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DDR-Zoll in den 70ern: Kontrollen und ihre Bedeutung

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Tausende Reisende und Tonnen von Gütern überquerten Tag für Tag die Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik – doch nicht ohne die scharfen Augen der Zollverwaltung zu passieren. Die Aufgaben der Zollmitarbeiter waren umfassend und von entscheidender Bedeutung für die Sicherung der DDR, wie ein Blick in die Praxis der 70er Jahre zeigt.

Schutz der Souveränität und Wirtschaft
Im Kern hatten die Mitarbeiter der Zollverwaltung die Aufgabe, die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen der DDR im grenzüberschreitenden Waren-, Devisen- und Geldverkehr durchzusetzen. Dies bedeutete, Schmuggler und Spekulanten abzuwehren und damit Versuche zu vereiteln, dem Land politischen und ökonomischen Schaden zuzufügen. Die Grenzübergangsstelle an der Autobahnbrücke über die Oder bei Frankfurt an der Oder beispielsweise war nicht nur ein Symbol des Zusammenwachsens mit Polen, sondern auch ein Kontrollpunkt für Touristen aus Westeuropa. An der Staatsgrenze zur BRD sicherten die Zöllner zudem die Souveränität der DDR gegenüber einer Grenze, die von der Gegenseite „durchlässig gemacht werden sollte“.

Vielseitige Kontrollpunkte: Von Zügen bis zum Postverkehr
Die Zollkontrollen fanden an den verschiedensten Orten statt. In Zügen, die aus der Volksrepublik Polen oder der Sowjetunion kamen oder dorthin fuhren, stiegen Pass- und Zollkontrolleure zu, um während der Fahrt von und nach Berlin vollständige Kontrollen durchzuführen. An Güterbahnhöfen wie Gerstungen oder Frankfurt (Oder) überprüften Zöllner die Begleitdokumente und verhinderten mit Hilfe von Diensthunden die gesetzwidrige Schleusung von Menschen und Materialien. Allein auf dem Güterbahnhof Frankfurt (Oder) mussten täglich über 60 Züge abgefertigt werden, wobei Zöllner ein Laufpensum von bis zu 15 km absolvierten.

Nicht nur physische Waren an Landgrenzen waren im Fokus. Auch die Luftfracht, Häfen wie Rostock und Sassnitz, und selbst die Ostsee als Kontrollbereich wurden überwacht. Im Fährhafen Sassnitz, einem wichtigen Transitpunkt nach Schweden, wurde modern abgefertigt. Tausende Sendungen pro Tag durchliefen Postzollämter, um illegale Ein- oder Ausfuhren zu unterbinden. Dies reichte von unerlaubter Geldeinfuhr der DDR-Notenbank und Rauschgift bis hin zu „Schund- und Schmutzliteratur“, Hetzschriften und Pornografie, aber auch revanchistischer, faschistischer oder militaristischer Propaganda. Auch die Ausfuhr hochwertiger Produkte wie optische Geräte, Pelze, Textilien, Markenporzellan, Antiquitäten und Briefmarken wurde verhindert, wenn sie ungesetzlich erfolgen sollte.

Vertrauen und strenge Kontrolle
Besonders beim Handel mit den „Bruderländern“ Polen und der Sowjetunion zeigte sich ein „deutliches Zeichen für das Vertrauen“. Hier beschränkten sich die Eingangskontrollen auf das Notwendigste und wurden nur bei offensichtlichen Unregelmäßigkeiten vertieft. Ausfuhrgüter hingegen wurden sorgfältig kontrolliert, um sicherzustellen, dass sie dem Leitspruch „Meine Hand für mein Produkt“ Ehre machten. Moderne Logistik, wie Container, die bereits im Herstellerbetrieb beladen und vom Binnenzollamt abgefertigt wurden, ermöglichte kürzere Exportkontrollen in Überseehäfen wie Rostock, die sich auf Stichproben beschränkten.

Der Zöllner: Repräsentant des Staates
Die Zöllner waren oft die ersten Bürger der DDR, denen Reisende begegneten, und prägten maßgeblich den Eindruck des Staates. Von ihnen wurden Klugheit, sicheres Auftreten und vor allem politisches Verantwortungsbewusstsein erwartet. Jeder Kontrolleur traf seine Entscheidungen eigenverantwortlich, wohlwissend, dass jede Nachlässigkeit dem Land „nicht wieder gutzumachende Folgen“ haben konnte.

Die Ausbildung zum sozialistischen Zöllner war umfassend und fand an Fachschulen wie in Plessa statt. Neben einer guten Schulbildung und beruflichen Erfahrungen waren hohe menschliche Qualitäten gefragt. Das Unterrichtsprogramm war vielfältig und intensiv, inklusive Fremdsprachenunterricht, Körperertüchtigung wie Judo-Training und militärischer Ausbildung. Die Genossen der Zollverwaltung leisteten ihren Dienst „zuverlässig, wohl ausgestattet mit reichen politischen und fachlichen Fähigkeiten“. Ihr Dienst war ein ehrenvoller Beruf und trug maßgeblich zur Sicherung der Staatsgrenze bei.

Die verborgene Realität der DDR: Zwischen Ideal und Abgrund

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Die Deutsche Demokratische Republik, oft als „geheimnisvolle Diktatur“ bezeichnet, versprach ihren Bürgern eine bessere Zukunft und ein blühendes, sozialistisches „besseres Deutschland“. Doch hinter dieser glanzvollen Selbstdarstellung verbarg sich eine Wirklichkeit, in der Anspruch und Realität oft drastisch auseinanderklafften. Viele Geheimnisse wurden bis lange nach dem Mauerfall gehütet und kommen erst heute ans Licht.

Die „Helden der Arbeit“: Ein Mythos bröckelt
Ein Paradebeispiel für die Diskrepanz zwischen Propaganda und Alltag ist die Geschichte von Frieda Hockauf, einer Weberin aus Zittau. 1953 wurde sie zur Ikone der DDR, zur „Heldin der Arbeit“, weil sie in nur drei Monaten 45 Meter mehr Stoff als ihre Norm webte. Die SED feierte sie als Vorbild einer Aktivistenbewegung, die die Überlegenheit der DDR-Wirtschaft beweisen und insbesondere Frauen zu höherer Produktivität anspornen sollte – Frauen waren die einzige Arbeitskräftereserve der DDR.

Doch während die Propaganda ihr nacheifernde Kolleginnen im ganzen Land suggerierte, sah Hockaufs Realität anders aus. Sie wurde von ihren Kolleginnen als „Normenbrecherin“ und „Verräterin“ beschimpft, Eier und Steine flogen, ihr Webstuhl wurde sabotiert. Obwohl die Partei sie als Vorzeigefigur nutzte und sie sogar Abgeordnete der Volkskammer wurde, lebte Hockauf bis zu ihrem Tod 1974 in bescheidenen Verhältnissen – Ofenheizung, Klo auf halber Treppe, kein Auto. Ihr Schicksal – „arm geboren und arm gestorben“ – wurde der DDR-Bevölkerung verschwiegen.

Wirtschaftliche Not und verdrängte Proteste
Ende der 1950er Jahre verbesserte sich die Wirtschaftslage der DDR zwar leicht, blieb aber ein Drittel hinter der Bundesrepublik zurück. Lebensmittelknappheit führte 1960 zu einer Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die zunächst Missernten und Bauernflucht verursachte. Trotz hoher Investitionen in Industriezweige wie Chemie, Elektro- und Maschinenbau fehlten dort ebenfalls Mittel und Arbeitskräfte, was 1961 in einer tiefen Krise mündete – ein Teufelskreis, der den Mauerbau begründete, um die Volkswirtschaft planbar zu machen.

Die Unzufriedenheit entlud sich in hunderten „wilder Streiks“ Anfang der 1960er Jahre, insbesondere in den industriestarken Bezirken wie Halle, wo sich die Leuna-Werke befanden. Die DDR-Zeitungen schwiegen über diese Arbeitsniederlegungen, während im Westen Gerüchte – teils unzutreffend – kursierten. Der Druck führte zwar zu Reformplänen Ulbrichts für mehr Eigenständigkeit der Betriebe, doch aus Angst vor Kontrollverlust wurden diese wieder abgebrochen.

Wochengrippen: Das stille Leid der Kinder
Um die Frauen für die Arbeit zu mobilisieren, versprach der Staat umfassende Kinderbetreuung. Besonders umstritten waren die „Wochengrippen“, in denen Kinder ab der sechsten Lebenswoche betreut wurden und ihre Eltern nur am Wochenende sahen. Die Propaganda stellte sie als gleichwertige Alternative zu Tageskrippen dar, die Eltern „entlasten“ sollten.

Doch die Realität war eine andere. Eine Studie der Ärztin Eva Schmidtkolmer Anfang der 1950er Jahre, deren Ergebnisse der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, zeigte dramatische Befunde: Wochengrippenkinder litten unter Hospitalismus, zeigten verzögerte Sprachentwicklung und auffälliges Verhalten. Sie blieben in allen Bereichen hinter Altersgenossen zurück. Obwohl Kinderärzte früh warnten und die Probleme in Fachkreisen bekannt waren, wurden Schmidtkolmer und andere Kritiker mundtot gemacht. Das Personal war nachts oft unterbesetzt, was zu Unfällen führte, die mit Fixierungen statt mit mehr Personal behoben wurden. Viele ehemalige Wochengrippenkinder berichten noch heute von gestörten Elternbeziehungen, Partnerschaftsschwierigkeiten und Ängsten – ein Schicksal, das lange ein Geheimnis bleiben musste, um den Mythos der unbegrenzten Produktionssteigerung nicht zu gefährden.

Der „Große Bruder“ und seine Geheimnisse
Die „Freundschaft mit der Sowjetunion“ war ein zentraler Gründungsmythos der DDR. Doch auch hier herrschte eine dunkle Realität. Nach dem Krieg betrieb die Sowjetunion Speziallager wie Torgau oder das ehemalige KZ Sachsenhausen, in denen über 122.000 Deutsche, darunter politische Häftlinge und vermeintliche Nazis, interniert waren. Hunger, Krankheiten und brutale Behandlung waren Alltag; ein Drittel der Insassen überlebte diese Zeit nicht. Über diese „terrorjustiz“ und die Lager durften die Überlebenden in der DDR nicht sprechen – das Thema war tabuisiert.

Auch die sowjetischen Truppen in der DDR, bis zu 500.000 Mann, schirmten sich hermetisch ab. Abstürze sowjetischer Militärflugzeuge, wie 1966 in Folbern, wurden zu Staatsgeheimnissen erklärt und die Schäden von der Stasi unter „eine Glocke“ gelegt. Gerüchte über Atomwaffenlager in Orten wie Großenhain kursierten, wurden aber erst 1992 durch russische Archivfunde bestätigt: Seit 1963 lagerten dort bis zu einem Dutzend Kernwaffen, wovon die DDR-Führung zwar wusste, aber nicht, wo genau.

Die „Waffenbrüderschaft“ war kein Verhältnis auf Augenhöhe, sondern die DDR ein potenzielles Schlachtfeld. Die Propaganda zeigte sowjetische Soldaten stets als freundlich und musikalisch, doch ihre Lebensverhältnisse waren ärmlich und von Gewalt („Dedowschtschina“) geprägt. Tausende Straftaten, Desertionen und gewaltsame Verfolgungsjagden, die oft tödlich endeten, wurden von der Staatssicherheit verzeichnet und vor der Bevölkerung verborgen.

„Russenkinder“ und verbotene Liebe
Trotz arrangierter Begegnungen kam es zu Liebesbeziehungen zwischen sowjetischen Soldaten und ostdeutschen Frauen. Doch diese waren streng verboten, da Offiziere als „Geheimnisträger“ galten und Frauen oft Spionage unterstellt wurde. Renate Walter aus Saalfeld, ein „Russenkind“, erfuhr erst als Teenager durch Zufall den Namen ihres sowjetischen Vaters, Alexander Bessarabow. Ihre Mutter schützte sie, indem sie schwieg.

Alexander kämpfte um seine Familie, wurde verwundet und später unehrenhaft aus der Armee entlassen. Viele „Russenkinder“ erfuhren nie, wer ihre Väter waren und wurden als Teenager angefeindet. Ein „zwischenmenschliches Drama“, das sich unter dem Dach der offiziellen Freundschaft abspielte.

Der Antifaschismus: Eine Fassade mit Rissen
Die Bekämpfung des Nationalsozialismus war der „zentrale Gründungsmythos“ der DDR. Nach der offiziellen „Entnazifizierung“ 1950 gab es angeblich nur noch im Westen Nazis. Doch die Realität sah anders aus: Man integrierte „belastete“ Personen in die neue Gesellschaft, wenn sie sich für den Aufbau des Staates einsetzten. Ein Beispiel ist Ernst Grossmann, „Held der Arbeit“ und LPG-Vorsitzender, der jahrelang für die SED tätig war, obwohl er ab 1940 Angehöriger eines SS-Totenkopfverbandes und Wachmann im KZ Sachsenhausen gewesen war. Die Stasi wusste davon, schützte ihn aber.

Die Doppelzüngigkeit zeigte sich auch im Umgang mit Rechtsterroristen. 1981 half die Stasi dem westdeutschen Rechtsterroristen Udo Albrecht bei der Flucht in den Nahen Osten, um Kontakte zur PLO zu knüpfen und Israel zu bekämpfen – ein Ziel, das der „antifaschistischen“ DDR mit Albrechts antizionistischer Haltung übereinstimmte. Auch der Prozess gegen den Kriegsverbrecher Heinz Barth 1983, der am Massaker von Oradour beteiligt war, wurde zum Propagandaerfolg. Doch auch hier gab es ein dunkles Geheimnis: Zwei weitere identifizierte Mörder wurden nicht angeklagt. Barth selbst knüpfte im Gefängnis Freundschaften mit jungen Neonazis, denen er sein „rechtsextremes Weltbild“ vermittelte.

Die Ergebnisse einer Forschung der Humboldt-Universität Berlin über die Ursachen des Rechtsrucks bei Jugendlichen blieben geheim. Sie zeigten, dass die jungen Neonazis oft aus „soliden“ Elternhäusern stammten und der Verlust alter Autoritäten eine Rolle spielte. Die Jugendlichen nutzten Nazisymbole, um den antifaschistischen Staat herauszufordern, verkörperten aber gleichzeitig Werte wie „Ordnungsdenken“ und „Fremdheit gegenüber anderen Kulturen“, die in Teilen der DDR-Gesellschaft verbreitet waren – ein Mechanismus, der bis heute wirkt.

Das Ende einer Diktatur der Geheimnisse
Als die Menschen 1989 die Mauer zu Fall brachten und 1990 die Stasi-Zentrale stürmten, zeigte sich das wahre Ausmaß der Geheimnisse. Die vielen verborgenen Realitäten, die im krassen Widerspruch zur offiziellen Propaganda standen, trugen maßgeblich zum Vertrauensverlust bei und enthüllten eine Diktatur, die ihre Bürger bis zuletzt täuschte und prägte.

Gut Gödelitz: Ein Ort des Friedens und der Gegenrede im Geiste Gorbatschows

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Am 30. August 2022 verstarb Michail Gorbatschow, der ehemalige sowjetische Staatschef und Friedensnobelpreisträger, der als einer der Väter der Deutschen Einheit und Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges gilt. Sein Vermächtnis des Friedens und der Diplomatie lebt an besonderen Orten weiter, darunter Gut Gödelitz in Sachsen, das als Begegnungsstätte und geistig-politisches Zentrum der Verständigung dient. Der Filmemacher Ralf Eger widmete Gorbatschow und diesem einzigartigen Ort den Film „Gorbatschow und Gödelitz – Frieden“, der im November (vermutlich 2022) erscheinen sollte und zwischenzeitlich online zugänglich gemacht wurde.

Gorbatschows Vision: Frieden durch Abrüstung und neues Denken
Gorbatschows tief verwurzelte Ablehnung des Krieges war persönlich geprägt. Als Teenager erlebte er die deutsche Besatzung, Hunger und Demütigung. Die Zerstörung Stalingrads und anderer Städte, die er auf seinen Reisen sah, prägten seine Einstellung maßgeblich. Mitte der 1950er Jahre, bereits in der Führung des Jugendverbands Komsomol in Stawropol, wurde ihm eine geheime Dokumentation über die Folgen einer Atomexplosion gezeigt, die ihn zutiefst verstörte. Von diesem Moment an war für ihn klar: „So etwas darf niemals Realität werden. Wir… müssen für den Frieden kämpfen“.

Mitten im Kalten Krieg gelang es Gorbatschow, Verträge zur atomaren Abrüstung und Rüstungskontrolle zu schließen. In der Sowjetunion initiierte er mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess. Sein „neues Denken“ mit dem Primat der allgemein menschlichen Werte befreite die Welt von der akuten Atomkriegsgefahr. Er war ein Gesprächspartner, der nicht mit Floskeln, sondern von Anfang an sehr offen seine Meinung vertrat und bereit war, in der Sache zu diskutieren. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als warmherzig, charmant, gut aussehend und zugewandt. Er opferte nichts auf dem Altar der aktuellen Tagespolitik und nahm sein Gegenüber ernst.

Trotz dieser Erfolge stieß Gorbatschow auch auf Widerstände und Unverständnis. Bundeskanzler Helmut Kohl verglich seine Öffentlichkeitsarbeit mit der von Goebbels, was Gorbatschow als Beleidigung für sich und sein Land empfand und die bilateralen Beziehungen einfrierte. Später jedoch führte ein Besuch Gorbatschows in Deutschland 1989 zu einem Riesenerfolg, bei dem er von der Bevölkerung gefeiert und von Kohls Infrastruktur beeindruckt war, was ihn überzeugte, Deutschland als wichtigsten Partner für die Reformen in der Sowjetunion zu sehen.

Das Vermächtnis und die Herausforderungen
In Russland wurde Gorbatschow oft für negative Entwicklungen verantwortlich gemacht, während seine Leistungen, wie die Möglichkeit, das „Maul aufreißen zu können, ohne dass einem etwas passiert“, als selbstverständlich wahrgenommen wurden. Kritiker bemängelten seine wirtschaftliche Ideenlosigkeit und seine zu große Vertrauensseligkeit, beispielsweise indem er mündliche Zusagen zur NATO-Osterweiterung nicht schriftlich fixieren ließ. Die Einführung der Freiheit in der Sowjetunion wird in den Quellen als „Büchse der Pandora“ beschrieben; viele Menschen waren nach 70 Jahren Diktatur noch nicht reif für die Verantwortung der Freiheit und verbanden sie automatisch mit Wohlstand.

Gut Gödelitz: Ein Familienprojekt für den Frieden
Vor diesem Hintergrund des Gorbatschowschen Vermächtnisses spielt Gut Gödelitz eine zentrale Rolle. Die Familie Schmidt-Gödelitz, deren Gut in der DDR enteignet wurde und die nach der Wiedervereinigung zurückkehrte, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Ort als offene Begegnungsstätte zu erhalten. Barbel Schäfer, die das Gut 1990 erwarb, wurde durch ihre Erlebnisse in der DDR und die Friedenspolitik der SPD geprägt. Ihr politischer Ziehvater, Egon Bahr, lehrte sie die Bedeutung des Perspektivwechsels und die Notwendigkeit, die Interessen des anderen zu sehen und in eigene Entscheidungen einzubauen, sowie die Vorgeschichte von Konflikten zu verstehen. Diese Prinzipien prägen die Arbeit in Gödelitz bis heute.

Das „Gödelitzer Modell der Biografiegespräche“ bringt systematisch Menschen aus Ost und West zusammen, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen und sich kennenzulernen. Dieses Modell findet inzwischen auch international Anwendung, beispielsweise in Polen oder Korea. Katrin Schmidt-Gödelitz, die nach Gödelitz zog und dort als Dorfschullehrerin arbeitet, betont die Bedeutung von Toleranz und dem direkten Austausch: „Menschen müssen mit Menschen reden, um sich kennenzulernen, um sich zu akzeptieren, um sich zu tolerieren“.

Gegenrede und Dialog in Gödelitz
Ein besonderes Ereignis war ein Gorbatschow-Abend auf Gut Gödelitz, der von der Journalistin Bettina Schaefer – Herausgeberin eines preisgekrönten Buches über Gorbatschow – zusammen mit Gabriele Krone-Schmalz gestaltet wurde. Krone-Schmalz, einst Moskaukorrespondentin der ARD und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, wird heute von vielen Medien als „Putin-Versteherin“ ignoriert oder angegriffen. Ihr Auftritt in Gödelitz war bemerkenswert: Der Saal war voll, und das Publikum spendete ihr stehenden Applaus, der lange anhielt. Bemerkenswert war auch, dass die lokalen Zeitungen, die zuvor regelmäßig über Gödelitz berichtet hatten, an diesem Abend nicht anwesend waren, was als Reaktion auf die „Gegenrede“ interpretiert wurde.

Trotz inhaltlicher Differenzen zwischen den Veranstaltern, etwa Barbara Schäfer und der Schwester von Axel Schmidt-Gödelitz, wird in Gödelitz der respektvolle Streit gepflegt. Man haue sich die Argumente „um die Ohren, aber wir machen das auf zivilisierte Weise und irgendwie nahe zu liebevoll“. Dieser Ansatz steht im Kontrast zu einer Medienlandschaft, in der die Diskussion sich zunehmend auf den „Mainstream“ verengt und Gegenreden kaum noch stattfinden.

Die Lehren für die Gegenwart
Gorbatschows Vermächtnis – Frieden ist möglich, nicht durch Aufrüstung und Feindbilder, sondern durch Diplomatie, Annäherung, Verständnis und Vertrauen – bleibt hochaktuell. Das Gut Gödelitz steht beispielhaft für den Mut, diesen Geist in die Tat umzusetzen und einen Raum für den Austausch zu schaffen, in dem Toleranz und der Perspektivwechsel gelebt werden. Es ist eine Aufgabe, die von der Familie Schmidt-Gödelitz als „Selbstausbeutung für den guten Zweck“ verstanden wird und die sich dem Erhalt eines politisch und regional offenen Ortes widmet. In einer Welt, die sich wieder in Richtung Konfrontation bewegt, bietet Gödelitz einen wichtigen Kontrapunkt und die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen und gemeinsam an einer friedlicheren Zukunft zu arbeiten.

Trotz lückenloser Grenze: Spektakuläre Fluchten aus der DDR im Jahr 1986

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Im Jahr 1986 gelang zwei Männern auf dramatische Weise die Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in den Westen. Ein Fernmeldemonteur überwand den Checkpoint Charlie in Berlin, während ein Grenzsoldat die thüringisch-hessische Grenze nutzte, um sich in die Bundesrepublik abzusetzen. Beide erreichten die Freiheit wie durch ein Wunder unverletzt. Diese Ereignisse unterstreichen eindrucksvoll, dass selbst das nahezu lückenlose Grenzregime der DDR den menschlichen Drang nach Freiheit nicht vollständig unterbinden konnte.

Die waghalsige Flucht am Checkpoint Charlie
Am 17. Januar 1986 nutzte der damals 21-jährige Andreas Bratke, ein Fernmeldemonteur aus Ost-Berlin, einen unbeobachteten Moment am Grenzübergang Checkpoint Charlie, um seine Flucht zu wagen. Bratke war an diesem Nachmittag mit der Installation sicherungstechnischer Anlagen beschäftigt, als ihm die Flucht um 14:30 Uhr gelang. Er rannte von einem Altbau los, da er die beiden Grenzsoldaten nicht in Sichtweite wähnte. Sein Ziel: der Grenzturm und der Schlagbaum. Nur zwei Meter vor der Demarkationslinie versuchte ein Hauptmann der DDR, ihn noch aufzuhalten, rief „Dich Schwein kriege ich noch!“, doch Bratke erreichte unversehrt West-Berlin.

Seine Beweggründe waren tiefgreifend: Bratke lehnte den DDR-Wehrdienst mit der Waffe ab, engagierte sich jahrelang in der evangelischen Friedensbewegung und verspürte einen starken Wunsch nach Freiheit. Für ihn gab es nur die Alternative, die DDR illegal zu verlassen.

Der Grenzsoldat, der „die Welt kennenlernen“ wollte
Wenige Monate später, im Juni 1986, spielte sich eine weitere spektakuläre Flucht ab – diesmal an der hessisch-thüringischen Grenze entlang des Flusses Werra. Zufällig nahm ein Filmteam des Bundesgrenzschutzes, das für Heribert Schwans Dokumentation „Entlang der Grenze“ mit einem Hubschrauber unterwegs war, einen DDR-Grenzsoldaten aus der Luft auf. Dieser war gerade mit seinem Postenführer vor dem Grenzzaun 1, dem letzten Sperrelement, unterwegs.

Nur einen Tag später überlistete dieser Soldat seinen Postenführer. Als Fahrzeugführer fuhr er mit einem LKW direkt an den letzten Zaun heran, stieg aus dem Fahrerhaus, überwand den Zaun und setzte sich erfolgreich in die Bundesrepublik ab – ohne Verletzungen und ohne seinen Postenführer zu verletzen. Auch er begründete seine Flucht mit Unzufriedenheit über die politischen und wirtschaftlichen Umstände in der DDR, dem Drang nach mehr Freiheit, einem besseren Leben und dem Wunsch, „auch mal was von der Welt kennenzulernen“ und mehr zu erleben.

Ein ausgeklügeltes und tödliches Grenzregime
Die Fluchten fanden trotz eines hochkomplexen und gefährlichen Grenzsicherungssystems statt. Die DDR hatte ein „ausgefeiltes Sperrsystem“ installiert, das die Grenze nahezu lückenlos machte. Es gab kein Niemandsland; das Gelände zwischen Grenzsteinen und Sperranlagen war Staatsgebiet der DDR.

Zu den Grenzanlagen gehörten der Metallgitterzaun (Grenzzaun 1), ein etwa anderthalb Meter tiefer Kraftfahrzeugsperrgraben, ein sechs Meter breiter Spurensicherungsstreifen und der betonierte Kolonnenweg für Grenzstreifen und Alarmgruppen. Wachtürme mit Grenzsoldaten sowie größere Grenzführungspunkte, ausgestattet mit elektronischem Überwachungsgerät, säumten das Gelände. Hinzu kamen demontierte Alarm- und Signalgeräte am Hinterlandzaun, der 500 bis 5000 Meter parallel zur eigentlichen Grenzlinie verlief, und ein weiterer Metallgitterzaun mit Stacheldraht und Isolatoren als elektrische Signalträger. Bei Berührung lösten diese Alarm aus und setzten Rundumleuchten in Gang. Betonbunker mit Schießscharten, Lichtsperren und Lampen vervollständigten das System.

Seit Oktober 1985 waren die letzten Selbstschussanlagen abgebaut worden, was die Grenze zwar nicht durchlässiger, aber „weniger blutig“ machte. Ein fast lückenloses Frühwarnsystem war auf DDR-Seite installiert, und der als Grenzsignalzaun bezeichnete Schutzstreifenzaun wurde seit 1983 erheblich verdichtet.

Umweltzerstörung und ideologische Widersprüche
Die Dokumentation beleuchtete auch die massiven Umweltbelastungen, insbesondere die starke Verschmutzung des Grenzflusses Werra durch Kalilauge aus der DDR. Die Umweltverschmutzung war grenzüberschreitend und ließ sich durch Grenzen und Sperrgitter nicht aufhalten, was nach den atomaren Wolken von Tschernobyl noch sinnloser erschien.

Ein ironischer Kontrapunkt zum real existierenden Sozialismus wurde vom Schriftsteller Adolf Endler gesetzt: Trotz aller ideologischen Vorgaben war die US-Serie „Dallas“, die in der ARD ausgestrahlt wurde, die erfolgreichste Fernsehsendung der DDR. Endler sah dies als Sinnbild für die vielen Widersprüche im Alltag des „anderen Deutschlands“, wo Menschen tagsüber „richtige Sozialisten“ waren, abends aber anteilnehmend den Schicksalen der Millionärsfamilie in „Dallas“ folgten.

Diese Geschichten von Flucht, einem unnachgiebigen Grenzregime und alltäglichen Widersprüchen zeichnen ein eindrückliches Bild der DDR in den 1980er Jahren und des unerschütterlichen Wunsches nach Freiheit, der selbst die undurchdringlichsten Barrieren überwinden konnte.

Kriegsende im Vogtland: Einblick in die letzten, verheerenden Tage des Zweiten Weltkriegs

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Vogtland, April 1945. Während die Welt in Flammen stand und die meisten deutschen Städte bereits in Schutt und Asche lagen, näherten sich die Alliierten Truppen unaufhaltsam. Inmitten dieses Chaos bot sich dem Vogtland, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, eine letzte, beispiellose Zerstörung, die tiefgreifende Spuren in der Landschaft und den Seelen der Bevölkerung hinterlassen sollte.

Die geheime Mission „Phao“ Am schicksalhaften 8. April 1945, um 1:40 Uhr, sprang ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes OSS (Vorläufer der CIA) namens Jean Daming, alias Karl Pfeifer, mit dem Fallschirm nahe Plauen ab. Der 1916 in Luxemburg geborene Daming, ein ehemaliges Mitglied des französischen Widerstandes, hatte sich 1944 vom OSS anwerben lassen, um den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Seine Mission unter dem Decknamen „Phao“ zielte darauf ab, die Situation im Vogtland – insbesondere Truppenbewegungen, Verkehrsknotenpunkte und den Zustand der Rüstungsindustrie – kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner zu erkunden. Ausgestattet mit Karten, Kompass, Verpflegung und einer 9-mm-Pistole, sowie einem gefälschten Ausweis als Vertreter der Henkelwerke, betrat er vogtländischen Boden.

Plauens Leidensweg: Eine Stadt im Bombenhagel Plauen, ein wichtiger Standort der Rüstungsindustrie und Hauptverkehrsknotenpunkt, galt seit September 1944 als zentrales Ziel alliierter Bomber. Besonders die VOMAG, die unter anderem das Sturmgeschütz SDKfz exklusiv produzierte, war ein lohnendes Ziel.

Bereits am 8. April, dem Tag von Pfeifers Ankunft, wurde Plauen zum zwölften Mal bombardiert. Aus einem Graben bei Straßberg beobachtete Karl Pfeifer, wie schwere US-Bomber ihre tödliche Fracht abwarfen und die Stadt um 14 Uhr in Flammen stand. Ein Bürger aus Plauen beschrieb seiner Frau die Szene als „entsetzliches Drama“. Nach dieser Bombardierung traf Pfeifer einen russischen Kriegsgefangenen, der bereitwillig über den Zustand der Panzerfabrik berichtete: Die VOMAG war komplett demoliert und die Arbeit eingestellt.

Die Schrecken nahmen kein Ende. Am 9. April folgten 37 Mosquitos der Royal Air Force, die 68 Tonnen Bomben abwarfen, 80 Tote und zahlreiche Verletzte forderten. In dieser Nacht versuchte Pfeifer vergeblich, Funkkontakt zu seiner Dienststelle herzustellen, was für Plauen verheerende Folgen haben sollte.

Der verheerendste Angriff: Ein Feuersturm über Plauen In der Nacht vom 10. auf den 11. April starteten 307 Lancaster Bomber und acht Mosquitos der Royal Air Force mit 1965 Tonnen Bomben an Bord Richtung Plauen. Um 1 Uhr morgens begann der bisher größte und verheerendste Angriff, der die Stadt in einen Feuersturm ungeahnten Ausmaßes tauchte. Die Bevölkerung suchte voller Angst Schutz in Luftschutzkellern. Ein Zeitzeuge beschrieb die Szene als unbeschreiblich: „dreiviertel Stunde lang ging das uns haben die Ohren we getan“.

Interessanterweise fand just um 1 Uhr morgens der erste Funkkontakt mit dem OSS-Spion Karl Pfeifer statt. Er meldete: „Hallo George hier spricht Hans ich habe verstanden dass bei Ihnen in der Gegend keine militärische Einheit vorzufinden ist“. Hätte dieser Kontakt bereits am 9. April stattgefunden, so die Experten, hätte dieser britische Nachtangriff möglicherweise verhindert werden können.

Die Bilanz der Zerstörung Bis 1:40 Uhr tobte die Bombardierung. Der Himmel war „blutrot“. Am Morgen des 11. April begannen die Aufräumarbeiten. Die Bilanz der 14 schweren Angriffe seit September 1944 war verheerend: Mindestens 2300 Menschen, vorwiegend ältere Menschen und Kinder, kamen ums Leben. Die Stadt war zu 75% zerstört, wobei die Bahnhofsvorstadt einen Zerstörungsgrad von annähernd 99% aufwies. Etwa 1,8 Millionen Kubikmeter Schutt mussten beseitigt werden. Die Bevölkerung zeigte sich tief erschüttert und ohne Verständnis für die Bombardierungen. Viele verließen die Stadt.

Widerstand und Verzweiflung Hermann Görings Luftwaffe lag am Boden, und sein einstiger Prahlhans-Spruch war längst zum Straßenwitz geworden. Obwohl in den letzten Kriegsmonaten noch Messerschmidt 109 Flugzeuge in Plauen und im nahegelegenen Wald zwischen Syrau und Meuer gefertigt wurden, oft von Frauen aus dem Konzentrationslager Flossenburg, war eine wirkungsvolle Gegenwehr nicht mehr möglich. Viele meist junge Piloten wurden mangels Kampferfahrung abgeschossen.

Im Vogtland wurde die Bevölkerung mit „irrwitzigen Vorschlägen“ auf den Einmarsch der Amerikaner vorbereitet, darunter die Idee, heißes Wasser aus den Fenstern zu schütten. Auch der Volkssturm, bestehend aus Frauen und frontunfähigen Männern, wurde ausgebildet, doch oft siegte die Vernunft; es mangelte an Bewaffnung und die Jugendlichen waren für den Kampf ungeeignet. Soldaten, die sich absetzten, wurden von sogenannten „Kettenhunden“ aufgegriffen und erhängt.

Der Einmarsch der Amerikaner Am 16. April 1945 überschritten Soldaten der 87. US-Infanteriedivision, Teil der dritten US-Armee unter General Patton, die Grenze des Vogtlandes. Über Schleiz stießen die ersten Verbände vor und erreichten ohne nennenswerten Widerstand Mehlteuer und das Gelände der Messerschmidt-Produktionsstätte bei Syrau. Hier stieß eine MG-Einheit der Wehrmacht kurzzeitig auf Widerstand, der jedoch durch Luftunterstützung gebrochen wurde, wobei die siebenköpfige Besatzung ihr Leben ließ.

Währenddessen erreichte eine andere Einheit über die A72 den Stadtrand von Plauen. Über die Pausaer Straße drangen amerikanische Truppen ins Stadtzentrum vor. Sie trafen auf „sehr geringen Widerstand“. Die Bevölkerung empfing die Amerikaner oft mit weißen Bettlaken, in der Hoffnung, dass die Bombardierungen endlich aufhören würden. Französische Kriegsgefangene feierten ihre Befreiung.

Die Amerikaner stießen trotz der Jalta-Vereinbarungen so weit nach Sachsen vor, weil sie auf geringen Widerstand trafen und daran interessiert waren, technisches Know-how und Fachpersonal zu sichern. So wurden beispielsweise Konstruktionsunterlagen der Vogtländischen Maschinenfabrik mitgenommen.

Auch in Oelsnitz wurden alle drei Brücken kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt, doch dies konnte den Vormarsch nicht aufhalten. Ölsnitz wurde kampflos übergeben. Am späten Nachmittag des 16. April war ein großer Teil des Vogtlandes von der 87. US-Infanteriedivision besetzt.

Ein Ende des Krieges, das nicht vergessen wird Für viele Vogtländer änderte sich an diesem Tag alles. Obwohl das Leben sich langsam normalisierte, konnten viele das Erlebte nicht vergessen. „Das geht einfach nicht das das begleitet einem bis man da auch wirklich endgültig zumacht“, beschreibt ein Zeitzeuge die bleibenden psychologischen Narben. Der Krieg im Vogtland endete mit unvorstellbarer Zerstörung, aber auch mit der Hoffnung auf einen Neuanfang.

Der Hohe Schönberg: Nordwestmecklenburgs Fenster zur Welt

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Nordwestmecklenburg – Wer auf der Suche nach einem unvergesslichen Naturerlebnis und einem atemberaubenden Panoramablick ist, sollte dem Hohen Schönberg einen Besuch abstatten. Dieser markante Aussichtsturm, eingebettet im reizvollen Klützer Winkel, gilt als einer der schönsten Aussichtspunkte in Nordwestmecklenburg und ist ein wahres Wahrzeichen der Region.

Der Turm selbst erhebt sich auf einer beeindruckenden Höhe von rund 90 Metern über dem Meeresspiegel und misst stolze 36 Meter. Schon der Aufstieg über die rund 150 Stufen ist ein Erlebnis für sich, bietet er doch Einblicke in die faszinierende Holz- und Stahlkonstruktion des Turms. Doch die Mühe lohnt sich: Oben angekommen, eröffnet sich ein atemberaubender Rundumblick, der von der Ostseeküste und der Lübecker Bucht bis zur Insel Poel reicht. Bei klarer Sicht ist sogar Mecklenburgs Landeshauptstadt Schwerin am Horizont zu erkennen. Besucher werden mit einem weiten Blick über Wiesen, Felder, Wälder und natürlich das glitzernde Meer belohnt.

Der Hohe Schönberg ist das ganze Jahr über geöffnet. Besonders in den Sommermonaten zieht er zahlreiche Besucher an, die den malerischen Sonnenuntergang über der Ostsee genießen möchten. Doch auch in den kälteren Jahreszeiten hat der Turm seinen ganz eigenen Reiz; dann liegt oft eine besondere Ruhe über der Landschaft, die zu besinnlichen Momenten einlädt.

Ein Ausflug zum Hohen Schönberg lässt sich hervorragend mit weiteren Aktivitäten verbinden. Die malerische Umgebung des Klützer Winkels lädt zu Wanderungen oder Radtouren ein. Wer seinen Tag abrunden möchte, findet in der Nähe weitere Attraktionen wie das geschichtsträchtige Schloss Bothmer oder das beliebte Ostseebad Boltenhagen.

Zusammenfassend ist der Hohe Schönberg weit mehr als nur ein Turm – er ist ein Fenster in die Landschaft und ein unvergessliches Erlebnis für all jene, die Nordwestmecklenburg aus einer neuen Perspektive entdecken möchten.

Die geheimen Geschichten hinter der Fassade der DDR

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Die DDR – einst als „Paradies der Werktätigen“ und Land der „Vollversorgung“ proklamiert, entpuppte sich hinter den Kulissen oft als Diktatur, die ihre Bürger bis heute prägt. Die Propaganda versprach eine bessere Zukunft, doch die Wirklichkeit war geprägt von Mangel, Überwachung und einem Staat, der seine eigenen Geheimnisse vor der Bevölkerung verbarg, während der Wunsch nach Freiheit unaufhaltsam wuchs.

Der allgegenwärtige Schwarzmarkt und die West-Mark In den Propagandafilmen der DDR wurden volle Läden gezeigt, doch in Wahrheit waren sie oft leer. Was offiziell fehlte, blühte im Verborgenen: der Schwarzmarkt. Er war ein offenes Geheimnis, auf dem alles getauscht und verkauft wurde, was Mangelware oder illegal war, wie etwa Hehlerware aus staatlicher Produktion. Der DDR-Führung war der Schwarzmarkt von Anfang an ein Dorn im Auge; normale Bürger, die sich dort Dinge besorgten, die es nicht zu kaufen gab, wurden als Schwarzmarkthändler oder Spekulanten verurteilt und erhielten lange Haftstrafen.

Ein zentraler Bestandteil war die westdeutsche D-Mark. Viele DDR-Bürger mit Verwandten im Westen tauschten ihre Geldgeschenke gewinnbringend um. Während die staatlichen Banken 100 Westmark nur gegen 100 Ostmark tauschten, gab es auf dem Schwarzmarkt oft das Doppelte oder Dreifache.

Frank, ein Industriearbeiter, wurde zufällig zum Devisenhändler und half sogar Ausreisewilligen, ihr komplettes Ostvermögen in Westgeld umzuwandeln, um sich Startkapital für die Reise zu sichern – ein verbotener „Devisenschmuggel“. Neben Westgeld waren auch in Heimarbeit gefertigte Dinge gefragt, insbesondere Mode, da die Kaufhäuser meist nur Einheitsware anboten. Privatverkäufe waren zwar erlaubt, nicht aber als Haupterwerbsquelle, da dies als Steuervergehen galt. Doch selbst Genossen, die in der Partei waren, nutzten den Schwarzmarkt, um an begehrtes Westgeld zu kommen.

Umweltzerstörung im Chemiedreieck: Ein schmutziges Geheimnis Während die Bürger unter Mangel litten, verbarg der SED-Staat weitere düstere Geheimnisse. Der Umweltschutz genoss ab 1968 zwar Verfassungsrang, doch die Durchsetzung war Fehlanzeige. Besonders im Chemiedreieck um Bitterfeld, Leuna und Wolfen wurde die Produktion in den 50er Jahren massiv ausgebaut und ohne Rücksicht auf die Folgen immer höher geschraubt. Die Gegend galt bald als „Chemikalien verseuchte Zone“, was die Arbeiter und ihre Familien jeden Tag zu spüren bekamen.

Der Bauleiter Hans Zimmermann, dessen Sohn lungenkrank durch die Giftschwaden wurde, kämpfte mit Eingaben gegen die Umweltzerstörung – vergeblich. 1988 schmuggelten die Westjournalistin Margit Miosga und ihr Team eine Amateurkamera über die Grenze, um die Zustände in Bitterfeld zu dokumentieren. Sie filmten ungefilterte Abwässer, die in den „Silbersee“ flossen, wo chemische Reaktionen stattfanden und Dämpfe aufstiegen, während daneben Leute Salat ernteten. Eine weitere Entdeckung war die Müllkippe Freiheit 3 mit Millionen Tonnen Giftmüll, die das Grundwasser auf unabsehbare Zeit verschmutzten. Der fertige Film wurde im Westen ausgestrahlt und – trotz Sabotage durch die Stasi – sahen ihn dank Westfernsehen fast alle in Bitterfeld. Die gesundheitlichen Schäden waren bekannt: Die Häufigkeit von Bronchitis und Pseudokrupp war dort fünf- bis achtfach höher als im Landesdurchschnitt, die Lebenserwartung geringer. Nach der Wende wurde die Region mit über 350 Millionen Euro aufwendig saniert.

Das Versagen der Auto-Innovation: Der Trabant und der verschmähte Nachfolger Der Trabant war ein Symbol der DDR, technisch und politisch. Obwohl er ab den 60er Jahren als veraltet galt und eigentlich nur wenige Jahre gebaut werden sollte, blieb er in seiner letzten Standardvariante Modell 601 bis 1991 fast unverändert in Produktion. Ein moderner Nachfolger, das Modell 603, war im Werk Zwickau ab 1966 längst in Arbeit und sogar bereit für die Serienproduktion. Dieses Fahrzeug, ein Dreitürer mit Heckklappe und modernem Motor, war dem VW Golf aus Wolfsburg lange voraus.

Doch die Einführung scheiterte an der Planwirtschaft. Die notwendigen Investitionen von über 7 Milliarden DDR-Mark für neue Fabriken hätten andere Schlüsselindustrien verzögert. Günther Mittag, im Zentralkomitee der SED zuständig für Wirtschaftsfragen, entschied das Aus für die Auto-Innovation. Er vertrat die autoritäre Meinung, dass der Trabant für die Bevölkerung ausreichte, was viele Autofahrer als demütigend empfanden. Ganze Familien zwängten sich bis zur Wende in den kleinen Zweitakter.

Der VW Golf kommt – durch ein Planetarium Als 1974 der VW Golf auf den Markt kam, änderte sich die Meinung der Funktionäre. Sie wollten nun doch einen modernen Kleinwagen – und dieser schaffte es über einen Ost-West-Deal in die DDR, den kaum jemand kannte. Für 10.000 VW Golfs lieferte die DDR Werkzeugmaschinen im Wert von 80 Millionen D-Mark an VW und als „Sahnehäubchen“ das weltweit modernste Planetarium für Wolfsburg. Der Bau erfolgte durch Spezialisten aus der DDR unter der Leitung von Ulrich Müther, dessen Team im Betonschalenbau den westdeutschen Kollegen technisch weit voraus war. Die ersten Züge mit den begehrten Westautos rollten schon vor der Eröffnung des Planetariums 1983 in den Osten. Die Golfs wurden nach Kriterien wie politischer Zuverlässigkeit und Nähe zur Arbeiterklasse verteilt und kosteten mehr als das Dreifache eines Trabants.

Millionäre im Sozialismus: Der Fall Heinz Bohmann Trotz des Sozialismus gab es in der DDR Millionäre. Einer von ihnen war Heinz Bohmann, ein Modeschöpfer aus Erfurt. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er aus den Trümmern die Schneiderei seines Schwiegervaters wieder auf. Anfangs blieb ein bedeutender privater Sektor in der DDR erhalten. Bohmanns Unternehmen wuchs auf bis zu 300 Näherinnen an und entwarf eigene Kollektionen. Er akzeptierte eine staatliche Beteiligung, um weiter expandieren zu können, kaufte eine Villa und wurde zum „roten Dior“ ernannt. Seine Mode wurde auch außerhalb der DDR bekannt, und er produzierte bis zu 140.000 Teile im Jahr, sogar für die Frauen der Staatsführung.

Doch dieser Erfolg passte nicht zu Erich Honeckers Programm der staatlichen Kontrolle über die Produktion. 1972 erhielt Bohmann die Ankündigung zur Verstaatlichung seines Unternehmens. Er leistete keinen Widerstand mehr und trat 1974 vollständig aus. Für die Puristen der reinen Lehre war die Existenz von Millionären im Sozialismus, wo doch alles gleich sein sollte, ein Dorn im Auge.

Staatsdoping: Medaillen um jeden Preis Die Staatsführung suchte Erfolgsmeldungen – besonders im Leistungssport, wo es um „harte Zahlen und Fakten“ und den „Klassenkampf“ ging. Die DDR wollte beweisen, dass sie besser war als der andere deutsche Staat. Ab 1968 übertraf sie die Bundesrepublik bei Olympischen Spielen im Medaillenrang. Es wurde ein systematisches Talentsichtungssystem aufgebaut, bei dem jährlich über 26.000 Kinder eine spezielle Sportförderung erhielten. Von Anfang an betreuten Mediziner die Athleten, und staatliche Dopingprogramme zur Leistungssteigerung wurden aufgelegt – sogar für Kinder.

Ein bekanntes Opfer war Heidi Krieger, Europameisterin im Kugelstoßen 1986. Schon mit 16 wurde sie ohne ihr Wissen mit Anabolika behandelt und fühlte sich zunehmend als Mann im Körper einer Frau. Nach der Wende wurde aus Heidi Andreas Krieger, was er auf das Doping zurückführte.

Die Verantwortung löste sich im Nebel der Geschichte auf; Trainer, Ärzte und Funktionäre schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Nach der Wende stellte sich heraus, dass viele der über 200 olympischen Goldmedaillen durch Doping errungen wurden, mit Schätzungen von 2000 Fällen.

Andreas Krieger sagte als Zeuge vor Gericht aus, und im Jahr 2000 wurden ehemalige Funktionäre wegen Körperverletzung verurteilt. Das Doping im Spitzensport war in der DDR ein Zwangssystem, aus dem es für viele kein Entrinnen gab.

Der Widerstand der Punks: „Sie haben null Ahnung“ Viele Menschen entzogen sich dem Zwang der Partei, indem sie ins Private flüchteten. So entstand Anfang der 80er Jahre auch in der DDR eine Punkszene. Silke Klug, inspiriert von der westdeutschen Bravo, veranstaltete Mitte der 80er Jahre ein illegales Punkkonzert auf ihrem Dachboden, bei dem sogar eine Band aus dem Westen dabei war. Trotz der Gefahr und der Anrufe der Nachbarn bei der Polizei, war der „besondere Kitzel“ des Verbotenen ein Antrieb. Bei der späteren Befragung stellte sie fest: „die haben null Ahnung von das was da lief, weil dafür wä ich gut ein bis zwei Jahre in Knast gegangen“. Ironischerweise bewahrte ihr Vater, der beim Auslandsgeheimdienst arbeitete, sie vermutlich vor Schlimmerem.

Punks wurden von den biederen Genossen als Bedrohung wahrgenommen. Die Stasi sah sie als vom Klassenfeind unterwanderte Gruppe, die „fanatische Verehrung der Westkultur“ zeigte und das System hinterfragte. Repressalien nahmen zu, doch Ende der 80er Jahre lockerte das Regime die Verbote. Ein 1988 produzierter DDR-Film porträtierte sogar Punkbands.

Die Realität vor den Augen der SED-Führung verschleiert Die DDR-Führung verstand ihre eigenen Bürger nicht. Schon beim Aufstand vom 17. Juni 1953 wurde das Versagen des Geheimdienstes deutlich. Danach versuchte die Stasi, durch Stimmungs- und Lageberichte die Volksmeinung besser einzuschätzen. Diese anfänglich authentischen Berichte offenbarten eine wachsende Unzufriedenheit der Bürger mit steigenden Preisen und Mängeln. Sie zeigten sogar, wie unbeliebt Walter Ulbricht war.

Doch statt die Probleme anzugehen, wurden die Berichte zensiert. Die Formulierungen wurden gefälliger, und jede Kritik wurde mit der Floskel „die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter der Politik von Staats und Parteiführung“ eingeleitet. Kritik galt als „feindliche Argumentation“.

Ein geheimer Bericht von 1977 offenbarte die Unzufriedenheit mit Sparmaßnahmen, die sich nur gegen „den kleinen Mann und Rentner“ richteten, und besonders harsche Kritik traf den „Kaffeemix“ – von den Bürgern ironisch „Erichs Krönung“ genannt. Erich Honecker zeigte immer weniger Interesse an der Volksmeinung.

Ein realistischeres Bild lieferte die Bundesregierung, die seit 1968 Westbesucher über die Lage in der DDR befragte. Diese Berichte zeigten, dass eine wachsende Mehrheit der DDR-Gesellschaft dem System kritisch gegenüberstand. Selbst 30% der Bürger hielten die Lebensverhältnisse in den 70er Jahren für schlecht, und zwei Drittel der SED-Mitglieder gaben an, aus Vorteilsgründen oder zur Vermeidung von Schwierigkeiten der Partei beigetreten zu sein. Obwohl die SED-Führung durch einen Maulwurf im gesamtdeutschen Ministerium der Bundesrepublik von diesen Berichten wusste, hatte sie kein Interesse daran, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Diese „Sturheit gegenüber den realen Problemen“ führte letztlich zum Ende der DDR.

Flucht in die Freiheit: Der Babyschmuggler Dietrich Rohbeck Wer die Freiheit suchte, riskierte alles und versuchte, die Mauer zu überwinden, trotz Lebensgefahr und des Schießbefehls. Der Fluchthelfer Dietrich Rohbeck, Jahrgang 1936, floh selbst in den 50ern in den Westen und war von einem starken Freiheitswillen angetrieben. Nach dem Mauerbau entwickelte er eine riskante, aber geniale Methode: Er nutzte seine dänische Ehefrau als Tarnung und reiste über die Ostseefähren ein.

In Warnemünde, wo die Transitvisa für Westberlin an Bord der Fähre ausgestellt wurden, entdeckte er eine Lücke. Er reiste oft mit seiner kleinen Tochter ein. Eines Tages, ohne Kind, beantragte er trotzdem zwei Visa – für sich und seine angeblich im Auto schlafende Tochter. Mit den Worten „Ach, Sie wissen das doch, Sie sind doch bestimmt auch junger Vater, das Mädchen ist gerade eingeschlafen, muss das denn jetzt sein?“, drückte er auf die Tränendrüse und erhielt das Visum. Er holte dann ein Kind von den Großeltern an einem Treffpunkt ab und fuhr mit dem „Schattenmann“ und dem Kind weiter nach Westberlin zu den wartenden Eltern. 16-mal überlistete Rohbeck auf diese Weise die Grenzer.

Die DDR regierte ihre Bürgerinnen und Bürger mit Überwachung und Zwang. Doch die vielen geheimen Geschichten – vom Schwarzmarkt bis zum Staatsdoping, von unterdrückter Innovation bis zum Babyschmuggel – zeigen, dass der Wunsch nach Freiheit und der Widerstand gegen die verschleierte Realität am Ende unaufhaltsam waren.

Wie die SED ihre Macht in der DDR missbrauchte

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Hinter verschlossenen Türen und vor den Augen des Volkes entfaltete sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein System des Machtmissbrauchs, der Kontrolle und der Privilegien, das das offizielle Bild einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen Lügen strafte. Von internen Intrigen über geheime Hinrichtungen bis hin zu systematischer Überwachung und brutalen Jugendstrafen – die Verbrechen der SED-Führung und ihrer Handlanger wirken bis heute nach und prägten ein verschwundenes Land.

Der Griff nach der Macht: Ulbrichts Sturz und Honeckers Aufstieg
Die politische Elite der DDR, insbesondere das Politbüro der SED, war die eigentliche Machtzentrale, in der 15 bis 20 ältere Männer die Staatsgeschäfte unter sich ausmachten. Ende der 1960er Jahre, als Staatschef Walter Ulbricht mit 75 Jahren noch Reformen vorantreiben wollte, geriet er ins Visier seiner Genossen. Seine Alleingänge, besonders in der Deutschlandpolitik und bei Wirtschaftsreformen, missfielen nicht nur Moskau, sondern auch vielen Politbüromitgliedern. Die sowjetische Führung unter Leonid Breschnjew, die Ulbrichts Annäherung an die Bundesrepublik skeptisch sah, gab schließlich grünes Licht für seine Absetzung.

Am 2. Mai 1971 nutzte Erich Honecker, ein als moskautreu bekannter Genosse, diese Gelegenheit. In einem inszenierten Putsch nötigte er Ulbricht zum Rücktritt und riss die Macht an sich. „Ohne die Russen war das nicht möglich“, heißt es in den Quellen. Honecker führte das Land fast 20 Jahre lang, bis auch er 1989 dem Druck der anhaltenden Proteste und einer internen Intrige zum Opfer fiel.

Honeckers Geheimnisse und Wandlitz: Die Doppelmoral der Elite
Erich Mielke, der undurchsichtige Stasi-Chef, spielte bei Honeckers Rücktritt eine entscheidende Rolle. Er drohte damit, belastendes Material über Honecker offenzulegen, das er in einem „roten Koffer“ in seinem Safe aufbewahrte. Dieses Material enthielt unter anderem Verhörprotokolle der Gestapo aus den 1930er Jahren, die belegten, dass Honecker als Kommunist in Haft nicht nur unvorsichtige Aussagen gemacht, sondern auch seine Widerstandsgruppe und eine tschechische Kundschafterin in Gefahr gebracht hatte. Ein solches Vorgehen galt für einen Kommunisten als „Todsünde“ und hätte seinem sorgsam gepflegten Image als Widerstandskämpfer massiv geschadet. Der Koffer enthielt auch Briefe von Honeckers erster Ehefrau, Edith Baumann, über seine Affäre mit Margot Feist, was den sozialistischen Moralvorstellungen widersprach. Mielkes Handeln war wohl Teil einer „Absicherungsstrategie“ innerhalb der Ostberliner Führungselite, in der einer über den anderen wachte.

Diese Führungselite lebte selbst eine frappierende Doppelmoral: In der Waldsiedlung Wandlitz, einem auf keiner offiziellen Karte verzeichneten Ort, genossen die Politbüromitglieder ab 1960 ein geheimes Luxusleben. Während die meisten DDR-Bürger jahrelang für Waren anstanden und auf eine Wohnung warten mussten, leistete sich die Parteiführung Westwaschmaschinen, Dienstpersonal, einen Tennisclub, eine Schwimmhalle und ein Geschäft mit Westweinen und Südfrüchten. Dies verletzte den Anspruch eines Staates der Gleichheit. Im Herbst 1989 wurde Wandlitz zum Symbol für die Entfremdung der Machtelite vom Volk und trug als „Sargnagel für die DDR“ maßgeblich zur Eskalation der Wut bei.

Die Brutalität der Staatsmacht: Todesstrafe, Entführungen und Jugendwerkhöfe
Die Schattenseiten des Regimes waren jedoch weitaus düsterer. Erst 1987 wurde die Todesstrafe in der DDR offiziell abgeschafft, doch die meisten Bürger wussten gar nicht, dass sie überhaupt noch existierte. Bis 1981 wurden über 160 Todesurteile vollstreckt, nicht nur wegen NS-Verbrechen und Mord, sondern auch in politischen Fällen, insbesondere gegen Überläufer aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Hinrichtungen, zuerst mit dem Fallbeil, dann mit der Pistole, wurden geheim gehalten; auf den Todesscheinen stand oft „Herz- oder Kreislaufversagen“, um Nachfragen zu vermeiden.

Ein besonders tragischer Fall war das Ehepaar Susanne und Bruno Krüger, Stasi-Mitarbeiter und überzeugte DDR-Bürger, die 1953 wegen Amtsmissbrauchs und Korruption in Ungnade fielen und nach West-Berlin flohen. Aus Angst vor der Preisgabe ihres Wissens setzte die Stasi 20 Agenten und 16 inoffizielle Mitarbeiter auf sie an. Bruno Krüger wurde betäubt, in einen Teppich gerollt und entführt; auch seine Frau und sein Sohn wurden später in die DDR verschleppt. Nach nur einem Verhandlungstag wurden sie 1955 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre Bestrafung diente als gnadenlose Vergeltung, um anderen MfS-Mitarbeitern eine Warnung zu sein: „Wenn sich jemand wie ein Verräter verhält, trifft ihn eine gnadenlose Vergeltung“.

Auch vermeintlich rebellische Jugendliche gerieten in die Fänge des Systems. In den sogenannten Jugendwerkhöfen waren zu DDR-Zeiten rund 4000 Jugendliche untergebracht. Besonders berüchtigt war der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau, der härteste von allen. Dort wurden Jugendliche „gebrochen“ durch ein Regime aus Zwang, Drill und körperlicher Ertüchtigung bis zur Erschöpfung, einschließlich des „Torgauer Dreiers“ (Liegestütze, Strecksprünge, Kniebeugen) und 20 km Dauerlauf. Wer nicht gehorchte, dem drohten Essensentzug, Schläge und Dunkelkammerarrest.

Der Werkhofleiter Horst Kretschmer war für seine Brutalität bekannt und missbrauchte zudem systematisch junge Mädchen, darunter die 17-jährige Corina Talheim. Viele Betroffene schwiegen aus Angst und Scham über Jahrzehnte hinweg.

Der Arm der Stasi: Überwachung und Fluchtversuche
Die Stasi baute auf ein weitreichendes System der Denunziation. 70 Prozent der Anzeigen, durch die Menschen angeschwärzt wurden, stammten von inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) – 1989 waren das 180.000 Menschen. Aber auch anonyme Anrufer und Nachbarn denunzierten Republikflucht, Zoll- und Wirtschaftsvergehen. Dies hatte für die Betroffenen oft weitreichende Folgen, bis hin zu Gefängnisstrafen.

An der innerdeutschen Grenze setzte die Stasi sogar geheime Technologie ein. Ab 1972 wurden an allen 17 Grenzübergängen Gammastrahler eingesetzt, um Autos, die in den Westen fuhren, zu durchleuchten und Flüchtlinge in Hohlräumen zu entdecken. Die Stasi wusste um die Gefährlichkeit dieser radioaktiven Strahlen; Experimente mit Hunden zeigten, dass die Tiere erkrankten und eingeschläfert werden mussten.

Trotz dieser Gefahren und der Absicherung der Grenze mit Minenfeldern, Selbstschussanlagen und dem Schießbefehl, bei dem bis 1989 über 1000 Menschen starben, versuchten Tausende die Flucht. Roland Schreier, ein ehemaliger Zivilangestellter der Grenztruppen, nutzte sein Wissen über die Sicherheitsvorkehrungen, um 1988 in den Westen zu fliehen und seine Familie später durch einen Abwasserkanal nachzuholen. „Man ist wahrscheinlich so voller Adrenalin und voller Anspannung“, erinnerte er sich an seine lebensgefährliche Aktion.

Das Ende einer Diktatur: Der Herbst ’89
Die Enthüllungen über Machtmissbrauch und Privilegien, die brutalen Machenschaften der Stasi und die zunehmende Entfremdung der Führung vom Volk schaukelten die Wut in der Bevölkerung immer weiter hoch. Im revolutionären Herbst 1989 eskalierten die Proteste. Die Stasi griff in Berlin und anderen Städten hart durch, die Gefängnisse füllten sich, doch die Menschen ließen sich nicht mehr einschüchtern.

In Leipzig stand die DDR am 9. Oktober 1989 kurz vor einem Blutbad, ähnlich der „chinesischen Lösung“ vom Tian’anmen-Platz. Es gab bereits den Befehl, die Demonstration mit Gewalt aufzulösen, Militärtechnik wurde aufgefahren, und Gerüchte über bereitgehaltene Blutkonserven und Bestattungsunternehmer kursierten. Doch der Kapellmeister Kurt Masur überzeugte Leipziger SED-Funktionäre, die Demonstration nicht zu verhindern, und rief zu friedlichem Protest auf. Eine Woche später konnte der stellvertretende Verteidigungsminister Fritz Strz Erich Honecker davon überzeugen, Panzer in den Kasernen zu lassen, was ein Massaker verhinderte.

Die Macht des Regimes bröckelte, die Loyalität schwand, und das System funktionierte nicht mehr. Nur drei Wochen später, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Die DDR, ihre Staatsmacht und ihre Geheimnisse verschwanden – doch die Aufarbeitung der Missbräuche, die das Land prägten, beschäftigt bis heute.

Die Schattenkämpfer der Ostsee: Das geheimnisvolle Erbe der DDR-Kampfschwimmer

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Kühlungsborn, Ostseeküste. Sie agierten im Verborgenen, ihre Einsätze und Methoden blieben im Dunkel des Geheimen. Unbemerkt griffen sie an, zerstörten mit Zeitzünderminen feindliche Schiffe, setzten Radaranlagen außer Gefecht und sprengten Raketenstellungen in die Luft. Die Rede ist von Kampfschwimmern – einer Eliteeinheit, wie sie auch in NATO-Armeen, Israel oder Russland existierten. Auch die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR verfügte über ein solches Spezialkommando. Eine 100 Mann starke Truppe, die bereit war, weit ins Hinterland des Feindes vorzudringen, dort als Einzelkämpfer zu operieren, Truppenbewegungen zu beobachten, Geheimdokumente zu entwenden oder feindliche Zielpersonen zu liquidieren oder gefangen zu nehmen.

Ein verborgenes Zuhause an der Küste
Der einstige Stationierungsort dieser Elitekämpfer der Volksmarine lag seit Anfang der 1960er Jahre unweit von Rostock, versteckt zwischen Strand und Düne in Kühlungsborn. Heute sind alle Spuren des einst geheimen Militärobjekts verwittert, die Reste der Kaserne zeugen von einer vergangenen Ära. Karlheinz Müller, ehemaliger Offizier der Volksmarine und verantwortlich für die Gefechtsausbildung der Kampfschwimmer in Tarnung, Topographie und Taktik, erinnert sich an die Zeit. Er selbst kam 1963 als Funker zu den Kampfschwimmern, angezogen von der Vorstellung des Fallschirmspringens und Tauchens, Vorerfahrungen im Wintersport und als Schwimmer machten ihm den Einstieg leicht.

Harte Ausbildung für extreme Einsätze
Die Auswahl der freiwilligen Kandidaten war rigoros: politische Zuverlässigkeit, keine westliche Verwandtschaft, körperliche Fitness und extreme Belastbarkeit waren oberste Voraussetzungen. In speziellen Ausbildungsräumen wurde das Tauchen trainiert, Atemübungen mit Kreislauftauchgeräten unter Aufsicht eines Arztes durchgeführt. Auch der Einsatz mit Fallschirm im Hinterland des Feindes wurde intensiv geübt, obwohl die Einheit kein Fallschirmjäger-Bataillon war. Sie wurden auf Nachtsprünge ins Wasser und auf Land vorbereitet, mit und ohne Waffe und Ausrüstung. Nahkampftraining, der Umgang mit Unterwasserminen und Sprengstoffen gehörten ebenso zum Programm wie verdeckte Kommandounternehmen und Landungen an feindlichen Küsten.

Die Härte der Ausbildung zeigte sich auch in den Winterlagern, die über Wochen im Januar und Februar stattfanden. Im erzgebirgischen Bärenstein, unweit des Fichtelbergs, mussten sich die Kampfschwimmer nach einem Fallschirmabsprung im Gebirge ihren Weg bahnen. Das bedeutete im Freien übernachten, Nahrung suchen, Ziele ausspähen und verschlüsselte Funksprüche absetzen – alles bei eisiger Kälte, Frost und Schnee.

Technologische Herausforderungen und clevere Lösungen
Ein besonderes Merkmal der Kampfschwimmer war ihr spezielles Kreislauftauchgerät, das nicht mit normaler Druckluft, sondern zusätzlich mit Sauerstoff betrieben wurde, wodurch die eigene Atemluft regeneriert wurde. Dies ermöglichte es, ohne Blasenspur kilometerweit unentdeckt an Objekte heranzukommen und sogar Sprünge aus Hubschraubern aus 10-12 Metern Höhe direkt ins Wasser zu absolvieren, ohne sofort aufzutauchen.
Im Bereich der Sprengausbildung war Wolfram Wecke der Spezialist. Er demonstrierte die verheerende Wirkung von Sprengstoffen, etwa mit Schweinepfoten, um die Gefahr bei unvorsichtigem Umgang zu verdeutlichen. Von 70-Gramm-Bohrpatronen bis hin zu Plastiksprengstoff und Splitterminen reichte das Arsenal.

Doch die Beschaffung von Spezialtechnik war eine ständige Herausforderung. In den 60er und 70er Jahren mangelte es oft an funktionierenden Zeitzündern, und sowjetische „Waffenbrüder“ boten hier keinerlei Unterstützung. Vieles musste in der hauseigenen Werkstatt selbst entwickelt und gebaut werden, darunter Transportbeutel für Waffen, Kampfmesser und Unterwassertransportschlitten. Neoprenanzüge wurden sogar aus Schweden importiert, da die Schweden offenbar an der Herkunft des Geldes und der richtigen Währung interessiert waren, nicht am Abnehmer. Ein großes Problem war die knappe Valuta (Devisen), die für Importe aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet erforderlich war.

Eine besondere Innovation stellte ein Unterwasser-Orientierungsgerät dar. Nachdem die Kampfschwimmer bei Orientierungstauchmeisterschaften 1979 gegen den privaten Ingenieur Klaus Storch verloren hatten, wurde dieser von einem hohen Marineoffizier beauftragt, ein solches Gerät für die Einheit zu entwickeln. Storch baute ein hochmodernes und einzigartiges System, wurde jedoch später nicht als Erfinder anerkannt, und die Geräte wurden angeblich in großen Stückzahlen in die Sowjetunion exportiert.

Von Bergungsmissionen bis zur letzten Parade
Obwohl die Kampfschwimmer auf verdeckte Kommandounternehmen trainiert wurden, gab es zu keiner Zeit heimliche Landungen an der westdeutschen Küste oder Aufklärungseinsätze im Hinterland. Ihre tatsächlichen Einsätze waren oft anderer Natur.

Im August 1968, kurz nach dem Einmarsch der Sowjets in die CSSR, kam es zu einer angespannten Situation vor der Küste der Bundesrepublik und Dänemarks. Eine Bundeswehrfregatte entzog sich im dichten Nebel der Beobachtung der NVA-Vorposten. Bei der Suche nach dem vermissten Schiff kollidierte ein Torpedoschnellboot der DDR mit einem schwedischen Frachtschiff. Sieben Matrosen ertranken, das Schiff war total zerstört. Die Kampfschwimmer wurden eingesetzt und konnten nach fünftägiger Suche das Wrack finden, was ihren Einsatz bei solchen Vorfällen festlegte.

Im April 1970 bargen sie im Verborgenen einen mit Sprengkopf versehenen Flugkörper, der bei einer Seeübung versehentlich gestartet und nahe der dänischen Hoheitsgewässer ins Meer gestürzt war.

In den 1980er Jahren wandelte sich das Bild der ehemals geheimen Truppe. Sie wurde zu einer Vorzeigeeinheit. Militärübungen, Paraden und Vorführungen mit den Elitesoldaten waren bei der Parteiführung äußerst beliebt. Am 7. Oktober, dem Tag der Republik, lieferten die Kampfschwimmer in Rostock das „artistische Glanzstück“ bei der festlichen Flottenparade, inklusive Freisprung aus Hubschraubern ins Wasser und Antreten vor Vizeadmiral Hoffmann. Es war ihre letzte Parade, denn nur einen Monat später sollte die DDR Geschichte sein.

Das ungewöhnliche Ende eines Spezialkommandos
Der letzte ungewöhnliche Einsatz der Kampfschwimmer fand am 2. Dezember 1989 in Kavelstorf statt. Mitglieder der DDR-Bürgerbewegung erzwangen die Öffnung eines geheimen Waffenexportlagers des Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski. Stasi-Wachleute flüchteten vor den aufgebrachten Bürgern, und die Kampfschwimmer sicherten die nun herrenlose Halle voller moderner Bewaffnung und Munition.

Die Situation eskalierte jedoch, als Kampfschwimmer unter Verdacht gerieten, mit der Stasi unter einer Decke zu stecken. Dies lag daran, dass Bewacher eines anderen Stasi-Geländes in der Nähe Marineuniformen zur Tarnung trugen. Der Kommandeur musste mit Engelszungen auf die aufgebrachten Bürger einreden, um eine gewaltsame Auseinandersetzung zu verhindern.

Schließlich wurden die Waffen abtransportiert, und die Kampfschwimmer kehrten nach Kühlungsborn zurück. Doch mit dem Ende der DDR kam auch das Aus für die Volksmarine und damit für die Kampfschwimmer. Es gab keine Versuche, sie in ähnliche Einheiten der Bundesmarine zu integrieren. Einige fanden neue Aufgaben als Taucher bei der Polizei oder in Sicherheitsdiensten, andere wechselten in zivile Berufe.

Erinnerungen bleiben, Spuren verwehen
Das einstmals geheime Militärobjekt in Kühlungsborn stand jahrelang leer und verfiel. Im Winter 2009 begann der Abriss, Baugrundstücke sollten entstehen, und so wuchs langsam Gras über die Geschichte des Kampfschwimmerkommandos der DDR-Volksmarine.

Für jene, die hier rund um die Uhr einsatzbereit waren, ist es ein Teil ihres Lebens geblieben. Die Erinnerungen an die harte Zeit, die Kameradschaft und die extremen Erfahrungen verblassen nicht, auch wenn die physischen Spuren längst verwischt sind.

Die Diensteinheit 9 – Das geheime Antiterrorensemble der DDR

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Während in der Bundesrepublik Deutschland nach den tragischen Ereignissen der Olympischen Spiele 1972 in München das Spezialeinsatzkommando GSG 9 ins Leben gerufen wurde, entstand auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in aller Stille eine eigene, streng geheime Antiterroreinheit: die Diensteinheit 9 der Deutschen Volkspolizei. Ein Kommando, das für die Öffentlichkeit unsichtbar blieb und dessen Existenz selbst unter Polizeikollegen kaum bekannt war.

Die Geburt einer verdeckten Einheit
Die Initialzündung für die Gründung der Diensteinheit 9 lieferte ebenfalls das Attentat von München im September 1972. Die unzureichende Vorbereitung der Polizei auf Terrorismus und das Scheitern eines Befreiungsversuchs auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck, bei dem alle Geiseln ums Leben kamen, führten in der DDR zu Bestürzung und dem Entschluss, aktiv zu werden. Bereits 1973, anlässlich der Weltfestspiele in Berlin, stand unter der Leitung von Erich Fabian eine provisorische Spezialeinheit mit 30 jungen Polizisten bereit, die ein anderthalbmonatiges Antiterrortraining absolviert hatte. Aus dieser Initiative heraus entstand 1974 durch einen Gründungsbefehl das Kommando, das später den Namen „Diensteinheit 9“ erhielt.

Die Einheit wurde von einer Berliner Zentrale aus geführt und unterhielt schließlich Einsatztrupps in den meisten Bezirken der DDR. Ihre Mitglieder wurden nicht durch Bewerbung ausgewählt, sondern „gefunden“ – sportbegeisterte Polizisten, die ohne Zweifel am Sozialismus und ohne Verwandtschaft im Westen galten. Detlef Prusak, ein früherer Sportler, wurde Anfang der 80er-Jahre rekrutiert, ohne zunächst genau zu wissen, wohin die Reise gehen würde, außer dass viel Sport und Ausbildung auf ihn warteten.

Harte Ausbildung und spezielle Ausrüstung
Die Ausbildung der Diensteinheit 9 war intensiv und fand in schwer bewachten Camps wie dem zentralen Truppenübungsplatz des Innenministeriums bei Belzig und in der Nähe des Dörfchens Verloren Wasser statt. Hier wurden Unterkünfte, Schulungsräume und sogar eine eigens entwickelte Sturmbahn genutzt, die heute kaum noch erkennbar ist. Für das Häuserkampftraining existierte sogar eine „Geisterstadt“, die auf keiner Landkarte verzeichnet war. Das Team half sich gegenseitig beim schnellen Anlegen der Ausrüstung, um umgehend einsatzbereit zu sein.

Angesichts fehlender Fachausstatter wurden Spezialgeräte erfunden und eigene Lehrmittel entwickelt. Die Grundausstattung und Nahkampftechniken orientierten sich lange an den Fallschirmjägern der Nationalen Volksarmee, und sogar Lehrfilme russischer Eliteeinheiten wurden herangezogen. Die Zentrale in Pankow beschaffte immer ausgefeiltere Ausrüstungsgegenstände. Zuletzt war es Schalk Golotkowski, der unter Umgehung des Embargos modernste westliche Waffen für die Einheit besorgte. Doch auch osteuropäische Fabrikate wurden modifiziert, etwa mit einem selbst entwickelten Schalldämpfer und einer Optik, die präzise Schüsse auf 100 Meter ermöglichte. Eine der Standardwaffen war ein rumänischer Dragunov-Lizenzbau, der für seine Präzision bekannt war und auf 100 Meter „Bleistifte wegputzen“ konnte. Ein Nachteil aus polizeilicher Sicht war jedoch seine sehr starke Durchschlagskraft, die sogar das Durchtrennen einer Eisenbahnschiene ermöglichte.

Einsätze im Schatten der Geheimhaltung
Die Einsätze der Diensteinheit 9 waren vielfältig, aber stets diskret. Der häufigste Einsatzgrund war die Suche nach desertierten sowjetischen Soldaten, die mit ihren Waffen geflohen waren. Detlef Prusak erinnert sich an einen gefährlichen Einsatz in Brandenburg, bei dem ein russischer Soldat gesichtet wurde. Als der Soldat im Keller seine Waffe hob, traf Kommandoführer Fabian blitzschnell die Entscheidung, zwei Warnschüsse in Decke und Boden abzugeben, woraufhin der Soldat aufgab und überwältigt wurde. Der Einschuss im Fußboden ist heute noch zu sehen. Solche Situationen waren von einem Automatismus geprägt; man hatte keine Zeit zum Nachdenken, nur der Auftrag zählte. Angst kam meist erst nach dem Einsatz auf, behinderte aber nie die Durchführung. Der Soldat wurde an die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft übergeben, eine Verhaftung durch die deutsche Polizei gab ihm im Gegensatz zur direkten Konfrontation mit dem eigenen Militär die Chance auf ein Gerichtsverfahren.

Auch bei der Leipziger Messe, einem Aushängeschild der DDR, war die Diensteinheit 9 zweimal jährlich in erhöhter Einsatzbereitschaft, um Terroranschlägen vorzubeugen, die nie eintraten. Das Kommando kam auch bei schwerer Kriminalität zum Einsatz, wie im Fall des „Maske“-Täters im Bezirk Potsdam 1981, der Frauen überfiel. Die Einheit setzte zwei als Frauen verkleidete Kollegen ein, um den Täter zu überführen – eine aufwendige Undercover-Operation.

Trotz ihrer politischen Zuverlässigkeit stand die Einheit stets unter strengster Beobachtung durch die Staatssicherheit. Mitglieder bemerkten Observierungen, nahmen diese aber gelassen hin, wie Detlef Prusak berichtet: „Ich hab mein Leben gelebt, bin beim Fußballspielen gegangen und das war es für mich. Das hat mich auch nicht interessiert.“. Erich Fabian sprach offen mit seinen Mitarbeitern über die Notwendigkeit von Berichten über Einsätze und Personalfragen, die auch an die Staatssicherheit gingen.

Ethik und das Ende der DDR
Die Polizisten der Diensteinheit 9 machten sich während ihrer Einsätze viele Gedanken über das „Handwerkliche“, die „rechtliche Würdigung“ und die „guten Händen“ ihrer dienstlichen Vorgesetzten. Der § 17 regelte die Anwendung der Dienstwaffe, aber der gezielte tödliche Schuss wurde nicht explizit erwähnt – eine Ermessensfrage. Eine psychologische Betreuung nach belastenden Einsätzen war damals „sehr weit weg“ und spielte in ihrer Betrachtungsweise keine Rolle. In der Potsdamer Diensteinheit 9 wurde nie ein tödlicher Schuss abgegeben.

Mit der Wende im Herbst 1989 begann für die Diensteinheit 9 eine aufreibende Zeit. Die Zukunft des Kommandos war ungewiss, gleichzeitig stieg die Gewaltkriminalität enorm an, und die Einsätze nahmen rapide zu. In dieser Zeit versuchte man, die Einheit auch bei Demonstrationen in Potsdam einzusetzen. Doch Kommandoführer Erich Fabian zeigte Mut und weigerte sich, seine Leute für solche Einsätze einzuschicken, sondern ließ sie in der Dienststelle.

Nach dem Ende der DDR wurde die Diensteinheit 9 einer umfassenden Überprüfung durch die GOG-Behörde und Polizeiführung unterzogen. Dem Kommando wurde bestätigt, dass es sich zu DDR-Zeiten keiner Bürgerrechtsverletzungen schuldig gemacht hatte. Viele der Polizisten wurden daraufhin übernommen und bildeten den personellen Grundstock für das neue Spezialeinsatzkommando des Landes Brandenburg. Erich Fabian musste die Einheit verlassen, da seine dienstlichen Berichte an die Staatssicherheit als zu große „Staatsnähe“ betrachtet wurden. Er sah die Notwendigkeit, den Dienst zu kritisieren, und war später am Aufbau des neuen Polizeipräsidiums Potsdam beteiligt.

Der Übergang war schnell und arbeitsintensiv, mit vielen Großeinsätzen und der Zusammenarbeit mit anderen Polizeikräften. Die Diensteinheit 9 ist heute Geschichte, doch ihr Vermächtnis lebt im brandenburgischen SEK weiter, das, je nach Betrachtungsweise, entweder 13 oder 30 Jahre Bestehen feiert – eine Anspielung auf die ununterbrochene Tradition der Spezialkräfte in Brandenburg.