt wurden, Honecker sei ein „unbelehrbarer Anhänger des Kommunismus“ – darauf war er zeitlebens stolz.

Honecker war „ein Machtmensch, ein Diktator, der zuweilen joviale menschliche Züge zeigte“, sich aber „in eine Scheinwelt des erfolgreichen Sozialismus einspinnen“ ließ, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Diese Realität sollte er bis zu seinem Tod nie begreifen.

Historiker entlarvt Mythen über Stasi und polnischen Geheimdienst

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Berlin/Gorzów Wielkopolski (Landkreis) – Viele Annahmen und Spurensuchen, aber nur wenige umfassende Studien gab es bislang zum Binnenverhältnis der Geheimpolizeien Osteuropas. Diese Forschungslücke schließt nun eine wegweisende Studie: Dr. Tytus Jaskułowski hat in seiner Habilitationsschrift das Verhältnis zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit (MFS) der DDR und dem polnischen Innenministerium (MSW) – dem dort beheimateten polnischen Sicherheitsdienst – untersucht. Seine Arbeit, die auf jahrelanger Archivrecherche in Deutschland und Polen basiert, trägt den vielsagenden Titel „Eine Freundschaft, die es nicht gab“.

Jaskułowski, Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Gorzów Wielkopolski und Herausgeber der wissenschaftlichen Reihe über Polen-bezogene Stasi-Dokumente, bringt eine einzigartige deutsch-polnische Perspektive in seine Forschung ein. Für ihn ist das Thema nicht nur akademisch, sondern auch persönlich verwurzelt, da er als Jugendlicher durch polnische Presseberichte über die Stasi auf das Thema stieß. Seine Studie konzentriert sich auf die letzten 15 Jahre dieser Kooperation, eine Zeit der Öffnung des Ostblocks nach Westen, geprägt von der Gründung der Gewerkschaft Solidarność in Polen und der sowjetischen Politik von Glasnost und Perestroika.

In seiner Arbeit entkräftet Jaskułowski drei zentrale Mythen, die das Bild dieser Geheimdienstbeziehung prägten:
Mythos 1: Die operative Arbeit des MFS in Polen war super intensiv. Oft kursierten Zahlen von bis zu 1.500 Stasi-Agenten in Polen. Jaskułowski korrigiert diese Zahl drastisch. Nach seiner gründlichen Analyse waren es maximal 100 Personen, die tatsächlich verlässliche Informationen lieferten. Dabei unterscheidet er zwischen:
◦ Ad-hoc-Agenten: Personen, die nur gelegentlich bei Urlaubs- oder Familienbesuchen in Polen für die Stasi tätig waren und beispielsweise Flyer sammelten.
◦ Residenten: DDR-Bürger wie Studenten, Diplomaten oder Gastwissenschaftler, die sich länger in Polen aufhielten und Tendenzen analysieren sollten.
◦ Operatives: Eine sehr kleine Gruppe von Personen, die aktiv im Feld unterwegs waren, darunter auch Doppelagenten oder Anwerbeversuche, die die Stasi zu schützen versuchte. Die Qualität der gesammelten Informationen war dabei entscheidend, nicht die bloße formelle Registrierung als „inoffizieller Mitarbeiter“. Viele vermeintliche „Agenten“ waren eher oberflächliche Beobachter, deren Berichte wenig über die wirkliche Lage Polens aussagten.

Mythos 2: Das polnische Innenministerium (MSW) war schwach organisiert und in Bezug auf die Aufklärung der DDR ineffizient. Dieser Mythos wird durch Jaskułowskis Quellenanalyse ebenfalls entkräftet. Obwohl das MSW mit etwa 24.000 Mitarbeitern Ende der 1980er Jahre personell deutlich kleiner war als die Stasi mit über 90.000 Hauptamtlichen, war es keineswegs ineffizient. Die polnische Geheimpolizei war durchaus in der Lage, ihre Arbeit zu erledigen und besaß ein großes Interesse an der „deutschen Dimension“, sowohl aus historischen Gründen (Zweiter Weltkrieg) als auch wegen der direkten Grenzkonflikte mit der DDR. Jaskułowski konnte nachweisen, dass das MSW über viele Stasi-Aktivitäten in Polen sehr schnell Bescheid wusste. Ein Beispiel ist der Anwerbeversuch eines polnischen Bürgers durch die Stasi, dessen Information bereits 84 Stunden später dem polnischen Innenminister Czesław Kiszczak vorlag. Die Stasi war sich dieser Umstände bewusst und behandelte die polnische Seite mit Misstrauen, um eigene Quellen zu schützen, wie der Fall eines Doppelagenten beim Bundesamt für Verfassungsschutz zeigt, dessen Informationen nicht an die polnische Seite weitergegeben wurden.

Mythos 3: Die Kooperation zwischen MFS und MSW war relativ harmonisch. „Es gibt keine Freundschaft in dieser Welt“ – dieser Grundsatz der Nachrichtendiensttheorie trifft auch auf die Beziehungen innerhalb des Warschauer Paktes zu. Jaskułowski beschreibt die Beziehungen als „schizophrenisch“, da Polen gleichzeitig Freund und potenzielle Gefahr für die DDR war. Mehrere Faktoren untergruben jede Vorstellung von Harmonie:
◦ Grenzkonflikte: Insbesondere um die Seegrenze in der Pommerschen Bucht, die mit erheblichen wirtschaftlichen Interessen verbunden war.
◦ Parteipolitische Dimension: Aus Sicht der SED stellte jede „friedliche Revolution“ im Warschauer Pakt, wie die Solidarność-Bewegung, eine Gefahr dar, die auf die DDR übergreifen könnte.
◦ Wirtschaftlicher Wettbewerb: Die DDR wollte immer „Startnummer 1“ im Warschauer Pakt nach der Sowjetunion sein, während Polen ebenfalls diesen Status beanspruchte. Ein anschauliches Beispiel für das disharmonische Verhältnis liefert die Geschichte einer Prostituierten auf der Leipziger Messe, die vom MFS angeworben werden sollte. Die Stasi-Mitarbeiter wussten jedoch nicht, dass diese Frau bereits einen Betreuer beim polnischen Innenministerium hatte. Als sie zurück in Polen war, informierte sie ihren Betreuer, was zu einer förmlichen Entschuldigung der DDR-Seite gegenüber Polen führte – ein alltäglicher Vorgang, der das tatsächliche Kräftemessen unter der Oberfläche aufzeigt.

Jaskułowskis Forschung ist nur durch den Zugang zu umfassenden Archivbeständen möglich gewesen. Er recherchierte intensiv im Stasi-Unterlagen-Archiv (BSTU) in Deutschland und im Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Polen. Während der Zugang zu Stasi-Akten in Deutschland relativ schnell und umfassend war, gestaltete sich die Forschung im polnischen Parallelarchiv schwieriger, da bestimmte Akten bis 2015 in einer „gesperrten Ablage“ lagen und spezielle Genehmigungen erforderten.

Neben seiner Habilitationsschrift hat Titus Jaskułowski auch ein weiteres Buch mit dem Titel „Spione wie ihr“ veröffentlicht, das 150 „absurde, plakative Kurzepisoden aus dem deutsch-polnischen Geheimdienstalltag“ versammelt. Dieses Bonusbuch bietet einen leichteren Zugang zu den oft skurrilen Seiten der Geheimdienstarbeit und ist laut Jaskułowski auch eine Form der „psychischen Hygiene“ angesichts der grausamen Realität, die er erforscht.

Die Studie von Titus Jaskułowski ist ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis der komplexen und oft widersprüchlichen Beziehungen zwischen den Geheimdiensten des Warschauer Paktes und widerlegt nachhaltig vereinfachende Narrative von Freundschaft oder Schwäche.